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Ost-Ausschuss-Kolumne: Heiter bis wolkig mit vereinzelter Neigung zu Gewittern

Im Zwei-Wochen-Rhythmus veröffentlicht der „Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft“ eine Kolumne auf Ostexperte.de.


Zwischen Moderne und Vergangenheit

Sheremtjewo, Terminal F. Allein die Architektur ist schon eine Herausforderung. Es muss Jahre her sein dass ich hier zum letzten Mal abgeflogen bin. So modern in Konzeption und Management das benachbarte Terminal D, so sehr fühlt man sich hier in die Neunzigerjahre zurückversetzt. Selbst das Personal wirkt angestaubt, ein bisschen wie aus der Sowjetunion übrig geblieben.

Hier wird mir klar, wie groß die Unterschiede in Russland immer noch sind. Einerseits hochmoderne Architektur, funktionierende Infrastruktur und Technik auf dem letzten Stand. Andererseits Relikte aus der Vergangenheit. So oder ähnlich ist es fast überall im Land. Zeit einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Direkt nach der Sommerpause scheint dafür ein guter Zeitpunkt.

„Notwendig und schmerzhaft“

Die erste und wichtigste Frage lautet: Wie ist es um die aktuelle wirtschaftliche Situation bestellt? Meteorologen würden den Zustand der russischen Wirtschaft wahrscheinlich mit heiter bis wolkig beschreiben. Die seriöseren der Zunft geben allerdings zu, dass sie eigentlich nur eine bis maximal zwei Wochen mehr oder weniger exakt vorhersagen können, und so ist es auch mit der ökonomischen Lage in Russland. Oberflächlich betrachtet befindet sich die Wirtschaft in konsolidierter Verfassung.

Aber es gibt zu viele Turbulenzen für eine längerfristige Prognose. Die immer dringlicher werdenden sozialen und wirtschaftlichen Reformen werden entweder weiter verschleppt oder wie im Fall der Erhöhung des Rentenalters stark verwässert. Trotz der markigen Ankündigung „notwendig und schmerzhaft“, musste Präsident Putin zurückrudern und sich dem Volkswillen beugen. Aber dieser Rückzieher kann nur temporär sein.

Reformen sind unausweichlich

Denn selbst die augenblickliche Reaktion auf den Unmut in der Bevölkerung wird nichts daran ändern, dass die Rentenreform wie auch die Gesundheitsreform und die Reform der öffentlichen Verwaltung dringlicher denn je geworden sind. Russland kann sich die Überbleibsel aus einem sozialistischen Wohlfahrtsstaat einfach nicht leisten. Das konnte es damals nicht und heute erst recht nicht. Über acht Prozent des Staatshaushaltes fließen in das Rentensystem, bei der augenblicklichen demographischen Entwicklung mit steigender Tendenz. Aber warum ist ausgerechnet das Rentenalter in Russland sakrosankt?

Der Versuch einer Erklärung beginnt mit Ludmilla, 55, Buchhalterin, seit Februar Rentnerin. Wer erwartet, dass sie zu Hause sitzt und ihren Lebensabend genießt oder wie die rüstigen deutschen Rentner jeden Urlaubsort oder die Hörsäle der Universitäten überschwemmt, der sieht sich getäuscht. Erstens würden die 18.000 Rubel Rente, etwa 225 Euro, dafür nicht reichen, andererseits will sie gar nicht zu Hause bleiben. Auf meine Frage, was sich denn wirklich geändert hat, bekomme ich die Antwort: „Ich könnte aufhören wenn ich wollte. Ich habe jetzt die Freiheit nein zu sagen.“

In Wirklichkeit geht sie jeden Morgen zur Arbeit, so wie die letzten 35 Jahre auch. Und wenn sie es nicht täte, hätte das gravierende Folgen für die Wirtschaft. Denn ihre Arbeitskraft ist faktisch nicht ersetzbar. Es gibt einfach zu wenig gut ausgebildete Fachkräfte. Und dieser Zustand verschärft sich weiter. Es fehlen zunehmend die Jungen.

„Ich lebe gern, das geht in Europa einfach besser“

Zehn Jahre nach ihrem Abschluss treffen sich einige Absolventen der Higher School of Economics, einer der renommiertesten Hochschulen Russlands. Durch die Bank alle haben Karriere gemacht, wie man so sagt. Sie arbeiten in Werbeagenturen, bei Wirtschaftsverbänden, Start ups, in der freien Wirtschaft, sind Moderatoren, Berater oder IT-Spezialisten. So weit so gut. Nur ist über ein Drittel von ihnen im Ausland beschäftigt. Die meisten von ihnen in Europa, ein paar in Amerika.

Die Gründe sind vielfältig: Familie, bessere Berufs- und Aufstiegschancen, höherer Verdienst, mehr Sicherheit und der menschlichste aller Gründe überhaupt: ein besseres Leben. Wadim, IT-Spezialist, Jahreseinkommen 65.000 €, erklärt seine Entscheidung so: „Ich liebe mein Heimatland und würde auch in Russland arbeiten, wenn ich könnte. Aber in meiner Branche ist die Entwicklung atemberaubend schnell, und wer technologisch nicht mithalten kann, ist schnell aus dem Spiel. Und ich lebe gern, das geht in Europa einfach besser.“

Rubel fällt, Ölpreis steigt

Eine Währung, die nicht auf jede Twitternachricht reagiert, mag auch ein Grund sein.

Die extremen Ausschläge des Rubelkurses als Reaktion auf die neuerlichen amerikanischen Sanktionen in den letzten Wochen und Monaten zeigen, wie schnell das fragile Konstrukt aus dem Gleichgewicht zu bringen ist. Seit dem 22. August nähert sich der Rubelkurs wieder der Marke von 80 Rubel für einen Euro – trotz steigendem Ölpreis. Solche Werte erreichte die Währung bislang nur im extremsten Krisenmonat des Jahres 2016, im Dezember.

Damals verfielen große Teile der in- und ausländischen Wirtschaft in helle Panik, Geld floss in zweistelliger Milliardenhöhe aus dem Land. Das Eingreifen der Zentralbank hatte nur eine Wirkung: Es wurden mehr als 200 Milliarden US-Dollar verbrannt,den Kurs konnte das nicht stabilisieren. Von Panik ist im Moment nicht viel zu spüren, aber Russland geht langsam das Geld aus. Und genau das scheint man mit den Sanktionen provozieren zu wollen.

Problem verschränkte Beteiligungen

Denn die – amerikanischen – Sanktionen des Jahrs 2018 haben Russland an einem sehr empfindlichen Punkt getroffen. Die Unternehmen, die nicht zum Öl- und Gassektor oder dem Staat gehören und sich in den vergangenen Jahren gut entwickelt haben, der wirtschaftlichen Vernunft folgend auch zunehmend in ihr Auslandsgeschäft investiert haben, befinden sich in den Händen einer überschaubaren Zahl von Eigentümern.

Und auf genau die zielten die ersten Sanktionen ab. Beschränkt man deren wirtschaftliche Bewegungsfreiheit, trifft man die russische Wirtschaftlich empfindlich – und vernichtet Kapital. Denn nahezu alle Firmen sind auch an Börsen außerhalb Russlands notiert. Die verschränkten Beteiligungen sorgen dafür, dass sich das Problem noch exponentiell verstärkt. Bei ihrer Einführung hat der Rubel zum ersten Mal massiv nachgegeben.

US-Sanktionen greifen in demokratische Souveränitätsrechte ein

Die jüngsten Sanktionen sollen auf andere Weise treffen. Sie sollen die Märkte und die Börsen verunsichern. Sie schränken im extremsten Fall die Handlungsfähigkeit staatlicher russischer Banken noch weiter ein und verhindern den Handel mit russischen Staatsanleihen. Gravierender könnte das Verbot der Lieferung technischen Equipments wie Gasturbinen, Ausrüstung für die Öl- und Gasindustrie, bestimmter Computerchips, hochtechnologischer Messgeräte, z.B. für die Flugzeugindustrie usw. sein. Im November könnte es noch schlimmer kommen.

Dann drohen im schlimmsten Fall Landeverbote für russische Fluggesellschaften und weitere Sanktionen gegen staatliche oder staatlich kontrollierte Unternehmen und zusätzlich gegen Unternehmen und Unternehmer aus dem Umfeld der Regierung. Hinzu kommt ihre zum Teil extraterritoriale Wirkung. Besonders dagegen votiert der Vorsitzende des Ost-Ausschuss – Osteuropavereins Wolfgang Büchele: „Alle derartigen Versuche, US-Sanktionen exterritorial anzuwenden, greifen in unsere demokratischen Souveränitätsrechte ein. Wir müssen uns daher gegen solche Versuche entschieden zur Wehr setzen, unabhängig davon, welche Länder von den Maßnahmen betroffen sind.“

US-Dollar als Waffe

Was bedeuten all diese Komplikationen für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Russland? Sie bremsen das Wachstum der russischen Wirtschaft und erschweren ausländische Investitionen, aber auch Beteiligungen an russischen Unternehmen. Selbst wenn alle Beteiligten sich über die Konditionen der Finanzierung einig wären, gibt es faktisch keinen syndizierten Kredit, den nicht auch Banken ausgeben, die in US-Dollar investiert haben oder sich in Dollar refinanzieren würden – und damit Konsequenzen fürchten müssen.

Alle Versuche ein vom Dollar als Leitwährung weitgehend unabhängiges Instrument zu etablieren, sind bislang gescheitert. Wie scharf das „Dollar-Schwert“ ist, zeigen die jüngsten Turbulenzen im Iran und in der Türkei. Auch wenn Präsident Erdogan noch so sehr an die eigene Bevölkerung appelliert Dollar in Lira zu tauschen, der Effekt ist gleich Null. Die Währung verfällt, Investoren wenden sich ab, die Inflation steigt. Und der Versuch, direkten Einfluss auf die Zentralbank zu nehmen, wirkt auf Anleger wie ein Giftcocktail. So massive Auswirkungen gibt es in Russland bislang nicht, obwohl sich auch hier der Trend Kapital aus den Emerging Markets abzuziehen zunehmend auswirkt.

Zugang zu staatlichen Monopolisten einfacher

Was kann man Firmen, vor allem mittelständischen, unter diesen Umständen raten? Ein Blick auf die Handelszahlen hilft in jedem Fall. Denn die sind positiv. Der bilaterale Handel ist im ersten Halbjahr um acht Prozent gewachsen. Fast jede Industrie-Branche wächst. Auch die atmosphärische Stimmung ist deutlich besser als noch vor zwei Jahren. Und es gibt einen ungewollten, aber interessanten Nebeneffekt. Die staatlichen oder staatlich kontrollierten Monolithen bewegen sich.

Die beschränkten Möglichkeiten auf dem internationalen Markt und Kapitalmarkt führen dazu, dass Technik, Expertise und Know-how aus Deutschland zunehmend interessanter werden, und das eröffnet Chancen in einem Segment, das früher gänzlich verschlossen schien. Ganz nach dem Motto: „Wenn sich eine Tür schließt, öffnet sich eine andere“, ist meine Empfehlung ganz nüchtern die eigene Position in Russland zu prüfen und sich bietende Gelegenheiten zu ergreifen.


Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand für Russland beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Foto: zVg

Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand
im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft

Die Kontaktstelle Mittelstand ist eine Initiative zur Förderung kleinerer und mittlerer Unternehmen im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Sie nahm im Mai 2013 ihre Arbeit auf. Ziel der Kontaktstelle ist die Unterstützung deutscher mittelständischer Unternehmen, die einen Markteintritt oder den Ausbau ihrer Geschäftsaktivitäten in den durch den Ost-Ausschuss vertretenen Ländern, insbesondere jedoch in Russland planen.

Anfragen richten Sie bitte an: j.boehlmann@bdi.eu

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Titelbild: Sobolev_Igor / Shutterstock.com

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Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.