Thomas FasbenderVon

Alexej Nawalny macht, was man im Englischen „to up the ante“ nennt – von Runde zu Runde steigert er den Einsatz und lässt das Risiko wachsen. Der Mann scheint Nerven zu haben wie Julius Cäsar vor dem Rubicon; zäh bewegt er sich auf der haarfeinen Linie zwischen Erfolg und Scheitern. Dass er erst kürzlich nach einer Attacke fast ein Augenlicht verlor, scheint ihm nur Episode gewesen zu sein. Der Ausgang des Spiels ist offen wie die antike Tragödie – man weiß nur, dass Blut fließen und dass es Erniedrigte geben wird.

Am Sonntag, am Tag vor einer genehmigten Demonstration auf dem Moskauer Prospekt Sacharowa am Rand des Stadtzentrums, verkündete Nawalny in den sozialen Netzwerken, seine Gefolgschaft solle sich nicht dort, sondern auf der kremlnahen Prachtstraße Twerskaja einfinden, an dem Ort, wo am Montag die zentralen Festlichkeiten zum russischen Nationalfeiertag stattfinden sollten.

Der Rest wurde von den Medien in aller Welt verbreitet: willkürliche, weder im Auftreten noch im Verhalten der Betroffenen begründete Festnahmen Hunderter Demonstranten – eine ritualisierte Manifestation staatlicher Macht. Nicht anders verlief es in anderen Städten des Reichs.

Die Rivalität der Alphatiere Wladimir Putin (64) und Alexej Nawalny (41), beide vergleichbar hinsichtlich Rücksichtslosigkeit, Rigorosität, Autorität und Patriotismus, nimmt archaische Züge an. Wie im antiken Rom vor 2.000 Jahren gibt es nur zwei Wege auf den Cäsarenthron: als Sohn oder als Usurpator. Der Sohn, der Putin zugeschrieben wird, angeblich soll er Dmitri heißen, ist jung und illegitim. Der Versuch, einen Windbeutel als Ziehsohn zu installieren, ist schon vor Jahren gescheitert. Also Usurpator. Doch der muss stark sein und sich beweisen, muss alles riskieren und dem Drachen die Zähne ziehen.

Gut möglich, dass die Rivalen einander nötiger haben, als sie es sich eingestehen. Gut möglich auch, dass sie das wissen – oder doch ahnen. Putin braucht jemanden, der ihm auf den Thron folgt. Jemanden, der fähig ist und den Mut und die Fortune hat, sich dort auch zu behaupten. So einer geht in Russland nicht aus freien Wahlen hervor.

Thomas Fasbender
Über den Autor

ist freier Journalist und Publizist in Berlin. Von 1992 bis 2015 hat er in Moskau gelebt. 2014 erschien sein Buch „Freiheit statt Demokratie. Russlands Weg und die Illusionen des Westens“ im Manuscriptum Verlag.