Russische Wirtschaft: Steigende Produktion, Sinkende Realeinkommen

Fast 4 Prozent Wachstum erwartet, Realeinkommen aber noch niedriger als 2020

Berechnungen des Forschungsinstituts der Vnesheconombank zeigen eine weitere Erholung der russischen Wirtschaft. Die Produktion vieler Wirtschaftsbereiche stieg im März saison- und kalenderbereinigt gegenüber Februar. Laut Presseberichten hebt die Sberbank ihre Prognose für das diesjährige Wirtschaftswachstum von 3,0 auf 3,8 Prozent an. Das russische Wirtschaftsministerium senkte hingegen seine Prognose kurz zuvor auf 2,9 Prozent. In den Taschen der Bürger ist die Erholung noch nicht angekommen. Ihre real verfügbaren Einkommen waren im ersten Quartal noch 3,6 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor.

Die Produktion der russischen Wirtschaft erholt sich weiter

Zur Entwicklung der Produktion im März gegenüber Februar hat am Freitag das  Forschungsinstitut der Vnesheconombank erste Berechnungen veröffentlicht. Saisonbereinigt stieg danach die gesamtwirtschaftliche Produktion im März gegenüber Februar um 0,3 Prozent. Im Februar war sie gegenüber dem Vormonat allerdings bereits deutlich schneller um 1,1 Prozent gewachsen.

Die folgende Abbildung des VEB-Instituts zeigt, dass der Index des realen Bruttoinlandsprodukts derzeit noch gut einen Prozentpunkt unter dem im Herbst 2019 erreichten bisherigen Höchststand liegt. Im Vergleich zum März 2020 ist Russlands Bruttoinlandsprodukt im März 2021 jedoch bereits um 0,8 Prozent gestiegen (Das russische Wirtschaftsministerium hat den Anstieg etwas niedriger auf 0,5 Prozent geschätzt).

Index des realen Bruttoinlandsprodukts; Schätzung (Jan. 2014 = 100)

Vnesheconombank Institute: „World Economy and Markets Review“, S. 5, 30.04.2021

Die Produktion zahlreicher Wirtschaftsbereiche wies im März 2021 gegenüber dem Vormonat laut VEB-Institut saisonbereinigt ein Wachstum auf:

  • Verarbeitendes Gewerbe:                     + 1,9 Prozent
  • Bergbau, Förderung von Rohstoffen:     + 0,3 Prozent
  • Landwirtschaft:                                     + 0,1 Prozent
  • Großhandel:                                                 + 0,8 Prozent
  • Einzelhandel:                                        + 0,1 Prozent

Produktionsrückgänge gegenüber Februar gab es in den Bereichen:

  • Strom-, Gas- und Wasserversorgung: – 1,4 Prozent
  • Bauproduktion:                                     – 0,5 Prozent
  • Transport:                                            – 0,1 Prozent

Aktuelle Flaute beim privaten Verbrauch nach kräftiger Erholung

Der reale Umsatz im Einzelhandel hat sich laut den Berechnungen des VEB-Instituts im März 2021 gegenüber dem Vormonat saison- und kalenderbereinigt nur um 0,1 Prozent erhöht. Im Februar stagnierte er sogar auf dem im Januar erreichten Niveau.

Vom tiefen Einbruch im Lockdown im Frühjahr 2020 hat sich der Einzelhandel jedoch trotz der aktuellen „Flaute“ weitgehend erholt. Im Februar war der reale Umsatz nur noch 1,5 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor. Im März vergrößerte sich der Rückgang gegenüber dem Vorjahresmonat zwar auf 3,4 Prozent. Dabei ist aber zu berücksichtigen, dass es Ende März 2020 kurz vor dem Lockdown viele „Vorratskäufe“ im Einzelhandel gab.

Auch der reale Umsatz der Dienstleistungsunternehmen stagnierte im März auf dem Niveau vom Februar. Im Februar hatte er sich noch kräftig weiter um 3,5 Prozent gegenüber Januar erholt. Im Vergleich zum Vorjahresmonat ist der Umsatz der Dienstleistungsunternehmen im März 2021 jedoch um 1,4 Prozent höher gewesen. Um das Ende 2019 erreichte Niveau wieder zu erreichen, muss der Dienstleistungsumsatz aber noch beträchtlich steigen.

Als Grund für die aktuelle „Konsumflaute“ verweist das VEB-Institut außerdem auf Umfragen der russischen Zentralbank, die eine Verschlechterung der Konsumentenstimmung zeigen. Hintergrund der Stagnation der Verbrauchernachfrage sei offenbar ein deutlicher Rückgang der realen Einkommen der Haushalte und eine Abnahme der Konsumentenkredite.

Die verfügbaren Realeinkommen sanken seit 2013 um rund 10 Prozent

Die am Freitag von Rosstat veröffentlichten neuen Daten zur Entwicklung der verfügbaren Realeinkommen analysierte RBK.ru ausführlich. 2020 sind die Realeinkommen gegenüber 2019 um 3,0 Prozent gesunken. Im ersten Quartal 2021 waren sie 3,6 Prozent niedriger als ein Jahr zuvor.

Für das zweite Quartal 2021 wird jedoch ein deutlicher Anstieg der Realeinkommen gegenüber dem zweiten Quartal 2020 erwartet. Im damaligen Lockdown waren die Realeinkommen im Vergleich zum zweiten Quartal 2019 um 7,5 Prozent eingebrochen.

Für das gesamte Jahr 2021 erwartet das russische Wirtschaftsministerium in seiner vor einer Woche veröffentlichten Prognose einen Anstieg der Realeinkommen um 3,0 Prozent. Präsident Putin hatte in seiner Rede zur Lage der Nation am 21. April das Wachstum der Realeinkommen als wichtigste Aufgabe der Regierung herausgestellt. Russland hat hier erheblichen Aufholbedarf. Laut Rosstat sind die real verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte von 2013 bis Ende 2020 um 10,1 Prozent gesunken.

Die Reallöhne stiegen aber deutlich

Erstaunlich ist, dass die von Rosstat ermittelten Reallöhne trotz der insgesamt sinkenden verfügbaren Realeinkommen deutlich stiegen. Wirtschaftsminister Reschetnikow forderte Ende April laut einer Pressemitteilung seines Ministeriums bei Beratungen in der Statistikbehörde von Rosstat methodische Verbesserungen bei der Ermittlung der Entwicklung der Einkommen. Insgesamt müsse die Behörde ihre Arbeitsmethoden modernisieren.

Daten zur Entwicklung der Reallöhne ermittelt Rosstat monatlich. Bisher liegen Daten bis Februar vor. Das „Zentrum für makroökonomische Analyse und kurzfristige Prognosen (CMASF)“ berechnete auf dieser Basis die saisonbereinigte Entwicklung der Reallöhne. Laut CMASF waren die Reallöhne im Februar 2021 16,2 Prozent höher als im Monatsdurchschnitt des Jahres 2012 wie die dunkelblaue Linie in der folgenden Abbildung zeigt.

Monatliche Entwicklung der Reallöhne (2012 = 100)

Unbereinigt und saisonbereinigt

Center for Macroeconomic Analysis And Short term Forecasting, CMASF: Trends of the Russian Economy, 26.04.2021

Natalia Orlova: In Russland gibt es eine Umverteilung zugunsten von Beschäftigten des Staates und von Großunternehmen

Die Chef-Volkswirtin der Alfa Bank, Natalia Orlova, meint, die gegensätzliche Entwicklung von Reallöhnen und Realeinkommen spiegele eine „Umverteilung“ der Einkommen in Russland. Sie schreibt in einem Beitrag für einen Mitte April von der Stiftung „Liberale Mission“ veröffentlichten Sammelband, benachteiligt würden bei dieser Umverteilung Bezieher von Einkommen aus Anlagen am Kapitalmarkt und von Einkommen aus Immobilien sowie Unternehmer und Beschäftigte im sogenannten „informellen Sektor“. Von der Umverteilung begünstigt würden hingegen Beschäftigte des Staates und großer Unternehmen.

Beiträge zu dem von Kirill Rogov herausgegebenen Sammelband Stagnation 2: Consequences, Risks and Alternatives for the Russian Economy:
·        Konstantin Sonin Model without growth and development
·        Natalia Orlova Redistributive model and low growth equilibrium 
·        Sergey Aleksashenko . Red lines and structural pillars of sluggish growth
·        Vladimir Gimpelson . Medium-term challenges of „equilibrium of stagnation“: ecology, energy,
·        Oleg Buklemishev . Acceleration without rebuilding
·        Evsey Gurvich . Getting out of stagnation: the minimum program of economic policy
·        Sergey Guriev . The middle income trap
·        Oleg Itskhoki . Ideas for Growth in Mid-Range Economies 
·        Ruben Enikolopov . The Political Economy of Openness and the Lost Beacon 
·        Oleg Vyugin . The problem of political choice and the challenges of economic policy 

Der Anstieg der Verbraucherpreise schwächte sich zuletzt ab

Zum Rückgang der real verfügbaren Einkommen im ersten Quartal 2021 trug der Anstieg der Inflationsrate bei. Im Durchschnitt des Monats März beschleunigte sich der Anstieg der Verbraucherpreise im Vergleich zum Vorjahr weiter auf 5,8 Prozent. Ende April schwächte sich die Inflationsrate jedoch auf 5,6 Prozent ab.

Verbraucherpreisindex
Anstieg gegenüber Vorjahresmonat in Prozent

Vnesheconombank Institute: „World Economy and Markets Review“, S. 5, 30.04.2021

Über die weitere Entwicklung der Preise sind sich Regierung und Zentralbank ziemlich uneinig.

Finanzminister Anton Siluanow zeigte sich Ende April zuversichtlich, dass der Anstieg der Verbraucherpreise schon am Jahresende 2021 das angestrebte Inflationsziel von 4 Prozent erreichen dürfte. Sowohl die Ausgabenpolitik der Regierung als auch die „Normalisierung“ der Geldpolitik der Zentralbank würden dafür sorgen. Die Inflationsrate werde allenfalls „Bruchteile eines Prozentpunktes“ über 4 Prozent liegen.

Das Wirtschaftsministerium geht in seiner am 24. April veröffentlichten Prognose davon aus, dass der Preisanstieg bis zum Jahresende auf 4,3 Prozent sinkt.

Die Zentralbank hob hingegen in ihrer jüngsten Prognose vom 23. April ihre Inflationserwartung für Dezember 2021 um einen Prozentpunkt auf 4,7 bis 5,2 Prozent an. Erst Ende 2022 rechnet die Zentralbank mit einer Inflationsrate von 4 Prozent, also ein Jahr später als der Finanzminister.

Prognosen der Zentralbank zu Inflation und Wirtschaftswachstum

Veränderungen gegenüber Vorjahr in Prozent

Zentralbank: Investor presentation „Russian Financial Sector“; PDF; S. 18;  27.04.2021

Wachstumsprognosen für 2021 streuen noch breit

Die Zentralbank blieb in ihrer jüngsten Prognose bei ihrer Einschätzung, dass das Bruttoinlandsprodukt 2021 um 3 bis 4 Prozent wachsen wird (siehe letzte Zeile der Tabelle). Der Produktiosrückgang in der Corona-Krise des Jahres 2020 um 3 Prozent wäre damit nach nur einem Jahr in jedem Fall aufgeholt.

In der breiten Prognosespanne der Zentralbank liegt auch noch die relativ optimistische Prognose des Internationalen Währungsfonds. Er hob bereits am 6. April seine Erwartung für den diesjährigen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts auf 3,8 Prozent an.

Dieser Einschätzung folgt laut Presseberichten jetzt die Sberbank. Sie erhöht ihre Prognose für das Wirtschaftswachstum im Jahr 2021 auch deutlich von 3,0 auf 3,8 Prozent.

Das russische Wirtschaftsministerium senkte hingegen vor gut einer Woche seine Prognose für 2021 von 3,3 Prozent auf 2,9 Prozent. Zunächst hatten darüber zahlreiche Medien berichtet. Am 24. April veröffentlichte das Wirtschaftsministerium seine neue Prognose aber auch auf seiner Internet-Seite. Sie wird bis zum Beginn der Haushaltsberatungen im September weiter modifiziert werden. Wirtschaftsminister Reschetnikow wies bereits darauf hin, dass die Folgen der zusätzlichen arbeitsfreien Tage im Mai und der von Präsident Putin angekündigten zusätzlichen Sozialleistungen berücksichtigt werden müssen.

Quellen und Lesetipps

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

Weitere Lesetipps und Quellen im PDF-Dokument, unter anderem zu:

  • Neue Konjunkturprognose des russischen Wirtschaftsministeriums vom 24. April
  • Deutsch-Russische Rohstoffkonferenz
  • Nord Stream 2
Titelbild
Titelbild: Russische Automobilproduktion – Jiri Igaz I Shutterstock.com