Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

Anzeige
Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

Bruttoinlandsprodukt und Investitionen sanken zuletzt

Wie steht es um die russische Wirtschaft? Unser Autor wirft regelmäßig einen umfangreichen Blick auf die Zahlen. Eine Analyse von Klaus Dormann.

Mitte Juni teilte das russische Statistikamt Rosstat in einer ersten Schätzung mit, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion im ersten Quartal 2019 um 0,5 Prozent höher war als vor einem Jahr im ersten Quartal 2018. Im Vergleich zum Vorquartal ist das Bruttoinlandsprodukt zuletzt jedoch gesunken. Der Rückgang der Anlageinvestitionen trägt dazu bei.

Die Investitionen bremsten das Wachstum im ersten Quartal 2019

Am Montag machte Rosstat erste Angaben zur Verwendung des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal. Impulse für das schwache Wachstum um 0,5 Prozent im Vorjahresvergleich kamen vom Verbrauch, der insgesamt um 1,2 Prozent zunahm, und vom Außenbeitrag. Der private Verbrauch stieg dabei um 1,6 Prozent, der öffentliche Verbrauch nahm nur um 0,2 Prozent zu. Die Brutto-Anlageinvestitionen waren jedoch 2,6 Prozent niedriger als im ersten Quartal 2018 und bremsten das Wachstum (siehe Abbildung in ING-Analyse).

Gegenüber dem Vorquartal sank das BIP im ersten Quartal

Im Vergleich zum vierten Quartal 2018 ist das Bruttoinlandsprodukt gesunken. Nach Angaben von Rosstat zur saisonbereinigten Entwicklung des BIP war es im ersten Quartal 0,4 Prozent niedriger als im vierten Quartal 2018.

Zur aktuellen Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts veröffentlichte das Forschungsinstitut der finnischen Zentralbank BOFIT am Freitag auf der Basis der Rosstat-Daten in seinem wöchentlichen Informationsdienst „BOFIT Weekly“ eine Abbildung. Sie zeigt die vierteljährliche Entwicklung des BIP nach Ausschaltung saisonal bedingter Einflüsse seit Anfang 2014.

Zwei Ergebnisse stellt BOFIT heraus:

  • Saisonbereinigt ist die gesamtwirtschaftliche Produktion im ersten Quartal 2019 gegenüber dem vierten Quartal 2018 um 0,4 Prozent gesunken.
  • Im Vergleich mit dem Ausgangsniveau im Jahresdurchschnitt 2014 hat sich das Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal 2019 nur um 1,8 Prozent erhöht.

Allein wegen des Rückgangs des Bruttoinlandsprodukts im ersten Quartal 2019 dürfte aber kaum jemand bereits behaupten, Russlands Wirtschaft befinde sich jetzt in einer „Rezession“. Dazu müsste sich auch für das zweite Quartal ein Rückgang ergeben. Wenn das Bruttoinlandsprodukt in zwei Quartalen hintereinander gegenüber dem Vorquartal sinkt, ist es vor allem im angelsächsischen Bereich üblich, das „R-Wort“ zu verwenden.

Zentralbank: Anlageinvestitionen sind seit Herbst 2018 im Abwärtstrend

Zum Rückgang des Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorquartal trug eine erneute Abnahme der Anlageinvestitionen bei. Die Zentralbank hat bereits Ende Juni Schätzungen für die monatliche Entwicklung bis einschließlich Mai 2019 veröffentlicht, unter anderem in einem Bericht im Rahmen ihres Investorenprogramms („Russia’s Economic Outlook and Monetary Policy“). Er enthält eine Abbildung, die zeigt, dass die Anlageinvestitionen (rote Linie) schon seit einem halben Jahr saisonbereinigt sinken:

Indikatoren für die Investitionsaktivität
Veränderungen gegenüber Januar 2016 in Prozent

Die rote Linie zeigt die Schätzungen der Zentralbank zur monatlichen Entwicklung der saisonbereinigten Anlageinvestitionen seit Januar 2016. Die roten Punkte markieren die Quartalswerte.

Erkennbar ist, dass die Anlageinvestitionen seit Januar 2016 nur bis zum dritten Quartal 2018 gestiegen sind, und zwar insgesamt um rund 11 bis 12 Prozent gegenüber Januar 2016 (linke Skala). Im letzten Quartal 2018 und im ersten Quartal 2019 sanken sie saisonbereinigt jedoch gegenüber dem Vorquartal.

Die Schwäche der Investitionskonjunktur zeigen auch die Indikatoren „Bauproduktion“ (dunkelblaue Linie) und „Produktion von Investitionsgütern“ (hellblaue Linie). Während die Investitionsgüterproduktion sich im Herbst 2018 gegenüber Januar 2016 um gut 15 Prozent erhöht hatte, war sie im Mai nur noch rund 12 Prozent höher. Die Bauproduktion stagniert seit rund einem Jahr annähernd. Seit Januar 2016 hat sie sich nur um 6 bis 7 Prozent erhöht.

Anlageinvestitionen seit 4 Monaten auch im Vorjahresvergleich gesunken

Ein Vergleich der von der Zentralbank geschätzten Monatswerte der  Anlageinvestitionen im Jahr 2019 mit den Vorjahreswerten zeigt, dass die Anlageinvestitionen seit Februar 2019 niedriger sind als vor einem Jahr. Die folgende Abbildung der Zentralbank, die sie in ihrem monatlichen Bericht „Wirtschaft: Fakten, Schätzungen, Kommentare“ veröffentlichte, lässt erkennen, dass die prozentualen Veränderungen der Anlageinvestitionen gegenüber dem Vorjahr (rote Linie) in den letzten 4 Monaten unter die „Null-Prozent –Linie“ sanken.

Indikatoren für die Investitionsaktivität
Veränderungen gegenüber dem Vorjahr in Prozent

Zentralbank erwartet Anziehen der Investitionen

Die russische Zentralbank geht aber davon aus, dass im gesamten Jahr 2019 noch ein Anstieg der Anlageinvestitionen um 1 bis 2 Prozent erreicht wird. 2018 waren sie 2,3 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Die Realisierung der von der Regierung geplanten „nationalen Projekte“ soll zu der im Jahresverlauf 2019 erwarteten Belebung der Investitionen beitragen.

Der private Verbrauch soll laut Zentralbank 2019 um 1,0 bis 1,5 Prozent steigen. Er würde damit fast das im ersten Quartal erreichte Wachstum (+ 1,6 Prozent) halten. 2018 war der private Verbrauch aber noch etwa doppelt so stark gestiegen (+ 2,9 Prozent).

Wachstum von privatem Verbrauch und Bruttoanlageinvestitionen
Veränderung gegenüber dem Vorjahr in Prozent

Zentralbank: Investor Presentation „Russian Financial Sector“; mit Macro-Update, S. 14; Juni 2019

Ihre Prognose-Spanne für das diesjährige Wachstum des Bruttoinlandsprodukts nahm die Zentralbank Mitte Juni um 0,2 Prozentpunkte auf 1,0 bis 1,5 Prozent zurück.

Reuters-Umfrage bestätigt Wachstumsprognose der Zentralbank

Viele Konjunkturexperten in Banken und Instituten sehen die Wachstumsperspektiven der russischen Wirtschaft in diesem Jahr wie die Zentralbank. In einer Ende Juni veröffentlichten Reuters-Umfrage senkten die befragten Analysten ihre Wachstumserwartung für 2019 im Durchschnitt auf 1,2 Prozent. Die Prognosen reichten von auf 0,7 bis 1,7 Prozent.

Seit März ist die Stimmung der Einkaufsmanager im Verarbeitenden Gewerbe allerdings drei Mal in Folge gesunken. Das spricht nicht für eine baldige Belebung der Produktion. Der Stimmungsindex lag im Juni mit 48,6 Punkten zum zweiten Mal unter der „Wachstumsschwelle“ von 50 Punkten.

Wachstumsprognosen 2019 bis 2021
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

 201920202021
Reuters-Umfrage28.06.191,2
Helaba, Frankfurt28.06.191,71,7
RIA Rating24.06.191,3
Berenberg Bank, Hamburg24.06.191,31,7
Commerzbank, Frankfurt21.06.191,51,2
Danske Bank, Kopenhagen20.06.191,31,82,4
Economist Intelligence Unit19.06.191,51,71,7
Ifo Institut, München18.06.191,01,5
Fitch Rating17.06.191,21,91,9
 

Russische Zentralbank,
Basisszenario

14.06.191,0 bis 1,5
Urals 65 $/b
1,8 bis 2,3
Urals 60 $/b
2,0 bis 3,0
Urals 55 $/b
DIW Berlin13.06.191,51,9
IfW Kiel13.06.191,31,6
DekaBank, Frankfurt13.06.191,11,6
OPEC, Wien13.06.191,4
 

Weltbank;
Global Economic Prospects

04.06.191,21,81,8
FocusEconomics
Consensus Forecast
04.06.191,41,81,8

 

Ihre Erwartung für die diesjährige Inflationsrate nahmen die Experten in der Reuters-Umfrage weiter von 4,6 auf 4,3 Prozent zurück. Sie gehen jetzt mehrheitlich davon aus, dass die Zentralbank angesichts der flauen Konjunktur und der Verringerung des Preisanstiegs schon im September den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf 7,25 Prozent senken wird.

Quellen und Lesetipps

Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal 2019

Konjunktur- und geldpolitische Berichte der Zentralbank

Präsentationen im Investoren-Programm der Zentralbank in Englisch

Start der Internet-Seite „ECONS – Economic Conversations“ der Zentralbank

Aktuelle Wirtschaftslage: Monatsbericht des Wirtschaftsministeriums,
Rosstat-Monatsdaten „Sozio-ökonomische Lage“ Mai 2019

Periodisch erscheinende Konjunkturberichte (meist monatlich, vierteljährlich)

Sonstige Veröffentlichungen zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann seit Ende Mai 2019:

Klaus Dormann: Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland
Veröffentlichung des Deutsch-Russischen Wirtschaftsclubs Düsseldorf; 38 Seiten, 02.06.2019

Fotoquelle

Titelbild:  Strand auf dänischer Insel Bornholm. Foto: Drozdin Vladimir / Shutterstock.com

 

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.