Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Dominik KalusVon

Eine Reise nach Karelien im Norden Russlands

Im Nordwesten Russlands liegt Karelien, eine Region voller Wälder und Seen. Unser Autor berichtet von seiner Reise dorthin – und den Menschen, die er dabei traf. (Klickt hier für Teil 1)

Die nächste Nacht verbringen wir im Randbezirk bei Elena und Pavel, einem jungen Paar mit jungem Hund. Kurz zuvor hatten wir zwischen den Plattenbauten einen Imbiss besucht und nicht schlecht gestaunt, als uns eine ca. Elfjährige im türkisen Adidas-Trainingsanzug abschätzig musterte und anschließend Plätze zuwies.

Sieht so eine sowjetische Wohnung aus?

In der Wohnung bekommen wir ein eigenes Zimmer (von dreien). So habe ich mir immer eine sowjetische Wohnung vorgestellt: Im schweren Wandschrank stehen meterweise Bücher, ein uralter Röhrenfernseher und Teeservice. Teppich und Ölgemälde an der Wand erinnern an ein vergangenes Jahrhundert. Bis vor kurzem hat hier noch ein Großelternteil der beiden gewohnt – die anderen Zimmer sehen mehr nach Ikea aus.

Von Heizungen und Politik

Pavel arbeitet selbständig und hat Ingenieurwesen studiert, Elena ist auf Jobsuche. Man hat uns empfohlen, Gespräche über Politik zu vermeiden, aber die beiden kommen selbst darauf zu sprechen. „Russland ist so reich an Rohstoffen, und trotzdem sind die Leute arm“, sagt Elena. Sie beschwert sich über die Regierung, Korruption und die vielen älteren Menschen, die nur staatliche Medien konsumieren und deswegen unkritisch sind. Die beiden überlegen, nach Australien auszuwandern.

Auch diese Nacht wird wieder heiß, wie in den meisten russischen Wohnungen lässt sich die Heizung nicht regeln. Solange das zentrale Heizwerk feuert, wird in den Wohnungen geschwitzt – oder die Temperatur mit dem Fenster reguliert. „Wir wissen nicht, wann die Heizungen dieses Jahr abgeschaltet werden“, sagt Elena.

Die Banja, die brennt

Da für den Tag ein Schneesturm angesagt ist, sind wir über die feuernden Heizkörper nicht mehr traurig und geben uns stattdessen die maximale Heizkraft in der städtischen Banja, der russischen Sauna. Es ist mein erstes Mal und ich bin nervös. Im blau gefliesten Vorraum gehe ich an verschwitzten Bäuchen und zufriedenen Gesichtern vorbei und setze mir die Banja-Wollmütze auf. Sie dient als als Hitzeschutz – da drin wird es 100 Grad haben. Angespannt nähere ich mich der Eingangstür aus Holz und trete ein.

Ich würde mich durchaus als Saunagänger bezeichnen, aber so etwas habe ich noch nie erlebt. Die Hitze ist so erdrückend, dass mir umgehend der Verstand austrocknet. Mechanisch schleppe ich mich die kleine Treppe hoch, sinke auf die Holzbank und ringe nach Luft. Der austretende Schweiß scheint auf meiner Haut zu verbrennen, ich spüre ein brennendes Prickeln wie beim Kochen, wenn einem heißes Öl auf den Körper spritzt. Mein Nebenmann beginnt, sich mit einem breiten Blätterzweig auszupeitschen. Der dadurch entstehende Wind gibt mir den Rest. Ich muss raus und gönne mir erstmal Essiggurken und einen Schluck Dosenbier – ich will ja nicht als Deutscher auffallen.

Mit dem zweiten und dritten Gang fange ich an, das Ganze zu genießen. Auch wenn die Haut brennt und eine bedenklich rote Färbung annimmt: Spätestens nach dem Sprung ins Kühlbecken fühlt man sich wie neu geboren, tiefentspannt und gleichzeitig voller Tatendrang. Gerne wieder!

Geisterhaus am See

Unsere nächste Station: Sortawala am Ladogasee, dem größten See Europas. Ein schweigsamer BlaBlaCar-Fahrer bringt uns binnen dreieinhalb Stunden dorthin. Unterwegs fahren wir an zahllosen himmelblauen Seen mit beschneiten Ufern vorbei, jeder einzelne einen Fotostopp wert. Was für ein schöner Teil der Welt.

Geistervilla am Ladogasee

Man denkt ja als Europäer immer, an einer Kleinstadt am See gibt es automatisch eine geschniegelte Promenade mit Lädchen und Rundwanderweg ums Wasser. Naiv! Sortawala ist eine ganz normale, eher schmucklose Stadt, aber das macht das ganze irgendwie purer und echter.

Nicht nur der Name des Ortes klingt finnisch, hier haben bis zum Zweiten Weltkrieg auch Finnen gewohnt. Über die Landschaft verstreut zeugen verfallene Villen und Landhäuser von der Vergangenheit als skandinavische Handelsstadt. Man hat diese einfach ihrer selbst überlassen. Unsere schaurigste Entdeckung: Ein altes finnisches Hospital inklusive medizinischer Utensilien und vergilbter Krankenakten.

Sprachbarriere und Rangelspiele

Nach einem Tag ausgiebiger Erkundungen der Landschaft packt es mein Reisepartner nach Petersburg. Ich bleibe noch eine Nacht und werde in der Hostelküche von Russen belagert, die Fragen zu Deutschland und Europa haben. Auch ich habe Fragen, verstehe aber leider die Antworten nicht. Das ist mir schon mehrfach passiert: Sobald man ein paar Brocken russisch äußert, geht das Gegenüber davon aus, dass man die Sprache perfekt versteht. Der folgende freudige Redeschwall wird dann nicht gedrosselt oder vereinfacht formuliert, sodass ich leider nur zurücklächeln und nicken kann.

Zum Abschluss treffen wir russische Bekannte an einem Flussufer in St. Petersburg. Ich kann gar nicht anders, als dieses Erlebnis als Realität gewordenes Klischee einzuordnen. Die Russen grillen Fleisch aus Plastikeimern, trinken Wodka und Bier und grölen russische Lieder. Das fröhliche Feiern wird unterbrochen von einem Geländespiel: Zwei Gruppen stehen Hände haltend einander gegenüber und schleudern ein Mitglied auf die anderen zu, um deren Kette zu durchbrechen. Es wird gerangelt, umgefallen, am Boden gelegen. Wir sind mittendrin und glücklich.

Die letzte Fahrt

Nach einer Woche voller wunderschöner Landschaften und Begegnungen bleibt noch ein Problem: Wie komme ich ohne Reisepass zurück nach Moskau? Eine erneute Gnade der Zug-Schaffnerinnen ist nicht garantiert. Doch durch eine private Mitfahrgelegenheit kann ich der Passkontrolle entgehen.

Um Mitternacht steige ich in Erwartung einer zehnstündigen Fahrt in den weißen VW von Viktor. „Ich habe den ganzen Tag geschlafen“, nimmt er mir die Bedenken ob seines Wachheitsgrades. Ich schlafe also beruhigt auf dem Beifahrersitz die Fahrt durch und hüpfe um 8 Uhr in Moskau aus dem Auto. Was für eine bereichernde Reise, die mich bei dem Versuch, dieses gigantische Land und seine Leute zu verstehen, definitiv ein Stück weiter gebracht hat.

Hügel nähe Sortawala.

Lest in Teil 1 von einem Krimi im Zug, russischen Reiseklischees und unberechtigter Bärenangst.

Fotoquelle

Fotos: Privat

Dominik Kalus
Über den Autor

hat in Passau und Breslau u.a. Internationale Politik und Politische Philosophie studiert. Nach einem Praktikum bei der Süddeutschen Zeitung und freiem Arbeiten für verschiedene Online- und Printmedien schreibt er derzeit aus Moskau für Ostexperte.de.