Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

Anzeige
Rufil Russia Consulting

Thorsten GutmannVon

Unter der „Petersburg Number“ erreichen Sie per Zufallsprinzip Bewohner der Stadt

St. Petersburg hat jetzt eine eigene Telefonnummer, unter der Sie mit einem zufällig zugelosten St. Petersburger sprechen können. Das Projekt „The Petersburg Number“ ist von einer ähnlichen Aktion in Schweden inspiriert. Wir haben die Nummer getestet und angerufen, um uns Empfehlungen von Einheimischen geben zu lassen.

Laut dem Empfehlungsdienst TripAdvisor gibt es in Sankt Petersburg 9.789 Restaurants, 810 Sehenswürdigkeiten, 415 Museen, 173 Shopping-Möglichkeiten und 106 Naturparks. Wer als Tourist eine Reise in die Millionen-Metropole plant, wird im Vorfeld von zahlreichen Angeboten überwältigt. Wie soll man im „Venedig des Nordens“ abseits von Pflichtstationen wie Eremitage und Peterhof die Übersicht bewahren? Ein Reiseführer? Vielleicht. Besser ist es aber, direkt bei Einheimischen anzurufen.

Per Zufall mit einem Bürger aus „Piter“ verbunden – nach einem schwedischem Vorbild

Nichts in einer fremden Stadt ist wertvoller als der Ratschlag eines Einheimischen, dachte sich auch die Petersburgerin Victoria Evdokimova und richtete der Stadt eine eigene Telefonnummer ein.

Mein Anruf bei der Telefonnummer der St. Petersburger

So sieht die Website der Petersburger Nummer aus.

Einfach zum Telefon greifen, die +7 812 930 17 03 wählen, „Privjet“ sagen und auf Russisch oder Englisch alles über die geheimen Ecken der Stadt erfragen – das ist das Prinzip von „The Petersburg Number“, das Evdokimova in Kooperation mit dem Petersburger Tourismuskomitee initiiert hat.

Seit Anfang Juni werden Neugierige beim Wählen dieser Nummer per Zufallsprinzip mit einem Bürger aus „Piter“ verbunden – sofern jener sich vorher mittels App registriert hat. Dort geben die Bürger auch an, ob sie Englisch sprechen. Anrufer aus dem Ausland werden dann an diese Nummern geleitet. Der Dienst operiert mit Unterstützung des russischen Mobilfunkanbieters „Megafon“.

Evdokimova ließ sich für das Projekt vom schwedischen Fremdenverkehrsamt inspirieren, das mit „The Swedish Number“ schon seit März Einheimische mit der ganzen Welt verbindet. Die Ähnlichkeiten sind sogar beim Aufbau der Websites groß. Die eine Nummer verbindet jedoch ein ganzes Land (rund 9 Millionen Einwohner), die andere nur eine Stadt – auch wenn die immerhin 5 Millionen Einwohner hat.

Bis jetzt ist die internationale Resonanz der Petersburger Nummer noch vergleichsweise gering. Über 13.000 Russen haben laut Website bislang die Petersburger Nummer angerufen. Aber nur knapp ein Zehntel so viele Ausländer (über 1500; aus immerhin 24 Ländern). Darunter auch ich.

Mein Anruf bei den Petersburgern: Ein Selbstversuch.

App Call St. Petersburg

In dieser App können Petersburger sagen, dass sie angerufen werden möchten (und dass sie Englisch sprechen). Quelle: Callrussians.ru.

Da ich derzeit in Russland lebe und einen Wochenendausflug nach Sankt Petersburg plane, kommt die „The Petersburg Number“ gerade recht. Sei es der Italiener um die Ecke oder eine verrauchte Jazzkneipe – für eine gute Empfehlung möchte ich mich nicht stundenlang durch einen Reiseführer wälzen, nur um enttäuscht festzustellen, dass der vermeintliche Geheimtipp völlig überlaufen ist.

Also wähle ich die Nummer und freue mich auf ein interessantes Gespräch…

…doch der Hörer bleibt stumm.

Ich versuche es erneut.

Besetzt.

Ein weiterer Versuch: „Hallo, tut mir leid, ich bin gerade auf der Arbeit“, klingt es verrauscht aus der Ferne.

Ich probiere es noch einmal.

Sanfte Musik dringt an mein Ohr.

Nach einigen weiteren Versuchen gebe ich vorerst auf. „Schade“, denke ich. Dann also der Reiseführer von Lonely Planet?

1. Anruf: Berliner Techno-Musik in Petersburg

So schnell möchte ich dann doch nicht aufgeben. Aber auch an den folgenden Tagen funktioniert die Durchwahl nicht, sodass ich mein Vorhaben fast über Bord werfe.

An einem Montagabend dringt der Anruf schließlich durch.

„Hallo, hier ist Max“, sagt ein junger Mann auf Russisch. „Hello“, antworte ich. „Leider spreche ich nicht so gut Englisch“, entschuldigt sich Max. Also erkläre ich auf Russisch, dass ich auf der Suche nach einem echten Geheimtipp in Sankt Petersburg bin.

„Oh, großartig! Falls du dich für Techno interessierst, habe ich eine Idee. Am 23. Juli beginnt das Gamma Festival, und am 30. Juli ist das Present Perfect. Tolle Musik, tolle Location.“ Ich bedanke mich und frage Max, ob er noch einen anderen Tipp hat. „Puh, das ist schwierig.“ Ich notiere die Namen der Festivals und stelle fest, dass die meisten Künstler auf dem Festival nicht aus Russland stammen – viele der DJs sind etablierte Größen im Berliner Nachtleben.

2. Anruf: Sanktionen, Flüchtlinge, Korruption und… Tipps

Mein Anruf bei der Telefonnummer der St. Petersburger

So schön die Weißen Nächte in St. Petersburg auch sind, die Betreiber des Projekts raten von Anrufen in der Nacht ab. Quelle: „The Petersburg Number“, Pressefoto.

Die Macher von „The Petersburg Number“ empfehlen, nicht nachts anzurufen. Ich will es ein letztes Mal versuchen, es ist 22:30 Uhr.

Wieder ein Erfolg: „Hier ist Evgenyi“, antwortet eine junge Männerstimme. Er blüht auf, als ich ihm von meinem deutschen Hintergrund erzähle: „Was denken die Deutschen über Putin? Und wie ist das bei euch so mit den Flüchtlingen?“

Eigentlich kommt Evgenyi aus Ufa. Doch seine Wahlheimat Sankt Petersburg gefällt ihm viel besser. „Hier sind die Möglichkeiten besser und die Menschen höflicher“, erklärt er. Weil sein Vater General ist, darf er Russland nicht verlassen. In Russland kennt er neben Ufa und Petersburg nur Jaroslawl, Kasan und das Schwarze Meer – „dort war ich als Kind, aber es hat mir nicht gefallen. Das Wetter war gut, aber die Leute haben zu viel gesoffen und überall lag Müll herum.“

Evgenyi klagt über die westliche Sanktionspolitik: „Vor dem Ukraine-Konflikt habe ich 30.000 Rubel für ein iPhone bezahlt, heute sind es 60.000. Auch die Lebensmittel sind teurer geworden.“

Dann schimpft er über die eigene Regierung. „Die Behörden bereichern sich, wo es nur geht. Seit fünf Jahren wird am Stadion von Zenit Sankt Petersburg für die Fußball-WM gebaut. Ich will nicht wissen, wie viele Milliarden dieses Projekt schon verschlungen hat.“

Für Sankt Petersburg hat Evgenyi schließlich noch ein paar Tipps: „Ich gehe sehr gerne in das russisch-georgische Restaurant Хочу Харчо (Chatschu Chartscho). Außerdem gibt es da noch die Bierkneipe Толстый фраер (Tolstyj Frajer).“ Auch das Museum für Moderne Künste sei zu empfehlen, ergänzt er. Ich bedanke mich für das Gespräch und füge die neuen Ratschläge meinem Reiseplan hinzu.

Wenn man weiterhin miteinander im Gespräch bleiben will, empfiehlt die Website, Kontaktdaten auszutauschen.

Fazit: Spannende Idee mit Startschwierigkeiten

Mein Anruf bei den St. PetersburgernMein Fazit: Noch ist „The Petersburg Number“ nicht ausgereift. Auf der Website finden sich Rechtschreibfehler („Saint Petersbug“), das Promovideo wurde bei YouTube aufgrund von Urheberrechtsverstößen in Russland gesperrt (in Deutschland ist es aufrufbar – und unten eingebettet) – und aus technischen Gründen gehen ein „Teil der Anrufe leider verloren“, wie die Macher auf ihrer Facebook-Präsenz erklären.

Wer also eine Reise nach Sankt Petersburg plant, sollte meiner Meinung nach einen Anruf wagen: Vielleicht wird der Aufenthalt an der Newa dank einer Telefonnummer der Stadt zum unvergesslichen Erlebnis.

Auf Anfrage von Ostexperte.de erklärt Victoria Evdokimova übrigens, dass die Test-Phase erst am Donnerstag, den 14. Juli endet. Erst dann würden alle Anrufe beantwortet. Das beantwortet auch, wieso ich solche Schwierigkeiten hatte. Viele Touristen aus Deutschland kämen Jahr für Jahr nach St. Petersburg, sagt sie auch. „Ich hoffe sehr, dass „The Petersburg Number“ ihnen helfen wird, die Stadt und ihre Bewohner besser kennenzulernen.“

Pläne: Die Nummern weiterer russischer Städte sollen folgen

Und wo bleibt die Moskauer Nummer, fragen Sie sich möglicherweise? Zu recht. Doch es gibt bereits Pläne, weitere russische Städte mit Nummern zu versehen. Über 20 Städte sollen es dann insgesamt sein – von Sibierien bis Kaliningrad. Dafür existiert bereits die Website Callrussians.ru. Auch hinter ihr steckt Victoria Evdokimova, erklärt sie gegenüber Ostexperte.de.

Wann genau die anderen Städte angeschlossen werden sollen, ist aber noch nicht klar. „Sehr bald. Ich arbeite daran“, antwortet uns Victoria.

Die folgende Liste mit geplanten Städten findet sich aber bereits auf der Website:

  • Moskau
  • Sotschi
  • Nowosibirsk
  • Wladiwostok
  • Kasan
  • Krasnojarsk
  • Irkutsk
  • Perm
  • Cheljabinsk
  • Jekaterinburg
  • Ufa
  • Woronesch
  • Norilsk
  • Kaliningrad
  • Samara
  • Krasnodar
  • Nischni Nowgorod
Fotoquelle

Quelle:

Titelbild: Pressefoto von callstpetersburg.ru.

Bilder: Screenshot der Website callstpetersburg.ru und Pressebilder

Thorsten Gutmann
Über den Autor

Thorsten Gutmann war von September 2016 bis Dezember 2018 Chefredakteur der unabhängigen Nachrichtenseite Ostexperte.de in Moskau. Derzeit arbeitet er als Nachrichtenchef bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK). Bevor er zu Ostexperte.de kam, war er u. a. für die Moskauer Deutsche Zeitung und die Berliner Zeitung tätig. Im Jahr 2017 gründete er die RUSummit – Fachkonferenz zur Digitalwirtschaft in Russland mit dem Ziel, den deutsch-russischen Wirtschaftsdialog zu fördern.