„Wandel durch Handel“? – Deutsch-russische Wirtschaftsbeziehungen Kontrovers

Anhörung im Wirtschaftsausschuss des Bundestags  

Seit der Besetzung der Krim wird heftig über Sanktionen gegenüber Russland diskutiert. Die USA verzögerten mit ihren Strafdrohungen die Fertigstellung der Ostseepipeline Nord Stream 2. Mit der Vergiftung und Verhaftung des russischen Regierungskritikers Nawalny spitzte sich die Diskussion weiter zu. Auch bei einer Anhörung des Bundestagsausschusses für Wirtschaft und Energie zu den deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen am 24. Februar zeigte sich die kontroverse Beurteilung des Baus der Erdgasleitung durch die Ostsee und der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Russland.

Deutsch-russischer Handel auf 15-Jahres-Tief gesunken

2020 sank der nominale Umsatz im Warenhandel Deutschlands mit Russland laut den vom Ost-Ausschuss zusammengestellten Daten des Statistischen Bundesamtes um rund 22 Prozent auf nur noch rund 45 Milliarden Euro. Das war der niedrigste Stand seit 15 Jahren. Der Ost-Ausschuss veröffentlichte in einem Bericht zur Vorbereitung der Teilnahme seines Geschäftsführers Michael Harms am Hearing des Bundestages folgende Abbildung. Sie zeigt, dass die Umsätze im deutsch-russischen Warenverkehr vom Höhepunkt im Jahr 2012 bei starken jährlichen Veränderungen im Trend deutlich gesunken sind.

Die deutschen Einfuhren sanken 2020 stärker als die deutschen Ausfuhren

Wegen niedrigerer Rohstoffpreise und geringerer Importmengen sanken 2020 vor allem die deutschen Einfuhren aus Russland. Sie nahmen um rund 30 Prozent von 31,3 Milliarden Euro auf 21,9 Milliarden Euro ab. Die deutschen Ausfuhren verringerten sich deutlich weniger um rund 13 Prozent von 26,6 Milliarden Euro auf 23,1 Milliarden Euro, wie folgende Abbildung des Ost-Ausschusses zeigt.

Deutsch-Russischer Handel, 2000-2020

„Erstmals seit den 1990er Jahren erzielte Deutschland einen leichten Handelsbilanzüberschuss mit Russland“, vermerkt der Bericht des Ost-Ausschusses. Ihre Höchstwerte hatten sowohl die deutschen Einfuhren als auch die deutschen Ausfuhren im Jahr 2012 erreicht.

Russland fiel in der Rangliste der deutschen Handelspartner weiter zurück

In Osteuropa liegt Russland mit dem 2020 erreichten Handelsumsatz von 45 Milliarden Euro inzwischen nur noch auf Platz 4 der Handelspartner Deutschlands. Fast drei Mal so hoch ist mittlerweile Deutschlands Handelsumsatz mit Polen (123 Milliarden Euro). Fast doppelt so hoch ist der deutsche Warenverkehr mit der Tschechischen Republik (83 Milliarden Euro). Ungarn, das 2019 noch knapp hinter Russland lag, verdrängte 2020 mit rund 52 Milliarden Euro Russland von Platz 3 der Rangliste der deutschen Handelspartner in Osteuropa.

Die größten Handelspartner Deutschlands in Osteuropa

Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft: Deutscher Osthandel 2020; 19.02.2021

In der Rangliste der weltweit größten Handelspartner Deutschlands fiel Russland 2020 von Platz 13 auf Platz 14 zurück.

OA Vorsitzender Hermes: „Extrem schwieriges Jahr“ für den Russland-Handel

Der Vorstandsvorsitzende des Ost-Ausschusses, Oliver Hermes, meint in der Pressemitteilung des Ost-Ausschusses zur Entwicklung des Russland-Handels:

„In Bezug auf Russland hatten wir 2020 ein extrem schwieriges Jahr, nicht nur wegen der Corona-Krise, sondern auch wegen der harten, politischen Konflikte, die sichtbar auf die Wirtschaft durchschlagen.

Mit diesem neuerlichen Tiefpunkt dürfen wir uns nicht abfinden. Wir brauchen jetzt in der Tat ein Moratorium. Aber keines gegen Wirtschaftsprojekte wie Nord Stream 2 und unsere wirtschaftliche Zusammenarbeit, sondern eines gegen alle Aktivitäten, die unsere beiden Länder und damit auch die Menschen weiter auseinandertreiben.“

Der Ost-Ausschuss werde weiterhin den Blick auf die großen, gemeinsamen Chancen und die Notwendigkeit der Zusammenarbeit richten, kündigte Hermes an. Als Partner des gerade gestarteten Deutsch-Russischen Themenjahrs „Wirtschaft und nachhaltige Entwicklung 2020-2022“ werde der Ost-Ausschuss einen besonderen Schwerpunkt auf die Zusammenarbeit beim anstehenden klimaneutralen Umbau der Wirtschaft legen.

Bundespräsident Steinmeier: Verbindungen erhalten

In einer Video-Botschaft zum „Virtuellen Jahresauftakt“ des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft am 25. Februar würdigte Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Ost-Ausschuss als „Brückenbauer“ Richtung Osten: „In vielen Projekten und Partnerschaften haben der Ost-Ausschuss und die ihn tragenden Unternehmen Brücken Richtung Osten gebaut und Vertrauen gewonnen“, sagte er.

Der Bundespräsident nahm aber auch zu aktuellen politischen Entwicklungen Stellung, die die Arbeit für deutsche Unternehmen in Osteuropa belasten. Der Ost-Ausschuss berichtet dazu:

„Er erwähnte den Konflikt im Südkaukasus zwischen Aserbaidschan und Armenien, kritisierte die manipulierten Wahlen und Repressionen in Belarus und forderte die sofortige Freilassung des russischen Oppositionellen Alexej Nawalny. „Unsere Hoffnungen, auch meine eigenen, auf eine umfassende Partnerschaft mit Russland, für die auch der Ost-Ausschuss und viele seiner Mitglieder sich eingesetzt haben, haben sich nicht erfüllt“, analysierte Steinmeier. Deutschland und Europa könnten nicht stillschweigend zusehen, wie der Raum für freie Meinungsäußerung und die Entfaltung der russischen Zivilgesellschaft immer weiter eingeschränkt werde.

Zugleich warnte Steinmeier vor dem Abbruch bestehender Brücken. „Meines Erachtens darf Desinteresse, Gleichgültigkeit oder Abschottung nicht die politische Schlussfolgerung sein“, sagte er und weiter: „In dieser schwierigen Phase unserer Beziehungen müssen wir darauf achten, dass nicht alle Verbindungen abreißen.““

Staatssekretär Berger: Nord Stream 2 darf keine „Investitionsruine“ werden

Miguel Berger, seit Mai 2020 Staatssekretär im Auswärtigen Amt, beklagte in einem Gespräch mit Ost-Ausschuss Geschäftsführer Michael Harms einen „Prozess der schleichenden Entfremdung“ von Russland. Er warb für Angebote an Moskau, etwa zum Dialog über Themen wie Klimawandel, „grüne“ Technologien und Digitalisierung.

Berger bezog, so berichtet der Ost-Ausschuss, auch zur „schwierigen Situation“ um Nord Stream 2 klar Stellung: „Wir haben kein Interesse daran, dass dieses Projekt zu einer Investitionsruine wird“, sagte er und lehnte extraterritoriale Sanktionen der USA oder anderer Länder prinzipiell ab. Die Bundesregierung sei bereit zum Dialog mit der US-Regierung über das Projekt, aber „am Ende dieses Dialogs muss die Finalisierung dieser Pipeline stehen“.

OA-Geschäftsführer fordert Fertigstellung von Nord Stream 2

Am 24. Februar hatte Michael Harms als Sachverständiger an der Anhörung des Ausschusses für Wirtschaft und Energie des Deutschen Bundestages zur Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen teilgenommen.

Michael Harms bei der Anhörung im Bundestag

OA-Geschäftsführer Michael Harms bei der Anhörung des Ausschusses für Wirtschaft und Energie im Bundestag zu den deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen (https://twitter.com/OstAusschuss/status/1364522157989101568/photo/1)

In seiner schriftlichen Stellungnahme zur Vorbereitung der Anhörung begrüßt der  OA-Geschäftsführer, dass die Bundesregierung für Nord Stream 2 eintritt. Mit der neuen US-Regierung unter Präsident Biden sieht er eine Chance für einen Kompromiss. Denkbar sei zum Beispiel, dass die Ukraine als Ersatz für entgangene Transiteinnahmen stärker in den „europäischen Green Deal“ integriert werde und so zu einem Produzenten erneuerbarer Energie werden könne.

Harms warnt in seiner Stellungnahme davor, dass bei einem Scheitern von Nord Stream 2 der europäischen Wirtschaft höhere Beschaffungskosten für Erdgas drohten. Er unterstreicht, mit einem Verbot der Fertigstellung der Pipeline werde „geltendes Investitionsrecht gebrochen und ausgerechnet der modernste und umweltfreundlichste (weil kürzeste) Lieferweg für Erdgas blockiert.“ Zudem würde damit auf eine Pipeline verzichtet, die auch zur Lieferung von Wasserstoff genutzt werden könnte. Politische Vorgaben für die Nutzung der Pipeline lehnt er als Eingriff in Verträge zwischen Unternehmen ab.

Zur Kritik an der Pipeline erklärt der OA-Geschäftsführer, für ihn sei nicht erkennbar, wie Russland Nord Stream 2 als Waffe einsetzen könnte: Die russische Wirtschaft lebe vom Rohstoffhandel. Zudem könnten die Ukraine und Polen inzwischen vollständig mit Erdgas aus anderen europäischen Ländern versorgt werden.

Harms: Die Sanktionen drückten den Handel nur zu einem geringen Teil

In der Anhörung im Bundestag ging OA-Geschäftsführer Michael Harms auch auf den Rückgang des bilateralen Handels ein (Minute 18 bis 21). Die Abnahme sei „nur zu einem geringen Teil“ auf die Sanktionen zurückzuführen. Wichtigere Ursachen dafür seien der Rückgang des Ölpreises und die Abwertung des Rubels.

Der russische Markt bleibe für Deutschland sehr wichtig, betonte Harms, auch wenn im Handel mit Russland inzwischen viel niedrigere Umsätze als mit Polen, Ungarn oder Tschechien verzeichnet würden. In diese Staaten würden aus Deutschland im Rahmen von Produktionsverbünden vor allem Industriewaren geliefert, insbesondere für die Automobilproduktion.

Was die Wirkung von Sanktionen betreffe, seien ihre „mittelbaren“ Auswirkungen für die deutsche Wirtschaft viel schwerwiegender als die direkten Auswirkungen. Der Trend der russischen Wirtschaftspolitik zur Abschottung durch Importverbote und zur Lokalisierung der Produktion im Inland sei für Deutschland „sehr gefährlich“. Wenn in Russland einmal eigene Produktionskapazitäten geschaffen seien, sei es für deutsche Unternehmen sehr schwierig, diese Märkte zurückzugewinnen.

Außerdem orientiere sich Russland mehr und mehr nach China und Asien insgesamt. Dieser Trend verstärke sich massiv. Der russisch-chinesische Handel liege inzwischen bei dem 2,5-fachen des Handels mit Deutschland. 2007 sei Deutschland noch wichtigster Handelspartner Russlands gewesen.

In seiner schriftlichen Stellungnahme wies Harms zudem darauf hin, dass Russland Projekte mit China zur Lieferung von Erdgas per Pipeline und verflüssigt als LNG forciere. 2020 sei allerdings auch der Umsatz im Warenverkehr Russlands mit China um knapp sieben Prozent auf 104 Milliarden US-Dollar gesunken. Insgesamt seien im letzten Jahr Russlands Handelsumsätze mit fast allen wichtigen Partnern zurückgegangen.

Dr. Janis Kluge: Vor allem der sinkende Ölpreis ließ den deutschen Export sinken

Zu den Sachverständigen bei der Anhörung im Bundestag gehörte auch Dr. Janis Kluge, Wissenschaftler der Forschungsgruppe „Russland und Eurasien“ der Berliner „Stiftung Wissenschaft und Politik“. Bei der Analyse der Ursachen für den Rückgang des deutschen Handels mit Russland stimmt er weitgehend mit Michael Harms überein. Zu Nord Stream 2 und Deutschlands Energiebeziehungen mit Russland äußerte er sich jedoch sehr kritisch.

Auch Kluge meinte in der Anhörung im Bundestag zum Rückgang des deutschen Handels mit Russland, die wichtigste Ursache dafür sei das Sinken des Ölpreises (Min. 29 bis 33). Der Handel Deutschlands werde entscheidend vom Ölpreis geprägt. Ein sinkender Ölpreis sorge für eine Schwäche des Rubels, die den Export deutscher Waren nach Russland verteuere. Das beeinflusse die Kaufkraft und die Nachfrage in Russland. „Über 90 Prozent“ des Auf- und Ab im deutschen Handel mit Russland ließen sich allein durch die Schwankungen des Ölpreises erklären. In seiner schriftlichen Stellungnahme veröffentlichte Kluge dazu folgende Abbildung.

Zur Bedeutung des schwachen Wirtschaftswachstums in Russland und der Sanktionen für die Entwicklung des deutsch-russischen Handels schreibt Kluge:

„Einer dynamischeren Entwicklung deutsch-russischer Handelsbeziehungen steht Russlands wirtschaftliche Flaute im Weg. Russlands Wirtschaft wächst seit 2010 nur sehr langsam. Dafür ist zum einen die restriktive Geld- und Fiskalpolitik in Russland verantwortlich. Aber auch strukturelle Faktoren wie Russlands Demografie und das geringe Wachstumspotential der wichtigen Ölindustrie spielen dabei eine Rolle.

Schließlich haben auch die Sanktionen das Wirtschaftswachstum in Russland beeinflusst. Das Spektrum der ökonomischen Schätzungen ist groß, allerdings lassen die meisten Studien darauf schließen, dass Russlands Bruttoinlandsprodukt ohne die Sanktionen heute 1 bis 1,5 Prozent größer wäre. Eine rechnerische Trennung der 2014 nahezu zeitgleich eingeführten Sanktionen von USA, EU und Russland ist bei diesen Schätzungen kaum möglich.“

Zum Rückgang des deutschen Anteils an Russlands Warenimporten verweist Kluge auf die weltweit steigende Bedeutung des Handels mit China:

„Der Marktanteil deutscher Exporteure in Russland ist von 15,7 Prozent (2010) schrittweise auf 12,3 Prozent (2019) gefallen (Quelle: UN Comtrade). … Ursache ist vor allem der wirtschaftliche Aufstieg Chinas, der sich weltweit in vielen Handelsbilanzen niederschlägt. 21,9 Prozent der russischen Importe kamen 2019 aus China. Gerade bei den wichtigsten deutschen Exportgütern, etwa im Maschinenbau, ist der Wettbewerb aus Fernost intensiver geworden.“

Russland will den Transit durch die Ukraine beenden

Während Ostausschuss-Geschäftsführer Michael Harms in seiner Stellungnahme für die Anhörung erklärte, für ihn sei nicht erkennbar, wie Russland Nord Stream 2 als Waffe einsetzen könnte, schreibt Janis Kluge in seiner Stellungnahme für die Anhörung im Bundestag, erklärtes Ziel Gazproms sei es, mit der Pipeline den Transit durch die Ukraine zu beenden:

„Das Projekt Nord Stream 2 wurde kurz nach der Annexion der Krim durch Russland und dem Höhepunkt des Krieges im Donbas im Jahr 2015 initiiert. Das von Gazprom erklärte Ziel ist es, mit der Pipeline den Gas-Transit durch die Ukraine zu beenden.“

„Würde Nord Stream 2 ohne Einschränkungen in Betrieb genommen, wäre das Ende des ukrainischen Gas-Transits nur eine Frage der Zeit. Für Deutschland ergeben sich wirtschaftliche Vorteile, wenn der Transit von der Ukraine in die Ostsee verlegt wird. Im Umkehrschluss wird die Ukraine dadurch wirtschaftlich geschwächt. Damit dient Nord Stream 2 einem außenpolitischen Kerninteresse Moskaus: den pro-europäischen Kurs der Ukraine zu erschweren.“

Das Festhalten an Nord Stream 2 unterläuft die EU-Sanktionspolitik

Kluge meint, das Festhalten der Bundesregierung an Nord Stream 2 habe sich „eindeutig negativ“ auf die deutsche Russlandpolitik ausgewirkt, weil es die 2014 entwickelte Haltung gegenüber Moskau konterkariere:

„Mit der Unterstützung für die EU-Sanktionen signalisierte Deutschland der russischen Führung, dass man erstens die Ukraine gegen die russische Aggression unterstützen will, dass man zweitens bereit ist, für außenpolitische Interessen notfalls auch wirtschaftliche Kosten zu tragen, und dass man drittens großen Wert auf eine gemeinsame europäische und transatlantische Linie legt.

Parallel dazu wurde mit der Unterstützung von Nord Stream 2 in allen drei Punkten genau das entgegengesetzte Signal an Moskau und die eigenen Verbündeten übermittelt.“

Kluges Schlussfolgerung:

„Weil das Projekt die politische Wirkung der EU-Sanktionen unterläuft, ist es als Teil einer außenpolitischen Doppelstrategie aus Angeboten und Sanktionen ungeeignet und kommt auch als „selektives Engagement“ im Sinne der außenpolitischen Prinzipien der EU-Russlandpolitik nicht infrage.“

Ob er deswegen für einen Abbruch der Bauarbeiten eintritt, schreibt Kluge nicht. Er sagt das auch nicht in einem Video-Ausschnitt, den er von seiner Anhörung im Bundestag twitterte.

Der Energiehandel zementiert ein „autoritäres politisches Regime“

Kluge sieht nicht nur das Projekt Nord Stream 2 sehr kritisch. Er meint, dass generell „gerade die Energiebeziehungen“ den politischen Status quo in Russland „zementieren“. Von den deutschen Wirtschaftsbeziehungen mit Russland könnten keine positiven Auswirkungen auf die russische Innen- oder Außenpolitik erwartet werden.

Er begründet das in seiner Stellungnahme so:

„Die Präsenz deutscher Unternehmen kann das Ansehen der Bundesrepublik in Russland steigern. Allerdings können von den Wirtschaftsbeziehungen keine positiven Auswirkungen auf die russische Innen- oder Außenpolitik erwartet werden. Im Gegensatz zur Sowjetunion der 1970er Jahre ist die wirtschaftliche Verflechtung mit dem Westen heute ein integraler Bestandteil des russischen Autoritarismus. Aufgrund der stark personalisierten Kontrolle über die russischen Großkonzerne zementieren gerade die Energiebeziehungen den politischen Status Quo, anstatt im Sinne eines „Wandels durch Handel“ positive Veränderungen anzustoßen.“ …

Die „politische Dimension der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen“ beschreibt er so:

„Politik und Wirtschaft sind in Russland, insbesondere in der Energieindustrie, untrennbar miteinander verbunden. Die Kontrolle über Russlands Großunternehmen ist das Privileg einflussreicher Eliten. Auch die wichtigsten Staatskonzerne (Gazprom, Rosneft, Transneft und Rostec) und ihre Zulieferer werden von Personen aus Putins engstem persönlichen Umfeld kontrolliert. Die Konzerne operieren zwar in vielen Kontexten nach Marktlogiken, aber sie dienen auch der persönlichen Bereicherung russischer Elitennetzwerke und sind damit ein integraler Bestandteil des autoritären politischen Regimes. Gleichzeitig werden sie immer wieder in den Dienst des Kremls gestellt, um innenpolitisch die Macht zu sichern und außenpolitische Interessen durchzusetzen.“

In der Anhörung im Bundestag wiederholte Kluge Teile dieser Argumentation (Min. 78 bis 82). Politische und wirtschaftliche Macht seien in Russland nicht zu trennen. Ein Beispiel sei der Einsatz von Gazprom beherrschter Medien für innen- und außenpolitische Ziele des „Regimes“. Die Gazprom-Medien würden für antiwestliche und antideutsche Propaganda eingesetzt.

An „Wandel durch Handel“ glaubt Dr. Kluge nicht

Über seine Kritik an Nord Stream 2 hinaus empfiehlt Kluge für eine „zukunftssichere Gestaltung“ der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen, die engen Beziehungen zu russischen Großkonzernen schrittweise zu reduzieren. In der Anhörung sagte er, er halte die Dominanz von fossilen Energieträgern und von Staatskonzernen in den deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen für „problematisch“. In seiner Stellungnahme schreibt er:

„Die Dominanz des Handels mit fossilen Energieträgern und die engen Beziehungen zu russischen Großkonzernen, die im weitesten Sinne zum Machtapparat des politischen Regimes gehören, bergen klima- und außenpolitische Risiken. Die bestehenden langfristigen Abhängigkeiten sollten hier nicht weiter vertieft, sondern schrittweise reduziert werden.

Ein besonderes Augenmerk könnte hingegen auf kleine und mittelständische Unternehmen bzw. Startups gelegt werden. Die Zusammenarbeit bei klimafreundlichen Technologien und erneuerbaren Energien ist wünschenswert. Bilaterale Großprojekte bedürfen hingegen einer expliziten außenpolitischen Bewertung.

Gleichzeitig gilt es, effektiver gegen Geldwäsche vorzugehen, was am ehesten als gemeinsames Projekt auf transatlantischer Ebene gelingen werden kann.“

Diese Argumentation trug er auch am Schluss der Anhörung im Bundestag vor (Min. 119 bis 122). An das Konzept „Wandel durch Handel“ glaube er nicht.

Ehemaliger OA-Vorsitzender Dr. Cordes: Sanktionen treiben Russland in Richtung China

Dr. Eckhard Cordes, Aufsichtsratsvorsitzender der Bilfinger SE (und von 2010 bis 2015 Vorsitzender des Ost-Ausschusses), unterstrich bei der Anhörung im Bundestag, dass „EU-Europa“ nur eine tragfähige Zukunft mit Russland und nicht gegen Russland haben werde. Er sprach sich für eine partnerschaftliche Beziehung aus.

Sanktionen hätten eine starke psychologische Wirkung. Bei Sanktionen stelle sich vor allem die Frage, wie man davon wieder herunterkomme. Mit Sanktionen könnten weitere politische Ziele nicht erreicht werden.

Russland werde mit den Sanktionen „in Richtung China getrieben“. Eigentlich entspreche diese Orientierung aber nicht den Intentionen der russischen Regierung. Sein Pessimismus hinsichtlich der Entwicklung der Beziehungen zu Russland sei zwar nicht mehr so ausgeprägt wie vor fünf Jahren, aber der Blick nach vorne stimme ihn nicht hoffnungsfroh (Min. 26 bis 29).

Zu Nord Stream 2 erklärte Cordes, die Pipeline liege im deutschen und europäischen Interesse. Auf Gas und Öl würden Deutschland und Europa noch Jahrzehnte in der Energieversorgung angewiesen sein. Wir müssten alles in unserer Kraft stehende tun, um die Pipeline fertigzustellen. Deutschland erhöhe durch Nord Stream 2 seine Abhängigkeit von russischen Gaslieferungen nicht. Es gebe für den Notfall genügend andere Gaslieferanten. Russland habe niemals Gas oder Öl als politische Waffe eingesetzt. Es wolle seine Kunden in Europa, von denen es abhängig sei, nicht verlieren.

Außerdem, so Cordes in der Anhörung, könne er sich eine weitere „hässliche“ Bemerkung zur künftigen Energieversorgung nicht verkneifen. Mit Erneuerbaren Energien werde man, „das Ding nicht in den Griff kriegen“. Als Aufsichtsratsvorsitzender von Bilfinger sehe er, was in Europa an neuen Nuklearprojekten in Angriff genommen werde (Min. 64 bis 69).

Sachverständige bei der Anhörung im Bundestag

Titelbild
Titelbild: Screenshot Parlamentsfernsehen Deutscher Bundestag – öffentliche Experten-Anhörung zur Entwicklung der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen im Ausschuss für Wirtschaft und Energie, Mittwoch, 24. Februar 2021

Lesetipps und Quellen:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft: Virtueller Jahresauftakt am 25.02.2021

Deutsch-russischer Handel 2020; Ost-Ausschuss-Statistik

AHK Russland: Russlandkonferenz 2021 am 16.02.2021

Politik in Russland; deutsch-russische Beziehungen; Sanktionen

Nord Stream 2

Russlands Außenhandel und Zahlungsbilanz

„Monetary Policy Report“ vom 20.02 und Präsentationen der Zentralbank für Investoren

Wöchentliche Berichte zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland

Marina Voitenko; politcom.ru: Wirtschaftspolitischer Wochenrückblick; jeweils donnerstags

Vnesheconombank Institute:World Economy and Markets Review“ mit Russland-Themen:

Sberbank: Wochenbericht „Global Economic News“ mit folgenden Russland-Themen:

Dmitry A. Zaitsev; Rechnungshof-Wochenbericht:Economic Monitoring

BOFIT (Bank of Finland): BOFIT Weekly (Russland und China im wöchentlichen Wechsel; donnerstags finnische; freitags englische Ausgabe); BOFIT Russia Statistics

Sonstige periodische Berichte zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik

Weitere Berichte zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland