Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

Neuer „Russia Economic Report“ erschienen

Anfang Juni, kurz vor dem Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg, senkte die Weltbank ihre Prognose für das Wachstum der russischen Wirtschaft erneut. Ausführlich erläutert hat sie diese Prognosen jetzt in ihrem neuen „Russia Economic Report“, der am Montag erschien.

In den „Global Economic Prospects“, die die Bank halbjährlich zur Entwicklung der Weltwirtschaft veröffentlicht, erwartet sie für Russland in diesem Jahr nur noch 1,2 Prozent Wachstum. Im Januar hatte die Weltbank noch mit 1,5 Prozent gerechnet. Für 2020 und 2021 erwartet sie in Russland aber weiterhin eine leichte Beschleunigung des Wachstums auf jeweils 1,8 Prozent.

Zur aktuellen Konjunkturentwicklung zeichnet die Weltbank folgendes Bild:

  • Unerwartet kräftiges Wirtschaftswachstum schwächte sich Anfang 2019 ab
    Zum unerwartet starken Wachstum der russischen Wirtschaft um 2,3 Prozent im letzten Jahr trugen die höheren Ölpreise, die Fertigstellung großer Bauprojekte und die Fußball-Weltmeisterschaft bei. Im ersten Quartal 2019 schwächte sich der gesamtwirtschaftliche Produktionsanstieg allerdings auf 0,5 Prozent ab, weil die Mehrwertsteuer erhöht wurde, die Geldpolitik „relativ straff“ blieb und die Ölförderung sank. Eine Ursache für das geringe Wachstum war auch der „Basis-Effekt“. Vor einem Jahr hatte die Produktion kräftig angezogen.
  • Sehr hoher Leistungsbilanzüberschuss stieg im ersten Quartal weiter an
    Bei gestiegenen Rohstoffpreisen und einem „robusten“ Mengenwachstum der Exporte erhöhte sich Russlands Leistungsbilanzüberschuss 2018 von 2,1 auf 6,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Die Währungsreserven stiegen bis Ende März 2019 auf rund 488 Milliarden US-Dollar (das entspricht dem Wert der Importe in 15,9 Monaten). Im ersten Quartal 2019 nahm der Leistungsbilanzüberschuss im Vergleich zum Vorjahr weiter zu. Er erreichte 8,7 Prozent des BIP (erstes Quartal 2018: 7,7 Prozent des BIP). Der Ausgaben für Einfuhren sanken und die Zahlungen Russlands für ausländische Kredite gingen zurück.
  • Die Inflationsspitze ist mit 5,3 Prozent wohl überwunden
    Seit Jahresbeginn überschreitet der Anstieg der Verbraucherpreise als Folge der Mehrwertsteuererhöhung das Inflationsziel der Zentralbank von 4 Prozent. Die „relativ feste“ Geldpolitik der Zentralbank half aber, den Inflationsdruck zu begrenzen. Im März scheint die Inflationsrate ihren Höhepunkt mit 5,3 Prozent überschritten zu haben. Im Mai sank sie auf 5,1 Prozent.
  • Realeinkommen sanken trotz Rückgang der Arbeitslosenquote
    Die Arbeitslosenquote ging weiter zurück, im ersten Quartal 2019 auf 4,8 Prozent. Die Reallöhne der Beschäftigten stiegen 2018 zwar, am stärksten im öffentlichen Sektor. Bei Einbeziehung aller Einkommensquellen sanken die real verfügbaren Einkommen der gesamten Bevölkerung 2018 und Anfang 2019 jedoch.Wegen des Wachstums der beiden wichtigsten Einkommensarten (Löhne und Pensionen) verringerte sich der Anteil der als „arm“ geltenden Bevölkerung dennoch leicht von 13,3 Prozent im Jahr 2017 auf 12,9 Prozent im Jahr 2018 („Nationale Armutsquote“: Anteil der Bevölkerung mit einem monatlichen Einkommen von weniger als 10.267 Rubel).
  • Haushaltspolitik: 2018 gab es Überschüsse auf allen Ebenen
    Die höheren Ölpreise führten 2018 in Kombination mit einem schwächeren Rubel, einer verbesserten Steuererhebung und einer „konservativen“ Fiskalpolitik auf allen Ebenen des staatlichen Haushaltssystems zu höheren Überschüssen. Der staatliche Gesamthaushalt erreichte einen Überschuss von 2,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, der Föderationshaushalt von 2,6 Prozent des BIP und auf der Ebene der Regionen wurde ein Überschuss von 0,5 Prozent des BIP verzeichnet. Die öffentliche Verschuldung blieb mit 14,3 Prozent des BIP gering.

Viel Lob der Weltbank für Russlands Finanzpolitik

Insbesondere diese Ergebnisse der russischen Haushaltspolitik hebt die Weltbank lobend hervor. Apurva Sanghi, leitender Volkswirt für Russland der Weltbank, meinte laut Pressemeldung der Weltbank dazu, Russland verfüge mit seinen Haushaltsüberschüssen auf allen Ebenen und der niedrigen öffentlichen und außenwirtschaftlichen Verschuldung weiterhin über starke „makro-fiskalische Puffer“. Dies stehe im Kontrast zur Situation in den meisten anderen Volkswirtschaften.

Zur Verbesserung der Struktur der öffentlichen Ausgaben schlägt die Weltbank höhere Ausgaben für Gesundheit und Bildung vor. Verglichen mit fortgeschrittenen Volkwirtschaften gebe Russland dafür weniger aus.

Kritik an „zu viel Staat“ im „relativ schwachen“ Bankensektor

Den russischen Bankensektor bezeichnet die Weltbank als weiterhin „relativ schwach“. So sei der Anteil von Krediten, die nicht bedient würden, mit 10,4 Prozent höher als in anderen „Emerging Markets“.

Der kürzlich verzeichnete zweistellige Anstieg der Verbraucherkredite könnte nach Einschätzung der Weltbank zwar ein „Risiko für die finanzielle Stabilität“ bedeuten, wenn sich das gesamtwirtschaftliche Umfeld verschlechtern sollte. Die Bank weist aber gleichzeitig darauf hin, dass die Risiken im Bereich der Konsumentenkredite begrenzt erschienen. Die staatlichen Regulierungen zur Dämpfung der Vergabe ungesicherter Verbraucherkredite würden verstärkt.

Kritisiert wird von der Weltbank vor allem die Dominanz des Staates im Bankenbereich. Staatliche Banken verfügten über 62 Prozent der Vermögensanteile im Bankensektor (Stand 01.04.2019). Allein auf die Sberbank entfielen rund 30 Prozent der Vermögensanteile.

Konjunktur-Ausblick der Weltbank für Russland bis 2021

Im laufenden zweiten Quartal 2019 sieht die Weltbank die Wirtschaftsentwicklung in Russland nicht nur durch die gedrückte inländische Nachfrage belastet, sondern auch durch Kürzungen der Ölförderung und eine Verschlechterung des weltwirtschaftlichen Umfeldes.

Für eine Beschleunigung des Wachstums in der zweiten Jahreshälfte 2019 sprächen die Aussicht auf eine weniger feste Geldpolitik und eine raschere Realisierung der „nationalen Projekte“. Im Gesamtjahr 2019 werde das reale Bruttoinlandsprodukt dennoch nur um 1,2 Prozent steigen.

Das Wachstum des gesamten Verbrauchs werde sich 2019 dabei im Vergleich zum Vorjahr auf nur noch 0,9 Prozent halbieren. Auch der Anstieg der Brutto-Anlageinvestitionen werde deutlich nachlassen und nur noch 1,6 Prozent erreichen (2018: + 2,9 Prozent).

Das Wachstum bleibt 2020/2021 schwach; die Inflation sinkt auf 4 Prozent

2020 erwartet die Weltbank, dass die „Nationalen Projekte“ das Wachstum der Investitionen beschleunigen. Sie geht davon aus, dass sich der Anstieg der Brutto-Anlageinvestitionen auf 3,3 Prozent verdoppelt. Die Belebung des Wachstums des gesamten Verbrauchs werde hingegen nur 1,3 Prozent erreichen. Insgesamt hält die Weltbank im nächsten Jahr nur ein Anziehen des Wirtschaftswachstums auf 1,8 Prozent für möglich. Damit rechnet sie auch 2021. Das Wachstumsziel der russischen Regierung von 3,1 Prozent im Jahr 2021 würde damit klar verfehlt.

Konjunkturprognosen der Weltbank für Russland

20172018201920202021
Bruttoinlandsprodukt% zum Vorjahr1,62,31,21,81,8
Verbrauch% zum Vorjahr3,11,80,91,31,4
Bruttoanlageinvestitionen% zum Vorjahr5,22,91,63,33,7
Haushaltssaldo, Gesamtstaat% des BIP– 1,52,91,71,61,5
Leistungsbilanzsaldo% des BIP2,16,95,14,74,4
Verbraucherpreisanstieg% zum Vorjahr3,72,9544

Quelle: Weltbank: Russia Economic Report 41, 10.06.2019

Die Inflationsrate werde sich bei dieser Konjunkturentwicklung, so die Weltbank, nach einer Beschleunigung auf 5 Prozent im Jahresdurchschnitt 2019 jedoch bereits im nächsten Jahr wieder auf das von der Zentralbank angestrebte Inflationsziel von 4 Prozent zurückbilden.

Die Überschüsse in Leistungsbilanz und Staatshaushalt nehmen ab

Der sehr hohe Leistungsbilanzüberschuss (2018: 6,9 Prozent des BIP) wird laut Weltbank in diesem Jahr auf 5,1 Prozent sinken und dann langsam weiter zurückgehen (2021: 4,4 Prozent des BIP).

Auch der gesamtstaatliche Haushaltsüberschuss werde sich verringern. Schon in diesem Jahr werde er deutlich von 2,9 Prozent des BIP auf 1,7 Prozent des BIP sinken. Die Weltbank erwartet aber, dass er 2020 und 2021 fast auf diesem Niveau gehalten wird.

Etliche Risiken, aber auch manche Chancen für mehr Wachstum

Als „Abwärtsrisiken“ für ihre Prognosen nennt die Weltbank:

  • eine mögliche Erweiterung der Sanktionen,
  • eine Eintrübung der Stimmung auf dem Finanzmarkt,
  • eine Verschlechterung des Umfeldes für den Welthandel,
  • einen „dramatischen“ Rückgang der Ölpreise

Andererseits könnten die „Nationalen Projekte“, mit denen das Humankapital verbessert und die Produktivität erhöht werden soll, das Wachstumspotenzial Russlands mittelfristig erhöhen. Das werde davon abhängen, wie gut sie realisiert werden.

Titelbild

Quelle: Kristi Blokhin / Shutterstock.com

Quellen und Lesetipps:

Der Anfang Juni vom Deutsch-Russischen Wirtschaftsclub Düsseldorf veröffentlichte Bericht „Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland“ beginnt mit einer Analyse der aktuellen Konjunkturentwicklung in Russland. Im Kapitel „Wirtschaftspolitik“ finden Sie Hinweise zur Geldpolitik und zur Haushaltspolitik Russlands sowie Stellungnahmen internationaler Wirtschaftsorganisationen und russischer Wissenschaftler zur Wirtschaftspolitik in Russland. Nach einem Rückblick auf Russlands langen Weg aus der letzten Rezession werden im abschließenden Ausblick Prognosen zum Wachstum der russischen Wirtschaft verglichen. Mit dem ausführlichen Quellenverzeichnis können Sie sich insbesondere einen Überblick über regelmäßig erscheinende Berichte der russischen Regierung und internationaler Wirtschaftsorganisationen zur russischen Wirtschaft verschaffen.

Klaus Dormann: Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland; Veröffentlichung des Deutsch-Russischen Wirtschaftsclubs Düsseldorf; 38 Seiten, 02.06.2019

Weltbank-Veröffentlichungen zur russischen Wirtschaft

Konjunkturberichte sonstiger internationaler Wirtschaftsorganisationen

Konjunkturberichte der Zentralbank und des Wirtschaftsministeriums

Sonstige periodisch erscheinende Konjunkturberichte (meist monatlich)

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.