Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

Sinkende Wachstumsprognosen für die russische Wirtschaft

Die Prognosen für das Wachstum der russischen Wirtschaft weisen immer niedrigere Zahlen auf. Auch die Zentralbank hält jetzt nur noch 1,0 Prozent für möglich. Ein Überblick.

Die russische Zentralbank senkte am Freitag ihren Leitzins von 7,75 Prozent auf 7,50 Prozent. Als einen Grund für diese Entscheidung verwies sie darauf, das russische Wirtschaftswachstum sei im ersten Halbjahr 2019 schwächer gewesen als sie erwartet habe. Im gesamten Jahr 2019 erwartet sie deswegen nicht mehr ein Wachstum von 1,2 bis 1,7 Prozent. Sie geht jetzt davon aus, dass die Wirtschaft zwischen 1,0 und 1,5 Prozent wachsen wird, also um 0,2 Prozentpunkte schwächer.

DIW, IfW und ifo rechnen auch mit weniger Wachstum in Russland

Anfang Juni hatte bereits die Weltbank ihre Erwartung für den Produktionsanstieg der russischen Wirtschaft von 1,4 auf 1,2 Prozent gesenkt (siehe Ostexperte.de-Bericht). Am 13. Juni nahmen auch das Berliner Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW), die DekaBank und das OPEC-Sekretariat in Wien ihre Prognosen um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte zurück. Das Münchener ifo Institut senkte gestern seine Wachstumserwartung für Russland sogar auf nur noch 1,0 Prozent. Schon Mitte März hatte es nur mit 1,2 Prozent gerechnet.

Die Frankfurter Rating Agentur Expert RA der russischen RAEX-Gruppe erwartet in ihrem am Freitag veröffentlichten Russland-Bericht wie die Weltbank für 2019 nur noch 1,2 Prozent Wachstum. Im Dezember hatte Expert RA noch mit 1,7 Prozent gerechnet. Der Bericht der Rating-Agentur bietet zahlreiche informative Abbildungen, insbesondere zur Entwicklung der öffentlichen Finanzen Russlands.

Das Kieler IfW vergleicht in seiner „Sommer-Prognose“ für die Weltwirtschaft die Entwicklung der Inflationsrate und des Wechselkurses in Russland mit der Entwicklung in anderen wichtigen „Emerging Markets“. Dabei zeigt sich, dass sich der Wechselkurs des US-Dollars in Russland ähnlich wie in Brasilien und in der Türkei entwickelte. Russland und Brasilien weisen auch bei der Entwicklung der Verbraucherpreise viele Gemeinsamkeiten auf.

DIW Berlin: „Keine deutlichen Anzeichen für eine größere Dynamik“

Das Berliner DIW erwartet in seinen „Grundlinien der Wirtschaftsentwicklung im Sommer 2019“ in Russland in diesem Jahr jetzt nicht mehr 1,8 Prozent Wachstum, sondern nur noch 1,5 Prozent. Damit ist es aber immer noch etwas optimistischer als die russische Regierung, die bereits seit Herbst 2018 nur mit 1,3 Prozent rechnet.

Das DIW verweist zu dieser Abwärtsrevision darauf, dass sich die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal auf 0,5 Prozent verlangsamte, was auch eine Folge der Erhöhung der Mehrwertsteuer am Jahresanfang sei. Die Steuererhöhung habe zu einem Anstieg der Teuerungsrate geführt, die realen Einkommen gedrückt und so wahrscheinlich den privaten Verbrauch gedämpft. Gleichzeitig sei die Investitionstätigkeit nur leicht gestiegen.

In der russischen Binnenwirtschaft gibt es nach Einschätzung des DIW bisher keine deutlichen Anzeichen für ein Anziehen des Wachstums im weiteren Jahresverlauf 2019.

Die Investitionstätigkeit werde wohl schwach bleiben. Der finanzpolitische Impuls der sogenannten „Nationalen Projekte“ dürfte gering sein, da diese noch in der Anlaufphase seien.Das Konsumentenvertrauen ist, so das DIW, im Frühjahr nur vorübergehend gestiegen. Der Einkaufsmanagerindex im verarbeitenden Gewerbe sei im Mai leicht unter die Expansionsschwelle gesunken.

Im nächsten Jahr wird das Wachstum der russischen Wirtschaft nach Einschätzung des DIW mit 1,9 Prozent nur „etwas“ über dem Wachstum in diesem Jahr (1,5 Prozent) liegen.

Auch die DekaBank sieht keine Hinweise auf eine schnelle Belebung

Daria Orlova, Russland-Spezialistin der DekaBank, senkte ihre Wachstumsprognose für Russland in der letzten Woche von 1,4 auf nur noch 1,1 Prozent. Zur Begründung verweist auch sie auf das schwache Wirtschaftswachstum im ersten Quartal (+ 0,5 Prozent). Außerdem meint Orlova:

„Die monatlichen Wirtschaftszahlen für die Frühlingsmonate deuten nach wie vor nicht auf eine schnelle Belebung der Aktivität hin. Der einzige Sektor, der sich stabil positiv entwickelt, ist der Bergbau, während das verarbeitende Gewerbe volatil ist und die Konsumtätigkeit nach wie vor durch die schwache Einkommensentwicklung belastet wird. Die Einkaufsmanagerindizes sind auch im Mai sowohl im verarbeitenden Gewerbe als auch im Dienstleistungssektor wieder zurückgegangen.“

 

Wachstumsprognosen 2019 bis 2021
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

  201920202021
ifo Institut, München18.06.191,01,5
Fitch Rating17.06.191,21,91,9
Russische Zentralbank , Basisszenario14.06.191,0 bis 1,5
Urals 65 $/b
1,8 bis 2,3
Urals 60 $/b
2,0 bis 3,0
Urals 55 $/b
Rating-Agentur Expert RA, Frankfurt14.06.191,2
Helaba, Frankfurt14.06.191,71,7
DIW Berlin13.06.191,51,9
IfW Kiel13.06.191,31,6
DekaBank, Frankfurt13.06.191,11,6
OPEC, Wien13.06.191,4
Commerzbank, Frankfurt07.06.191,51,2
Berenberg Bank, Hamburg07.06.191,31,7
Weltbank;
Global Economic Prospects
04.06.191,21,81,8
FocusEconomics
Consensus Forecast
04.06.191,41,81,8
Reuters Umfrage31.05.191,3
Economist Intelligence Unit30.05.191,51,61,7
GTAI29.05.191,61,7
RIA Rating28.05.191,3
OECD21.05.191,42,1
Bloomberg-Umfrage17.05.191,2
Nordea, Stockholm15.05.191,31,5
SEB, Stockholm15.05.191,62,0
EBRD, London08.05.191,51,8
EU-Kommission, Brüssel07.05.191,51,8
HSE-Umfrage30.04.191,31,71,9
Morgan Stanley26.04.191,51,6
Citibank24.04.191,72,52,5
BNP Paribas, Paris19.04.191,51,7
Eurasian Development Bank17.04.191,52,0
Russisches Wirtschaftsministerium09.04.191,3
Urals 63,4 $/b
2,0
Urals 59,7 $/b
3,1
Urals 57,9 $/b
Internationaler Währungsfonds09.04.191,61,7
Weltbank; Financial Inclusion05.04.191,41,81,8
Russische Zentralbank,
Basisszenario
22.03.191,2 bis 1,7
Urals 60 $/b
1,8 bis 2,3
Urals 55 $/b
2,0 bis 3,0
Urals 55 $/b

2020 wird nur mit moderater Beschleunigung des Wachstums gerechnet

Die Rating-Agentur Expert RA (Frankfurt) nennt für die nächsten Jahre keine genauen Wachstumsprognosen. Sie teilt aber mit, dass der Produktionsanstieg nach ihrer Einschätzung auf 1,5 bis 2 Prozent begrenzt bleiben wird. In dieser Spanne liegen auch die Wachstumserwartungen des ifo Instituts (1,5 Prozent), des IfW Kiel (1,6 Prozent) und des DIW (1,9 Prozent) für 2020. Mehr als 2 Prozent Wachstum in Russland halten im nächsten Jahr nur wenige westliche Beobachter für möglich (Citibank, OECD).

Die russische Zentralbank blieb in ihrer am Freitag veröffentlichten Übersicht zur mittelfristigen Entwicklung der Gesamtwirtschaft und der Zahlungsbilanz bei ihrer Einschätzung, dass das Wirtschaftswachstum im „Basis-Szenario“ 2020 auf 1,8 bis 2,3 Prozent anziehen wird. Dabei nimmt sie jetzt an, dass der Urals-Ölpreis von 65 Dollar/Barrel in diesem Jahr auf 60 Dollar/Barrel im nächsten Jahr sinkt.

Im „Hoch-Preis-Szenario“ mit einem Anstieg des Ölpreises von 70 Dollar/Barrel im Jahr 2019 auf 75 Dollar/Barrel im Jahr 2020 hält die Zentralbank eine stärkere Beschleunigung des Wachstums auf 2 bis 2,5 Prozent für wahrscheinlich. Ausführlich begründen dürfte sie ihre Prognosen im „Monetary Policy Report“, der am 24. Juni veröffentlicht werden soll.

ING: Zentralbank ist jetzt wieder auf dem „Lockerungs-Kurs“; weitere Leitzinssenkungen zur Belebung des Wachstums sind wahrscheinlich

Dmitry Dolgin, Russland Chef-Volkswirt der ING, geht nach der Leitzinssenkung vom letzten Freitag und den Erklärungen von Präsidentin Nabiullina zur Entscheidung der Zentralbank davon aus, dass die Zentralbank auf den im letzten Jahr unterbrochenen „Lockerungs-Kurs“ zurückgekehrt ist. Er rechnet sogar damit, dass in den nächsten 12 Monaten Raum für eine Senkung des Leitzinses um 0,5 bis 1,0 Prozentpunkte sein dürfte. Für sehr wahrscheinlich hält er es, dass der Leitzins schon bei den nächsten beiden Sitzungen am 26. Juli und am 06. September erneut um jeweils 0,25 Prozentpunkte gesenkt wird.

Dolgin erwartet dabei, dass sich das Wirtschaftswachstum in diesem Jahr auf nur noch 1,0 Prozent abschwächt, also nur den unteren Rand der Wachstumsprognose der Zentralbank erreicht.

Zentralbank: Wegen der Wachstumsschwäche sinkt die Inflation schneller

Die Zentralbank sprach in ihrer Presse-Erklärung zur Leitzinssenkung einige Symptome der Wachstumsschwäche der russischen Wirtschaft an:

  • Das Wachstum der Exporte hat sich angesichts der nachlassenden ausländischen Nachfrage abgeschwächt
  • Die Investitionsaktivitäten bleiben „gedämpft“
  • Die Wachstumsraten des realen Einzelhandelsumsatzes gehen seit Februar angesichts der moderaten Entwicklung der Haushaltseinkommen zurück.

Angesichts der Entwicklung der Verbrauchernachfrage und des Arbeitsmarktes sieht die Zentralbank „keinen exzessiven Inflationsdruck“. Sie senkte ihre Inflationsprognose für Ende 2019 von 4,7 bis 5,2 Prozent um einen halben Prozentpunkt auf 4,2 bis 4,7 Prozent. Danach geht sie davon aus, dass die Inflationsrate nahe beim Inflationsziel von 4 Prozent liegen wird.

Unterschiedliche Meinungen zu Russlands Wachstum

Die Entwicklung der russischen Wirtschaft wird von Experten ziemlich unterschiedlich beurteilt. Dabei dürfte auch eine Rolle spielen, ob sie im Vergleich mit der internationalen Konjunkturentwicklung gesehen wird. So erwartet das Kieler Institut für Weltwirtschaft 2019 auch in den EU-Ländern und insbesondere in Deutschland eine starke Abschwächung des Wachstums. In der EU dürfte die gesamtwirtschaftliche Produktion laut IfW kalenderbereinigt 2019 nur noch um 1,4 Prozent steigen (2018: + 2,0 Prozent), in Deutschland sogar nur um 0,7 Prozent (2018: + 1,5 Prozent).

Professor Klaus Mangold: „Ordentliche Wachstumsrate“

Professor Klaus Mangold, Vorsitzender des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft von 2000 bis 2010, meinte in einem Interview mit der Badischen Zeitung in der letzten Woche, Russland erwarte 2019 wie im Vorjahr eine „ordentliche Wachstumsrate“. Er beschreibt die aktuelle Lage der russischen Wirtschaft trotz der voraussichtlichen Abschwächung des Wachstums im laufenden Jahr als „relativ gut“:

„Russland geht es heute relativ gut. Die russische Wirtschaft hat die Belastungen wie die niedrigeren Rohstoffpreise in den vergangenen Jahren gemeistert. Für 2019 erwartet das Land wie im Vorjahr wieder eine ordentliche Wachstumsrate. Das zeigt, dass die russische Ökonomie über keine schlechten Voraussetzungen verfügt.

So lange sich der Ölpreis über 50 Dollar pro Barrel bewegt, kann das Land gut leben. Viele junge Menschen sind hervorragend ausgebildet. Vom schwächeren Rubel profitieren die Unternehmen. Er erhöht ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihre Exportchancen.

Und mit den westlichen Sanktionen ist Russland besser zurecht gekommen als erwartet. Dies zeigt erneut, dass Sanktionen nur eine begrenzte Wirkung haben. Die gewünschte Bestrafungsfunktion erfüllen sie nicht.“

Professor Gerhard Mangott: „Ein Prozent wäre ein sehr niedriger Wert“

Die Wiener Zeitung berichtet hingegen über ein Gespräch mit dem Politologen Gerhard Mangott (Universität Innsbruck), dass er ein Wachstum von nur einem Prozent als einen „sehr niedrigen Wert“ sieht:

„Offiziell betrug das Wachstum im letzten Jahr 2,3 Prozent. In Wahrheit dürften es nur um die 1,7 Prozent gewesen sein“, sagt Russland-Experte Gerhard Mangott der „Wiener Zeitung“.

Er weist darauf hin, dass die russische Wirtschaft im ersten Quartal 2019 nur um schmale 0,5 Prozent gewachsen sei. „Das ist ernüchternd. Schätzungen sprechen heuer von einem Wachstum von nur einem Prozent. Für die russische Schwellenökonomie wäre das ein sehr niedriger Wert“, fügt der Politologe hinzu.

„Von Putins Ziel, dass das Land 2024 ein Wachstum erzielt, das über dem globalen Durchschnitt liegt, ist Russland meilenweit entfernt.“

Titelbild

Titelbild: Diana Golysheva / Shutterstock.com

Quellen und Lesetipps

Klaus Dormann: Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland
Veröffentlichung des Deutsch-Russischen Wirtschaftsclubs Düsseldorf; 38 Seiten, 02.06.2019

Der vom Deutsch-Russischen Wirtschaftsclub Düsseldorf veröffentlichte Bericht „Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland“ fasst 2019 in Ostexperte.de erschienene Artikel zusammen. Er beginnt mit einer Analyse der aktuellen Konjunkturentwicklung in Russland. Das Kapitel „Wirtschaftspolitik“ enthält Hinweise zur Geldpolitik und zur Haushaltspolitik Russlands sowie Stellungnahmen internationaler Wirtschaftsorganisationen und russischer Wissenschaftler zur Wirtschaftspolitik in Russland. Nach einem Rückblick auf Russlands langen Weg aus der letzten Rezession werden im abschließenden Ausblick Prognosen zum Wachstum der russischen Wirtschaft verglichen. Das ausführliche Quellenverzeichnis verschafft einen Überblick über regelmäßig erscheinende Berichte der russischen Regierung und internationaler Wirtschaftsorganisationen zur russischen Wirtschaft.

Leitzinsentscheidung der Zentralbank am 14.06.2019

Konjunkturberichte der Zentralbank und des Wirtschaftsministeriums

Weitere Veröffentlichungen der Zentralbank

Periodisch erscheinende Konjunkturberichte (meist monatlich, vierteljährlich)

Weltbank-Veröffentlichungen zur russischen Wirtschaft

Konjunkturberichte sonstiger internationaler Wirtschaftsorganisationen

Kalender für Veröffentlichung neuer russischer Konjunkturdaten:

Sonstige Veröffentlichungen zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland:

SPIEF 2019

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann seit Anfang Mai 2019:

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.