Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Klaus DormannVon

Russland: Wachstumsspitze im dritten Quartal überschritten

Russlands Wirtschaftswachstum hat sich im dritten Quartal auf 1,9 Prozent im Vorjahresvergleich beschleunigt. Das schätzt das Wirtschaftsministerium in seinem am Donnerstag veröffentlichten Monatsbericht „Bild der Wirtschaftsaktivität“. Im vierten Quartal rechnet das Wirtschaftsministerium allerdings mit einer Abschwächung des Produktionsanstiegs auf 1,4 bis 1,5 Prozent.

Die Wachstumsrate im gesamten Jahr 2019 veranschlagt das Ministerium weiterhin auf 1,3 Prozent. In den ersten drei Quartalen war die gesamtwirtschaftliche Leistung nach Schätzung des Ministeriums 1,2 Prozent höher als vor einem Jahr. Da die Inflationsrate schneller als erwartet gesunken ist, dürfte die Zentralbank am Freitag den Leitzins weiter senken, um das Wachstum der russischen Wirtschaft zu beschleunigen.

Wirtschaftswachstum verdoppelte sich im dritten Quartal

Im ersten Quartal 2019 hatte sich das Wachstum der gesamtwirtschaftlichen Produktion auf nur noch 0,5 Prozent abgeschwächt. Im zweiten Quartal zog es auf lediglich 0,9 Prozent an bevor es im dritten Quartal mit 1,9 Prozent voraussichtlich seinen diesjährigen Höchstwert erreichte. Die scharfe Beschleunigung des Produktionsanstiegs ist, so das Ministerium, nicht nachhaltig und zum großen Teil auf nur einmalig wirkende Faktoren wie den deutlichen Anstieg der Lagerhaltung zurückzuführen.

In der folgenden Abbildung aus dem Bericht des Wirtschaftsministeriums zeigen die roten Rauten in den Säulen die Schätzungen für das Wachstum in den ersten drei Quartalen 2019.

Den größten Wachstumsbeitrag in diesem Jahr leistete die Industrie
Wachstumsbeiträge in Prozentpunkten

Wirtschaftsministerium: Bild der Wirtschaftsaktivität; 17.10.2019

In den Säulen sind die Wachstumsbeiträge der Wirtschaftsbereiche verzeichnet. Geschätzte Beiträge zum Wachstum von 1,9 Prozent im dritten Quartal:

  • Transport und Logistik: 0,0 Prozentpunkte
  • Industrie: 0,6 Prozentpunkte
  • Bauwirtschaft: 0,0 Prozentpunkte
  • Nicht-Basis-Branchen, Netto-Steuern: 0,7 Prozentpunkte
  • Landwirtschaft: 0,2 Prozentpunkte
  • Groß- und Einzelhandel: 0,3 Prozentpunkte

Die Industrie (dunkelblau) steuerte im dritten Quartal 0,6 Prozentpunkte zum Wirtschaftswachstum von 1,9 Prozent bei. In den ersten beiden Quartalen hatte sie mit jeweils 0,5 Prozentpunkten die größten Wachstumsbeiträge gestellt.

Wachstumstreiber Industrie legte stetig zu

Im dritten Quartal war die Industrieproduktion 2,9 Prozent höher als vor einem Jahr. Sie wuchs 2019 relativ stetig (bei kräftigen monatlichen Schwankungen). Im zweiten Quartal war sie um 3,0 Prozent gestiegen, im ersten Quartal um 2,2 Prozent. In den ersten 9 Monaten 2019 erhöhte sie sich gegenüber dem Vorjahr um 2,7 Prozent. Überdurchschnittlich stark wuchs dabei der Bergbau (+ 3,6 Prozent). Die Produktion im Verarbeitenden Gewerbe stieg um 2,2 Prozent.

Industrieproduktion September 2017 bis September 2019
Veränderungen gegenüber Vorjahresmonat in Prozent (Säulen); Veränderungen im 12-Monatsdurchschnitt gegenüber dem Vorjahr in Prozent (rote Linie)

Noch stärker als die Industrie erhöhte die Landwirtschaft ihre Produktion. Im dritten Quartal war sie 5,1 Prozent höher als vor einem Jahr, in den ersten 9 Monaten übertraf sie das Vorjahresergebnis um 3,6 Prozent.

Demgegenüber war die Bauproduktion nur wenig höher als im Vorjahr (drittes Quartal: + 0,5 Prozent; Jan. bis Sept.: + 0,3 Prozent). 2018 war sie allerdings auch besonders stark gestiegen (2018/2017: + 5,3 Prozent).

Das reale Wachstum des Einzelhandels halbierte sich im dritten Quartal auf 0,8 Prozent. In den ersten neun Monaten wurde der Umsatz des Vorjahres aber noch um 1,4 Prozent übertroffen.

Zweifel an Einkommensanstieg um 3 Prozent im dritten Quartal

Mit Verweis auf die Halbierung des Wachstums des Einzelhandels im dritten Quartal stellen einige Analysten neue Rosstat-Daten zur Entwicklung der real verfügbaren Einkommen der Haushalte in Frage. Darüber berichten „The Moscow Times“ und rbc.ru.

Laut Rosstat sollen die Einkommen im dritten Quartal um 3,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sein, während sich der Umsatzanstieg im Einzelhandel gleichzeitig auf 0,8 Prozent abschwächte. Vor allem ein kräftiger Anstieg der Arbeitseinkommen hat nach Angaben von Rosstat die verfügbaren Einkommen im dritten Quartal insgesamt um real 3 Prozent steigen lassen. Für die ersten neun Monate errechnet Rosstat jetzt einen kleinen Anstieg der verfügbaren Einkommen um 0,2 Prozent.

Auch Dmitry Dolgin, Chef-Volkswirt der ING-Bank für Russland, meint, die Quelle für den beschleunigten Anstieg der Einkommen bleibe unklar. Daten zur Entwicklung der realen Löhne und Gehälter lägen nur bis August vor. Für einen massiven Anstieg der Zahl der Beschäftigten oder der Löhne gebe es keine Anzeichen.

Zentralbank signalisiert Leitzinssenkung

Die russische Zentralbank hat in letzter Zeit deutlich gemacht, den Leitzins schneller als bisher senken zu wollen. Präsidentin Nabiullina sagte in einem CNBC-Interview, gewöhnlich bevorzuge es die russische Zentralbank zwar, den Leitzins in „moderatem“ Tempo zu verändern. Wenn die Zentralbank aber erkenne, dass die Datenlage zu einer deutlichen Änderung der Prognosen führe, könne die Zentralbank ihre Geldpolitik „entschiedener“ anpassen.

Inflationsrate schon unter 4 Prozent

Dass der Anstieg der Verbraucherpreise bereits im September auf 4,0 Prozent sank, dürfte die Bereitschaft der Zentralbank zu Zinssenkungen erhöht haben.

Daria Orlova (DekaBank): Russland: Zentralbank signalisiert mehr Lockerung; in Emerging Markets Trends, Oktober 2019; 16.10.2019

DekaBank-Analystin Daria Orlova erwartet nun bei den Sitzungen der Zentralbank am 25. Oktober und im Dezember eine Senkung des Leitzinses um jeweils 0,25 Prozentpunkte von derzeit 7 Prozent auf dann 6,5 Prozent und im nächsten Jahr weitere Lockerungsschritte. Einige andere Banken, so auch die Sberbank und die Nordea Bank, rechnen am Freitag sogar mit einer Senkung um 0,5 Prozentpunkte.

Auch der IWF senkte seine Wachstumsprognose für 2019

Raschere Zinssenkungen könnten zur Belebung des Wachstums der russischen Wirtschaft beitragen. Am letzten Dienstag senkte auch der Internationale Währungsfonds seine Prognose für das diesjährige Wachstum der russischen Wirtschaft weiter auf 1,1 Prozent. Damit rechnen auch vom Research Unternehmen FocusEconomics befragte Analysten in einer Anfang Oktober veröffentlichten Umfrage im Durchschnitt.

Wachstumsprognosen 2019 bis 2021
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

   201920202021
Helaba, Frankfurt18. Oct 20191.31.7
IWF, New York15. Oct 20191.11.92
DekaBank, Frankfurt16. Oct 20191.11.6
Economist Intelligence Unit15. Oct 20191.31.51.7
Berenberg Bank, Hamburg14. Oct 20190.811.7
Morgan Stanley11. Oct 20191.11.6
Commerzbank, Frankfurt11. Oct 20190.91.4
Weltbank, Washington09. Oct 201911.71.8
OPEC, Wien09. Oct 201911.2
ING, Amsterdam07. Oct 201911.51.7
Danske Bank, Kopenhagen04. Oct 20191.21.72.4
Bank of Finland; BOFIT03. Oct 201911.81.6
Erste Group, Wien02. Oct 20191.21.9
Gemeinschaftsdiagnose02. Oct 20191.21.51.8
FocusEconomics
Consensus Forecast
02. Oct 20191.11.81.8
Russisches Wirtschaftsministerium;
Basisszenario für Haushaltsplan
30. Sep 20191.3
Urals 62,2 $/b
1.7
Urals 57,0 $/b
3.1
Urals 56,0 $/b
Reuters Umfrage30. Sep 20191
Citibank27. Sep 20191.32.5
UniCredit, Mailand25. Sep 20191.21
RIA Rating20. Sep 20191
Raiffeisen Bank International, Wien19. Sep 20191.21.61.3
Russische Zentralbank,
Basisszenario
06. Sep 20190,8 bis 1,3
Urals 63 $/b
1,5 bis 2,0
Urals 55 $/b
1,5 bis 2,5
Urals 50 $/b
01. Jan 1970

Zentralbankpräsidentin Nabiullina wiederholte im CNBC-Interview die Anfang September von der Zentralbank veröffentlichte Prognose, dass sich das Wirtschaftswachstum im nächsten Jahr wieder auf 1,5 bis 2 Prozent beschleunigt. Die „Normalisierung der Geldpolitik“ werde positive Wachstumseffekte haben und die Russlands Haushaltspolitik werde die Produktion mehr als bisher stimulieren.

IWF-Ratschläge für mehr Wachstum in Russland

Der Internationale Währungsfonds rät der russischen Regierung in seinem neuen „World Economic Outlook“, die Steuer- und Ausgabenpolitik „wachstumsfreundlicher“ auszurichten. Der „Nationale Wohlfahrtsfonds“ solle aber nicht für „quasi-fiskalische“ Aktivitäten genutzt werden.

Wenn der Inflationsdruck weiter nachlasse, könne die Geldpolitik bis zu einem „neutralen Stand“ gelockert werden.

Die Konsolidierung des Bankensektors solle die Regierung fortsetzen und dabei den Staatsanteil verringern.

Um das Wachstumspotenzial zu erhöhen, seien weitere strukturelle Reformen erforderlich. Dazu gehörten Maßnahmen zur Stärkung des Wettbewerbs, der Verbesserung des öffentlichen Beschaffungswesens und eine Reform des Arbeitsmarktes.

Fotoquelle

Titelbild: DedMityay / Shutterstock.com

Quellen und Lesetipps:

Periodisch erscheinende Konjunkturberichte (meist monatlich, vierteljährlich)

Wirtschaftsministerium: Monatsbericht Wirtschaft September 2019

Realeinkommen im dritten Quartal 2019 laut Rosstat um 3,0 Prozent gestiegen

Industrieproduktion September 2019

Zentralbank: Nabiullina-Interview; Leitzinspolitik; Direktorenrat am 25.10.2019

Preisentwicklung September 2019

Zentralbank-Präsentationen im Investoren-Programm in Englisch

Zentralbank: Monetary Policy Report, Leitzinssenkung und Prognosen vom 06.09.2019

Zentralbank: Zahlungsbilanz 1.-3. Quartal 2019

Russische Zentralbank: External Sector Statistics; Balance of Payments of the Russian Federation; Estimate Analytical Presentation; 09.10.2019

Zentralbank: Single State Monetary Policy Guidelines; 27.09.2019

Zentralbank:Monatsbericht Wirtschaft August 2019

Zentralbank Konjunkturbericht „Talking Trends“

Wirtschaftsministerium: Prognosen und Vorlagen für die Haushaltsberatungen;
Stellungnahme des Rechnungshofs vom 14.10. zur Regierungsprognose

Haushaltspolitik: Haushaltsplan 2020-2022

Sonstige Veröffentlichungen zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann seit Anfang September 2019:

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.