Klaus DormannVon

Sanktionen und Rubel-Abwertung belasten Russlands Konjunktur

Sind weniger Wachstum und mehr Inflation zu erwarten? Großbank Nordea senkt Wachstumsprognose 2018 um 0,6 Prozentpunkte auf 1,2 Prozent

Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft zeigt sich über die Auswirkungen der Anfang April von den USA verhängten Sanktionen gegen Russland sehr besorgt. In seinem Positionspapier zu den US-Sanktionen schreibt er:

„Die Konjunkturerwartung für die russische Wirtschaft trübt sich ein: Deutsche Exporte sinken, bei deutschen Investoren wachsen die Fragezeichen. Nachdem die russische Wirtschaft 2017 erstmals seit zwei Jahren wieder um 1,5 Prozent gewachsen war, sahen die ersten Prognosen für 2018 eine ähnliche Entwicklung voraus. Diese Prognosen dürften nunmehr zu korrigieren sein.“

Der Ost-Ausschuss weist darauf hin, dass der Rubel-Kurs nach der Veröffentlichung der Sanktionen einbrach. Die damit verbundene Verteuerung deutscher Exportwaren in Russland dürfte schon bald auf den Handel durchschlagen.
Er macht aber auch darauf aufmerksam, dass durch einen Einbruch des Rubel-Kurses die Wettbewerbsfähigkeit der Ausfuhren aus Russland gestärkt wird. Zudem sei der Ölpreis wegen der Sanktionen und insbesondere wegen der Zuspitzung des Syrien-Konfliktes kräftig gestiegen.

Konjunktur zwischen Rubel-Abwertung und Ölpreis-Boom

Likka Korhonen, der Leiter des Forschungsinstituts der finnischen Zentralbank, BOFIT, twitterte zur aktuell gegenläufigen Entwicklung von Rubel-Kurs und Ölpreisen folgende Abbildung.

https://twitter.com/IikkaKorhonen/status/987748640583274496

Korhonen rechnet vor: Der Urals-Ölpreis ist seit Ende 2017 um 7,5 Prozent auf knapp 72 Dollar/Barrel gestiegen; der Rubel-Kurs sank gegenüber dem Dollar gleichzeitig um rund 15 Prozent.

Die Einnahmen des russischen Staatshaushalts – das macht Korhonen mit einer weiteren Abbildung deutlich – werden bei dieser Entwicklung (falls sie anhält) deutlich stärker steigen als erwartet. Nach Berechnungen von Korhonen war der Urals-Ölpreis in Rubel im Jahr 2018 bisher rund 34 Prozent höher als in der Haushaltsplanung angenommen wurde.

Nach jahrelangen Einsparungen gebe es damit jetzt großen Druck, die öffentlichen Ausgaben in vielen Bereichen zu erhöhen, meint Korhonen dazu.

Auch in „BOFIT Weekly“ vom 27.04.2018 analysiert das Forschungsinstitut die Auswirkungen des unerwartet hohen Ölpreises auf die Entwicklung des Staatshaushalts. Im Durchschnitt des ersten Quartals betrug der Urals-Ölpreis laut BOFIT rund 65 Dollar/Barrel, während in der Haushaltsplanung von nur 44 Dollar ausgegangen wurde. Die Einnahmen im Föderalhaushalt waren insbesondere wegen des höheren Ölpreises im ersten Quartal gut ein Zehntel höher als vor einem Jahr. Dabei stiegen die Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor um über 20 Prozent. Während in der Haushaltsplanung erwartet wurde, dass der Anteil der Öl- und Gaseinnahmen rund 5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts betragen werde, erreichte er nach Angaben von BOFIT rund 8 Prozent.

Nordea senkt Wachstumsprognose mit Hinweis auf Sanktionen deutlich

Für Tatiana Evdokimova, Chef-Volkswirtin für Russland der Nordea-Bank, überwiegen offenbar die konjunkturdämpfenden Effekte der Verunsicherung der Unternehmen durch die Sanktionen und eine höhere Rubel-Volatilität die möglichen Wachstumseffekte höherer Ölpreise. Sie senkte im Russland-Kapitel des neuen „Economic Outlook“ der Nordea-Bank (das auch zahlreiche interessante Charts bietet) ihre Wachstumsprognose für 2018 deutlich um 0,6 Prozentpunkte. Statt mit 1,8 Prozent rechnet sie nur noch mit 1,2 Prozent. 2019 erwartet sie jetzt statt 2,2 Prozent Wachstum nur noch ein Plus von 1,3 Prozent.

Wachstumsträger bleibe der private Verbrauch, der von der Rubel-Abwertung mit stärker anziehenden Verbraucherpreisen wahrscheinlich nur wenig beeinträchtigt werde. Der realen Ausgaben der Verbraucher würden 2018 voraussichtlich um 3 Prozent steigen.

Den Rubel-Kurs sieht Evdokimova am Jahresende 2018 bei 63 Rubel/Dollar (bisher 61 Rubel/Dollar). Der Anstieg der Verbraucherpreise soll sich dabei am Jahresende 2018 auf 4,2 Prozent beschleunigen (bisherige Prognose: 3,5 Prozent).

Auch andere Beobachter nahmen im April insbesondere mit Hinweis auf die durch die Sanktionen gestiegene Verunsicherung von Investoren ihre Wachstumsprognosen im Verlauf des April zurück. Wir berichteten bereits, dass Natalia Akindinova (Direktorin des Development Center der Higher School of Economics) mit einer um 0,2 Prozentpunkte niedrigeren Wachstumsrate rechnet.

Bei einem Treffen des Wirtschaftsklubs der Unternehmensberatung „FBK Grant Thornton“ meinte der Vorsitzende der „Economic Expert Group“ des Finanzministeriums, Professor Evsey Gurvich, das Wirtschaftswachstum werde sich in den kommenden Jahren allmählich auf 1 Prozent verlangsamen und maximal 1,5 Prozent erreichen. Die Regierung richte ihre Anstrengungen vor allem darauf, wirtschaftliche und soziale Stabilität zu gewährleisten und im geopolitischen Kampf erfolgreich zu sein. Dabei nehme die Einbindung Russlands in die Weltwirtschaft ab, ein „unproduktiver Entwicklungspfad“, betonte Gurvich.

Zentralbank senkt Leitzins nicht weiter

Vor dem Hintergrund der Rubel-Abwertung beschloss die russische Zentralbank am 27. April ihren Leitzins nicht weiter zu senken, sondern bei 7,25 Prozent zu belassen. Das hatten im Vorfeld auch fast alle von Bloomberg befragten Analysten erwartet.

Zur gesamtwirtschaftlichen Entwicklung bemerkte die Zentralbank in ihrer Pressemitteilung, die Abschwächung des Rubel-Kurses im April vor dem Hintergrund der geopolitischen Spannungen werde dazu führen, dass sich der Anstieg der Verbraucherpreis schneller der 4-Prozent-Marke nähern werde. Die Abwertung schaffe aber keine Risiken, dass dieses Inflationsziel überschritten werde, falls sich die außenwirtschaftlichen Bedingungen nicht deutlich ändern. Gleichzeitig bleibe es aber ungewiss, wie sich die Ereignisse auf die Inflationserwartungen auswirken.

Die Zentralbank geht davon aus, dass die Inflationsrate Ende 2018 zwischen 3 und 4 Prozent liegen wird und 2019 nahe 4 Prozent.

Zentralbank bleibt bei Wachstumsprognose von 1,5 bis 2 Prozent im Jahr 2018

Die russische Wirtschaft wächst weiterhin, so die Zentralbank. Von der aktuellen Wirtschaftsentwicklung gehe fast kein dämpfender Einfluss auf die Verbraucherpreise aus. Angeregt werde die Wirtschaftsaktivität von der allmählichen Erholung der Verbrauchernachfrage bei steigenden Löhnen und zunehmender Aufnahme von Verbraucherkrediten.

Nach Schätzungen der Zentralbank hat das Wachstum im ersten Quartal 2018 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum 1,3 bis 1,5 Prozent erreicht. Die Zentralbank geht weiterhin davon aus, dass das Wirtschaftswachstum 2018 bei 1,5 bis 2 Prozent liegen wird, was dem Wachstumspotenzial entspreche.

Laut Presseberichten wird auch nicht erwartet, dass das russische Wirtschaftsministerium seine Wachstumsprognose für 2018 von 2,1 Prozent zurücknehmen wird, wenn es bald eine Aktualisierung vorlegt.

Reuters-Umfrage: Analysten erwarten 1,7 statt 1,8 Prozent Wachstum

Zu ihrer jüngsten Konjunkturumfrage berichtete die Agentur Reuters am 28. April folgende Veränderungen der durchschnittlichen Erwartungen der befragten 23 Analysten:

  • Das Wirtschaftswachstum im Jahr 2018 wird mit 1,7 Prozent nur wenig niedriger als vor einem Monat veranschlagt (1,8 Prozent). Die Wachstumserwartungen reichen von 1,0 Prozent bis 2,5 Prozent. Zu den Prognosen für das Jahr 2019 machte Reuters keine Angaben. Am 30. März hatte die Agentur mitgeteilt, dass die Analysten im nächsten Jahr im Durchschnitt mit 1,9 Prozent Wachstum rechnen.
  • Der Anstieg der Verbraucherpreise am Jahresende 2018 wird 3,4 Prozent erreichen (Prognose im Vormonat 3,5 Prozent).
  • Der Leitzins wird von der Zentralbank bis Ende 2018 von 7,25 Prozent auf 6,75 Prozent gesenkt werden, 0,25 Prozentpunkte weniger als bei der Reuters-Umfrage vor einem Monat erwartet wurde. Bei der nächsten Sitzung des Direktorenrates der Zentralbank im Juni erwarten nur 11 von 20 Analysten eine Senkung.
  • Der Kurs des Rubel wird in 12 Monaten 60,30 Rubel/US-Dollar betragen. Vor einem Monat hatten die Analysten mit 57,35 Rubel/US-Dollar gerechnet.

Prognosen gesamtwirtschaftliche Produktion in Russland (27. April 2018)

Schätzung des Bruttoinlandsprodukts, real gegenüber dem Vorjahr, angegeben in Prozent.
InstitutDatum201720182019
Reuters-Umfrage28.04.181,51,7
Berenberg Bank, Hamburg27.04.181,51,91,9
Commerzbank, Frankfurt27.04.181,51,72,1
Nordea24.04.181,51,21,3
Gemeinschaftsdiagnose19.04.181,51,71,6
Economist Intelligence Unit18.04.181,51,71,8
IWF17.04.181,51,71,5
Deka Bank16.04.181,51,71,8
BNP Paribas16.04.181,51,61,5
OPEC12.04.181,51,8
Economist-Umfrage12.04.181,91,9
Danske Bank06.04.181,52,02,1
Helaba, Frankfurt05.04.181,51,81,7
Euler Hermes05.04.181,51,91,8
FocusEconomics Consensus Forecast03.04.181,51,81,8
Alfa Bank03.04.181,0
Rosstat-Schätzung 201702.04.181,5
Bank of Finland, BOFIT27.03.181,51,81,6
Russische Zentralbank;
Basisszenario
23.03.181,5
Urals 53$/b
1,5 bis 2,0
Urals 61 $/b
1,0 bis 2,0
Urals 55 $/b
RWI Essen21.03.181,51,71,8
IfW Kiel21.03.181,51,81,5
Sachverständigenrat21.03.181,51,91,7
Macro Advisory18.03.181,51,82,0
ABN Amro16.03.181,82,01,5
IWH Halle15.03.181,51,61,9
DIW Berlin14.03.181,5
1,8
1,9
WIIW Wien13.03.181,51,81,6
OECD13.03.181,51,81,5
Wirtschaftsministerium,
Basisszenario (Haushaltsgesetz)
27.10.172,1
Urals 49,9 $/b
2,1
Urals 43,8 $/b
2,2
Urals 41,6 $/b

Quellen und Lesetipps zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland

Neue Konjunkturprognosen:

Statistikamt Rosstat zur Konjunktur:

Wirtschaftsministerium zur Konjunktur:

Zentralbank zu Konjunktur und Geldpolitik:

Sonstige Berichte und Kommentare zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik:

Titelbild

Quelle: Lyudmila2509 / Shutterstock.com

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.