Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Simon SchüttVon

Einfluss des Brexits auf die russische Wirtschaft: „Keine direkten Risiken“

Dem Brexit konnten Sie heute Morgen wohl kaum entkommen: Großbritannien hat sich in einem Referendum mit knapp 52 Prozent der Stimmen für einen Austritt aus der EU entschieden. „Einschnitt für Europa“, Schock, Marktpanik. So sah es in Europa aus. Wir haben uns hier für Sie einige Reaktionen der russischen Wirtschaft angesehen. 

Auch in Russland konnten sich die Wirtschaft dem Brexit natürlich nicht entziehen. Die russischen Aktienindizes RTS und MICEX fielen bei der Eröffnung um 5,4 bzw. 3,1 Prozent. Im Vergleich zum Einsturz des DAX von 10 Prozent war das aber vergleichsweise gering.

Eine weitere für Russland bedeutende Auswirkung war, dass der Ölpreis für die Sorte Brent (ICE; Lieferung August) am Morgen von deutlich über 50 Dollar pro Barrel um 6,6 Prozent einsackte.

Wohl auch dadurch wurde der Dollar-Rubel-Kurs vom Brexit in Mitleidenschaft gezogen. Die russische Währung fiel zunächst um 5,5 Prozent. Das war der deutlichste Rückgang seit Mai. Sie erholte sich dann aber gegen Mittag wieder auf 2,5 Prozent. Der Euro-Rubel-Kurs blieb hingegen weitgehend gleich, weil der Euro ebenfalls gegenüber dem Dollar nachgab.

Das sagen russische Politiker zum Brexit

Die russische Zentralbank sagte, sie sehe keine direkten Risiken und nannte die Reaktion des Marktes „vorhersehbar“.

Der Finanzminister Anton Siluanow mahnte jedoch: „Die Aufgabe für die russische Wirtschaftspolitik ist es nun, für negative Szenarien der globalen Wirtschaftsentwicklung bereit zu sein. Das heißt, dass es nötig ist, von konservativen Prämissen auszugehen, wenn wir planen“. Für Russland heiße der Brexit „vor allem einen Verfall der Ölpreise, eine Schwächung des Rubels und eine erhöhte Volatilität auf den Finanzmärkten“. Diese Volatilität sei jedoch geringer als die, die man bereits erlebt habe, so der Minister. „Daher wird der Einfluss auf die heimische Wirtschaftsdynamik begrenzt sein“, zitiert ihn die Nachrichtenagentur Reuters.

Auch Ex-Finanzminister Kudrin kommentierte bei Twitter: „Auf Russland hat der Brexit keinen signifikanten Einfluss. Wir haben eigene Probleme, die viel sensibler sind.“

Der stellvertretende russische Finanzminister Alexej Moisejew versicherte ebenfalls, dass es für Russland keine großen Risiken mit sich ziehen werde, dass Großbritannien die EU verlasse. Jedoch schrecken die Investoren dadurch zunehmend vor Risiken zurück.

„Für Russland ist die Europäische Union der Haupt-Partner… Wenn die EU fehlschlägt und vor weitere Krisen und Problemen steht, würde das auch unsere Handelsbeziehungen beeinflussen, die schon von den Sanktionen betroffen sind“, sagte der Vorsitzende des Komitees für Internationale Angelegenheiten des Russischen Föderationsrats, Konstantin Kostschew gegenüber einem Fernsehsender.

Premierminister Dmitrij Medwedew stellte klar, dass Russland nicht glücklich mit dem Brexit sei. „Es ist sehr wichtig, die Konsequenzen zu analysieren und unsere Entscheidungen im Interesse der der russischen Wirtschaft zu treffen.“ Der Ölpreis sei gesunken und Pfund- und Euro-Wechselkurs seien unter Druck. „Die Volatilität der Rohstoff- und Aktienmärkte nimmt deutlich zu. Damit sind wir nicht glücklich“, sagte Medwedew gegenüber TASS. Die Ergebnisse des Referendums erhöhten die Risiken sowohl für die russische als auch für die Weltwirtschaft.

Der stellvertretende Vorsitzende der Wneschekonombank (VEB), Andrej Klepatsch, äußerte sich hingegen optimistisch, dass die russischen Aktienmärkte in Folge der Abstimmung sogar steigen könnte: „Langfristig denke ich, dass die Unruhe auf dem europäischen Finanzmarkt das Interesse an den Sicherheiten aufstrebender Märkte wiederbeleben kann – besonders an Russland.“

Kreml: Brexit ist interne Angelegenheit, keine besonderen Hoffnungen für Sanktionen

Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow sagte laut TASS zunächst, dass der Brexit eine interne Angelegenheit des Vereinigten Königreichs und der Beziehung von Großbritannien und der EU sei.

Jedoch sei die EU ein wichtiger Handelspartner Russlands, daher sei Moskau „interessiert daran, dass die EU ökonomisch stark, wachsend, stabil und vorhersehbar“ ist.

Der Kreml verbinde den Austritt nicht mit einer möglichen Aufhebung der Sanktionen. Es gebe auch davon abgesehen, ob Großbritannien EU-Mitglied sei oder nicht, „sehr verschiedene Ansichten innerhalb der EU bezüglich der Sanktionspolitik und seiner Effektivität“. Es gebe in dieser Hinsicht bereits heftige Diskussionen. „Verschiedene Länder haben unterschiedliche Interessen daran, den Handel, die wirtschaftliche Kooperation und gute Beziehungen zu Russland aufrecht zu erhalten“, sagte der Sprecher Putins.

Die Beziehungen zwischen Russland und Großbritannien seien recht kompliziert. „Wir können nicht immer die Bereitschaft zu Kommunikation und Kooperation sehen“. Er hoffe, dass sich das mit dem Votum ändern werde.

Der russische Präsident Wladimir Putin selbst äußerte sich erst später am Nachmittag: Der Brexit sei für Russland nicht vorteilhaft. Im Interesse Russlands sei es, die EU als einen starken Partner zu haben, der seine Versprechen halte und Vereinbarungen ausführe. Der Brexit werde globale Folgen haben, er erwarte jedoch keine globale Katastrophe. Die Folgen würden sowohl positiv als auch negativ sein.

Moskaus Bürgermeister: Ein Sanktionsverteidiger weniger

Moskaus Bürgermeister Sergej Sobjanin sah das Referendum für einen EU-Austritt hingegen als positiv für die Entwicklung der Russland-Sanktionen an: „Ohne Großbritannien wird es niemanden in der EU geben, der die Sanktionen gegen uns [Russland] so eifrig verteidigt.“, twitterte er.

Simon Schütt
Über den Autor

war von September 2015 bis September 2016 Chefredakteur bei Ostexperte.de.

Derzeit arbeitet er bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Bevor er zu Ostexperte.de kam, war er Redakteur der Moskauer Deutschen Zeitung. Dort schrieb er vor allem für das Wirtschafts-, das Digital- und das Moskau-Ressort.

Der Berliner hat in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert und dort bei der Österreich-Ausgabe des Werbe-, Marketing- und Medien-Fachmagazins Horizont gearbeitet.