Klaus DormannVon

Zentralbank geht weiterhin von einem BIP-Rückgang um rund 5 Prozent aus

Die russische Zentralbank senkte am Freitag ihren Leitzins um 0,25 Prozentpunkte auf 4,25 Prozent, um so die Erholung der Wirtschaft vom tiefen Rückschlag im zweiten Quartal zu unterstützen. Viele Analysten hatten eine stärkere Senkung um 0,5 Prozentpunkte erwartet.

Nach Schätzungen der Zentralbank ist die gesamtwirtschaftliche Produktion im zweiten Quartal gegenüber dem Vorjahr um 9 bis 10 Prozent eingebrochen. Anders als der Internationale Währungsfonds und die Weltbank senkte die Zentralbank ihre Prognose für die Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2020 aber nicht weiter.

Um 4,5 bis 5,5 Prozent dürfte das BIP 2020 sinken

Die Zentralbank präzisierte in ihrer anlässlich der Leitzinsentscheidung aktualisierten Vorausschau auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung bis zum Jahr 2022 lediglich ihre Prognose-Spannen. Sie erwartet jetzt, dass das Bruttoinlandsprodukt 2020 um 4,5 bis 5,5 Prozent niedriger sein wird als 2019. Vor einem Vierteljahr hatte sie noch eine breitere Spanne von – 4 bis – 6 Prozent genannt. Im Mittel geht die Zentralbank also weiterhin davon aus, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion 2020 um rund 5 Prozent zurückgehen wird.

Diese Schätzung der Zentralbank entspricht weitgehend der jüngsten Umfrage des Research-Unternehmens FocusEconomics bei Analysten. Sie rechnen im Durchschnitt für 2020 in Russland mit einem 4,9 Prozent niedrigeren Bruttoinlandsprodukt. Auch das Forschungsinstitut der Vnesheconombank (Chef-Volkswirt: Andrey Klepach) prognostiziert in einer aktualisierten und stark erweiterten Studie (44 Seiten) einen ähnlich starken Rückgang des BIP (- 4,5 Prozent) wie die Zenralbank.

Vom Wirtschaftsministerium war Mitte Juni berichtet worden, es gehe für 2020 von einem Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 4,8 Prozent aus. Wirtschaftsminister Reshetnikov teilte der Presse in der letzten Woche mit, er schätze, das Bruttoinlandsprodukt sei im ersten Halbjahr 4,2 Prozent niedriger gewesen ist als im Vorjahr. Die Prognosen der Regierung für das Jahr 2020 und die Haushaltsplanung würden im August aktualisiert.

IWF und Weltbank rechnen mit einem stärkeren Rückgang

Im Gegensatz zur Zentralbank beurteilten Internationale Wirtschaftsorganisationen die Produktionsentwicklung in Russland zuletzt immer pessimistischer. So erhöhte der Internationale Währungsfonds seine Prognose für den Rückgang der russischen Wirtschaftsleistung am 24. Juni von 5,5 Prozent auf 6,6 Prozent. Kurz zuvor hatte das Moskauer Gaidar-Institut eine ähnlich skeptische Prognose (- 6,8 Prozent) vorgelegt. Auch der Anfang Juli veröffentlichte „Russia Economic Report“ der Weltbank erwartet im Basis-Szenario mit einem Rückgang um 6 Prozent einen stärkeren Einbruch als die Zentralbank (Stress-Szenario der Weltbank: – 9,6 Prozent).

Erholung des Bruttoinlandsprodukts dauert mindestens bis Mitte 2022

Die Zentralbank hat auch ihre Prognose-Spannen für die Erholung der russischen Wirtschaft in den Jahren 2021 und 2022 verringert. Sie geht jetzt davon aus, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion im nächsten Jahr um 3,5 bis 4,5 Prozent wächst. 2022 werde sich das Tempo der Erholung auf 2,5 Prozent bis 3,5 Prozent abschwächen. Damit ist nach Einschätzung der Zentralbank zu erwarten, dass der Produktionsrückgang des Jahres 2020 um rund 5 Prozent erst Mitte 2022 aufgeholt sein wird. Das VEB Institut geht von einer noch etwas langsameren Erholung aus.

Wachstumsprognosen 2020 bis 2022
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

   202020212022
Russische Zentralbank,
Basisszenario
07/24/2020- 4,5 bis - 5,5
Urals 38 $/b
3,5 bis 4,5
Urals 40 $/b
2,5 bis 3,5
Urals 45 $/b
VEB Institut07/24/2020-4.52.52.4
Helaba, Frankfurt07/24/2020-33
Commerzbank, Frankfurt07/24/2020-1.51.1
Berenberg Bank, Hamburg07/21/2020-53.52.5
Standard & Poor’s07/17/2020-4.84.53.3
Economist Intelligence Unit, London07/14/2020-6.11.61.8
OPEC, Wien07/14/2020-4.52.9
FocusEconomics
Consensus Forecast
07/08/2020-4.93.22.6
Alfa Bank, Moskau07/07/2020-3
Weltbank, Basisszenario07/06/2020-62.73.1
Weltbank, Stress-Szenario07/06/2020-9.60.1
ING Bank, Amsterdam07/06/2020-2.522.2
Interfax-Umfrage07/06/2020-4.23
DekaBank, Frankfurt07/03/2020-5.63.5
Ifo Institut München07/01/2020-7.57
Reuters-Umfrage06/30/2020-4.53.2
Fitch Ratings06/30/2020-5.83.62
Citibank06/26/2020-4.33.9
Unicredit06/25/2020-5.43.8
Internationaler Währungsfonds06/24/2020-6.64.1
Macro Advisory, Moskau06/23/2020-3.52.5
Gaidar Institut/RANEPA;
Szenario 1
06/22/2020-6.8
Urals 35,0 $/b
3.6
Urals 35,0 $/b
2.7
Urals 45,0 $/b
Gaidar Institut/RANEPA;
Szenario 2
06/22/2020-6.8
Urals 35,0 $/b
4.3
Urals 45,0 $/b
2.9
Urals 45,0 $/b
Russisches Wirtschaftsministerium,
Basisszenario laut RBK
06/17/2020-4.8
Urals 39,9 $/b
3.2
Urals 43,3 $/b
2.9
Urals 45,6 $/b

Nabiullina: Auch die Fiskalpolitik der Regierung gibt Wachstumsimpulse

Zentralbankpräsidentin Nabiullina wies in ihrem Statement zur Leitzinssenkung darauf hin, dass die fiskalpolitischen Maßnahmen der Regierung zur Stützung der Konjunktur erheblich ausgeweitet worden seien. Der „fiskalische Impuls“ werde von der Zentralbank jetzt fast doppelt so stark veranschlagt wie in ihrer Prognose im April. Die Fiskalpolitik werde neben der deutlichen Senkung des Leitzinses die Erholung der Wirtschaft fördern.

Andrey Cherbyavsky, Higher School of Economics, schätzt in einer HSE-Analyse, dass das Defizit des Föderationshaushaltes in diesem Jahr rund 5 Prozent des BIP erreichen wird.

Zentralbank rechnet jetzt mit höheren Ölpreisen

Deutlich angehoben hat die Zentralbank ihre Ölpreiserwartungen für 2020 und 2021. In diesem Jahr geht sie jetzt von einem Urals-Ölpreis von durchschnittlich 38 Dollar/Barrel aus (bisher: 27$/b). Im nächsten Jahr rechnet sie mit einer weiteren Erholung auf 40 Dollar/Barrel (bisher 35 $/b). 2022 erwartet sie wie bisher 45 Dollar/Barrel.

Von den höheren Ölpreisen erwartet die Zentralbank aber offenbar keine starken Wachstumsimpulse. Ihre Prognose für den Rückgang der Produktion im Jahr 2020 ließ sie schließlich unverändert bei rund 5 Prozent. Und die Wachstumsprognose für 2021 ist im Mittel mit 4 Prozent auch kaum höher als bisher (3,8 Prozent).

Mittelfristige Prognosen der russischen Zentralbank
für Ölpreise, Inflation und Wirtschaftswachstum (Basis-Szenario)

Zentralbank: Medium-Term Forecast; 24.07.2020

Der Private Verbrauch und die Investitionen erholen sich nur langsam

Der private Verbrauch wird laut den neuen Prognosen der Zentralbank 2020 um 6,2 bis 7,2 Prozent eingeschränkt werden müssen. Im April hatte sie nur mit einem etwa halb so starken Rückgang um 1,6 bis 3,6 Prozent gerechnet. Wie bei der gesamtwirtschaftlichen Produktion geht die Zentralbank auch beim privaten Verbrauch davon aus, dass das Niveau des Jahres 2019 frühestens Mitte 2022 wieder erreicht werden kann.

Eine noch etwas langsamere Erholung hält die Zentralbank bei den Bruttoanlageinvestitionen für wahrscheinlich. Vom Rückgang um 5,7 bis 7,7 Prozent in diesem Jahr werde im nächsten Jahr wohl nur etwa die Hälfte aufgeholt werden (+ 2,5 Prozent bis + 4,5 Prozent).

Wichtigste Ursache für den diesjährigen Rückgang der Produktion wird aber, so Zentralbank-Präsidentin Nabiullina, der tiefe Einbruch der Ausfuhr von Waren und Dienstleistungen um real 13 bis 15 Prozent sein. Die Einfuhren sollen aber gleichzeitig noch stärker um rund 20 Prozent zurückgefahren werden (- 18,8 bis – 21,8 Prozent).

Leistungsbilanz bleibt dank höherer Ölpreise noch knapp im Plus

Die höheren Ölpreise werden ihre Wirkung laut Zentralbank vor allem in der Entwicklung der Ausfuhrerlöse zeigen. Die Erlöse im Warenexport sollen in diesem Jahr noch 286 Milliarden Dollar erreichen. Auch das wären aber rund 32 Prozent weniger als 2019. In ihrer April-Prognose hatte die Zentralbank für 2020 nur mit Ausfuhrerlösen von 250 Milliarden Dollar gerechnet.

Damals erwartete sie für 2020 in der Leistungsbilanz („current account“) ein Defizit in Höhe von 35 Milliarden Dollar und für 2021 von 18 Milliarden Dollar. Jetzt rechnet sie damit, dass in der Leistungsbilanz minimale Überschüsse erhalten bleiben (2020: 2 Milliarde Dollar; 2021: 3 Milliarden Dollar).

Indikatoren der russischen Leistungsbilanz (Milliarden Dollar)

Zentralbank: Medium-Term Forecast; 24.07.2020

Erste Erholungszeichen der Wirtschaft sind erkennbar

Besonders starke Einbußen gab es im zweiten Quartal 2020 im Bereich der Dienstleistungen. Hier sank der reale Umsatz gegenüber dem Vorjahr im Durchschnitt des zweiten Quartals um gut ein Drittel (April: – 37,9 Prozent; Mai: – 39,5 Prozent; Juni: – 34,5 Prozent).

Das „Zentrum für makroökonomische Analysen und kurzfristige Prognosen“ (CMASF) hat die saisonbereinigte Entwicklung der realen Umsätze im Dienstleistungssektor berechnet. Im Januar 2020 waren sie noch 2,3 Prozent höher als im Durchschnitt des Jahres 2012 gewesen.

Aufgrund der Einschränkungen der Geschäftsaktivitäten von Dienstleistungsunternehmen wegen der Corona-Pandemie war ihr realer Umsatz im April und Mai aber fast 40 Prozent niedriger als Ende 2019.

Im Juni begann die Erholung. Der Umsatz stieg saisonbereinigt gegenüber Mai um 7,6 Prozent. Er war aber noch rund ein Drittel niedriger als Ende 2019.

Realer Umsatz mit Dienstleistungen für die Bevölkerung (in Prozent des Durchschnitts im Jahr 2012)

Center for Macroeconmic Analysis And Short term Forecasting, CMASF: Trends in the Russian Economy, 23.07.2020

Sehr stark ging im April auch der reale Umsatz im Einzelhandel zurück. Nach den Berechnungen des CMASF steigt der Einzelhandelsumsatz seit Mai saisonbereinigt aber wieder. Im Juni war er saisonbereinigt rund 21 Prozent höher als im Tiefpunkt im April. Damit erreichte er aber erst rund 90 Prozent des Niveaus vom Januar 2020.

Realer Einzelhandelsumsatz (in Prozent des Durchschnitts im Jahr 2012)
Hellblaue Linie: tatsächliche Werte
Dunkelblaue Linie: saisonbereinigte Werte

Center for Macroeconmic Analysis And Short term Forecasting, CMASF: Trends in the Russian Economy, 23.07.2020

Im Vergleich zum Vorjahr war der reale Einzelhandelsumsatz im Durchschnitt des zweiten Quartals 16,6 Prozent niedriger. Dabei unterschritt er im Juni das Niveau des Vorjahresmonats noch um 7,7 Prozent.

Realer Einzelhandelsumsatz;
Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat

Titelbild

Titelbild: lornet / Shutterstock.com

Quellen und Lesetipps:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

Zentralbank: Leitzinssenkung auf 4,25 Prozent und neue Prognose vom 24.07.2020

Verbraucherpreisentwicklung

Weitere Zentralbank Berichte und Prognosen

Periodisch erscheinende Konjunkturberichte (monatlich, vierteljährlich, halbjährlich)

„Juli-Dekret“ Präsident Putins zu nationalen Entwicklungszielen Russlands bis 2030

Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.