Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

Ein Blick auf die Branchen der Wirtschaft in Russland

Wie sich die Verwendung des Bruttoinlandsprodukts für Konsum und Investitionen seit der Rezession 2015 laut den neuen Rosstat-Zahlen entwickelt hat, berichtete Ostexperte.de bereits in einem Beitrag vor einer Woche. Im folgenden Bericht geht es um die Herstellungsseite. Wie stark ist die Produktion wichtiger Wirtschaftsbereiche nach der Rezession gestiegen? Wird das vor der Rezession erreichte Produktionsniveau jetzt überall überschritten? Welche Branchen waren die „Wachstumstreiber“?

Mit der Veröffentlichung neuer Schätzungen für die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2018 hat die Statistikbehörde Rosstat auch Ergebnisse früherer Jahre revidiert. Dabei kamen die Statistiker zu dem Ergebnis, dass die Rezession 2015 noch schwächer war als sie bisher errechnet hatten. Der vom Ölpreiseinbruch und westlichen Sanktionen ausgelöste Produktionsrückgang betrug nur 2,3 Prozent, nicht 2,5 Prozent.

Auch um diesen relativ kleinen Rückschlag aufzuholen, hat die russische Wirtschaft aber gut 3 Jahre gebraucht. Mit der schwachen Erholung der Produktion um 0,3 Prozent im Jahr 2016 und dem Anstieg um 1,6 Prozent im folgenden Jahr war er noch nicht völlig wettgemacht. Das gelang erst 2018 mit einem realen Wachstum von 2,3 Prozent. 2018 war das reale Bruttoinlandsprodukt damit 1,9 Prozent höher als 4 Jahre zuvor. Die gesamtwirtschaftliche Produktion ist also aus dem „Rezessionstal“ heraus.

Wie sich die sieben größten Wirtschaftsbereiche entwickelten

BOFIT, das Forschungsinstitut der finnischen Zentralbank, hat auf der Basis der Rosstat-Daten zur volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung eine Abbildung veröffentlicht, wie sich die Bruttowertschöpfung der sieben größten Wirtschaftsbereiche seit 2014 entwickelt hat.

Reales Wachstum der größten Wirtschaftssektoren, 2015-2018

Quelle: BOFIT (Bank of Finland): Russan growth in the past couple of years driven largely by extractive sector, trade and public administration; BOFIT weekly, 12.04.2019;
Twitter-Meldung;

Wachstumstreiber: Rohstoffe und öffentliche Verwaltung

Der für Russland nach wie vor besonders wichtige Bereich der „Extractive Industries“ (Förderung von Rohstoffen, insb. Kohle, Öl und Gas; schwarze Linie) ist seit 2014 am stärksten gewachsen (+ 8,8 Prozent). Selbst im Rezessionsjahr 2015 wurde die Wertschöpfung in diesem Bereich, der häufig auch als Bergbau („Mining“) bezeichnet wird, etwas erhöht. Dem Ziel der russischen Wirtschaftspolitik, die Abhängigkeit Russlands vom Rohstoffsektor zu verringern, entspricht diese Entwicklung allerdings nicht.

Ein „Wachstumstreiber“ war auch der Bereich „zivile und militärische Verwaltung“ (graue Linie). Er wuchs in den letzten 4 Jahren um insgesamt 7,9 Prozent. Hier liegt die Frage nahe, ob das Wachstum in diesem Bereich eine Steigerung der Leistungsfähigkeit der öffentlichen Verwaltung bedeutet oder in erster Linie mehr Bürokratie und mehr Rüstungsausgaben.

Die Industrie wuchs nur um knapp 4 Prozent

Der Kernbereich der „Industrie“, der in Deutschland als „Verarbeitendes Gewerbe“ bezeichnet wird („Manufacturing Industries“), ist von 2014 bis 2018 nur um knapp 4 Prozent gewachsen, weniger als halb so stark wie der Rohstoffbereich. Immerhin schaffte es das „Verarbeitende Gewerbe“, den Rückgang der Wertschöpfung um 1,8 Prozent im Rezessionsjahr 2015 schon 2016 auszugleichen.

Die Entwicklung in den Bereichen „Transport“ und „Immobilien“ („Real estate sector“) verlief in den letzten 4 Jahren ähnlich wie im „Verarbeitenden Gewerbe“. Im Transport-Bereich war die Wertschöpfung 2018 auch rund 4 Prozent höher als 2014, im Immobilien-Bereich stieg sie um knapp 3 Prozent.

Ein „Nachzügler“ ist die Bauwirtschaft („Construction“). Sie schaffte es erst im letzten Jahr den Rückgang ihrer Wertschöpfung im Rezessionsjahr um rund 2 Prozent auszugleichen. Dank eines überraschend starken Anstiegs um 4,7 Prozent war ihre Wertschöpfung 2018 aber auch rund 3 Prozent höher als 2014.

Groß- und Einzelhandel noch tief im Minus

Besonders tief und lang war der Einbruch der Wertschöpfung im Groß- und Einzelhandel, einschl. Kraftfahrzeug-Gewerbe (von BOFIT zusammenfassend als „Trade“ bezeichnet). 2015 sank die Wertschöpfung hier um 6,9 Prozent, 2016 um weitere 4,0 Prozent. In den beiden letzten Jahren hat sich die Wertschöpfung im „Handel“ nur wenig erholt. 2018 war sie noch 6,4 Prozent niedriger als 2014.

PKW-Markt noch weit von früheren Höhen entfernt

Dazu beigetragen hat der Einbruch der Neuzulassungen von PKW und leichten Nutzfahrzeugen. Nach Angaben der Moskauer Association of European Businesses sind sie von 2014 bis 2016 um rund 43 Prozent von rund 2,49 Millionen auf nur noch rund 1,43 Millionen gesunken. 2018 waren sie mit 1,80 Millionen noch rund 28 Prozent niedriger als 2014.

Einen ähnlich starken Rückgang zeigt die folgende BOFIT-Abbildung auf der Basis von Rosstat-Daten:

Quelle: BOFIT (Bank of Finland): Russia’s car manufacturing industry continues to recover; BOFIT weekly, 12.04.2019; Twitter-Meldung; Chart-Adresse

Im ersten Quartal 2019 waren die Neuzulassungen laut AEB trotz der Mehrwertsteuererhöhung fast so hoch wie im Vorjahresquartal (- 0,3 Prozent). Dabei wurde der Absatz von PKW unterer Preisklassen seit März durch staatliche Subventionen gestützt.

Regierung sieht „Aufwärtsrisiko“ für die Industrieproduktion 2019

Die gesamte Industrieproduktion ist laut der am Montag veröffentlichten monatlichen Rosstat-Statistik im ersten Quartal 2019 im Vergleich mit dem Vorjahresquartal um 2,1 Prozent gestiegen. Das russische Wirtschaftsministerium erwartet in seiner mittelfristigen Prognose bis 2024 für das Jahr 2019 einen Anstieg um 2,3 Prozent. In einem Bericht des Ministeriums zur Industrieproduktion im März sieht das Ministerium jedoch die Möglichkeit eines stärkeren Wachstums. Der Anstieg der Industrieproduktion im ersten Quartal sei mit 2,1 Prozent höher als erwartet gewesen. 2018 war die Industrieproduktion insgesamt um 2,9 Prozent gestiegen.

„Wachstumstreiber“ der Industrieproduktion war im letzten Jahr die Förderung von Rohstoffen (+ 4,1 Prozent). Auch im ersten Quartal 2019 wuchs dieser Industriebereich mit Abstand am stärksten (+ 4,7 Prozent). Die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe erhöhte sich im ersten Quartal hingegen nur um 1,3 Prozent (2018/2017: + 2,6 Prozent).

Fotoquelle

Titelbild: Andrei Metelev / Shutterstock.com

Quellen und Lesetipps zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland

Periodisch, meist monatlich oder vierteljährlich erscheinende Konjunkturberichte

Industrieproduktion im März 2019:

Preisentwicklung im März 2019:

Kalender für Veröffentlichung neuer russischer Konjunkturdaten:

Wirtschaftsministerium: Mittelfristige Prognose bis 2024 vom 09.04. mit Presseberichten

Rosstat: Zweite Schätzung des Bruttoinlandsprodukts vom 01.04.2019 und Revision der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung seit 2014 vom 02.04.2019 mit Presseberichten:

Kommentare zur Arbeit des Statistikamtes Rosstat:

Russlands Außenwirtschaft; Sanktionen; Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen:

Sonstiges zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik:

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.