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Landleben in Russland. Hier spricht Ljuba

Die Landflucht macht Russland zu schaffen. Aus den Dörfern ziehen die Menschen in die Städte, aus kleineren Städten in größere oder gleich nach Moskau. Wie geht es denen, die auf dem Dorf wohnen bleiben? Ljuba aus der Region Kirow hat auf einer Zugfahrt davon erzählt.

Von Tino Künzel

Zuggeschichten sind fast schon ein eigenes Genre des Journalismus in Russland. Auch wir haben Ihnen bereits die eine oder andere erzählt. Auf den langen Bahnfahrten kommt man nahezu zwangsläufig mit den anderen Passagieren ins Gespräch und erfährt so auf dem Weg von A nach B auch viel über C oder D.

Neulich wieder: Ich habe gerade erst meinen Platz im Dritte-Klasse-Wagen eingenommen, schon treffe ich die Liebe. Auf Russisch: Ljubow. So heißt nämlich meine Abteilnachbarin, die an der nächsten Bahnstation zugestiegen ist. Wobei alle Ljuba zu ihr sagen, in dieser liebenswürdigen russischen Art, jeden Namen im Alltagsgebrauch durch eine oder mehrere Koseformen zu ersetzen. Und so stellt sie sich dann auch vor. Ljuba, Jahrgang 1952, hat ihre Schwester besucht, jetzt geht es zurück nach Hause, also nach Schjotkino, ein Dorf in der Region Kirow. Vor ihr liegen elfeinhalb Stunden Fahrt. Das ist viel Zeit, um zu erzählen, wie es sich auf dem Lande so lebt. Nachdem Ljuba in häusliche Kleidung geschlüpft ist, ihr Bett bezogen und sich einen Tee geholt hat, wie man eine Zugreise in Russland eben so beginnt, geht ihre Erzählung los.

Geschwister, Kinder – alle sind weggezogen

„Wenn ich heute Abend in Pinjug aussteige, sind es von dort noch mal 25 Kilometer nach Schjotkino, wo ich mit meinem Mann wohne. Ich bin dort geboren und aufgewachsen. Nach der Schule hat es mich dann nach Kirow gezogen. Aber als in den 1970er Jahren erst Papa und dann Mama gestorben sind, bin ich zurück, um mich um meinen jüngeren Bruder zu kümmern. Wir waren noch mehr Geschwister, und alle haben sie immer geschworen, unser Dorf nie dauerhaft verlassen zu wollen. Am Ende sind aber doch alle gegangen und leben heute genauso wie meine Kinder in alle Himmelsrichtungen verstreut. Ich bin die Einzige, die geblieben ist.

Schjotkino hat heute nur noch halb so viele Einwohner wie vor ein, zwei Jahrzehnten. Es gibt praktisch keine Arbeit mehr. Die Kolchose hat zugemacht, das Sägewerk, wo ich früher die Leiterin war, ist jetzt in privater Hand und hat nur noch ein paar Mitarbeiter. Meine Eltern würden sich im Grab umdrehen, wenn sie wüssten, dass die Kolchose nicht mehr existiert. Dass so etwas überhaupt möglich ist, hätten die sich garantiert nicht vorstellen können. Der Betrieb hat nach dem Ende der Sowjetunion noch eine Zeitlang weiterbestanden, aber Anfang der 2000er Jahre ist er pleitegegangen.

In der Folge sind nach und nach die Jüngeren, die Familien mit Kindern, weggezogen. Einst hatten wir bei uns eine Schule, einen Kindergarten mit sogar zwei Stockwerken. Das wurde alles geschlossen.

Zugbekanntschaft Ljuba: Um ihre Lieben zu besuchen, muss sie große Entfernungen überwinden. © Tino Künzel

Früher haben die Leute bei uns Kühe und Schweine und Hühner gehalten. Das Futter wurde selbst angebaut, dafür durfte die Technik der Kolchose genutzt werden. Aber die hat man dann ja verkauft, und damit war es auch mit dem Futteranbau vorbei. Das Futter zu kaufen, ist teuer. Und weil sich das Ganze damit nicht mehr lohnt, gibt es bei uns kaum noch Vieh.

Mit Obst und Gemüse versorgen wir uns selbst. Kartoffeln, Gurken, Tomaten, Zwiebeln, Möhren – so etwas kommt aus dem eigenen Garten. Mit unserer Rente könnten wir uns gar nicht leisten, das alles einzukaufen. Im Dorfladen besorgen wir uns vor allem Fleisch. Frische Milch hole ich bei unserer Nachbarin, wo sie auf jeden Fall besser schmeckt als aus dem Laden.

In diesem Jahr hat man mir die Rente erhöht. Statt 8400 Rubel beträgt sie jetzt 9000. Und das nach 30 Berufsjahren. Aber immerhin. (Anm. d. Red.: Gestiegen ist die Rente damit von umgerechnet 120 auf 128 Euro.)

Das Haus gab es anstelle von Lohnzahlungen

Wir wohnen in einem Holzhaus für zwei Familien. Solche Häuser wurden seinerzeit von der Kolchose für ihre Arbeiter gebaut. Als in den 1990er Jahren kein Geld da war, um unsere Löhne zu zahlen, hat man stattdessen das Haus auf uns umgeschrieben. Bei uns in der Wohnung steht noch ein russischer Ofen, wir haben es schön warm. Aber im Winter frieren die Fenster ein, so dass durch die Scheibe nichts zu sehen ist.

So langsam hält etwas Komfort Einzug in unsere Häuser. Einige haben sich bereits Innentoiletten gebaut, die Fassaden neu verkleidet, sich Metalldächer zugelegt. Für unser Haus gilt das nicht. Aber ein großer Fortschritt ist, dass wir jetzt einen Wasseranschluss haben. Bei uns auf dem Grundstück steht ein Brunnen. Früher haben wir also Wassereimer geschleppt. Bis vor einigen Jahren wurde auch die Wäsche noch im Fluss gewaschen. Aber das bedeutete einen beschwerlichen Weg zum Wasser hinunter und anschließend wieder hinauf. Mir tun in meinem Alter schon die Beine weh, der Rücken schmerzt auch. Heute gelangt das Wasser aus dem Brunnen direkt ins Haus und das Abwasser anschließend über Rohre wieder nach draußen.

Für die medizinische Grundversorgung ist bei uns eine Sanitätsstation eingerichtet. Es gab Zeiten, da hielt bei uns zweimal die Woche ein Mediziner aus dem Nachbardorf eine Sprechstunde ab. Zuletzt hatten wir nur noch eine Krankenschwester. Jetzt bekommen wir anscheinend wieder einen Sanitäter. Für alle weitergehenden Untersuchungen oder Behandlungen müssen wir in die Kreisstadt fahren, das sind ungefähr 20 Kilometer. Oder gleich nach Kirow. Dorthin braucht der Zug von Pinjug sechs Stunden. Und der einzige in Frage kommende Zug fährt um viertel vor zwei nachts ab.

Der nächste Zahnarzt ist in Pinjug. Wenn es sich um einen staatlichen handelt, ist die Behandlung kostenlos. Aber man muss ungefähr eine Woche vorher einen Termin machen.“

An dieser Stelle wollte Ljuba sich etwas ausruhen. Sie widmete sich zunächst den Zeitschriften, die sie im Gepäck hatte, und wurde darüber so müde, dass sie sich für eine Weile aufs Ohr legte und die Betrachtungen zum Landleben nur noch visueller Natur waren, nämlich durch die Fensterscheibe. Bald war meine Station erreicht, so dass es keine weiteren Erkenntnisse zu Schjotkino gab. Aber eine nächste Zuggeschichte – die gibt es ganz bestimmt.

Dieser Beitrag erschien zuerst in der Moskauer Deutschen Zeitung.

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Titelbild: Tino Künzel

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