Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

Verfügbare Einkommen immer noch viel niedriger als 2013

Auch wenn die russische Wirtschaft stabilisiert wurde, profitieren die Bürger vom Wachstum nur wenig. Wir geben im folgenden Artikel zunächst nähere Hinweise auf die Erholung der gesamtwirtschaftlichen Produktion, die Wachstumsentwicklung wichtiger Wirtschaftszweige und neue Prognosen des Wirtschaftsministeriums für 2020 und 2021. Weitere Informationen zur Entwicklung der verfügbaren Realeinkommen und auch der Reallöhne, die sich erheblich besser als die verfügbaren Realeinkommen entwickelt haben, finden Sie im zweiten Teil des Artikels.

Das russische Wirtschaftsministerium hat in der letzten Woche eine erste Schätzung des Wirtschaftswachstums im Jahr 2019 vorgelegt. Um 1,4 Prozent ist die gesamtwirtschaftliche Produktion nach seinen Berechnungen gestiegen, etwas mehr als das Ministerium bereits seit dem Herbst 2018 prognostizierte (1,3 Prozent). Zumindest zur Treffgenauigkeit dieser Prognose darf man sich im Wirtschaftsministerium gratulieren.

Das Statistikamt Rosstat wird am 03. Februar seine erste Schätzung für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts veröffentlichen. Sie dürfte mit der Schätzung des Wirtschaftsministeriums weitgehend übereinstimmen. Wenn man die Erfahrungen der letzten Jahre fortschreibt, kann man vermuten, dass wohl auch diese Schätzung im Laufe der nächsten Jahre nach oben revidiert wird.

Zuletzt legte Rosstat am Jahresende 2019 neue Schätzungen für die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts von 2012 bis 2018 vor. Sie haben das Bild der Produktionsentwicklung in den letzten Jahren weiter aufgehellt. Die letzte Rezession war nicht so tief und nicht so lang wie zunächst angenommen wurde. Dennoch haben Russlands Bürger Grund zur Unzufriedenheit. Rosstat-Daten zur Einkommensentwicklung zeigen, dass vom ohnehin „moderaten“ Wachstum der Wirtschaft nur sehr wenig in klingender Münze in ihrem Geldbeutel ankam.

Die Produktion ist höher, aber die Einkommen sind niedriger

Nach aktuellem Datenstand war der Produktionsrückgang um 2,0 Prozent in der Rezession 2015 schon im Jahr 2017 aufgeholt. Mit den Zuwächsen in den Jahren 2018 und 2019 stieg Russlands gesamtwirtschaftliche Produktion 2019 um rund 4 Prozent über das vor der Rezession im Jahr 2014 erreichte Niveau.

Wie haben sich im Vergleich mit der Produktion die Einkommen der Bürger entwickelt? Rosstat ermittelt dazu die „real verfügbaren Einkommen“, das sind die inflationsbereinigten Einkommen nach Abzug von Steuern und anderen Zahlungsverpflichtungen. Während die gesamtwirtschaftliche Produktion nur im Jahr 2015 sank, gingen diese Einkommen vier Jahre lang von 2014 bis einschließlich 2017 zurück. Davon haben sie sich noch längst nicht erholt. Erst 2018 setzte ein sehr langsamer Anstieg der Einkommen ein. 2019 waren die verfügbaren Realeinkommen noch 7,5 Prozent niedriger als 2013. Im gleichen Zeitraum ist die gesamtwirtschaftliche Produktion hingegen real um 4,7 Prozent gestiegen.

 

Teil 1: Erholung des Bruttoinlandsprodukts und neue Prognosen für 2020/2021
Wie sich die Produktion monatlich entwickelte

Die Erholung der gesamtwirtschaftlichen Produktion von der Rezession im Jahr 2015 zeigt die folgende Abbildung der Vnesheconombank, die für die monatliche Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts seit 2014 saison- und kalenderbereinigte Indexwerte bis einschließlich November 2019 berechnete (Januar 2014: 100).

Index des realen Bruttoinlandsprodukts (Januar 2014: 100);
saison- und kalenderbereingte Monatswerte

Im November 2019 sank der Indexwert des BIP um 0,5 Prozent. Das reale BIP war damit aber noch knapp 4 Prozent höher als im Januar 2014.

Wie sich die Produktion Jahr für Jahr von der Rezession erholte

Die jährlichen Veränderungen der gesamtwirtschaftlichen Produktion zeigen laut den Ende Dezember von Rosstat veröffentlichten neuen Schätzungen in den letzten fünf Jahren folgende Entwicklung:

  • 2015 sank das Bruttoinlandsprodukt nach dem Einbruch der Ölpreise und der Verhängung von Sanktionen real um 2,0 Prozent, weniger stark als Rosstat bisher schätzte (- 2,3 Prozent).
  • 2016 begann die Erholung der Produktion sehr langsam (+0,3 Prozent).
  • 2017 beschleunigte sie sich auf 1,8 Prozent (bisherige Schätzung: + 1,6 Prozent). Der Rückgang der Produktion um 2 Prozent in der Rezession 2015 war damit aufgeholt.
  • 2018 erreichte der Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts 2,5 Prozent (bisher: + 2,3 Prozent).
  • 2019 war das Bruttoinlandsprodukt mit dem voraussischtlichen Anstieg um 1,4 Prozent rund 4 Prozent höher als 2014, dem Jahr vor der Rezession.

Abbildungen und Tabellen dazu bieten die „Russia Statistics“ des Forschungsinstitutes BOFIT der finnischen Zentralbank, in denen die jüngsten Revisionen bereits berücksichtigt sind.

Wachstumsspitze waren 2019 Landwirtschaft und Industrie

Produktionsentwicklung 2019
Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (Bildmitte: 1,4 Prozent)
und der Produktion in den Bereichen Industrie, Warentransport, Dienstleistungen, Bauwirtschaft, Groß- und Einzelhandel sowie Landwirtschaft (Jan.-Nov.)
in Prozent gegenüber 2018

Wirtschaftsministerium: Bild der Wirtschaftsaktivität – Januar 2020; 28.01.2020

Weit überdurchschnittlich stark wuchs 2019 die Produktion der Landwirtschaft (Jan. bis Nov.: + 4.1 Prozent). Die Industrieproduktion stieg um 2,4 Prozent.

Die Wachstumsraten im Groß- und Einzelhandel (+ 1,8 Prozent) und im Dienstleistungsbereich (+ 1,2 Prozent) wichen nur wenig vom gesamtwirtschaftlichen Wachstum (+ 1,4 Prozent) ab.

Deutlich unterdurchschnittlich stieg die Produktion im Transportgewerbe (+ 0,6 Prozent) und im Baugewerbe (+ 0,6 Prozent).

Industrie trug rund ein Drittel zum Wirtschaftswachstum 2019 bei

Eine weitere Abbildung des Wirtschaftsministeriums zeigt, welche Beiträge einzelne Wirtschaftsbereiche zum gesamtwirtschaftlichen Wachstum in den Jahren 2017 bis 2019 leisteten.

Beiträge der Wirtschaftsbereiche in Prozentpunkten
zum Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts in den Jahren
2017 (1,8 Prozent), 2018 (2,5 Prozent) und 2019 (1,4 Prozent)

In der Abbildung unterschiedene Wirtschaftsbereiche: Transportgewerbe (Transportation and Storage); Industrie (Industrial Production); Bauwirtschaft (Construction); Sonstige Branchen, Netto-Steuern (Non-basic Industries, Net taxes) Landwirtschaft (Agriculture); Groß- und Einzelhandel (Wholesale and Retail Trade); Bruttoinlandsprodukt (Gross Domestic Product)

Wirtschaftsministerium: Bild der Wirtschaftsaktivität – Januar 2020; 28.01.2020

2019 wurde der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 1,4 Prozent, der in der Abbildung durch die rote Raute markiert wird, mit 0,5 Prozentpunkten zu rund einem Drittel von der Industrieproduktion getragen (obere dunkelblaue Fläche).

Das Transportgewerbe (grüne Fläche oben) und die Landwirtschaft stellten jeweils 0,1 Prozentpunkte, die Bauwirtschaft (rot) 0,0 Prozentpunkte. Relativ gering war wie in den Vorjahren auch der Wachstumsbeitrag des Groß- und Einzelhandels mit 0,2 Prozentpunkten (untere blaue Fläche).

Am meisten trugen 2019 mit 0,6 Prozentpunkten wie in den Vorjahren die sonstigen Wirtschaftsbereiche („Nicht-Basis-Branchen“) und Netto-Steuern bei. Zu den „Nicht-Basis-Branchen“ gehören unter anderem Dienstleistungsbereiche wie Finanzunternehmen, das immobiliengewerbe und Medien.

2020 erwartet das Wirtschaftsministerium jetzt 1,9 Prozent Wachstum

Ende Januar meldete Interfax, dass das Wirtschaftsministerium jetzt  in einem Entwurf für Ergänzungen der Haushaltsplanung bis 2024 davon ausgeht, dass sich das Wirtschaftswachstum im Jahr 2020 auf 1,9 Prozent beschleunigt. Bisher hatte die Regierung in diesem Jahr 1,7 Prozent Wachstum erwartet.

Die Prognosen für die folgenden Jahre sind laut Interfax nicht verändert worden. 2021 soll Russlands Wachstum wie im Anfang Dezember verabschiedeten Haushaltsgesetz vorgesehen sprunghaft auf 3,1 Prozent anziehen. Analysten erwarteten in der Mitte Januar veröffentlichten Umfrage von FocusEconomics hingegen für 2021 mit 1,9 Prozent ein kaum höheres Wachstum als 2020 (1,8 Prozent).

Wachstumsprognosen 2019 bis 2021
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

   201920202021
Wirtschaftsministerium;
Entwurf laut Interfax
01/31/20201.4
Urals 63,8 $/b
1.9
Urals 57.7 $/b
3.1
Urals 56,0 $/b
Commerzbank, Frankfurt01/31/20201.31.81.8
Helaba, Frankfurt01/31/20201.31.71.7
RIA Rating01/31/20202
Nordea, Stockholm01/29/20201.21.92
BNP Paribas, Paris01/28/20201.11.61.8
Berenberg Bank, Hamburg01/27/202011.31.7
IWF, New York01/20/20201.11.92
Citibank01/15/20201.322.5
OPEC, Wien01/15/20201.11.5
FocusEconomics
Consensus Forecast
01/14/20201.11.81.9
DekaBank, Frankfurt01/14/20201.221.7
Economist Intelligence Unit01/14/20201.11.61.7
Unicredit, Mailand01/13/20201.11.11.4
Morgan Stanley01/13/20201.21.72
ING Bank, Amsterdam01/10/202011.51.7
Weltbank, Washington01/08/20201.21.61.8
Russian Academy of Sciences, RAS01/08/20201.11.82.2
Reuters-Umfrage12/24/20191.21.8
Vnesheconombank Institute12/20/20191.31.82.1
CMASF, Moskau12/18/20191.11.31.5
Erste Group, Wien12/17/20191.11.9
Russische Zentralbank,
Basisszenario
12/13/20190,8 bis 1,3
Urals 64 $/b
1,5 bis 2,0
Urals 55 $/b
1,5 bis 2,5
Urals 50 $/b
Russische Regierung;
Basisszenario im Haushaltsgesetz
12/02/20191.3
Urals 62,2 $/b
1.7
Urals 57,0 $/b
3.1
Urals 56,0 $/b
Titelbild

Titelbild: spaxiax / Shutterstock.com

Quellen und Lesetipps:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

Neue Konjunkturprognose des Wirtschaftsministeriums; Entwurf laut Interfax

Monatsberichte Wirtschaft Dezember 2019 und Jahr 2019

Verfügbare Realeinkommen und Reallöhne 2019

Periodisch erscheinende Konjunkturberichte

Industrieproduktion im Dezember und im Jahr 2019

Preisentwicklung im Dezember und im Jahr 2019

Rosstat: Revision der Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts 2012 bis 2018

Zentralbank: Präsentationen in Englisch; Statistical Bulletin (monatlich); Publikationstermine

Regierungswechsel und Verfassungsreform – Politik und Wirtschaft nach Rede Putins

Weitere Veröffentlichungen zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland:

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.