Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Klaus DormannVon

April 2018: Neue Wachstumsprognosen für Russland

IWF, deutsche Institute und Analysten bleiben unter 2 Prozent

In der letzten Woche gab es nicht nur einen neuen „Weltwirtschaftsausblick“ des Internationalen Währungsfonds (IWF). Am 19. April wurde auch die im Auftrag der Bundesregierung erstellte „Gemeinschaftsdiagnose“ führender Forschungsinstitute zur Konjunkturentwicklung in Deutschland und der Welt vorgelegt. Sie geht auch kurz auf die Entwicklung der russischen Wirtschaft ein. Die Prognosen der Institute zum Wachstum in Russland sind ähnlich skeptisch wie die Erwartungen, die der IWF zwei Tage zuvor veröffentlichte. Weder die Institute noch der Währungsfonds glauben, dass sich der Produktionsanstieg in Russland wie von der russischen Regierung für 2018 und 2019 erwartet von 1,5 Prozent auf gut 2 Prozent beschleunigt.

IWF: Wachstum fällt schon 2019 wieder auf 1,5 Prozent zurück

Der IWF lässt im neuen „World Economic Outlook“ seine Prognose für das Wachstum der russischen Wirtschaft im Jahr 2018 unverändert. Er geht nur von einem schwachen Anziehen auf 1,7 Prozent aus. Für das nächste Jahr rechnet der Fonds weiterhin mit einer erneuten Abschwächung des Anstiegs der gesamtwirtschaftlichen Produktion auf 1,5 Prozent.

Zur Erklärung, warum sich Russland im letzten Jahr aus der Rezession lösen konnte und ein Wachstum von 1,5 Prozent verzeichnete, meint der IWF, der russischen Wirtschaft hätten die gestiegenen Exporterlöse, das gestärkte Vertrauen der Unternehmen und die Lockerung der Geldpolitik geholfen.

Als wachstumsdämpfende Faktoren sieht der Fonds in Russland „strukturelle Hemmnisse“ und die Auswirkungen der Sanktionen auf die Investitionen. Ein Grund für die erneute Abschwächung des Wachstums auf 1,5 Prozent im Jahr 2019 sind die Annahmen des Fonds zur Ölpreisentwicklung. Er geht zwar davon aus,  dass der Ölpreis 2018 weiter steigt und mit 62,3 Dollar/Barrel rund 18 Prozent höher sein wird als 2017. 2019 rechnet er aber mit einem leichten Rückgang auf 58,2 Dollar/Barrel (rund – 7 Prozent).

Gemeinschaftsdiagnose: Kein breiter Investitionsaufschwung zu erwarten

Die Forschungsinstitute erwarten in ihrem Frühjahrsgutachten in diesem Jahr wie der IWF nur eine leichte Beschleunigung des Wachstums auf 1,7 Prozent.

Wachstumsimpulse versprechen sich die Institute von Zinssenkungen und dem jüngsten Ölpreisanstieg:

„Die Zentralbank dürfte an ihrer Politik der fortgesetzten Leitzinssenkungen (auf im März 7,25 Prozent) festhalten, denn die Inflation liegt, auch wegen der Aufwertung des Rubels im Jahr 2017, schon seit vergangenem Sommer unter der Zielrate von vier Prozent. Auch gibt der jüngste Ölpreisanstieg der russischen Wirtschaft einen weiteren Schub.“

Nach Ansicht der Institute schließen die im vergangenen Jahr eingeführten Fiskalregeln eine expansive Finanzpolitik in diesem und im kommenden Jahr jedoch aus.

Als weitere wachstumsdämpfende Faktoren verweist das Frühjahrsgutachten zum einen darauf, dass wichtige Investitionsprojekte im Energiesektor, die 2017 die Zunahme der Anlageinvestitionen zum großen Teil getragen hätten, bald zum Abschluss kommen. Gegen einen „breiter aufgestellten Investitionsaufschwung“ spreche auch, dass die institutionellen Rahmenbedingungen für privatwirtschaftliche Investitionen „problematisch“ blieben. Zudem lasteten die seit dem Ukraine-Konflikt verhängten wechselseitigen Sanktionen auf der russischen Wirtschaft. Hinzu komme, dass Angebotsrestriktionen wie die rückläufige Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter eine stärkere Produktionsausweitung verhindern dürften.

2019 werde das Wachstum wohl nur 1,6 Prozent erreichen.

Analystenumfragen bleiben auch unter Regierungsprognosen

Jüngste Umfragen von „FocusEconomics“ und des englischen Wirtschaftsmagazins „The Economist“ ergaben, dass die Analysten der russischen Wirtschaft zwar etwas mehr Wachstum zutrauen als der IWF und die Gemeinschaftsdiagnose. Auch sie bleiben aber etwas unter den zur Zeit noch aktuellen Regierungsprognosen von 2,1 Prozent im laufenden und 2,2 Prozent im nächsten Jahr.

Die Regierung wird diese erstmals vor einem halben Jahr für die Haushaltsplanung veröffentlichten Prognosen laut Presseberichten zwar bald aktualisieren. Interfax berichtete dazu aber vorab, dass an der Wachstumsprognose für 2018 von 2,1 Prozent festgehalten werden soll. Die Prognose des Wachstums der Industrieproduktion werde jedoch von 2,5 Prozent auf 1,7 Prozent zurückgenommen.

Prognosen gesamtwirtschaftliche Produktion in Russland (20. April 2018)

Schätzung des Bruttoinlandsprodukts, real gegenüber dem Vorjahr, angegeben in Prozent.
InstitutDatum201720182019
Berenberg Bank, Hamburg20.04.181,51,91,9
Commerzbank, Frankfurt20.04.181,51,72,1
Gemeinschaftsdiagnose19.04.181,51,71,6
IWF17.04.181,51,71,5
Deka Bank16.04.181,51,71,8
BNP Paribas16.04.181,51,61,5
OPEC12.04.181,51,8
Economist-Umfrage12.04.181,91,9
Danske Bank06.04.181,52,02,1
Helaba, Frankfurt05.04.181,51,81,7
Euler Hermes05.04.181,51,91,8
FocusEconomics Consensus Forecast03.04.181,51,81,8
Alfa Bank03.04.181,0
Rosstat-Schätzung 201702.04.181,5
Reuters-Umfrage30.03.181,51,81,9
Bank of Finland, BOFIT27.03.181,51,81,6
Russische Zentralbank;
Basisszenario
23.03.181,5
Urals 53$/b
1,5 bis 2,0
Urals 61 $/b
1,0 bis 2,0
Urals 55 $/b
Economist Intelligence Unit22.03.181,81,71,8
RWI Essen21.03.181,51,71,8
IfW Kiel21.03.181,51,81,5
Sachverständigenrat21.03.181,51,91,7
Macro Advisory18.03.181,51,82,0
ABN Amro16.03.181,82,01,5
IWH Halle15.03.181,51,61,9
DIW Berlin14.03.181,5
1,8
1,9
WIIW Wien13.03.181,51,81,6
OECD13.03.181,51,81,5
Wirtschaftsministerium,
Basisszenario (Haushaltsgesetz)
27.10.172,1
Urals 49,9 $/b
2,1
Urals 43,8 $/b
2,2
Urals 41,6 $/b

Wichtigster Wachstumsträger: Privater Verbrauch

Welche Beiträge zum Wachstum von den Verwendungsbereichen des Bruttoinlandsprodukts zu erwarten sind, lässt eine Abbildung der Ende März veröffentlichten Prognose des Forschungsinstituts BOFIT der finnischen Zentralbank erkennen. BOFIT erwartet ähnlich wie der IWF und die Gemeinschaftsdiagnose nach einer leichten Beschleunigung des gesamtwirtschaftlichen Produktionsanstiegs auf 1,8 Prozent im Jahr 2018 bereits 2019 wieder einen Rückgang des Wirtschaftswachstums auf 1,6 Prozent und 2020 auf 1,5 Prozent.

Die größten Wachstumsbeiträge kommen dabei vom Privaten Verbrauch (rot markiert). Auch die Anlageinvestitionen (grün) steigen. Weiter gedämpft wird das Wachstum vom Öffentlichen Verbrauch (violett). Gebremst wird das Wachstum verwendungsseitig von der außenwirtschaftlichen Entwicklung: Die Importe (gelb) steigen rascher als die Exporte (blau).

Folgen der US-Sanktionen für Wechselkurs, Inflationsrate und Wirtschaftswachstum

Wie sich die am 06. April verkündete Ausweitung der US-Sanktionen auf das Wachstum der russischen Wirtschaft auswirken könnte, ist in fast allen vorliegenden Prognosen noch nicht berücksichtigt.

Maurice Obstfeld, Leiter der Research-Abteilung des IWF, wies in der Pressekonferenz des IWF zwar darauf hin, dass es Reaktionen des Rubel-Kurses und auf den Anlagemärkten auf die verschärften Sanktionen gegeben habe. Er meinte aber, es sei zu früh, die Auswirkungen der Sanktionen zu beziffern.

Das russische Wirtschaftsministerium meinte in seinem monatlichen Bericht „Bild der Wirtschaft“ auch lediglich, dass sich Folgen für den Realsektor der russischen Wirtschaft nur zeigen dürften, wenn die negativen Trends auf den Finanzmärkten länger anhielten.

Natalia Akindinova (Direktorin des Development Center der Moskauer „Higher School of Economics“) hat hingegen Mitte April eine erste Schätzung gewagt. Sie erwartet eine Abwertung des Rubel, eine höhere Inflation und ein niedriges Wachstum.

Akindinova nimmt an, dass der Rubelkurs wegen der Sanktionen im Jahresdurchschnitt 2018 nicht wie bisher angenommen 57 Rubel/US-Dollar betragen werde, sondern auf 60,5 bis 61 Rubel/US-Dollar abwerten werde.

Mit der abwertungsbedingten Verteuerung der Importe werde der Verbraucherpreisanstieg am Jahresende 4,1 bis 4,3 Prozent erreichen (statt 3,6 Prozent). Die Zentralbank werde ihren Leitzins wahrscheinlich auch am Jahresende in der Nähe des derzeitigen Satzes (7,25 Prozent) halten. Die Kreditzinsen dürften „etwas höher“ sein als ohne Sanktionen.

Bei diesen Annahmen (und einem Ölpreis von 67 $/Barrel) schätzt sie, dass das Wirtschaftswachstum 2018 statt 1,9 Prozent nur 1,7 Prozent erreicht.

Die Hamburger Berenberg Bank bleibt hingegen bei ihrer Prognose:

„Russlands Wirtschaft wächst 2018 wahrscheinlich um 1,9 %. Daran dürften auch die neuerlichen Querelen zwischen Moskau und Washington in Bezug auf Syrien nicht rütteln. Nur der Rubel und die Zinsen auf russische Staatsanleihen dürften nun öfters stärker schwanken.“

Zum Kurs der Geldpolitik angesichts der stärkeren Volatilität meint die Bank:

„Die Geldpolitik bleibt vorsichtig expansiv, da die Inflation (März: 2,4 %) weiter unter dem Notenbankziel von 4 % liegt. Die neuerliche Volatilität des Wechselkurses dürfte die Notenbank zurückhaltender machen; wir erwarten dass sie diesen Monat den Leitzins (aktuell 7,25 %) unverändert lässt, ihn aber mittelfristig weiter senkt.“

Industrieproduktion, Einzelhandel und Einkommen im ersten Quartal

Das Statistikamt Rosstat veröffentlichte am 18. April seinen Monatsbericht mit Daten für das erste Quartal 2018.

Die Industrieproduktion war in den ersten drei Monaten 1,9 Prozent höher als vor einem Jahr.

Der reale Einzelhandelsumsatz stieg bei um 3 Prozent höheren real verfügbaren Einkommen um 2,2 Prozent. Für die durchschnittlichen Reallöhne errechnete Rosstat für das erste Quartal einen deutlich höheren Anstieg um 9,5 Prozent. Berücksichtigt man einmalige Sonderzahlungen im Januar 2017, waren die real verfügbaren Einkommen im ersten Quartal nur 0,9 Prozent höher als vor einem Jahr.

Quellen und Lesetipps zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland

Neue Konjunkturprognosen:

Russische Konjunkturstatistik:

Wirtschaftsministerium zur Konjunktur:

Zentralbank zu Konjunktur und Geldpolitik:

Sonstige Berichte und Kommentare zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik:

Titelbild

Quelle: Baturina Yuliya / Shutterstock.com

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Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.