Thorsten GutmannVon

Russisches Start-up-Unternehmen RoboCV: „Wir wollen Lagerhallen automatisieren“

In der industriellen Fertigung sind Roboter heutzutage unverzichtbar, in der Logistikbranche kommt der Einsatz nur schleppend voran. Die größten Schwächen der Robotisierung im Lager liegen immer noch in der eingeschränkten Flexibilität und den hohen Investitionskosten. Das will das russische Start-up-Unternehmen RoboCV mit Sitz in Moskau verändern. Im Ostexperte.de-Interview verrät CEO Sergey Maltsev, wie er die Herausforderungen mit Logistik-Robotern meistern will.

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Zur Person
Sergey Maltsev ist Mitgründer und der CEO von RoboCV, einem russischen Entwickler und Hersteller von intelligenten Autopiloten im Logistikbereich. Zuvor beschäftigte er sich mit der Entwicklung von Computer Vision und künstlicher Intelligenz.

Das Büro von RoboCV befindet sich im Technologie- und Innovationszentrum Skolkovo bei Moskau.


Herr Maltsev, wie ist RoboCV entstanden und was machen Sie genau?

Wir haben im Rahmen des Wettbewerbs Google Lunar X-PRIZE an einem Projekt namens „Selenokhod“ gearbeitet, welches sich mit der Entwicklung von Fahrzeugen auf dem Mond beschäftigte. Da die geplante Fertigstellung im Jahr 2015 scheiterte, haben wir uns entschlossen, auf der Basis unserer Erkenntnisse verschiedene Geschäftsmodelle auszuprobieren. Daraus entstanden letztendlich mehrere Unternehmen, darunter auch RoboCV. Jetzt beschäftigen wir uns mit der Entwicklung und dem Vertrieb von intelligenten Logistik-Robotern im Bereich der Intralogistik, also innerhalb von Lagern und Fabriken.

Inwiefern unterscheiden sich Ihre Roboter von der Konkurrenz?

Es gibt verschiedene deutsche Unternehmen, die sich mit der Entwicklung ähnlicher Roboter beschäftigen. Im Vergleich zur Konkurrenz haben wir den Fokus auf den Intellekt gelegt. Wir setzen auf Kollaboration, d. h. auf die Entwicklung von Robotern, die im Einklang mit dem Menschen arbeiten können. Wir sind fest davon überzeugt, dass diese Eigenschaft für die Massenfertigung der Robotertechnik für Fabriken und Lager entscheidend sein wird. Alle zuvor entwickelten Roboter konnten keine effektive Zusammenarbeit mit dem Menschen gewährleisten. Und wir haben von Anfang an auf die Kollaboration gesetzt und fühlen uns durch das Interesse von Unternehmen wie Samsung oder Volkswagen in dieser Entscheidung bestärkt.

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Können Sie ein Beispiel aus der Praxis nennen?

In einem Lager kommt es häufig vor, dass man Dinge an einem Ort vorfindet, die dort nicht hingehören. Normalerweise halten Roboter in diesem Fall an und warten, bis der Gegenstand weggeräumt wird. Unsere Roboter hingegen sind mit Technologien ausgestattet, die es ermöglichen, solche Hindernisse zu umgehen und die Arbeit eigenständig fortzuführen. Die Roboter verfolgen die Bewegungen anderer Objekte und Menschen, befolgen die Straßenverkehrsordnung und entscheiden anhand dieser Daten, ob das Durchqueren einer Kreuzung möglich ist.

Ein anderes Beispiel: Wenn ein LKW von Mitarbeitern entladen wird, dann können die Paletten nicht optimal gestapelt werden. Für die üblichen Roboter stellt das Greifen dieser Paletten dann ein Problem dar. Unsere Roboter wiederum erkennen und beseitigen diese Ungenauigkeiten, bevor sie zugreifen.

In welche Branchen ist das Interesse für Ihre Roboter besonders hoch?

Zum einen die Automobilindustrie, zum anderen die Transportlogistik, also in Lagerhallen, Distributionszentren oder bei der Lagerung von Fertigprodukten in einer Fabrik. In Fabriken mit eigenen Lagerhallen für schnelldrehende Produkte besteht, durch den Einsatz unserer Roboter, ein großes Potential.

Können Sie an einem Beispiel erläutern, wie das System genau funktioniert?

Nehmen wir die Fabrik eines Automobilherstellers als Beispiel. Dort übernehmen unsere Roboter den Transport von Einzelteilen vom Lagerhaus zum Fördererband. Das ist ein zyklischer Prozess, der sich über die gesamte Produktionsdauer erstreckt. Unser Roboter wird im Lager mit Einzelteilen beladen und zum Förderband geschickt. Am Förderband angekommen, wird er entladen und zurückgeschickt. Die Route ist vorprogrammiert und lässt sich bei Bedarf schnell und einfach verändern.

Das zweite Beispiel bezieht sich auf die Funktionsweise in einem Lager mit immer wiederkehrenden Aufgaben. Beim Entladen eines LKW werden die Paletten am Umschlagpunkt gestapelt und von unseren Robotern in die Lagerregale transportiert. Umgekehrt dasselbe – die Paletten können aus dem Regal zum Umschlagpunkt gebracht und vor dem LKW abgelegt werden. Zum Be- und Entladen eines LKW sind die Roboter noch nicht ausreichend entwickelt.

Was ist der wichtigste Vorteil der Verwendung dieser Technologie?

Zum einen besteht die Möglichkeit, die Betriebskosten zu reduzieren, indem die Arbeitskosten gesenkt werden. Im Gegensatz zu einem Menschen kann der Einsatz eines Roboters rund um die Uhr erfolgen und je nach Situation bis zu vier Personen ersetzen. Zum anderen entwickeln und erweitern wir die Einsatzmöglichkeiten unserer Roboter so, dass sie in unterschiedlichen Lagestrukturen und Branchen einsetzbar sind. Während der Einsatz vergleichbarer Roboter Veränderungen in der Prozessgestaltung erfordert, bieten wir flexible Lösungen an, die schnell in ein vorhandenes System eingearbeitet werden können. Im Idealfall dauert die Integration der Roboter gerade mal 1 bis 2 Monate.

Wie schwierig und kostenintensiv ist die Umstellung von einem traditionellen Lagerhaus auf ein Roboter-unterstütztes Lagerhaus?

Was die Kosten angeht, hängt die Höhe von unterschiedlichen Faktoren ab. Je nach Markt und Branche können die Kosten und der Aufwand der Implementierung variieren. Dennoch liegen wir im Schnitt bis zu zwei mal günstiger als die deutsche Konkurrenz. Was den Aufwand angeht, ist es ebenfalls situationsabhängig. Wie bereits erwähnt, kann eine vollständige Implementierung nach 1 bis 2 Monaten erfolgen. Dabei bleiben die Veränderungen der Lagerinfrastruktur minimal. Je nachdem welche Prozesse automatisiert werden sollen, ist in einigen Fällen die Integration des Lagersteuerungssystems notwendig. Die Roboter können entweder per Hand am Computer oder am Roboter selbst bedient werden.

Haben Sie hauptsächlich internationale Konkurrenten oder gibt es auch russische Wettbewerber?

Auf dem russischen Markt gibt es keine vergleichbaren Unternehmen, die sich auf die Nische mit großen Logistikrobotern spezialisiert haben. Es existieren Unternehmen, die eher kleinere Roboter für den Bereich E-Commerce entwickeln und herstellen. Auf internationaler Ebene sind es überwiegend deutsche und japanische Roboterhersteller, die in derselben Richtung tätig sind.

Wie schätzen Sie die Nachfrage in Russland heute und künftig ein?

Mehr und mehr Unternehmen verstehen, dass die Arbeitsproduktivität erhöht werden muss, weil sie in Russland standartgemäß eher gering ist. Unsere Roboter gehören zu den technologischen Errungenschaften, die eine Steigerung der Arbeitsproduktivität ermöglichen.

Zudem sehen wir, dass das Interesse im Zusammenhang mit dem Programm „Digitale Wirtschaft“ steigt. Sowohl staatliche als auch kleine und mittlere Unternehmen äußern das Interesse am Einsatz von Robotern. In dieser Hinsicht wächst die Nachfrage in Russland. Da der russische Markt nicht so groß ist, wollen wir natürlich auch im Ausland Fuß fassen. Somit bleiben wir für unsere Investoren weiterhin attraktiv.

Warum haben Sie sich für Skolkovo als Produktionsstätte entschieden?

Wir gehören zu den ersten Teilnehmern der gesamten Skolkovo-Infrastruktur. Wir haben früh erkannt, dass wir hier die nötige Unterstützung bekommen können. Dazu gehören nicht nur Investoren, sondern auch das Know-How im Verkauf und PR. Nur dank dieser Unterstützung war es überhaupt möglich, den ersten Prototypen zu bauen, der solche Kunden wie Samsung auf sich aufmerksam gemacht hat. Die Bestellung der Einzelteile wird outgesourct und die Roboter hier in Skolkovo zusammengebaut. Für die Endmontage wird nicht viel Platz benötigt. Und allgemein ist es ziemlich praktisch, an einem Ort wie Skolkovo tätig zu sein, da man immer mal wieder potenziellen Partnern, Kunden oder Investoren begegnet.

Wie viele Mitarbeiter beschäftigen Sie und in welchen Bereichen?

RoboCV beschäftigt zum heutigen Standpunkt 15 Mitarbeiter, überwiegend Ingenieure und Entwickler. Der Schwerpunkt liegt derzeit auf der Entwicklung der Software und ein kleiner Teil ist für die Hardware und den Vertrieb zuständig. Wir sind im Grunde genommen ein Softwareentwicklungsunternehmen, das den Autopiloten eines Roboters entwickelt, inklusive des Servers, der diesen Roboter steuert.

Was sind die Perspektiven von RoboCV und wie wollen Sie die Logistik der Zukunft verbessern?

Wir wollen in erster Linie die Produktivität im Lager steigern. In diesem Bereich werden die meisten logistischen Prozesse immer noch manuell ausgeführt. Das Personal bedient zwar Maschinen, die unseren Robotern ähnlich sind, aber der Transport erfolgt manuell durch den Mitarbeiter.

Sogar in Ländern wie Deutschland und Japan, wo die Robotik-Technologie sehr fortgeschritten ist, stellt der automatisierte Palettentransport eine Herausforderung dar. Unser Ziel ist es, die manuellen und monotonen Logistikprozesse durch Roboter zu ersetzen. Darin sehen wir ein großes Potenzial, weil früher oder später sowieso alles automatisiert sein wird.

Wie ist der Zustand der Lagerhallen in Russland?

Es gibt immer noch Lagerhäuser aus der Sowjetzeit, die modernisiert werden müssen. Gleichzeitig entsteht derzeit eine große Anzahl an neuen und modernen A-Klasse-Lagerhallen. Insofern sehen wir hier zumindest eine recht gute Dynamik, die wir nutzen können. Viele Fabriken und Lagerhallen sind ansatzweise automatisiert – also die Förderbänder. Von Robotisierung kann da nicht die Rede sein.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Maltsev.

Das Interview führte Ostexperte.de-Chefredakteur Thorsten Gutmann.

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Thorsten Gutmann
Über den Autor

ist Chefredakteur der unabhängigen Nachrichtenseite Ostexperte.de mit Sitz im Stadtzentrum von Moskau.

Trotz Wirtschaftskrise und Sanktionen verlegte er seinen Lebensmittelpunkt 2016 nach Russland. Nun informiert er Leser im DACH-Raum über das Business in Russland, China und anderen Länder entlang der Neuen Seidenstraße. In Zeiten der politischen Grabenkämpfe bemüht er sich um wertneutralen Journalismus und konstruktiven Dialog zwischen Ost und West.

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