Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Klaus DormannVon

Russlands Industrie nach der „Statistik-Revolution“; Wirtschaftsministerium erwartet Wachstum aller Branchen im Jahr 2017

Die am Jahreswechsel begonnene Revision der russischen Wirtschaftsstatistik soll vor allem der Übernahme international üblicher Methoden dienen. Für die russische Regierung hatte die Umstellung der Statistik aber auch eine sehr willkommene Begleiterscheinung. Der Rückgang der Industrieproduktion durch den Ölpreisverfall und die Wirtschaftssanktionen ist mit der neuen Berechnungsweise viel schwächer ausgefallen als bisher ermittelt wurde.

Industrieproduktion sank nur um 0,8 Prozent und zog 2016 bereits wieder an

BOFIT, das Forschungsinstitut der finnischen Nationalbank, zeigt in seinem jüngsten Wochenbericht die Veränderungen. Es vergleicht die neue mit der bisherigen Statistik für die Jahre 2014 bis 2016. Nach den alten Zahlen ist die Produktion der russischen Industrie in den letzten drei Jahren um insgesamt 0,7 Prozent gesunken. Die neue Statistik zeigt hingegen einen Anstieg um 3,0 Prozent im Zeitraum 2014 bis 2016. Ein wirklich „revolutionäres“ Ergebnis neuer statistischer Methoden.

Industrieproduktion 2014 bis 2017

Veränderungen gegenüber Vorjahr in Prozent
(Daten vor der Revision in Klammern)
 2014201520161. Quartal 2017Prognose 2017
Industrieproduktion insgesamt2,5 (1,7)- 0,8 (- 3,4)1,3 (1,1)0,12,0
darunter:
Bergbau, Rohstoffförderung1,7 (1,4)0,7 (0,3)2,7 (2,5)1,21,1
Verarbeitendes Gewerbe3,2 (2,1)- 1,3 (- 5,4)0,5 (0,1)- 0,82,5
darunter:
Chemische Industrie2,35,86,37,54,1
Maschinen, Ausrüstungen- 7,9- 4,7- 0,78,20,9
Kraftfahrzeugindustrie- 11,3- 23,10,513,53,0

Im Rezessionsjahr 2015 zeigen sich besonders eklatante Unterschiede der alten und neuen Statistik. Nach der alten Berechnungsmethode ist die Industrieproduktion gut vier Mal so stark gesunken (- 3,4 Prozent) wie jetzt ausgewiesen wird (- 0,8 Prozent).

Zudem ist nach den neuen Daten der Anstieg der Produktion 2014, im Jahr vor der Rezession, mit 2,5 Prozent stärker gewesen als bisher angegeben wurde (+ 1,7 Prozent). Und die Industrieproduktion hat sich 2016 laut neuer Statistik auch schneller aus der Rezession gelöst (+ 1,3 Prozent) als bisher angenommen wurde.

Im „Kernbereich“ der Industrie, den man in Deutschland als „Verarbeitendes Gewerbe“ („Manufacturing“) bezeichnet, sind die Differenzen zwischen den bisherigen und den neuen Daten noch größer. So wurde bisher davon ausgegangen, dass die Produktion des Verarbeitenden Gewerbes 2015 um 5,4 Prozent einbrach. Jetzt wird nur noch ein Rückgang um 1,3 Prozent errechnet.

2016 hat das Verarbeitende Gewerbe nach den neuen Daten ein Wachstum um 0,5 Prozent erreicht (bisher wies die Statistik nur + 0,1 Prozent aus).

Rosstat trat Zweiflern entgegen

Kein Wunder dass die deutliche Aufhellung der Wirtschaftsbilanz der russischen Regierung ein Jahr vor der Präsidentenwahl viele Zweifel weckte. Reuters hat dazu Mitte April interessante Diskussionsbeiträge zusammengestellt (Andrey Ostroukh: Investors see bias as Russian statistics agency revises figures; 18.04.2017).

Das Statistikamt Rosstat hielt es wohl auch wegen der vielen kritischen Stimmen für angebracht, mit einer Informationsveranstaltung am 07. April ausführlich Stellung zu den Revisionen nehmen. Unter anderem verwies Rosstat-Präsident Alexander Surinov in seiner Präsentation darauf, dass zum Beispiel auch in den USA erste Schätzungen der gesamtwirtschaftlichen Produktion später erheblich korrigiert wurden.

Regierungsprognose 2017: Wachstum der Industrie zieht auf 2 Prozent an

Das russische Wirtschaftsministerium veröffentlichte Ende April einen Bericht zur Industrieproduktion im ersten Quartal 2017 mit den neuen Daten. Er enthält auch Prognosen für die Produktion der einzelnen Industriebranchen im gesamten Jahr 2017. Das Ministerium erwartet in allen Branchen der Industrie einen Anstieg der Produktion.

Im Verarbeitenden Gewerbe rechnet es 2017 mit einer Beschleunigung des Wachstums auf 2,5 Prozent.

Von den wichtigsten Branchen soll die Chemische Industrie weiterhin überdurchschnittlich stark wachsen (+ 4,1 Prozent). Der Anstieg soll aber geringer als 2015 und 2016 sein.

Die Produktion der Kraftfahrzeugindustrie, die 2016 ihre Erholung begann (+0,5 Prozent) soll um 3 Prozent anziehen. Damit würde aber nur ein kleiner Teil des Produktionseinbruchs um gut ein Drittel in den Jahren 2014 und 2015 aufgeholt.

Dem russischen Maschinenbau wird hingegen nur ein kleines Plus von 0,9 Prozent zugetraut. Der weitere leichte Rückgang des letzten Jahres würde damit zwar ausgeglichen. 2014 und 2015 ist die Produktion im Maschinenbau aber um insgesamt rund 13 Prozent gesunken.

Bei einem erneuten Anstieg der Förderung von Kohle, Erdöl, Erdgas und anderen Rohstoffen um gut 1 Prozent soll dem Ministerium zufolge die Industrieproduktion insgesamt – wie das Bruttoinlandsprodukt – um 2 Prozent steigen.

Prognosen für weitere Branchen finden Sie auf Seite 5 des Berichts des Wirtschaftsministeriums.

Auch HSE sieht Industrie im Aufwärtstrend – trotz schwachem ersten Quartal

Die Rosstat-Ergebnisse für das erste Quartal 2017 weisen zwar aus, dass die gesamte Industrieproduktion nur 0,1 Prozent höher war als vor einem Jahr. Das Verarbeitende Gewerbe verzeichnete sogar einen Rückgang um 0,8 Prozent.

Im Vergleich zum Vorquartal sank die Industrieproduktion nach ersten Berechnungen der Ökonomen der Moskauer Higher School of Economics saisonbereinigt sogar um 0,9 Prozent (Verarbeitendes Gewerbe: – 1,8 Prozent). Sie verweisen aber darauf, dass die Industrieproduktion insgesamt im Trend seit Mitte 2015 saisonbereinigt aufwärts gerichtet ist (siehe blaue Linie im Chart). „Wachstumstreiber“ war dabei der Sektor „Bergbau, Förderung von Rohstoffen“ (rote Linie).

Index der saisonbereinigten Entwicklung der Industrieproduktion seit 2011 (Dezember 2010=100)

Industrie insgesamt: blaue Linie;
Förderung von Rohstoffen: rote Linie;
Verarbeitendes Gewerbe: gelbe Linie;
Produktion und Verteilung von Strom, Gas, Wasser: grüne Linie

Index der saisonbereinigten Entwicklung der Industrieproduktion seit 2011

Higher School of Economics: Kommentare zu Staat und Wirtschaft; Nr. 131, S. 6; 28.04.2017

Die HSE-Ökonomen überschreiben ihren Bericht allerdings mit „Unklares erstes Quartal“. Sie betonen, die Rosstat-Daten böten viel Raum für Interpretationen. Aufgrund der veränderten Klassifizierung der Wirtschaftsaktivitäten würden jetzt für das Verarbeitende Gewerbe größere Schwankungen ausgewiesen, die schwer zu erklären seien.

Insgesamt sei seit 2014 eine zweigeteilte Entwicklung der russischen Wirtschaft zu beobachten. Auf der einen Seite würden die rohstofforientierten Wirtschaftszweige (Bergbau, Öl- und Gasförderung; Landwirtschaft; Verkehr) Zuwachsraten verzeichnen. Auf der anderen Seite sei die Produktion der investitions- und verbrauchsorientierten Branchen (Bauwirtschaft, Groß- und Einzelhandel) mit sinkenden Einkommen der Bevölkerung aber zurückgegangen.

Das Wachstum der Gesamtwirtschaft wird nach Einschätzung der HSE-Ökonomen in diesem Jahr 1,4 Prozent erreichen. Dies entspricht der jüngsten Prognose des IWF. Die Vorausschätzung der russischen Regierung ist mit 2 Prozent deutlich optimistischer.

Minister Manturow konstatiert gelungene Anpassung an Sanktionen

Der russische Industrie- und Handelsminister, Denis Manturow, meinte Ende Apri in einem Gespräch mit der Welt am Sonntag bei seinem Deutschland-Besuch, die russische Wirtschaft habe sich inzwischen erfolgreich auf die Wirtschaftssanktionen eingestellt. Ihre Folgen spüre sie natürlich. Es sei für sie unbestritten schwerer, Kredite im Ausland zu bekommen. „Und Zugriff auf westliche Technologien haben wir so gut wie keinen mehr.“

Aber die russische Wirtschaft passe sich diesen Restriktionen an. Die Kredite, die die Unternehmen brauchten, könnten sie sich inzwischen im eigenen Land beschaffen. „Und die Technologien aus Europa haben wir erfolgreich durch die aus Ländern ersetzt, die uns nicht boykottieren“, sagte Manturow.

Lesetipps zur Entwicklung der russischen Industrie und zur Revision der Statistik:

Industrieproduktion:

Rosstat in der Diskussion:

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.