Wasserstoff Marsch

Russland, Deutschland und der Wasserstoff

Er ist ein vielversprechender Energieträger der Zukunft und bietet Potenzial für wirtschaftliche Zusammenarbeit: Wasserstoff. Russland setzt zunehmend auf das chemische Element, will die Wasserstoffproduktion fördern und baut seine Produktionsstätten aus – ein Sektor mit Kooperationspotenzial.

Sie ist schon jetzt eine der wichtigsten Energiequellen Russlands, für die Produktion von Wasserstoff soll sie nun noch stärker genutzt werden: die Insel Sachalin. Russlands größte Energieunternehmen Gazprom und Rosatom haben mit der Region Sachalin dazu ein neues Wasserstoff-Projekt beschlossen. Das zur Wasserstoffproduktion benötigte Erdgas soll auf der größten Insel des Landes gefördert werden, geplanter Baustart für die neue Produktionsstätte ist 2024. Die zukünftigen Betreiber rechnen mit einer Kapazität von zunächst 30.000 Tonnen pro Jahr, in der Endausbaustufe soll die Fabrik dann jährlich 100.000 Tonnen Wasserstoff liefern.

Energieträger der Zukunft

Die Kapazitäten verdeutlichen, welchen Stellenwert die Nutzung des neuen Energieträgers in Russland hat. Das Land möchte bis 2035 Weltmarktführer beim Thema Wasserstoff werden, und ist mit allen notwendigen Ressourcen ausgestattet, dies zu erreichen. Dafür hat es vor rund einem Jahr auch eine nationale Roadmap aufgestellt. Kritiker bemängeln, dass der zur Produktion notwendige Rohstoff – wenn es Erdgas ist – als fossiler Brennstoff nicht besonders den Nachhaltigkeitsaspekt fördere, und auch viel CO2 produziere. Befürworter heben hervor, dass Wasserstoff aber ein unverzichtbarer Energieträger auf dem Weg zu grüner und nachhaltiger Energiegewinnung sei, es wird die Rolle als Übergangstechnologie betont. Über den Fragen zur Zusammensetzung und Produktion herrscht aber Einigkeit darüber, dass das Potenzial des Energieträgers immens ist. Auch in Deutschland wird Wasserstoff zwiespältig gesehen, mit Nord Stream 2 gewinnt das Thema aber auch abseits der Wirtschaft zunehmend an Aufmerksamkeit. Denn „grüner“ Wasserstoff, der mit Strom, statt Erdgas produziert werden kann, ist mit den in Deutschland sehr hohen Strompreisen nicht rentabel herstellbar. Über die Ostsee-Pipeline ließe sich kostengünstig russisches Erdgas auch für die Wasserstoffproduktion transportieren. Auf dem Weg zur Klimaneutralität durch Atom- und Kohleausstieg wird neben der Nutzung von Gas deshalb auch diese Option immer wichtiger.

Kooperationsbedarf

Russland ist Deutschlands größter Gaslieferant und als Partner deshalb prädestiniert für eine Zusammenarbeit, betonen Wirtschaft und Unternehmensverbände immer wieder. Kooperationspotenzial gibt es dabei in vielen Bereichen. Ob bei der Herstellung von Wasserstoff direkt in Deutschland, oder der Bereitstellung von deutschem Know-How und Dienstleistungen in Russland: das Potenzial scheint der Wirtschaft bewusst zu sein, in der Realität aber nicht umgesetzt zu werden. Der russische Markt wird häufig als „idealer Investitionsstandort“ für deutsche Unternehmen beschrieben. Denn der Staat ist ein verlässlicher Investor, es gibt vielerorts eine gute Infrastruktur und neben einem starken Forschungsbereich besteht ein wachsender Bedarf an Spezialtechnik und Maschinen in den verschiedensten Branchen – nicht nur im Energiesektor.

Doch dem Bedarf und Potenzial stehen politische Differenzen der Staaten gegenüber, die, so betonen es Wirtschaftsvertreter immer wieder, eine prosperierende Zusammenarbeit einschränken. Der Bereich nachhaltige Energien ist dabei einer der wenigen vielversprechenden und für beide Seiten vorteilhaft. Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) spricht bei der deutsch-russischen Zusammenarbeit zu diesem Thema sogar davon, dass sich eine länderübergreifende Kooperation „als entscheidend bei Erforschung, Inno­vation und Skalierung von Technologien erweisen“ könnte.

Nach der Bundestagswahl fragt sich die in Russland aktive deutsche Wirtschaft jetzt, wie es im Verhältnis beider Staaten weitergeht. Wirtschaftsbeziehungen, Sanktionen, die Nord Stream 2-Pipeline, und auch Wasserstoffproduktion und Energiepolitik – mit Spannung verfolgt man die Bildung einer neuen Bundesregierung, und ihre zukünftige Vorgehensweise in der Industrie- und Wirtschaftspolitik. Ob die Politik für mehr Handel und Kooperation bereit ist, bleibt abzuwarten – die Wirtschaft ist es längst, ob auf Sachalin oder rund 10.000 Kilometer weiter westlich.

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Über den Autor:
philipp rowe Philipp Rowe ist internationaler Geschäftsmann, Unternehmensberater und Experte für Russland. Er ist Gründer und Geschäftsführer von Rufil Russia Consulting.
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