Thomas FasbenderVon

Glaubt man deutschen Medienberichten, so wünschen sich mehr und mehr Russen, ihr Land zu verlassen und auszuwandern. Stichwort: Nase voll. Glaubt man den Meinungsforschern des russischen WZIOM-Instituts, so wollen heute weniger Russen ihrer Heimat dauerhaft den Rücken kehren als je zuvor seit Ende des Kommunismus.

Die Umfrage wird alljährlich seit 1991 durchgeführt. Damals planten noch 16 Prozent aller Russen über 18 Jahre, ins Ausland zu übersiedeln. Zwischenzeitlich sank dieser Anteil auf 11 Prozent, stieg 2015 wieder auf 13 Prozent und hat heute 10 Prozent erreicht. Mit 89 Prozent liegt der Anteil derjenigen, die definitiv in Russland bleiben wollen, höher als je zuvor seit 1991. Nur ein Prozent der 1.800 repräsentativ Befragten hat die Antwort verweigert.

Von den Ausreisewilligen sind 41 Prozent jünger als 35, gut ein Fünftel stammt aus Moskau oder St. Petersburg. Was auch zutrifft: Der Anteil derjenigen wächst, die ihren Traum auch konkret realisieren. 17 Prozent der Ausreisewilligen planen dies in den kommenden zwei Jahren. Das entspricht 1,7 Prozent der Bevölkerung – für Russland kein Aderlass, aber angesichts der Konzentration beim Nachwuchs der hauptstädtischen Eliten eine bedenklich hohe Zahl.

Auch die Motive unterliegen dem Wandel. Nur noch knapp die Hälfte der Ausreisewilligen lockt die Aussicht auf mehr Wohlstand und bessere soziale Absicherung. 13 Prozent der Ausreisewilligen geben politische Motive an (bis 2014 waren das null Prozent, in den beiden Vorjahren jeweils 5-6 Prozent). Beliebtestes Ziel der Ausreiselustigen ist nach wie vor Deutschland (13 Prozent) vor den USA und Australien.

Die sich hier abbildende innergesellschaftliche Konfrontation gehört mit zu den Konsequenzen der Globalisierung. In Westeuropa sind die Vertreter liberaler bis ultraliberaler Positionen in der Übermacht, in Russland und den eurasischen Gesellschaften, auch den asiatischen, die Skeptiker und Gegner. Der Widerspruch bestimmt die innenpolitische Entwicklung in den USA ebenso wie die weltanschauliche Konfrontation mit Russland und China. Auch das Schwächeln des politischen Europas steht in diesem Zusammenhang. Außen- und innenpolitisch wird die Auseinandersetzung pro und contra Liberalismus/Individualismus zum prägenden Antagonismus des Jahrhunderts – in Europa so sehr wie in Russland und auf der ganzen Welt.

Thomas Fasbender
Über den Autor

ist freier Journalist und Publizist in Berlin. Von 1992 bis 2015 hat er in Moskau gelebt. 2014 erschien sein Buch „Freiheit statt Demokratie. Russlands Weg und die Illusionen des Westens“ im Manuscriptum Verlag.