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Gemischtes Doppel #29: Sag mir, wem die Krim gehört


„Sag mir, wem die Krim gehört, und ich sage dir, wer du bist.“ Dieser Spruch, den die aus Simferopol stammende Band „Underwood“ mit ihrem gleichnamigen Lied in die Massen getragen hat, geistert immer wieder durch die russisch- und ukrainischsprachigen sozialen Netzwerke. Er provoziert ein bitteres Lächeln, wie ein feiner, böser Witz. Dabei nennt er eine einfache Wahrheit beim Namen.

Putin-Versteher oder ukrainischer Patriot

Erklärt man, die Krim gehöre zu Russland, ist man ein russischer Patriot, ein Imperialist, oder vielleicht ein „Putin-Versteher“. Man gehört zu denjenigen, die die Annexion der Halbinsel unterstützt haben, den Einsatz von russischen Soldaten und Freiwilligen im Donbass rechtfertigen und Russlands Expansionspolitik gutheißen.

Glaubt man, die Krim gehöre der Ukraine, ist man ein ukrainischer Patriot, ein „pro-westlicher Aktivist“, ein Freund der Ukraine. Dann unterstützt man die Ziele der Maidan-Revolution, plädiert für Sanktionen gegen Russland und schimpft auf Putin. So einfach ist das. Fast immer.

Die Krim zurückgeben?

Aber manchmal ist es komplizierter, zum Beispiel im Falle der russischen Oppositionspolitiker. Die meisten sind zwar der Meinung, die Krim-Annexion sei ein Verbrechen gewesen und kritisieren den Kreml dafür, wollen aber wohl gleichzeitig ihre potenziellen hurrapatriotisch gesinnten Wähler nicht abschrecken. Deswegen fallen die Antworten auf die Frage „Was würden Sie mit der Krim machen, wenn Sie Präsident wären?“ oft undeutlich oder skurril aus.

„Die Krim ist doch keine Wurststulle, die man ständig hin- und herschieben kann,“ meinte zum Beispiel Alexei Nawalny. Sprich: Wenn schon annektiert, soll die Krim auch Russisch bleiben. Auch Michail Chodorkowski würde die Krim nicht zurückgeben, hat er einmal eingestanden.

Frieden im Donbass

Ilja Jaschin schlug 2015 vor, auf der Krim eine Doppelregierung einzusetzen: In einer Legislaturperiode solle Russland regieren, in der nächsten die Ukraine. Es gab aber auch einen Politiker, der öffentlich sagte, er würde die Krim der Ukraine zurückgeben. Sein Name lautet Boris Nemzow. Er wurde vor zwei Jahren in Moskau auf offener Straße durch vier Schüsse in Rücken und Kopf getötet.

Auch in der Ukraine sorgt die Krim-Frage für diverse politische Phantasien, besonders intensiv seit Beginn dieses Jahres. Im Januar meldete sich der ukrainische Oligarch Wiktor Pinchuk mit einem Beitrag im Wall Street Journal. Laut seinem Szenario sollte die Ukraine in Betracht ziehen, für den Frieden im Donbass auf die Krim zu verzichten. Also einen Deal mit Putin eingehen, nach dem Motto: Wir sind mit der Annexion der Krim einverstanden, nur beruhige bitte deine Jungs an der Front.

Mietvertrag über die Krim

Im Februar äußerte der Rada-Abgeordnete Andrij Artemenko eine weitere pikante Idee: Die Ukraine solle mit Russland einen Mietvertrag über die Krim schließen. Also ja, Sie haben es richtig verstanden: die Krim offiziell vermieten. Für die nächsten 50 oder 100 Jahre, so hat sich das Artemenko vorgestellt. Und danach soll es ein Referendum geben.

Für die meisten Ukrainer klingt das nur leider nicht besonders lustig. Sie sind der festen Überzeugung, dass diejenigen, die solche Ideen äußern, im Interesse des Kremls agieren.

Gefühl von Sicherheit und Frieden

Drei Jahre sind nun vergangen, seit Russland die ukrainische Halbinsel annektiert hat. Als der Krimsekt-Rausch verflogen war, sahen die Russen bereits zerstörte Donbass-Städte in den Nachrichten.

Den Ukrainern brachte die Annexion nicht nur Krieg mit allem dazu gehörenden Leid, sondern auch unstillbare Phantomschmerzen. Selbst wenn man die Krim nie bewusst geliebt hat, fehlt sie einem nun. Sie steht für das Gefühl der Sicherheit und den Frieden, die einem zusammen mit der Krim genommen wurden.

Heimat Krim

Es gibt aber natürlich auch solche, für die die Krim nie etwas Abstraktes war, sondern eine Heimat. Sie haben die Frage anders gestellt bekommen: Sag mir, wem die Krim gehört, und ich sage dir, wie lange du sitzen wirst. Der auf der Krim geborenen Filmregisseur Oleg Senzow wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt, sein Mitangeklagter Alexander Koltschenko zu zehn Jahren.

Mehr als 15 Krimtataren warten noch in russischen Gefängnissen auf ihre Urteile, die meisten werden des Terrorismus‘ bezichtigt. Es gibt auch mehrere Fälle von Toten und Verschollenen. Von allen tausend Lügen, die zur Rechtfertigung der Krim-Annexion ausgedacht wurden, scheint mir diese die schlimmste zu sein: über die ruhige, gewaltlose Übernahme.


Im Gemischten Doppel geben Inga Pylypchuk (Ukraine) und Maxim Kireev (Russland) im wöchentlichen Wechsel persönliche (Ein)-Blicke auf ihre Heimatländer.

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