Klaus DormannVon

Jedoch unerwartet starke Beschleunigung des Inflationstempos

Die russischen Behörden meldeten in den ersten Dezember-Tagen neue Höchststände bei den Corona Infizierten und Verstorbenen. Entsprechend der Regierungsankündigungen sind jedoch keine so weitreichenden Beschränkungen der Arbeit wie im Frühjahr zu erwarten. Analysten rechnen im vierten Quartal deswegen mit keinem so tiefen Einbruch der gesamtwirtschaftlichen Produktion wie im zweiten Quartal – und schwenken auf die Wachstumsprognosen der Regierung ein.  

Unumstritten ist die zweite Welle der Corona-Pandemie auch in der Wirtschaft zu spüren. Wie wir vor einer Woche berichteten, sank das Bruttoinlandsprodukt nach ersten Schätzungen des Forschungsinstituts der Vnesheconombank im Oktober gegenüber September um 0,5 Prozent. Die Stimmung in den Unternehmen hat sich mit der neuen Infektionswelle spürbar verschlechtert, wie Umfragen zeigen.

Trotz der Behinderungen der Produktionsaktivitäten durch die Pandemie wird aber die Prognose der Regierung, dass der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2020 knapp unter 4 Prozent gehalten werden kann, von immer mehr Analysten in Banken und Instituten geteilt. Auch die Erwartung der Regierung, dass sich Russlands Wirtschaft im nächsten Jahr bei einem Wachstum der Produktion um 3,3 Prozent relativ rasch erholen wird, findet inzwischen viel Zustimmung. Dazu dürfte die Aussicht auf den baldigen Einsatz von Impfstoffen beitragen. Dass die Wirtschaft entsprechend der Prognose der Regierung 2022 noch etwas stärker um 3,4 Prozent wachsen wird, glauben allerdings nur wenige.

Einkaufsmanager-Umfrage signalisiert: gedrückte Stimmung in Unternehmen

Die Stimmung in den Unternehmen ist mit dem Beginn der neuen Infektionswelle laut den Einkaufsmanager-Umfragen von IHS Markit seit September wieder gesunken.

Einkaufsmanager-Indizes im November 2020

Verarbeitendes Gewerbe (gelbe Linie): weiterer Rückgang

Dienstleistungsbereich (blaue Linie): leichte Erholung

Vnesheconombank Institute: World Economy and Markets; 27.11 – 03.12.2020; S. 04.12.2020

Im November entwickelten sich die Indizes für das „Verarbeitende Gewerbe“ (gelbe Linie) und für den Dienstleistungsbereich (blaue Linie) aber in unterschiedlicher Richtung. Olga Belenkaya, Chef-Volkswirtin der FINAM-Gruppe, hat die Berichte von IHS-Markit ausführlich analysiert und die Entwicklung der Einkaufsmanager-Indizes in Russland mit der internationalen Entwicklung verglichen.

Weiterer Index-Rückgang im „Verarbeitenden Gewerbe“

Der russische Index für das „Verarbeitende Gewerbe“ sank im November weiter von 46,9 Punkten auf 46,3 Punkte. Dazu trugen laut IHS Markit vor allem die schwache Entwicklung der Aufträge aus dem Inland und der beschleunigte Rückgang der Produktion bei. Die Unternehmen beschleunigten ihren Personalabbau.

Die Beschaffungskosten wurden durch abwertungsbedingt steigende Importpreise, aber auch durch höhere Transportkosten, Störungen der Lieferketten und Probleme bei der Grenzabfertigung in die Höhe getrieben. Das wurde in den Verkaufspreisen weitergegeben.

IHS Markit erwartet, dass die Industrieproduktion 2020 insgesamt 5,1 Prozent niedriger sein wird als im Vorjahr. Das Wirtschaftsministerium rechnet demgegenüber nur mit einem Rückgang um 4,1 Prozent.

Leichte Erholung im Dienstleistungsbereich

Der Index für den Dienstleistungsbereich (blaue Linie) hat sich hingegen im November etwas erhöht und erreichte 48,2 Punkte (Oktober: 46,0 Punkte). Als Ursachen für den Anstieg nennt IHS Markit, dass sich der Rückgang der Auftragseingänge aus dem Inland verlangsamte. Die Zahl der Beschäftigten konnte langsamer verringert werden als im Oktober.

Auch auf der Einkaufsseite der Dienstleistungsunternehmen verschärfte sich der Preisanstieg, unter anderem wegen der Abwertung des Rubels und steigender Importpreise. Die Dienstleister erhöhten auch ihrerseits die Preise stärker als im Oktober.

Studien der Sberbank zum Verbraucherverhalten ergaben, dass im November ein Rückgang der Ausgaben für Waren und Dienstleistungen um 9,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu erwarten ist. Das wäre der tiefste Einbruch seit April und Mai. Darauf weist Belenkaya hin.

Mit dem Index-Anstieg im Dienstleistungsbereich stieg auch der „kombinierte“ Einkaufsmanager-Index für die Produktion in Industrie- und Dienstleistungsunternehmen von 47,1 Punkten im Oktober auf 47,8 Punkte im November.

2020 sinkt das BIP weniger als lange erwartet wurde

Trotz der gedrückten Stimmung in den Unternehmen befürchten viele Analysten aber keinen weiteren tiefen Einbruch der Konjunktur im vierten Quartal. Etliche Beobachter rechnen jetzt für das laufende Jahr sogar mit einem schwächeren Rückgang des Bruttoinlandsprodukts als bisher.

So erwartet Daria Orlova in den „Emerging Markets Trends“ der DekaBank für 2020 jetzt nur noch eine Abnahme der gesamtwirtschaftlichen Produktion um 3,8 Prozent (bisher – 4,0 Prozent). Sie weist darauf hin, dass die behördlichen Restriktionen für die Unternehmen geringer sind als im Frühjahr:

„Die Zentralregierung hat eine starke Präferenz an den Tag gelegt, einen erneuten landesweiten Lockdown im Interesse der wirtschaftlichen Entwicklung zu vermeiden. Und auch regional sind die Einschränkungen der wirtschaftlichen Aktivität im Vergleich zu anderen europäischen Ländern sehr moderat.“

In einer Ende November veröffentlichten Umfrage des Moskauer Reuters-Büros bei rund 20 Analysten wird im Durchschnitt für 2020 ebenfalls nur noch mit einem Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Produktion um 3,8 Prozent gerechnet. Einen Monat zuvor war noch eine Abnahme um 4,2 Prozent erwartet worden. Mit einem Rückgang des BIP um 3,8 Prozent in diesem Jahr wird weiterhin auch in einer Interfax-Umfrage bei rund 10 führenden russischen Banken und Konjunkturforschungsinstituten gerechnet.

In der am 01. Dezember veröffentlichten Umfrage des Research Unternehmens „FocusEconomics“, die Prognosen von rund 45 Analysten hauptsächlich ausländischer Banken, Rating-Agenturen und wissenschaftlichen Instituten erfasst, wird der diesjährige Rückgang des BIP jetzt mit minus 3,9 Prozent ebenfalls deutlich niedriger als vor einem Monat veranschlagt (- 4,3 Prozent).

Wachstumsprognosen 2020 bis 2022

Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

  202020212022 
DekaBank, Frankfurt12/04/2020-3.82.82.3
Helaba, Frankfurt12/04/2020-3.832
Commerzbank, Frankfurt12/04/2020-42.32.5
ING Bank, Amsterdam12/03/2020-32.52.2
Alfa Bank, Moskau12/02/2020- 3,8 bis – 4,02,5
Interfax-Umfrage12/02/2020-3.82.7
FocusEconomics Consensus12/01/2020-3.93.12.3
OECD, Paris12/01/2020-4.32.82.2
Reuters Poll11/30/2020-3.83.3
Sber, Moskau11/30/2020- 3,5 bis – 4,52,5 bis 3,52 bis 3
Berenberg Bank, Hamburg11/30/2020-53.52.5
Eurasian Development Bank, Moskau11/26/2020-43.22.7
Internationaler Währungsfonds11/24/2020rd. - 4rd. + 2,5
Credit Suisse11/24/2020-42.7
Unicredit, Mailand11/19/2020-3.92.32.2
ACRA Rating, Moskau11/19/2020-4.33.83.3
Vnesheconombank-Institute11/18/2020-42.32.4
Economist Intelligence Unit, London11/17/2020-4.42.81.4
WIIW, Wien11/12/2020-4.52.52.1
Sachverständigenrat11/11/2020-4.42.7
OPEC, Wien11/11/2020-4.92.9
EU-Kommission11/05/2020-4.221.9
HSE-Umfrage11/04/2020-42.72.3
Russischer Rechnungshof
“Neutrales Szenario”
10/28/2020-4.2
Urals 42 $/b
2.2
Urals 50 $/b
2.7
Urals 55 $/b
Russischer Rechnungshof
“Risiko-Szenario”
10/28/2020-4.8
Urals 40 $/b
1.3
Urals 45 $/b
2.4
Urals 50 $/b
Russische Zentralbank10/23/2020- 4,0 bis - 5,0
Urals 41 $/b
3,0 bis 4,0
Urals 45 $/b
2,5 bis 3,5
Urals 45 $/b
Internationaler Währungsfonds10/13/2020-4.12.82.3
Russian Academy of Sciences10/11/2020-4.12.52.7
Weltbank10/07/2020-52.82.4
Russisches Wirtschaftsministerium09/14/2020-3.9
Urals 41,8 $/b
3.3
Urals 45,3 $/b
3.4
Urals 46,6 $/b

Die Umfrageergebnisse entsprechen jetzt weitgehend der Regierungsprognose

Einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts im laufenden Jahr um 3,9 Prozent hatte das russische Wirtschaftsministerium bereits Mitte September in seiner Vorlage für die Haushaltsplanung prognostiziert. Die Ende November/Anfang Dezember veröffentlichten Umfrageergebnisse für 2020 entsprechen jetzt dieser Regierungsprognose weitgehend (FocusEconomics:- 3,9 Prozent; Interfax und Reuters jeweils – 3,8 Prozent). Vor drei Monaten hatten die von FocusEconomics erfassten Prognosen internationaler Experten im Durchschnitt noch mit einem Rückgang des BIP um 5 Prozent gerechnet (siehe Ostexperte.de-Bericht).

Im nächsten Jahr erwartet die Regierung eine Erholung des Bruttoinlandsprodukts um 3,3 Prozent. Die jüngste Reuters-Umfrage deckt sich inzwischen mit dieser Prognose. In der FocusEconomics-Umfrage erwarten die Analysten eine kaum schwächere Erholung (+ 3,1 Prozent). Die Interfax-Umfrage ergab allerdings, dass die befragten führenden russischen Banken und Institute eine merklich schwächere Erholung für 2021 erwarten (+ 2,7 Prozent).

Ab 2022 erwarten fast alle Analysten weniger Wachstum als die Regierung

Nach der Erholungsphase im Jahr 2021 wird für das Jahr 2022 jedoch von fast allen Analysten im Gegensatz zur Regierung eine Abschwächung des Wachstums erwartet. In der FocusEconomics-Umfrage wird dann nur noch mit 2,3 Prozent Wachstum gerechnet.

Ein ähnlich hohes Wachstum wie das Wirtschaftsministerium (+ 3,4 Prozent) erwartet 2022 nur noch die Moskauer Rating-Agentur ACRA (die in ihrer in Englisch veröffentlichten Prognose auch interessante Vergleiche der Corona-Krise mit der Welt-Finanzkrise und der Ölpreiskrise zieht).

Die Verbraucherpreise sind im November unerwartet stark gestiegen

FocusEconomics informiert – ähnlich wie Trading Economics – auch regelmäßig über die monatliche Preisentwicklung. Im November beschleunigte sich der Anstieg der Verbraucherpreise stärker als die meisten Analysten erwarteten auf 4,4 Prozent. Das Inflationsziel der Zentralbank (4,0 Prozent) wurde merklich überschritten.

Entwicklung der Verbraucherpreise

Veränderungen gegenüber dem Vormonat und gegenüber dem Vorjahresmonat in Prozent

Die obige Abbildung von FocusEconomics zeigt neben der prozentualen Veränderung der Verbraucherpreise im Vergleich zum Vorjahresmonat (rote Linie, rechte Skala) auch die prozentuale Veränderung der Verbraucherpreise gegenüber dem Vormonat (blaue Säulen, linke Skala).

Im November beschleunigte sich jährliche Preisanstieg sowohl bei den Lebensmitteln (+ 5,8 Prozent nach + 4,8 Prozent im Oktober) als auch bei den Nicht-Lebensmitteln (+ 4,5 Prozent nach + 4,2 Prozent). Die Teuerungsrate bei den Dienstleistungen stagnierte hingegen mit 2,5 Prozent.

Gegenüber dem Vormonat verdoppelte sich der Anstieg der Verbraucherpreise im November mit + 0,7 Prozent fast.

In der Anfang Dezember veröffentlichten Interfax-Umfrage stieg die für Ende 2020 erwartete Inflationsrate auf 4,4 Prozent. Einen Monat zuvor hatten die Analysten im Durchschnitt nur mit 4,0 Prozent gerechnet. Ende 2021 erwarten sie weiterhin einen Rückgang des Anstiegs der Verbraucherpreise auf 3,5 Prozent.

Der Inflationsanstieg macht eine Leitzinssenkung unwahrscheinlich

Daria Orlova geht in ihrem Bericht der DekaBank davon aus, dass sich die russische Zentralbank bei ihrem Leitzinsentscheid am 18. Dezember am Anstieg der Verbraucherpreise und der Inflationserwartungen orientieren dürfte. Die Rubel-Schwäche im Herbst habe beide nach oben getrieben.

Der Anstieg der Verbraucherpreise auf mehr als 4 Prozent dürfte, so Orlova, die traditionell „hawkish“ eingestellte Zentralbank im Dezember dazu bewegen, den Leitzins unverändert bei 4,25 Prozent zu belassen. In ihrer anlässlich der letzten Leitzinsentscheidung im Oktober aktualisierten mittelfristigen Prognose hatte die Zentralbank für Ende 2020 einen Anstieg der Inflationsrate auf 3,9 bis 4,2 Prozent erwartet.

Auch in Umfragen von Reuters, FocusEconomics und Interfax wird in der Dezember-Sitzung keine Änderung des Leitzinses erwartet. Einen Monat zuvor war in der interfax-Umfrage noch mit einer Senkung auf 4 Prozent gerechnet worden.

Andrey Kostin, Vorstandsvorsitzender der VTB Bank, meinte gegenüber Journalisten, die Wirtschaft und die Regierung würden eine Zinsanhebung nicht begrüßen. Auch er selbst würde die Zinsen nicht erhöhen.

Andrey Klepach, Chef-Volkswirt der Vnesheconombank, wies allerdings darauf hin, dass es auch Entwicklungen gäbe, die für eine Erhöhung der Zinsen bei einer der nächsten Sitzungen der Zentralbank sprächen. Die Inflation beschleunige sich. Er erwarte einen Anstieg der Inflationsrate auf 4,4 bis 4,5 Prozent.

Der stellvertretende Präsident der russischen Zentralbank, Alexei Zabotkin, meinte Anfang Dezember in einem Izvestia-Interview, der Direktorenrat der Zentralbank sehe zwar Raum für weitere Leitzinssenkungen. Gleichzeitig liege die aktuelle Inflationsrate aber nahe beim Inflationsziel der Zentralbank von 4 Prozent. Die Zentralbank werde bei ihrer Entscheidung berücksichtigen, dass sich die Abwertung des Rubelkurses auf die Preisentwicklung auswirke. Durch die Verschlechterung der epidemiologischen Lage und eine leichte Verlangsamung der wirtschaftlichen Erholung im vierten Quartal 2020 und im ersten Quartal 2021 könnten inflationsdämpfende Faktoren im Jahr 2021 wieder stärker wirken.

Am 09. und 10. Dezember wird die Zentralbank mit in- und ausländischen Experten in einer Online Konferenz, die unter anderem auf ihrem YouTube-Kanal übertragen wird, das Thema „Post Corona-Virus Wirtschaft und Herausforderungen für die Politik der Zentralbanken“ diskutieren (Pressemeldung der Zentralbank).

Titelbild

Titelbild: pixabay.com

Quellen und Lesetipps:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

Einkaufsmanager-Indizes im November: Gedrückte Stimmung insgesamt etwas verbessert

Konjunkturprognosen für Russland:
OECD, Sachverständigenrat; EU-Kommission; Zentralbank; HSE-Umfrage; Rechnungshof/Gaidar-Institut; Wirtschaftsministerium; IWF; Weltbank

Verbraucherpreisanstieg beschleunigte sich im November auf 4,4 Prozent

Geldpolitik: Vorberichte zur Leitzinsentscheidung am 18.12.2020

Zentralbank: Berichte und Prognosen

Zentralbank-Online-Konferenz am 09./10.12.2020

Internationaler Wlährungsfonds: Article IV Statement zur russischen Wirtschaft, 24.11.2020

Konjunkturberichte für Oktober 2020

Over nine months, Russia’s GDP decreased by 3.5% – Rosstat

Investments in fixed assets in the Russian Federation fell by 4.1% in 9 months – Rosstat;

Retail trade turnover slowed down to 2.4% in October – Rosstat;

The number of unemployed in October decreased for the second month in a row – Rosstat;

The growth of wages in real terms in September accelerated to 2.2% – Rosstat;

Housing construction in October grew by 2%, over 10 months – decreased by 5.6% – Rosstat;

In October, agricultural production decreased for the first time since December 2018

Wöchentliche Berichte zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik

Sonstige periodische Berichte zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik

Weitere Berichte zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland

Deutsch-russische Beziehungen

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.