Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Simon SchüttVon

Thomas Stärtzel löste im Mai Philippe Pegorier als AEB-Vorstand ab – einem Bericht zufolge war das eine Revolte gegen den Sanktionsgegner

Ein aktueller Bericht offenbart die Machtspiele, die im Hintergrund der Wahl eines neuen Vorstandsvorsitzenden für den europäischen Unternehmerverband AEB (Association of European Businesses) vor sich gingen. Dass nun der deutsche Chef von Porsche in Russland, Thomas Stärtzel, und nicht mehr Alstrom-CEO Philippe Pegorier dem AEB vorsitzt, habe möglicherweise mit dem Druck europäischer Botschaften, Sanktionen und einer „deutschen Übernahme“ zu tun, schreibt die „Moscow Times“.

Bereits im Mai wählte die Association of European Businesses (AEB), die wichtigste Vertretung europäischer Unternehmen in Russland, einen neuen Vorstandsvorsitzenden. Dabei gewann der Deutsche Thomas Stärtzel, der Chef von Porsche in Russland. Er löste den bisherigen AEB-Vorsitz ab, den Franzosen und Alstrom-Chef Philippe Pegorier (Ostexperte.de berichtete). Pegorier war seit Mai 2014 AEB-Vorstandsvorsitzender.

Nun berichtet die Moscow Times aber davon, dass es sich dabei um eine Art Revolte gehandelt haben, bei der auch der Druck europäischer Botschaften eine Rolle gespielt habe. Pegorier sei zu laut gegen die westlichen Russland-Sanktionen eingetreten, äußerten sich vier Personen aus AEB-Kreisen, darunter ehemalige und aktuelle Vorstandsmitglieder, gegenüber der englischsprachigen Zeitung.

Pegorier ausmanövriert

Bei der Abstimmung der rund 500 AEB-Mitglieder, um einen neunköpfigen Vorstand zu wählen, hatte Pegorier die meisten Stimmen erhalten. 28 Stimmen, wie auch Alexander Liberov, der CFO von Siemens in Russland. Pegorier sei davon ausgegangen, dass er, wie normalerweise üblich, zum Vorstand gewählt würde.

Bei der Sitzung des Vorstands sei er bei der Vorsitzenden-Wahl jedoch ausmanövriert worden, so die Moscow Times. Am Ende stand es fünf gegen vier und Stärtzel wurde gewählt – eine eigentlich in AEB-Kreisen bislang eher unbekannte Persönlichkeit. Stärtzel sei im Rahmen der AEB in seinen sieben Jahren in Moskau nur im Automobile-Kommittee tätig gewesen (hier ein Porträt von ihm bei der Moskauer Deutschen Zeitung).

Thomas Stärtzel, Vierter bei der AEB-weiten Abstimmung, sei das Gesicht der „Anti-Pegorier-Bewegung“ geworden, heißt es aus Unternehmenskreisen. Der Sieg Stärtzels bei der Vorstandswahl habe für Verwunderung und teilweise Ärger in der Business-Community gesorgt. Auch von einer „teils recht emotionale Reaktion“ spricht der Chef eines europäischen Unternehmens.

Porsches Russland-Chef traf sich auch mit der Moscow Times zu einem Gespräch zum Thema. Daraus durfte jedoch nichts veröffentlicht werden. Stattdessen lautet sein schriftliches Statement: „Mein Job ist es, zu vereinen, verschiedene Positionen im Vorstand zu respektieren und einen offenen, transparenten und geschätzten Austausch von Ideen für konstruktive Lösungen und Entscheidungen im Interesse unserer Mitglieder zu sichern.“ Allgemeinplätze also, nichts Neues zu den erhobenen Vorwürfen.

„Das war eine Palastrevolte, keine Revolution“

Andererseits, hält die Moscow Times fest, wurden bei der Wahl keine Regeln verletzt, obgleich natürlich die Wahrnehmung einer anti-demokratischen Entscheidung bei einigen Mitgliedern einen unangenehmen Nachgeschmack hinterlassen habe.

„Das war eine Palastrevolte, keine Revolution“, drückt das der stellvertretende Leiter eines AEB-Kommittees aus.

Haben die EU-Botschafter Druck ausgeübt?

Pegorier selbst will die Namen derer, die er als Köpfe hinter seiner Absetzung sieht, nicht nennen. Jedoch sagt er, er sei wegen seiner Haltung zu den Sanktionen unter Druck von Europäischen Botschaftern in Moskau und der EU-Delegation in Russland geraten.

Pegorier hatte sich immer wieder gegen die EU-Position und in Pressemitteilung gegen die Sanktionen ausgesprochen. Auch im russischen Staatsfernsehen sprach er dazu.

„Natürlich haben einige EU-Botschafter versucht, mich und die Vorstandsmitglieder zu beeinflussen“, sagt Pegorier. Mindestens drei Personen aus AEB-Kreisen bestätigen, dass es politischen Druck von außen gegeben habe.

Der deutsche AEB-CEO Frank Schauff hingegen weist das zurück: „Jegliche Versuche, der Botschaften, die AEB in eine bestimmte Richtung zu drängen, würde zu einem schweren Konflikt führen – das ist jedoch nie geschehen.“

Die Delegation der EU in Russland verweist auf die Unabhängigkeit der AEB. Man habe „keine Rolle bei der Formulierung der Positionen der AEB“, heißt es in einer Stellungnahmen gegenüber der Moscow Times.

Zwei Personen mit Kenntnis der Situation sagten der Moscow Times, die Kampagne, Stärtzel zu installieren, sei von Siemens angestoßen worden. Siemens ist ein Wettbewerber von Pegoriers Unternehmen Alstrom. Vize-Vorsitz ist nun Alexander Liberov, der Chief Financial Officer von Siemens in Russland. Siemens antwortete nicht auf die Anfragen dazu der Moscow Times.

Pegorier: Mit Unterstützung von Russlands Offiziellen

Die Diskussion darum, dass die Absetzung Pegoriers politische Gründe haben könnte, wird dadurch nicht abgeschwächt, dass ihm nun, nur drei Monate nach der Wahl, von Russlands Präsident Wladimir Putin der „Orden der Völkerfreundschaft“ verliehen wurde (Ukas vom 4. August, Pressemitteilung der AEB). Das ist die höchste Auszeichnung, die ein Ausländer in Russland erhalten kann.

Und das war nicht seine erste Ehrung von offizieller Seite. Im Mai 2015 erhielt der Franzose von Außenminister Sergej Lawrow eine Auszeichnung für seinen „Beitrag zur internationalen Kooperation“.

Pegorier sieht beides als Zeichen der Unterstützung, die er von offizieller Seite in Russland habe.

Auffällig ist dabei jedoch, dass Pegoriers Vorgänger Reiner Hartmann (damals E.on Ruhrgas; jetzt Uniper-Geschäftsführer), der über Jahre AEB-Vorsitzender war, keine Auszeichnungen erhielt. Hartmann wollte sich zur Sache jedoch nicht äußern.

Ein Geschäftsmann aus AEB-Kreisen sagte der Moscow Times, Pegoriers Kritik an der EU sei definitiv Musik in den Ohren des Kremls gewesen. „Das ist in jedem Fall das, was die Russen von europäischen Unternehmen in Russland hören wollen.“ So wolle der Kreml Zwietracht zwischen den europäischen Ländern säen und so die Sanktionsbereitschaft schwächen.

„Ob Russland falsch liegt oder nicht, erscheint nicht in der Bilanz deines Unternehmens.“

„Ob Russland falsch liegt oder nicht, erscheint nicht in der Bilanz deines Unternehmens“, äußerte sich Pegorier etwa zu den Sanktionen. Oder: „Die Mitglieder sind bereit für eine Sache zu zahlen: Einfluss auf die russischen Behörden. Wenn wir nicht das Vertrauen der Behörden haben, können wir einpacken und nach Hause gehen.“

Seine harten Attacken auf die EU hätten aber auch bei den AEB-Migliedern zunehmend für Verwunderung gesorgt, so der stellvertretende Vorsitzende eines AEB-Kommittees. Pegorier habe das Thema Sanktionen oft und sehr deutlich angerissen – egal wer zuhörte.

Allerdings ist das Thema Sanktionen momentan nicht unbedingt die Hauptschwierigkeit der ausländischen Unternehmen in Russland. Weniger als 20 Prozent der Befragten gaben in einer AEB-Umfrage von 2015 an, dass sie von den Sanktionen beeinflusst würden, betont Frank Schauff. Viel schwerwiegender sei der Kampf gegen die Effekte des Rubelverfalls und die Rezession der russischen Wirtschaft.

„Deutsche Übernahme“

Der Streit bei der AEB spiegelt in gewissem Sinne auch die Differenzen der europäischen Länder über die Sanktionenfrage wider.

Die EU-Sanktionen gegen Russland waren zuletzt um sechs weitere Monate bis 31.01.2017 verlängert worden. Für eine weitere Verlängerung ist jedoch eine einstimmige Zustimmung aller Mitgliedsländer nötig. Italien, Slowenien und Griechenland gehören in der EU eher zu den Sanktionskritikern, Großbritannien, Polen und die baltischen Staaten gelten als Befürworter einer härteren Linie gegenüber Russland. Deutschland gilt hier als Zünglein an der Wage.

Diese Tendenzen zeigen sich teilweise auch bei der AEB. Meist wird bei den Wahlen der AEB-Mitglieder nämlich national abgestimmt, das heißt französische Unternehmen wählen eher Franzosen, deutsche Unternehmen Deutsche. Nun stellen aber die deutschen Firmen zahlenmäßig die größte Gruppe in der AEB – vor Franzosen und Briten.

Pegorier wird von einem Unternehmenschef vorgeworfen, mit den Italienern gemeinsame Sache machen zu wollen und diese in den Vorstand zu bringen, die die Anti-Sanktions-Linie Roms eher unterstützten.

Die Abwahl Pegoriers bezeichnet ein britscher Geschäftsmann auch als „deutsche Übernahme“. Alle wichtigen Positionen bei der AEB sind nun in deutscher Hand: Vorstandsvorsitz ist Stärtzel, Vize-Vorstand Siemens Alexander Liberov und AEB-CEO Schauff.

Pegorier hält diese „deutsche Kontrolle aller wichtigen AEB-Posten“ für „inakzeptabel“.

Simon Schütt
Über den Autor

war von September 2015 bis September 2016 Chefredakteur bei Ostexperte.de.

Derzeit arbeitet er bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Bevor er zu Ostexperte.de kam, war er Redakteur der Moskauer Deutschen Zeitung. Dort schrieb er vor allem für das Wirtschafts-, das Digital- und das Moskau-Ressort.

Der Berliner hat in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert und dort bei der Österreich-Ausgabe des Werbe-, Marketing- und Medien-Fachmagazins Horizont gearbeitet.