Klaus DormannVon

2021 erwartet die Zentralbank 3 bis 4 Prozent Wirtschaftswachstum

Die russische Zentralbank entschied am Freitag, ihren Leitzins von 4,25 Prozent beizubehalten. Das war angesichts der im Januar auf 5,2 Prozent gestiegenen Inflationsrate allgemein erwartet worden. Anlässlich ihrer Leitzinsentscheidung aktualisierte die Zentralbank auch ihre Prognosen für die konjunkturelle Entwicklung der russischen Wirtschaft bis 2023. Wir vergleichen in diesem Bericht die Wachstumserwartungen der Zentralbank vor allem mit den Prognosen des Internationalen Währungsfonds. Die Lesetipps am Ende des Artikels bieten auch viele Links zur Diskussion über Nord Stream 2 und die politische Entwicklung in Russland.

Die Zentralbank rechnet jetzt mit einer rascheren Erholung als bisher

Ihre Prognosen für das Wachstum der russischen Wirtschaft in den Jahren 2021 bis 2023 hat die Zentralbank zwar beibehalten. Sie bleibt also auch bei ihrer schon im Oktober veröffentlichten Einschätzung, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion im Jahr 2021 um 3 bis 4 Prozent wachsen dürfte.

Zentralbankpräsidentin Nabiullina stellte in ihrem Statement nach dem Leitzinsentscheid aber heraus, dass die Produktion der russischen Wirtschaft laut der neuen Prognose den vor der Pandemie erreichten Stand schon gegen Ende 2021wieder erreichen könnte. Bisher habe die Zentralbank damit erst Mitte 2022 gerechnet. Wichtigster Grund für die schnellere Konjunkturerholung sei, dass die Produktion 2020 weniger stark gesunken ist als die Zentralbank bisher erwartete.

Nabiullina: „… the economy may reach its pre-pandemic levels already by late 2021, and not by mid-2022, as we assumed earlier. This will become possible primarily as a result of a less significant decline in 2020.“

Im letzten Jahr ist die Produktion der russischen Wirtschaft laut der ersten Schätzung des Statistikamtes Rosstat nur um 3,1 Prozent gesunken. Selbst wenn das Bruttoinlandsprodukt im jetzt begonnenen Jahr nur um 3 Prozent wächst, wird die Produktion also schon nach einem Jahr fast wieder so hoch sein wie im Jahr 2019. Erreicht Russlands Wirtschaft 2021 ein Wachstum von 4 Prozent, wird sie schon in diesem Herbst den Rückgang der Produktion im Jahr 2020 um 3,1 Prozent ausgeglichen haben.

In ihrer letzten Prognose im Oktober war die Zentralbank noch davon ausgegangen, dass das Bruttoinlandsprodukt 2020 um 4 bis 5 Prozent abnimmt. Sie rechnete deswegen damit, dass der Produktionsrückschlag des Jahres 2020 wahrscheinlich erst etwa Mitte 2022 aufgeholt sein könnte.

Vor allem der Außenhandel wird 2021 stärker wachsen als bisher erwartet

Tatiana Evdokimova, frühere Chef-Volkswirtin für Russland der Nordea-Bank, hat in der folgenden Abbildung dargestellt, wie sich die Prognosen der Zentralbank für die Entwicklung des Verbrauchs, der Investitionen und der Ein- und Ausfuhren im Jahr 2021 in der neuen Prognose der Zentralbank (rote Säulen) von den Werten in der letzten Prognose vom Oktober 2020 (blaue Säulen) unterscheiden.

Das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts im Jahr 2021 erwartet die Zentralbank wie in ihrer Oktober-Prognose unverändert bei 3,5 Prozent (bei einer Prognosespanne von 3 bis 4 Prozent). Die  Zentralbank erwartet in ihrer neuen Prognose jetzt aber ein rund doppelt so starkes Wachstum der Importe (+ 9,9 Prozent) wie bisher (+ 4,9 Prozent). Auch die neue Prognose für die Exporte (+ 2,1 Prozent) ist deutlich höher als im Oktober (- 1,0 Prozent). Der starke Rückgang des Außenhandels im Jahr 2020 (Importe: – 13,7 Prozent; Exporte: – 5,1 Prozent) wird aber damit noch längst nicht ausgeglichen.

Im Vergleich mit den starken Änderungen ihrer Prognosen für die Entwicklung von Aus-und Einfuhren hat die Zentralbank ihre Prognosen für das Wachstum des Verbrauchs und der Investitionen wenig verändert. Den Verbrauch der privaten Haushalte und des Staates sieht sie jetzt um insgesamt 5,2 Prozent wachsen (bisher + 4,7 Prozent). Mit diesem Anstieg kann die dämpfende Wirkung des starken Wachstums der Importe auf die Zunahme des Bruttoinlandsprodukts offenbar ausgeglichen werden.

2022 und 2023 schwächt sich das Wirtschaftwachstum langsam ab

Auch für 2022 und 2023 bleibt die Zentralbank bei ihren bisherigen Wachstumsprognosen: 2022 werde sich der Anstieg des Bruttoinlandsprodukts auf 2,5 bis 3,5 Prozent abschwächen und 2023 weiter auf 2 bis 3 Prozent nachlassen.

Hinsichtlich der Inflationsentwicklung rechnet die Zentralbank damit, dass der Anstieg der Verbraucherpreise, der sich im Januar 2021 auf 5,2 Prozent beschleunigte, im Februar oder März seinen Höhepunkt erreicht (+ 5,5 Prozent). Bis zum Jahresende 2021 wird die Inflationsrate nach Einschätzung der Zentralbank auf 3,7 bis 4,2 Prozent zurückgehen. 2022 und 2023 soll sie wie von der Zentralbank angestrebt nahe bei 4 Prozent liegen.

Prognosen für Inflation und Wachstum im Basis-Szenario der Zentralbank

Russische Zentralbank: Mid-term forecast; 12.02.2021

Zu den Risiken ihrer Wachstumsprognosen merkt die Zentralbank in ihrer Pressemitteilung an, dass der Produktionsanstieg mittelfristig vor allem von folgenden Faktoren beeinflusst werden wird:

  • Der Entwicklung der Corona-Pandemie in Russland und weltweit
  • Der Entwicklung der privaten Nachfrage, die von möglichen Veränderungen im Verhalten der Verbraucher und Unternehmen beeinflusst werden könnte
  • Der Entwicklung der Konsolidierung des Staatshaushalts (geplante Verringerung des Haushaltsdefizits)

Leicht angehoben hat die Zentralbank ihre Ölpreisprognosen (ohne deswegen ihre Wachstumsprognosen zu erhöhen). Den Urals-Ölpreis, der 2020 im Jahresdurchschnitt trotz des tiefen Einbruchs im Frühjahr noch rund 42 Dollar/Barrel erreichte, veranschlagt sie jetzt für die Jahre 2021 und 2022 nicht mehr auf 45 Dollar, sondern auf 50 Dollar/Barrel. Diesen Preis erwartet sie auch weiterhin für 2023.

Der IWF rechnet bis 2022 mit noch mehr Wachstum als die Zentralbank

Die meisten Banken und Forschungsinstitute erwarten für Russland in den Jahren 2021 und 2022 merklich weniger Wachstum als die russische Zentralbank und die russische Regierung, die im Haushaltsgesetz vom 08. Dezember für 2021 ein Wachstum von 3,3 Prozent und für 2022 ein Wachstum von 3,4 Prozent angenommen hat.

So ergaben die vom Research-Unternehmen FocusEconomics im Januar und Februar erfassten Prognosen (hauptsächlich nicht-russischer Institutionen) im Durchschnitt für 2021 eine Wachstumsrate von 2,9 Prozent. 2022 soll der Produktionsanstieg laut der Umfrage von FocusEconomics aber bereits wieder auf 2,6 Prozent abflauen.

Laut der am 14.02. veröffentlichten Umfrage der Konjunkturabteilung der Moskauer Higher School of Economics rechnen die befragten Analysten für 2021 mit einem Wachstum von 2,8 Prozent. Sie erwarten für 2022 einen Rückgang auf 2,4 Prozent und 2023 eine weitere Abnahme auf 2,1 Prozent.

Der Internationale Währungsfonds sieht Russlands Wachstumsperspektiven hingegen bis 2022 deutlich optimistischer. Während fast alle anderen Prognosen nach der Erholung im Jahr 2021 von einem abnehmenden Wachstum im Jahr 2022 ausgehen, erwartet der IWF in seinem am 09. Februar veröffentlichten Bericht zur Entwicklung der russischen Wirtschaft nach Artikel IV, dass sich der Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion in Russland von 3,0 Prozent im Jahr 2021 auf 3,9 Prozent im Jahr 2022 beschleunigt.

Wachstumsprognosen 2020 bis 2022

Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

  202020212022 
HSE Consensus Forecast02/14/2021-3.12.82.4
Russische Zentralbank02/12/2021-3.1
Urals 42 $/b
3,0 bis 4,0
Urals 50 $/b
2,5 bis 3,5
Urals 50 $/b
Helaba, Frankfurt02/12/2021-3.832
ING Bank, Amsterdam02/11/2021-32.52.2
OPEC, Wien02/11/2021-3.13
Internationaler Währungsfonds02/09/2021-3.633.9
FocusEconomics Consensus02/09/2021-3.12.92.6
Berenberg Bank, Hamburg02/08/2021-3.42.52
DekaBank, Frankfurt02/05/2021-3.13.22.3
Commerzbank, Frankfurt02/05/2021-42.32.5
Rosstat, erste Schätzung 202002/01/2021-3.1
Nordea Bank, Helsinki01/27/2021-3.832.5
Institute International Finance01/20/2021-3.63.9
Economist Intelligence Unit, London01/19/2021-3.82.81.8
BNP Paribas, Paris01/19/2021-4.53.83
Moody’s01/18/2021-4.22.3
Standard & Poor’s01/15/2021-3.52.92.7
Vnesheconombank Institut01/14/2021-3.72.22.3
Rating-Agentur Expert RA, Moskau01/14/2021-3.83.52.2
Russian Academy of Sciences, RAS01/13/2021-4.12.72.4
Unicredit; Mailand01/13/2021-3.92.32.2
Weltbank01/05/2021-42.63
Haushaltsgesetz12/08/2020-3.9
Urals 41,8 $/b
3.3
Urals 45,3 $/b
3.4
Urals 46,6 $/b

Zur Begründung der Beschleunigung des Wachstums ab Mitte 2021 verweist der IWF darauf, dass sich dann die zweite Welle der Pandemie zurückbilden werde. Impfstoffe wären dann verbreitet verfügbar. Die Einschränkungen der Ölförderung würden wie im Rahmen der OPEC+ vereinbart verringert.

Gleichzeitig betont der IWF aber, dass eine Beschleunigung des Wachstums keineswegs sicher sei. Ein Risiko sei, dass sich strikte Beschränkungen der Produktion zur Bekämpfung der Pandemie bei wichtigen Handelspartnern auf Russland auswirken.

Andererseits habe aber die Verfügbarkeit eines effektiven Impfstoffes das Risiko einer für lange Zeit anhaltenden Pandemie verringert. Es sei auch möglich, dass ein aufgestauter Nachholbedarf zu einer unerwartet starken Erholung führe, wenn die Pandemie nachlasse.

2023 erwartet der IWF aber nur noch 2,1 Prozent Wachstum

Eine Beschleunigung des Wachstums erwartet der IWF aber nur bis 2022. Das zeigt die folgende Abbildung, in der Tatiana Evdokimova die Wachstumserwartungen des IWF mit den Prognosen der Zentralbank und der Regierung vergleicht. Die rote Linie macht deutlich, dass der IWF zwar für 2022 eine Beschleunigung des Wachstums auf 3,9 Prozent erwartet. 2023 rechnet der IWF aber fast mit einer Halbierung des Wachstums auf nur noch 2,1 Prozent.

Russlands Wirtschaftswachstum in den Jahren 2021 bis 2023
Prognosen des IWF, der Zentralbank und des Wirtschaftsministeriums

Tatiana Evdokimova: „Somewhat different pictures of the future GDP growth…“; Twitter, 09.02.2021; Chartadresse

Demgegenüber erwartet die Zentralbank für 2023 ein Wachstum von 2,5 Prozent (sie nennt eine Wachstumsspanne von 2,0 bis 3,0 Prozent). Das Wirtschaftsministerium geht in seinen Prognosen für die Haushaltsplanung davon aus, dass sich das Wachstum 2023 lediglich auf 3.0 Prozent abschwächt.

Der IWF rechnet also nur 2022 mit einem stärkeren Wachstum (+ 3,9 Prozent) als die Zentralbank (+2,5 Prozent bis + 3,5 Prozent) und die Regierung (+ 3,4 Prozent).

Titelbild

Titelbild: Popova Valeriya / Shutterstock

Quellen und Lesetipps

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

Zentralbank: Leitzins bleibt 4,25 Prozent; neue Konjunkturprognosen bis 2023

Der Verbraucherpreisanstieg beschleunigte sich im Januar auf 5,2 Prozent

IWF erwartet bis 2022 mehr Wachstum in Russland als Regierung und Zentralbank

Wirtschaftsministerium zu Wachstum und Inflation 2020 und 2021

Wöchentliche Berichte zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland

Marina Voitenko; politcom.ru: Wirtschaftspolitischer Wochenrückblick; jeweils donnerstags

Vnesheconombank Institute:World Economy and Markets Review“ mit Russland-Themen:

Sberbank: Wochenbericht „Global Economic News“ mit folgenden Russland-Themen:

BOFIT (Bank of Finland): BOFIT Weekly (Russland und China im wöchentlichen Wechsel; donnerstags finnische; freitags englische Ausgabe); BOFIT Russia Statistics

Dmitry A. Zaitsev; Rechnungshof-Wochenbericht:Economic Monitoring

Sonstige periodische Berichte zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik

Weitere Berichte zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland

Das Bruttoinlandsprodukt sank 2020 um 3,1 Prozent – Erste Rosstat-Schätzung

Zentralbank: Konjunktur-Bulletin „Talking Trends“

Konjunkturberichte für Dezember und das Jahr 2020

Russlands Wirtschaft am Jahreswechsel 2020/2021 – Rückblick und Ausblick

Nord Stream 2

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.