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Dominik KalusVon

Fünf nervige Eigenschaften der Russischen Sprache

In unserer Sprachkolumne widmen wir uns der Plackerei des Russischlernens. Heute erzählt unser Autor, was ihn an der russischen Sprache nervt – und warum er trotzdem dranbleibt.

Dostaprimetschatelnostsh. Was klingt wie ein mythischer Zauberspruch, ist nichts anderes als das russische Wort für „Sehenswürdigkeit“ (достопримечательность). Lange Wörter, fremde Schrift, schwere Aussprache: Wer nach „Mama“ (мама), „Wodka“ (водка) und „Butterbrod“ (бутерброд) gedacht hat, die russische Sprache wäre leicht zu lernen, wird schnell ernüchtert. Klar geht es auch schlimmer – in den Rankings der schwersten Sprachen der Welt taucht Russisch oft gar nicht auf. Trotzdem sorgt der Lernprozess für manchen Frust, und den will ich mit diesem Text ablassen. Also hier fünf Aspekte, die einen am Russischen verzweifeln lassen.

1. Die Russen sind dekliniersüchtig

Wenn aus Alexander „Alexandra“ wird, dann ist keine Geschlechtsumwandlung im Spiel, du bist nur in Russland. Gefühlt ALLES erhält eine andere Endung beim Sprechen, auch Namen, Monate und Zahlen. So hören Russen wirklich die Band Metallicu, während sie Pizzessen und Coltrinken. Dabei kommt es immer darauf an, ob ein Satz verneint wird oder nicht: „Mit Zucker“ heißt „s sacharom“ (с сахаром), „ohne Zucker“ heißt „bes sachara“ (без сахара). Darauf muss man erstmal kommen! Und weil das noch nicht schwer genug ist, gibt es zusätzliche Regeln und Ausnahmen. So kommt zum Beispiel nach allen Zahlen, die mit 2, 3 oder 4 enden, eine andere Endung als bei den restlichen. Man hat wirklich das Gefühl, manche Regeln wurden absichtlich eingeführt, um Ausländer zu trollen.

2. Man muss so viel nachdenken

Das Russischsprechen ist anfangs wenig intuitiv. Nicht nur muss man im Kopf die Worte übersetzen und Endungen würfeln, sondern auch durchdenken, was man da eigentlich ausdrücken will. Lebt das Ding, von dem ich spreche?* Beschreibe ich einen Prozess oder ein Ergebnis?** Gehe ich zu einem Ort oder einer Aktivität?³
Was „gehen“ überhaupt heißt, habe ich erst nach fünf Monaten offiziell gelernt . Das englische „to go“ kann man nämlich im Russischen mit vier verschiedenen Verben ausdrücken: идти, ходить, ехать und ездить. Und nein, es ist nicht egal, welches man nimmt! Wenn man im Unterricht nach der Übersetzung eines Wortes fragt, lautet die Antwort allzu oft: „Kommt darauf an.“

* Für Gegenstände gelten andere Grammatikregeln als für Personen und manche Tiere.
** Je nachdem, ob eine Handlung abgeschlossen ist oder nicht, muss man verschiedene Verben nehmen, die im Deutschen aber dasselbe bedeuten.
³ Würde im Englischen alles mit „to“ ausgedrückt werden, im Russischen gibt es aber verschiedene Präpositionen.

3. Die Betonung macht die Musik

Die Aussprache der Worte im Russischen ist nicht nur aufgrund der verschiedenen Sch-, Tsch- und Schtsch-Laute schwer, sondern auch wegen der Betonung: Anders als etwa im Polnischen (wo man immer brav die vorletzte Silbe betont) oder im Spanischen (wo die betonten Silben markíert werden) folgt die Betonung im Russischen keiner Regelmäßigkeit und ist aus dem Geschriebenen nicht ersichtlich! Und zu allem Überfluss verändert sich die Betonung auch noch wenn die Wörter – natürlich unregelmäßig – gebeugt werden. Man muss theoretisch jede Form eines Verbs gehört haben, bevor man sie sich korrekt merken kann.

Und die Betonung ist dabei elementar. Ich weiß nicht, ob die Russen nur so tun, aber falsch betonte Worte werden prinzipiell nicht verstanden. Und dann auch noch das: Die allermeisten Namen und Städte werden anders betont, als wir es im Deutschen tun. Nix mit Vladimir, Anastasia oder Vladivostok: sondern Vladimir, Anastassija und Vladivostok wäre richtig.

4. Das geschriebene Wort gilt gar nicht

So wie Gesetze in Russland angeblich mehr den Charakter einer Handlungsempfehlung als den einer unumstößlichen Tatsache haben, so sind auch die Buchstaben eher Richtlinien als eiserne Regel. О wird meistens wie А ausgesprochen, Г teilweise wie В, В wiederum oft wie ФЕ häufig wie И (für einen Alphabet-Crashkurs lest euch diesen Artikel durch). Und das nervt total. Wieso kann man denn nicht einfach ein А schreiben, wenn ein А auch gesprochen wird?? Dafür wurden die Dinger doch erfunden.. Und wer mir jetzt sagt, man könne doch einfach von der Betonung auf die Aussprache schließen, den verweise ich nochmal auf Punkt 3.

5. Russisch ist einfach unlogisch

Geht eurer Russischlehrerin gar nicht erst mit Fragen auf die Nerven. Ihr werdet nicht begreifen, warum es im Akkusativ Singular keine Änderungen gibt, außer für weibliche Endungen. Es gibt keinen Grund dafür, dass eine Verneinung einen anderen Fall nach sich zieht als eine Bejahung. Oder dafür, dass sich die Russen 100 verschiedene Endungen und Formen ausgedacht haben, aber dann in der Vergangenheit dieselbe für 1., 2. und 3. Person hernehmen. Russisch macht keinen Sinn – wie Deutsch höchstwahrscheinlich auch. Nur dass ich diese Sprache zum Glück nicht mehr lernen muss.


Trotz alledem ist die Russische Sprache eine Bereicherung und das Lernen unterm Strich eine Freude – nicht nur weil man sehr schnell Komplimente von Muttersprachlern bekommt. Das nächste Mal bekommt ihr eine Liste mit Gründen, warum sich Russischlernen lohnt. Zum Abschluss sei eines gesagt: „Sehenswürdigkeit“ ist wohl auch für Russen nicht unbedingt ein einfaches Wort…

Fotoquelle

Titelbild: WAYHOME studio / Shutterstock.com

Dominik Kalus
Über den Autor

hat in Passau und Breslau u.a. Internationale Politik und Politische Philosophie studiert. Nach einem Praktikum bei der Süddeutschen Zeitung und freiem Arbeiten für verschiedene Online- und Printmedien schreibt er derzeit aus Moskau für Ostexperte.de.