Fiete LembeckVon

Studenten veröffentlichen Projekt über Münchner Satirezeitschrift Simplicissimus

Woran denken wir bei dem Wort Osteuropa? Was sind die ersten Assoziationen? Etwa der gefährliche russische Bär, wilde Tschechen oder polnische Läuse? Was für manche ein bisschen klingt wie Figuren aus einem Märchen, waren in der Vergangenheit geläufige Stereotype Osteuropas – und sind es zum Teil immer noch. Besonders oft verwendet wurden diese Bilder in der bekannten Münchner Satirezeitschrift Simplicissimus. Eine Gruppe Studierender aus München und Regensburg hat das nun in einem Projekt erforscht.

Wenn sie die Zähne fletschte, war Vorsicht geboten und wenn sie schnappte, tat es weh. Die Rede ist von der roten Bulldogge, dem Wappentier des Simplicissimus. Dank bissiger Kritik an deutschen, aber auch an ausländischen Entwicklungen errang sie internationale Anerkennung. Der Simplicissimus, herausgegeben von 1896 bis 1944, war die angesagteste Satirezeitschrift seiner Zeit. Für sein deutschsprachiges Publikum nahm er alle politisch und gesellschaftlich relevanten Themen aufs Korn: Herrscher, Politiker und Zaren, den russischen Bürgerkrieg, die (Neu)Gründung Polens oder den ersten Weltkrieg. Und ein besonders beliebtes Ziel der Satiriker – Osteuropa. Studenten des Masterstudiengangs Osteuropastudien der Ludwig-Maximilans-Universität München und der Universität Regensburg machten sich das zum Projekt und erstellten ein Themendossier. Der Titel: „Osteuropa ‚Simpl‘ erklärt: Das Bild Ost- und Südosteuropas in der Münchner Satirezeitschrift ‚Simplicissimus’“. Veröffentlicht wurde es nun auf dem Forschungsportal Osmikon.

In 13 Essays mit unterschiedlichen Themenschwerpunkten verfolgten die Studenten ein Ziel: das Bild Ost- und Südosteuropas zu zeigen, welches im Simplicissimus dargestellt wurde. Und ganz wichtig; die Stereotype, welche die Karikaturen in der Zeitschrift wiedergaben.

Die Themenauswahl ist groß und zeigt die fachliche Expertise der jungen Forscher: die Texte tragen Titel wie „Die deutsch-rumänischen Beziehungen und das Rumänienbild 1914-1918“, „Die Antwort des Simplicissimus auf die Kriegsschuldfrage“, „Die Bärenmetapher während des russischen Bürgerkriegs“ oder die Darstellung „Osteuropäischer Tierbilder im Simplicissimus“.

Ein zentraler Punkt im Themendossier: die Auseinandersetzung mit klassischen Fragen der Imagologie, also der Konstruktion von Selbst- und Fremdbildern. Wie hat sich zum Beispiel das deutsche Selbstbild durch die Niederlage im Ersten Weltkrieg verändert? Welche negativen Fremdbilder erschienen mit dem (Wieder-)Entstehen neuer Nationalstaaten wie Polen oder der Tschechoslowakei? Es wird beispielsweise deutlich, wie die Karikaturen ein negatives Bild der Länder zeichneten, um das angeschlagene deutsche Selbstwertgefühl nach der Kriegsniederlage wiederaufzubauen.

Schilling, Erich: Tschechiens Aufstieg, in: Simplicissimus, 1.4.1924, Jg. 29, Nr. 1, S. 4 | Gemeinfrei

Bildunterschrift:
„Wir haben das alte Österreich überwunden. Wir marschieren in der ersten Reihe der europäischen Nationen. Und jetzt haben wir sogar die Aussicht, Amerika durch erstklassige Skandale zu überflügeln.“

Osteuropa hat es nicht leicht

Wer die Essays liest, wird merken: Osteuropa hatte es nicht leicht in der Satirezeitschrift. Politische Spannungen, Kriege und Krisen gaben den Karikaturisten genug Anlass für die umfangreiche Verwendung von Stereotypen, Provokation und auch staatlicher Propaganda.

Beispiele?

Ein wiederkehrender, und vielleicht der prominenteste Stereotyp im Simplicissimus ist jener der Rückständigkeit Osteuropas. Stellvertretend dafür steht zum Beispiel der Ausdruck „polnische Wirtschaft“. Als abwertender Begriff für die Deutschland und Preußen unterlegene Wirtschaft und Kultur Polens entstanden, wurde er zum Erklärungsmuster für die vermeintliche Rückständigkeit im Osten Europas. Er sollte Assoziationen wecken mit Ineffizienz, Misswirtschaft oder schlechter Bildung. Versteckt oder ganz offensichtlich – im Simplicissimus findet man die vermeintliche Rückständigkeit immer wieder bei Karikaturen,  wie zum Beispiel dem „Lockruf an Oberschlesien“, 1921 von Karl Arnold gezeichnet (und thematisiert in einem Essay über „die deutsch-polnischen Beziehungen in der Zwischenkriegszeit“).  

Doch wer sich mit diesem Stereotyp mehr beschäftigt, wird merken: auch heute noch ist er präsent, insbesondere in Polen, selbst wenn er die aktuellen wirtschaftlichern Entwicklungen weit verfehlt.

Auch prominent im Simplicissimus, und deshalb in verschiedenen Essays der Studenten erwähnt: der russische Bär. Wild, groß, gefährlich und unberechenbar wird das Tier schon lange mit Russland in Verbindung gebracht – und schreibt dem Land bärentypische Attribute zu. In den Texten und Karikaturanalysen wird deutlich, wie der Bär zu einer nationalen Personifikation Russlands wurde. Und damit ein bestimmtes Russlandbild schuf: wild, barbarisch, faul und unvorhersehbar. Im Simplicissimus diente die Bären-Metapher insbesondere dazu, die Aggressivität und Größe Russlands abzubilden. Er erscheint immer wieder als Stereotyp in verschiedenen Zusammenhängen und trabt durch etliche Karikaturen.

Heine, Thomas Theodor: Delcassés russischer Traum, in: Simplicissimus, 09.03.1914, Jg. 18, Nr. 50, S. 833 (Titelseite).
| Gemeinfrei

Bildunterschrift:
„A Berlin, à Berlin!“
Zu sehen: der französische Außenminister und Staatsmann Theophile Delcassé, den russischen Bären reitend (Anspielung auf das französisch-russische Bündnis vor dem Ersten Weltkrieg)

Dies untermauert eine wichtige Botschaft des Themendossiers: das Nachwirken von Stereotypen und Fremdbildern von damals bis heute. Denn was den Lesern der Satirezeitschrift damals ein bestimmtes Russlandbild vermitteln sollte, hat auch heute noch viel Bedeutung. Für Touristen ist der Bär ein vermeintlich fester Bestandteil der russischen Natur – als Attraktion zu sehen bei der Jagd, oder auf Kalendern und Postern als Reittier russischer Präsidenten (Fotoshop sei Dank). Doch kommen ihm auch wichtige Rollen zu, zum Beispiel als Maskottchen der Olympischen Sommerspiele 1980 oder im Logo der Regierungspartei „Einiges Russland“. So ganz gehört auch dieser Stereotyp nicht der Vergangenheit an.

Die politische Botschaft

Was das Projekt noch zeigt: neben verrückten Tiergestalten und abwertender Begriffe transportierte der Simplicissimus auch Stereotype mit direkten politischen Botschaften. Immer wieder identifizieren die Studenten in den Karikaturen zum Beispiel, länderübergreifend und über die Jahre verteilt, wie Osteuropa als Gefahr für Deutschland abgebildet wird. Ob kurz vor Kriegsbeginn, nach vermeintlicher Diskriminierung deutscher Minderheiten im Ausland, oder weil internationale Bündnisse von westlichen mit osteuropäischen Staaten geschlossen wurden – die Karikaturisten des Simplicissimus zeichneten immer wieder ein bedrohliches Bild des osteuropäischen Raums, seiner Bevölkerung und Kultur. Stereotype und Narrative wie Rückständigkeit und Bedrohlichkeit wurden auf kreative Art und Weise konstruiert. Damit erfüllte die Zeitschrift auch propagandistische Aufgaben des deutschen Reichs und wurde von der Politik beeinflusst. So veränderte sich das Osteuropabild auch je nach politischer Ausrichtung der Redaktion, von anarchisch-liberal nach dem Ersten Weltkrieg, über regierungstreu-bürgerlich, bis zur Gleichschaltung durch die Nationalsozialisten 1933. Kriegsbedingt stellte 1944 schließlich die Redaktion ihre Arbeit ein.

Und das Fazit des Projektes? So einfach ist es nicht, erklären die Studenten. Denn auch wenn viele Karikaturen eine Bedeutung haben, Interpretationsspielraum bleibt fast immer. Aber sicher ist: einige der Stereotype und schlichtweg Vorurteile existieren noch heute in den Köpfen vieler Menschen. Umso mehr lohnt sich deshalb ein Blick in das Themendossier, welches auf anschauliche Weise die deutsche Denkweise aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aufzeigt – und alte Vorurteile erklärt.

Dieses Themendossier und weitere Informationen zum Projekt finden sich hier.

Titelbild

Titelbild: © ESG Osteuropastudien / Sebastian Lehnert

Fiete Lembeck
Über den Autor

studiert im Master Osteuropastudien. Nach dem Bachelor in European Studies und einem Auslandssemester in St. Petersburg arbeitete er in der russischen Hauptstadt für die Moskauer Deutsche Zeitung und ist seit Herbst 2020 Redakteur bei Ostexperte.de.