Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

Nur 0,8 Prozent Wachstum im ersten Quartal

Die russische Regierung rechnet in diesem Jahr mit einem Rückgang des Wirtschaftswachstums auf 1,3 Prozent. Wie sehen die veröffentlichten Daten für Produktion, Inflation und Beschäftigung im ersten Quartal aus?

Gleich nachdem die russische Statistikbehörde Rosstat am letzten Donnerstag die wichtigsten Daten zur Wirtschaftslage in Russland für März veröffentlicht hatte, gab das russische Wirtschaftsministerium eine Schätzung zum Wachstum des Bruttoinlandsprodukts ab. In seinem monatlichen Bericht zur Entwicklung von Produktion, Einkommen und Arbeitsmarkt geht das Ministerium davon aus, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion im März 0,6 Prozent höher war als im März 2018. Das Wachstum im gesamten ersten Quartal veranschlagt es auf 0,8 Prozent (dunkelblauer Punkt in der folgenden Abbildung aus dem Bericht des Wirtschaftsministeriums). Im vierten Quartal 2018 hatte sich der Anstieg noch auf 2,7 Prozent beschleunigt. Im Jahresdurchschnitt wuchs die Wirtschaft so im letzten Jahr um 2,3 Prozent.

Wachstum des Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent
monatliche und vierteljährliche Entwicklung

Hellblaue Linie: BIP-Wachstum gegenüber dem Vorjahresmonat;
Schätzung des Wirtschaftsministeriums
Dunkelblaue Punkte: Rosstat BIP-Berechnungen 2015 bis 2018
und Schätzung des Wirtschaftsministeriums für das 1. Quartal 2019
Quelle: Wirtschaftsministerium: Bild der Wirtschaftsaktivität; 18.04.2019

Angesichts der Erhöhung der Mehrwertsteuer Anfang 2019 und der davon ausgelösten Beschleunigung der Preissteigerung war mit einer Abschwächung des Wachstums gerechnet worden. Das Ministerium meint sogar, der Anstieg um 0,8 Prozent sei etwas stärker gewesen als erwartet.

Getragen wurde das Wachstum nach Schätzung des Ministeriums hauptsächlich vom Anstieg der Industrieproduktion. Sie wuchs im ersten Quartal gegenüber dem Vorjahresquartal um 2,1 Prozent und trug 0,6 Prozentpunkte zum Wachstum des Bruttoinlandsprodukts bei. Gedämpft wurde es erwartungsgemäß am meisten, nämlich um 0,5 Prozentpunkte, vom Bereich „Handel“, der den Groß- und Einzelhandel und das Kraftfahrzeuggewerbe umfasst.

Beiträge der Wirtschaftsbereiche zum Wachstum des Bruttoinlandsprodukts
in Prozentpunkten

Quelle: Wirtschaftsministerium: Bild der Wirtschaftsaktivität, 18.04.2019

Arbeitslosenquote trotz Wachstumsschwäche auf Rekordtief

Die Zahl der Beschäftigten verringerte sich mit dem schwachen Wachstum der Wirtschaft im ersten Quartal zwar um 0,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal. Bei einem Rückgang der Zahl der Arbeitslosen um 6 Prozent sank die Arbeitslosenquote dennoch gleichzeitig auf einen historischen Tiefstand (saisonbereinigt 4,6 Prozent).

Preisauftrieb dämpfte Reallohnanstieg und Einzelhandelsumsatz

Laut der Rosstat-Statistik zur sozio-ökonomischen Lage der Wirtschaft verlangsamte sich das Wachstum des realen Umsatzes im Einzelhandel von 2,8 Prozent im vierten Quartal 2019 auf 1,8 Prozent im ersten Quartal 2019. Hintergrund dafür war die Beschleunigung des Anstiegs der Verbraucherpreise. Sie waren im ersten Quartal 5,2 Prozent höher als vor einem Jahr. Der Inflationsanstieg dämpfte das Wachstum der Reallöhne. Sie stiegen im ersten Quartal nur noch um 0,4 Prozent (4. Quartal 2018/4. Quartal 2017: + 4,1 Prozent).

Die real verfügbaren Einkommen waren im ersten Quartal sogar 2,3 Prozent niedriger als vor einem Jahr. Der reale Einzelhandelsumsatz und damit der private Verbrauch werden durch eine sinkende Sparneigung gestützt. Die Aufnahme von Konsumentenkrediten ist gegenüber dem Vorjahr um 24 Prozent gestiegen, während der Anstieg der Spareinlagen (+ 6 Prozent) seit 4 Jahren nicht mehr so niedrig war. Darauf weist Dmitry Dolgin hin.

ING zu Perspektiven der Geld- und Finanzpolitik

Der ING Chefvolkswirt für Russland erwartet, dass die russische Wirtschaft in diesem Jahr nur um rund 1 Prozent wachsen wird. Er ist damit skeptischer als die Regierung (+ 1,3 Prozent) und die Mehrheit der Analysten (FocusEconomics Consensus Forecast und Reuters-Umfrage: + 1,4 Prozent).

Dolgin glaubt aber trotzdem nicht, dass die Zentralbank ihren Leitzins am Freitag senken wird, um die Konjunktur anzuregen. Er erwartet eher, dass die Forderungen nach einer Lockerung des finanzpolitischen Sparkurses der Regierung angesichts des Haushaltsüberschusses lauter werden. Falls die Regierung den Anstieg der Benzinpreise über den ersten Juli hinaus durch staatliche Regulierungen bremst, hält er es allerdings für möglich, dass der Leitzins schon vor dem vierten Quartal 2019 gesenkt wird.

Fotoquelle

Titelbild: DedMityay / Shutterstock.com

Quellen und Lesetipps

Konjunktur im März 2019:

Industrieproduktion im März 2019:

Preisentwicklung im März 2019:

Periodisch, meist monatlich oder vierteljährlich erscheinende Konjunkturberichte:

Kalender für Veröffentlichung neuer russischer Konjunkturdaten: 

Wirtschaftsministerium: Mittelfristige Prognose bis 2024 vom 09.04. mit Presseberichten

Russlands Außenwirtschaft: Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen; Sanktionen:

Russlands Außenwirtschaft: Zahlungsbilanz; Direktinvestitionen in Russland

Sonstiges zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik:

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.