Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

Schafft Russland 2019 doch noch 1,3 Prozent Wachstum?

Bis vor kurzem nahmen viele Beobachter ihre Prognosen für das diesjährige Wachstum der russischen Wirtschaft immer weiter zurück. Ende Oktober unterschritten mehrere Analysten-Umfragen mit 1,1 Prozent noch die Wachstumserwartung der Regierung (1,3 Prozent). Jetzt keimt aber Hoffnung auf mehr Wachstum auf.

Die Industrieproduktion wuchs im bisherigen Jahresverlauf stetig. Im dritten Quartal zogen auch die Wachstumsraten des Einzelhandels und der Anlageinvestitionen an. Die Anlageinvestitionen sind aber immer noch etwas niedriger als vor rund 5 Jahren. Im Vergleich mit dem Jahr 1990 am Ende der Sowjetunion sind sie sogar um rund ein Viertel gesunken.

Zentralbank: Bisherige Wachstumserwartungen wurden übertroffen

Auch die russische Zentralbank ließ in ihrem am Freitag veröffentlichten monatlichen Konjunkturbericht mehr Optimismus erkennen. Im ablaufenden Jahr werde die Wachstumsrate wohl nahe am oberen Rand der von der Zentralbank erwarteten Spanne von 0,8 bis 1,3 Prozent liegen, liest man dort.

Die Zentralbank stellt fest, schon im dritten Quartal sei der gesamtwirtschaftliche Produktionsanstieg gegenüber dem Vorjahresquartal mit 1,7 Prozent höher ausgefallen als sie erwartet habe. Als Wachstumstreiber nennt sie den Großhandel und die gute Ernte in der Landwirtschaft.

Im Oktober sei die Wirtschaftsaktivität weiter gestiegen. Mit dem Wachstum der investiven Ausgaben im Staatshaushalt habe sich auch der Anstieg der Investitionen in der Gesamtwirtschaft beschleunigt.

Vnesheconombank (VEB): 1,3 bis 1,4 Prozent Wachstum sind erreichbar

Die staatliche „Bank für Entwicklung und Außenwirtschaft“ (Chefvolkswirt Andrei Klepach, früherer Leiter der Konjunkturabteilung des Wirtschaftsministeriums) meinte letzte Woche im Konjunkturbericht ihres Forschungsinstituts auch, die günstige Entwicklung im September und Oktober erlaube es, für 2019 ein Wirtschaftswachstum von 1,3 bis 1,4 Prozent zu erwarten. Einkalkuliert sei dabei, dass sich die wirtschaftliche Dynamik im November und Dezember wohl abschwächen werde, weil dann von der guten Ernte der Landwirtschaft nicht mehr so starke Wachstumsimpulse zu erwarten seien.

Den Anstieg des Bruttoinlandsprodukts in den ersten zehn Monaten schätzt das VEB-Institut im Vorjahresvergleich auf 1,3 Prozent. Diese Schätzung hatte zuvor bereits das Wirtschaftsministerium in seinem Bericht „Bild der Wirtschaftsaktivität“ zu den vom Statistikamt Rosstat veröffentlichten Monatsdaten für Oktober vorgelegt. Den Anstieg des BIP allein im Oktober veranschlagt VEB mit 2,4 Prozent sogar höher als das Ministerium (2,2 Prozent).

Wirtschaftsministerium blieb bisher bei Wachstumsprognose für 2019

Die folgende Abbildung aus dem Monatsbericht des Wirtschaftsministeriums zeigt seine Schätzungen für die monatliche Entwicklung der jährlichen Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (hellblaue Linie) und die von Rosstat berechneten vierteljährlichen Wachstumsraten (dunkelblaue Punkte).

Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts
Veränderung gegenüber Vorjahr in Prozent

Quelle: Wirtschaftsministerium: Bild der Wirtschaftsaktivität; Bericht zu Rosstat-Monatsdaten, 20.11.2019

Laut Rosstat beschleunigte sich das Wirtschaftswachstum von nur 0,5 Prozent im ersten Quartal 2019 auf 1,7 Prozent im dritten Quartal.

Im Gesamtjahr 2019 erwartet das Wirtschaftsministerium bisher weiterhin 1,3 Prozent Wachstum. Finanzminister Siluanow meinte in einer Rede vor dem Föderationsrat am 25. November allerdings, das Wachstum könne auch stärker sein. Präsidentenberater Belousov hatte zuvor gesagt, das Wachstum werde wahrscheinlich 1,3 bis 1,5 Prozent erreichen, so TASS.

Analysten nähern sich der Wachstumserwartung der Regierung für 2019

In der jüngsten Umfrage des Research-Unternehmens FocusEconomics stieg die durchschnittliche Wachstumsprognose für 2019 von 1,1 auf 1,2 Prozent. Genau auf die Regierungsprognose von 1,3 Prozent hoben Ende November die Konjunkturexperten der Rating-Abteilung der Nachrichtenagentur RIA ihre Prognose für 2019 an.

Viele andere Beobachter gehen aber weiterhin davon aus, dass sich Russlands Wachstum in diesem Jahr mehr als halbiert und auf 1,1 Prozent oder noch tiefer fällt. Auch die GTAI weist in der Herbstausgabe ihrer halbjährlich erscheinenden Veröffentlichung „Russland – Wirtschaftsdaten kompakt“ für 2019 eine Wachstumsprognose von 1,1 Prozent aus. 2020 soll sich das Wachstum in Russland dann auf 1,9 Prozent beschleunigen. Diese Prognosen entsprechen den Mitte Oktober vom Internationalen Währungsfonds veröffentlichten Erwartungen.

Im Durchschnitt trauen die Analysten laut FocusEconomics der russischen Wirtschaft 2020 aber nur ein Wachstum von 1,7 Prozent zu.

Wachstumsprognosen 2019 bis 2021
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

   201920202021
Helaba, Frankfurt11/29/20191.31.71.7
Commerzbank, Frankfurt11/29/20191.21.61.3
FocusEconomics,
Consensus Forecast
11/26/20191.21.71.9
GTAI11/26/20191.11.9
Berenberg Bank, Hamburg11/25/20190.811.7
RIA Rating11/22/20191.3
OECD, Paris11/21/20191.11.61.4
UniCredit, Mailand11/21/20191.11.11.4
Economist Intelligence Unit11/20/20191.11.51.7
OPEC, Wien11/14/201911.2
DekaBank, Frankfurt11/13/20191.11.7
ING, Amsterdam11/12/201911.51.7
Morgan Stanley11/09/20191.11.6
Eurasian Development Bank11/08/20191.11.82
Macro Advisory, Moskau11/08/20191.21.8
EU-Kommission, Br?ssel11/07/201911.41.5
Sachverst?ndigenrat, Wiesbaden11/06/20190.71.3
EBRD, London11/06/20191.11.7
WIIW, Wien11/06/20191.11.71.9
Reuters Umfrage10/31/20191.11.6
Sberbank10/31/201911.72.2
Alfa Bank10/31/20191.11.4
Russische Zentralbank,
Basisszenario
10/25/20190,8 bis 1,3
Urals 63 $/b
1,5 bis 2,0
Urals 55 $/b
1,5 bis 2,5
Urals 50 $/b
Citibank10/23/20191.322.5
IWF, New York10/15/20191.11.92
Russisches Wirtschaftsministerium;
Basisszenario für Haushaltsplan
09/30/20191.3
Urals 62,2 $/b
1.7
Urals 57,0 $/b
3.1
Urals 56,0 $/b

Aktuelle Lage: Stetiges Wachstum der Industrie; Belebung im Einzelhandel

Zur aktuellen Entwicklung der Industrieproduktion und des Einzelhandels veröffentlichte das Forschungsinstitut BOFIT der finnischen Zentralbank in seinem Wochendienst BOFIT Weekly am Freitag folgende Abbildung:

Reales Wachstum der Produktion in den Bereichen
Rohstoffgewinnung („Extractive industries“),
Verarbeitendes Gewerbe („Manufacturing industries“) und
Einzelhandel (“Retail trade“);
Veränderungen gegenüber Vorjahresmonat in Prozent

BOFIT (Bank of Finland): Russian economic growth remained moderate in October; 29.11.2019

Erkennbar ist:

  • Der Kernbereich der Industrie, das Verarbeitende Gewerbe (schwarze Linie), ist 2019 ziemlich stabil gewachsen (allerdings mit kräftigen Schwankungen von Monat zu Monat).
  • Die Wachstumsrate des Bereichs „Bergbau, Förderung von Rohstoffen“ (gestrichelte Linie), die sich im Verlauf des Jahres 2018 stark beschleunigt hatte, sank im Verlauf des Jahres 2019 deutlich.
  • Auch die Wachstumsrate des Einzelhandels (rote Linie) verringerte sich 2019 lange. Zuletzt beschleunigte sich der reale Umsatzanstieg im Einzelhandel jedoch.

Eine Tabelle im monatlichen Konjunkturbericht der Zentralbank, der in der ersten Dezember-Woche auch in Englisch verfügbar sein dürfte, weist aus, dass das Wachstum im Einzelhandel im Oktober auf 1,6 Prozent anzog, was auf den kräftigen Anstieg der real verfügbaren Einkommen der Haushalte im dritten Quartal (+ 3,0 %) zurückzuführen sein dürfte. Zuvor hatte sich der reale Umsatzanstieg im Einzelhandel von 1,9 Prozent im ersten Quartal auf nur noch 0,8 Prozent im dritten Quartal abgeschwächt.

Die gesamte Industrieproduktion war im Oktober um 2,6 Prozent höher als vor einem Jahr. Die Quartalswerte zeigen das stetige Wachstum der Industrie im laufenden Jahr: Im dritten Quartal stieg ihre Produktion um 2,9 Prozent, im zweiten Quartal um 3,0 Prozent.

Die Bauproduktion stagnierte im dritten Quartal zwar nicht mehr fast auf dem Vorjahresniveau. Sie stieg aber nur schwach um 0,5 Prozent. Erst im Oktober beschleunigte sich der Anstieg auf 1,0 Prozent.

Auch die Anlageinvestitionen wachsen jetzt schneller

Im ersten Quartal und zweiten Quartal sind die Anlageinvestitionen im Vorjahresvergleich nur um 0,5 Prozent bzw. 0,6 Prozent gestiegen. Im dritten Quartal beschleunigte sich ihr Wachstum nach Schätzungen der Zentralbank aber auf 0,8 bis 0,9 Prozent. Dazu habe die Ausweitung der öffentlichen Investitionsausgaben um 14,7 Prozent beigetragen.

Das Statistikamt Rosstat schätzt in seinem jüngsten Monatsbericht zur sozio-ökonomischen Lage in Russland, dass die Anlageinvestitionen im Zeitraum Januar bis September 0,7 Prozent höher gewesen sind.

Im vierten Quartal erwartet die Zentralbank angesichts der anziehenden Ausgaben des Staates ein weiter beschleunigtes Wachstum der Anlageinvestitionen um 2,0 bis 2,5 Prozent.

CMASF: Anlageinvestitionen erholten sich auf den Stand von 2014

Die folgende Abbildung des „Zentrums für makroökonomische Analyse und kurzfristige Prognose“ zeigt, dass sich die saisonbereinigten Anlageinvestitionen damit im dritten Quartal fast wieder auf den vor fünf Jahren erreichten Stand erholt haben.

Anlageinvestitionen
(in Prozent des durchschnittlichen Quartalswertes im Jahr 2012;
helle Linie: unbereinigte Werte; dunkle Linie: saisonbereinigte Werte)

Quelle: Center for Macroeconomic Analysis and Short-term Forecasting, CMASF: Trends in the Russian Economy; 22.11.2019

Anlageinvestitionen sind aber noch einViertel niedriger als vor 30 Jahren

Was viele erstaunen dürfte: Die Anlageinvestitionen in Russland sind wegen ihres sehr starken Einbruchs in den Jahren nach dem Ende der Sowjetunion auch 2019 noch rund ein Viertel niedriger als im Jahr 1990. Das läßt sich jedenfalls einer am 21. November von Rosstat veröffentlichten umfangreichen Datensammlung („Investitionen in Russland 2019, 230 Seiten) entnehmen.

Laut Tabelle 2.2 auf Seite 36 sanken die preisbereinigten Anlageinvestitionen von 1990 bis 1998 um rund 79 Prozent. Bis 2013 erholten sie sich auf rund 76 Prozent des Standes von 1990. Der Rückgang der Anlageinvestitionen im Verlauf der letzten Rezession um insgesamt rund 12 Prozent ließ sie 2018 nur rund 74 Prozent des Volumens von 1990 erreichen, obwohl sie 2017 und 2018 um 4,8 und 4,3 Prozent stiegen.

Titelbild

Titelbild: DedMityay / Shutterstock.com

Quellen und Lesetipps:

Konjunktur in Russland und Mittel- und Osteuropa;
periodisch erscheinende Berichte

Konjunkturstatistiken und –berichte von Rosstat, Ministerien, Zentralbank

Monatsberichte Wirtschaft Oktober 2019 von Rosstat, Ministerien und Zentralbank

Zentralbank Konjunkturbericht „Talking Trends“

Internationale Wirtschaftsorganisationen zur russischen Wirtschaft

Internationaler Währungsfonds

Sonstige Veröffentlichungen zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann seit Anfang November 2019:

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.