Wieso sich die großen Rating-Agenturen aus Russland zurückziehen

Moody’s geht. Fitch vielleicht auch. Und Standard & Poor’s (S&P) überlegt es sich ebenfalls. Die drei großen amerikanischen Rating-Agenturen planen wegen einer Gesetzesänderung ihren Rückzug aus Russland.  

Am 9. März kündigte Moody’s an, die russische Tochtergesellschaft Moody’s Interfax Rating Agency (MIRA), ein Joint Venture mit der Nachrichtenagentur Interfax, werde im Laufe des Jahres aufgelöst. Künftig würden keine nationalen Bonitätsnoten mehr vergeben. Internationale Ratings für Russland werden aber weiter vergeben. 12 Jahre war das Unternehmen auf dem russischen Markt tätig.

Update: 18.03.2016: Moody’s hat am Freitag, den 18. März seine nationalen Ratings für Russland zurückgezogen. Das teilte das Unternehmen in einer Pressemitteilung mit.

Strenge Auflagen machen den amerikanischen Bewertern die Arbeit schwer

Grund dafür ist wohl eine Gesetzesänderung, die zu Beginn des nächsten Jahres in Kraft tritt. Sie sieht für Rating-Agenturen in Russland strengere Auflagen vor. Eine davon ist, dass aus „politischen Gründen“ die Kreditwürdigkeit nicht herabgestuft werden darf. Das ist insbesondere vor dem Hintergrund der Sanktionen von EU und USA schwierig.

“Die Entscheidung wurde vor dem Hintergrund legislativer Änderungen und anderer potenzieller Beschränkungen getroffen, die sich auf nationale Bewertungen der Kreditwürdigkeit in Russland beziehen“, drückte es Moody’s in der Mitteilung aus.

Fitch teilte im Februar mit, dass man voraussichtlich aufhören werde, lokale Wertungen in Russland zu vergeben, weil es die neuen Bestimmungen sehr schwierig machten, die EU und US-Sanktionen gegen das Land zu erfüllen. Auch S&P prüft entsprechende Schritte.

Update 14.03.2016: Der stellvertretende Finanzminister Russlands Alexej Moisejew hat sich gegenüber TASS zum möglichen Weggang der Agenturen geäußert. Seines Wissens sei das nicht der Fall. „Es geht das Gerücht um, dass die internationalen Rating-Agenturen nicht bereit sind, in Übereinstimmung mit der russischen Gesetzgebung zu arbeiten. Soweit ich weiß, ist das nicht wahr.“ Die Agenturen analysierten derzeit die Änderungen der Gesetzgebung und überdächten, wie sie weiter nationale Ratings durchführen könnten.

Wieso der Weggang aus Russland nicht stark ins Gewicht fällt

Nationale Ratings (National Scale Ratings – NSR) dienen einer Vergleichbarkeit der Schuldner innerhalb des Landes. Internationale Ratings werden meist von den Mutterfirmen erstellt und fallen daher nicht unter russisches Recht.

Für internationale operierende Agenturen, für die der russische (nationale) Rating-Markt nur einen geringen Teil ausmache, sei der Weggang bei einem Konflikt zwischen russischem und internationalem Recht ein logischer Schritt, erklärte Kirill Jankowskij von Otkritie Capital International gegenüber Bloomberg.

Die Neue Zürcher Zeitung spricht von 30 Prozent Marktanteil, den alle drei Agenturen auf dem russischen Markt zusammen hätten. Lokale Anbieter dominierten den Markt für Bonitätsbewertungen in Russland.

Russlands eigene Agentur gegen „geopolitische Risiken“

In Russland sind die amerikanischen Bewerter ohnehin umstritten – nicht nur, weil sie Amerikaner sind. Spätestens seitdem sie (Moody’s und S&P) Russland auf „spekulatives Niveau“ herabstuften sind sie unten durch. Dieser Schritt wurde damals in Russland etwa als „politisch motiviert“ bezeichnetet.

So ist Russland momentan bewertet:

    • S&P: BB+ (Non-investment grade speculative)
    • Moody’s: Ba1 (Non-investment grade speculative)
    • Fitch: BBB- (Lower medium grade)

Daher kündigte die russische Zentralbank im Sommer 2015 an (siehe auch diesen ausführlichen Hintergrund der NZZ), eine eigene Rating-Agentur gründen zu wollen, um „geopolitischen Risiken“ zu trotzen. Mit ersten Bewertungen wird laut Bloomberg für das zweite Quartal 2016 gerechnet.

Die Leiterin der neuen Agentur ist Jekaterina Trofimowa, die Vize-Präsidentin der Gazprombank und ehemalige Bank-Analystin für Russland und die GUS bei S&P in Paris.

Rating-Agenturen sind auch im Westen umstritten

Die drei großen Agenturen sind indes auch im Westen umstritten. Die Kritik an ihnen hat nach der Finanzkrise ab 2007 zugenommen, für die sie mitverantwortlich gemacht werden.

Kritisch gesehen wird außerdem, dass die Ratingagenturen von Auftraggebern bezahlt werden, deren Finanzprodukte sie gleichzeitig bewerten sollen, was zu Interessenkonflikte führen kann. Weitere Kritikpunkte sind die Intransparenz des Zustandekommens der Wertungen (Stichwort: Betriebsgeheimnis). Auch kam eine Studie der Universität Heidelberg zu dem Schluss, dass bei den bewerteten Ländern nicht die gleichen Kriterien angelegt würden, sodass die Heimatländer und ähnliche Länder bessere Bewertungen erhielten.

Wie unabhängig ist die staatliche Agentur?

Allerdings darf bezweifelt werden, ob eine staatliche russische Agentur in einer von Staatsunternehmen dominierten Unternehmenslandschaft für unabhängigere Bonitätsnoten sorgen kann. Das wird sich aber bald zeigen. Bis zum zweiten Quartal ist es nicht mehr weit.


[accordion open_icon=“camera-retro“ closed_icon=“camera-retro“] [/su_spoiler] Quelle:

Flickr-Nutzer ☰☵ Michele M. F. (CC BY-NC-SA 2.0) [/su_spoiler]