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Startup-Szene: Was Moskau zum Silicon Valley fehlt

Moskau wird als aufsteigende Weltmetropole für Startups gehandelt. Potenzial und innovatives Umfeld sind da – doch die Realität zeigt: Startkapital ist nur schwer zugänglich. Und die staatliche Förderung leidet an einem Übermaß an Bürokratie.

Von Christopher Braemer, Moskauer Deutsche Zeitung

Tabelle Startups

Quelle: MDZ

In manchen Kreisen gilt Moskau als einer der Top-Aufsteiger unter den globalen Startup-Metropolen. Laut dem neuesten vorliegenden „Global Startup Ecosystem Ranking“, das jährlich von den „Compass“-Analytikern aus San Francisco ermittelt wird, reiht sich Moskau hinter so illustren Orten wie dem Silicon Valley, Berlin und Singapur auf dem 13. Platz der Städte mit dem weltweit größten Gründerpotenzial ein (siehe Tabelle). Beim Kriterium „Talent“ liegt es sogar nur knapp hinter dem amerikanischen IT-Paradies in der Nähe von San Francisco. Freilich bleibt bei diesem Ranking im Dunkeln, wie viele Städte gegeneinander antreten mussten.

Überschuss an Talent

„Moskau ist kein zweites Silicon Valley, aber gehört definitiv zu den besten Städten der Welt, um ein Projekt umzusetzen“, sagt Margerita Schestakowa vom Gründungszentrum der Higher School of Economics (HSE) in Moskau. „Es hat sich ein innovatives Umfeld entwickelt. Dazu gehören tägliche Veranstaltungen zur Unternehmensgründung, aber auch die nötige Risikobereitschaft potenzieller Gründer“, so Schestakowa.

In Moskau gebe es unerschöpfliches Talent, das trotzdem bezahlbar bleibe, dazu Zugang zu Investitionen und günstige Mieten. „Es gibt nach wie vor eine Menge kreativer Köpfe, die ihre Ideen in die Tat umsetzen wollen“, so Schestakowa. „Die Krise wird nicht ewig währen“, ergänzt sie. Das Gründungszentrum der HSE veranstaltet regelmäßig Meetings für junge Unternehmer, bietet günstige Coworking-Plätze und ein Netzwerk an jungen Spezialisten. Seit 2006 hat es über 100 Startups auf die Beine geholfen.

Kostengünstige Unternehmensgründung

So verkaufte das geförderte Startup „Statsbot“ vor kurzem acht Prozent seiner Unternehmensanteile für 200.000 Dollar an den US-amerikanischen Startup-Acceleratoren (zu Deutsch: Beschleuniger) „Betworks“. Vom Gründungszentrum der HSE profitiert auch Jewgenij Lobatschjow, CEO des auf Minianleihen basierenden Startups „Suretly“. Bevor er im Mai nach Moskau zurückkehrte, versuchte der 33-Jährige sein Glück im Silicon Valley. 

Auch er sieht einige Vorteile auf der Seite Moskaus: In den Staaten sei die Unternehmensgründung drei- bis fünfmal so teuer. Allein die bürokratischen Ausgaben dafür lägen bei über 2.000 US-Dollar. Von den überhöhten Kosten für die Rechtsberatung ganz zu schweigen. Die Gründung einer russischen Gesellschaft mit begrenzter Haftung, OOO, hingegen koste etwa 180 US-Dollar. Laut Lobatschjow sei der größte Vorteil Moskaus das Gehaltsniveau: „Einen guten Mitarbeiter für unter 10.000 Dollar pro Monat zu finden, ist im Silicon Valley praktisch unmöglich“, so der Suretly-CEO. Das sei hier anders.

Mangel an Investitionen

Allerdings mangele es in der russischen Hauptstadt an zahlungsbereiten Investoren. Denn die anhaltende Wirtschaftskrise habe ihre Spuren in der Startup-Szene hinterlassen. Eine Vielzahl junger Startups sei nach Kalifornien, Hong Kong und Singapur gezogen, um der Unsicherheit und den schwankenden Geschäftsbedingungen zu entgehen, so Lobatschjow. Laut Schestakowa sei auch die Zahl der Gründungszentren und  Business-Acceleratoren gesunken. Das wiederum habe zu einer Verschlechterung der ohnehin schon schweren Lage geführt.

Auf der anderen Seite gebe es weiterhin Spezialisten, die hart daran arbeiten, Venture Fonds zu entwickeln und Startups mit finanziellen Mitteln sowie betriebswirtschaftlichen Know-how zu helfen. „Es gibt mehr und mehr Firmen, die eigene Gründungszentren einrichten und mit externen Investoren kooperieren. Sie suchen nun gezielt Startups, die in ihr Profil passen”, so Schestakowa. Die vielversprechendsten Märkte für Projektideen konzentrierten sich auf Bio- , Finanz- und Umwelttechnologie sowie Medizintechnik. Allerdings würden Projekte in diesen Bereichen laut Schestakowa noch zu selten realisiert.

Zentralisiert und bürokratisch

Zu den Unterstützern von Startups mit hohem Innovationspotential gehört die Bortnik-Stiftung. Seit Gründung im Jahr 1993 durch den auf Innovationen spezialisierten HSE-Professor Iwan Bortnik förderte sie insgesamt über 15.000 Unternehmer und 5.500 Startups. Außerdem bieten der Entwicklungsfonds für Internetinitiativen (FRII) sowie das Innovationszentrum Skolkowo Unterstützung für Gründer. 

Mithilfe des FRII wurde zum Beispiel der Onlinedienstleister „Starttrek“ geschaffen. Das Startup übernimmt seinerseits Projekte mit Wachstumspotenzial und unterstützt sie mit betriebswirtschaftlichem Know-how. Seit Gründung vor zwei Jahren förderte es über 28 andere Startups mit Investitionen im Wert von über einer halben Milliarde Rubel (etwa 7,5 Millionen Euro).

Förderung durch den russischen Staat

„Es ist möglich, Investoren zu finden, allerdings nur, wenn deutlich abzusehen ist, dass die eigene Idee in kürzester Zeit Geld einbringen wird“, weiß auch Alexej Malychin. Vor etwa einem Jahr gründete er den Dienstleister „Delomarket“, der sich auf Fachkräfte-Vermittlung für Unternehmen spezialisiert hat. Das Problem staatlicher Förderung liege laut Malychin vor allem im großen bürokratischen Aufwand.

„Der Umfang an Dokumenten, um nach Skolkowo zu kommen, gleicht dem einer Dissertation“, so Malychin. „Staatliche Förderung ist zentralisiert und schwer zugänglich“, resümiert auch Jewgenij Lobatschjow. Dies führe zu einer Situation, die junge Gründer in eine Art „Winterschlaf“ versetze, während dem sie auf bessere Zeiten hofften. „Ein gutes Startup braucht die Hilfe der Regierung nicht“, so Lobatschjow. Deren Hauptaufgabe bestehe vielmehr darin, junge Gründer nicht zu stören. Damit würde man in Zukunft auch vermeiden, dass die Talente der Hauptstadt ins Ausland flüchteten.

Titelbild

Quelle: sk.ru

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