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Ost-Ausschuss-Kolumne: Positive Überraschung in Brjansk

Der Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft veröffentlicht im Zwei-Wochen-Rhythmus eine Kolumne auf Ostexperte.de. Heute geht es um Unternehmertum in Russlands Regionen.


„Früher war ich reich, heute bin ich glücklich!“

Der Lada Niva zieht eine lange Staubfahne hinter sich her. Am Steuer sitzt Dimitrij Konstantinowitsch, der in halsbrecherischem Tempo einen Feldweg entlangrast. Er ist ein Mann von imposanter Statur, dem man ohne weiteres zutraut, eine Kartoffel mit der Hand zu zerquetschen. Geradeso wie Raimund Harmstorf im Film „Der Seewolf“, einem Blockbuster aus den Siebzigern. Kartoffeln sind denn auch ein wesentlicher Teil seines Alltags. Dimitrij ist Bauer, so stellt er sich auch vor: als einfacher Bauer. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Früher war er Wertpapierhändler und entsprach ganz dem Klischee des profitorientierten, skrupellosen Russen. Heute blickt er auf diesen Lebensabschnitt mit einem Augenzwinkern zurück: „Früher war ich reich, heute bin ich glücklich.“ Das sieht man ihm sehr deutlich an.

Deutsche Qualität ist das Nonplusultra

Links und rechts des Feldweges reichen die Felder bis an den Horizont. Hier sind es unterschiedliche Kartoffelsorten. Aber Dimitrij baut auch Soja, Weizen und Raps an. Er bewirtschaftet für deutsche Verhältnisse eine unvorstellbar große Fläche mitten im Schwarzerdegebiet der Region Brjansk. Auch deshalb vergleicht er sich eher mit amerikanischen Farmern als mit deutschen Bauern. Allerdings schwört er auf deutsche Technik und deutsches Saatgut. „Klar sind die Maschinen teurer als andere, aber sie halten auch länger, kosten im Unterhalt weniger, haben weniger Standzeiten und der Service ist unvergleichlich gut.“ Auch beim Saatgut schwört er auf deutsche Qualität. Auf die Frage nach der Wirkung der Sanktionen reagiert er gelassen. Aus seiner Sicht sind die Politiker hier weit weg und die Zusammenarbeit zwischen deutschen und russischen Unternehmen funktioniert hervorragend.

Ansteckende Begeisterung

Überhaupt fällt mir auf, dass die Unternehmer in den russischen Regionen, hier wie anderswo, erfreulich rational argumentieren und handeln. Politik spielt eigentlich kaum eine Rolle. Und: Sie haben diese unschuldige Begeisterungsfähigkeit junger Entdecker, die in jeder Herausforderung eine Chance sehen und die vor unorthodoxen Lösungen nicht zurückschrecken. Eine solche Grundstimmung würde ich mir viel öfter auch wieder in Deutschland wünschen. Dabei hat ihr Handeln nichts von Irrationalität, Entscheidungen werden streng nach betriebswirtschaftlichen Erwägungen getroffen. Dimitrij zahlt seinen Angestellten einen Lohn, der weit über dem Durchschnitt liegt. Er ist sich des Wertes der Ressource Personal sehr wohl bewusst. Schwierigkeiten Mitarbeiter zu finden hat er keine. Zum Schluss gibt er uns noch mit auf den Weg, wir sollten doch recht bald wiederkommen, dann gibt’s richtiges russisches Essen. Trotz der langen Anfahrt, das Angebot klingt verlockend.

Produktion „state of the art“

Das Brjansker Maschinenbauwerk lässt Männerherzen höher schlagen und Kinderträume Wirklichkeit werden. Einmal auf dem Führerstand einer Lok stehen und dann auch fahren, naja, nicht selbst, aber immerhin. Hier ist das möglich. Vor allem aber hört man das Herz der russischen Schwerindustrie sehr laut und vernehmlich schlagen. In den riesigen Werkhallen riecht es nach Schmieröl und Ozon, Winkelschleifer zaubern glühende Funkenstrahlen in die Luft und der Händedruck der Mitarbeiter hat etwas von einem Schraubstock. Das Werk gehört zu Transmaschholding, einem Giganten im russischen Maschinen- und Fahrzeugbau. In Brjansk werden hauptsächlich Elektro- und Diesellokomotiven für den russischen und den internationalen Markt produziert. Hauptabnehmer sind die russischen Eisenbahnen. Wer allerdings glaubt, in ein Kombinat sowjetischer Provenienz mit dem Charme eines Menzelschen Stahlwerkes zu kommen, der sieht sich getäuscht.

Effizienz statt „Gosplan“

Aus dem sozialistischen Großbetrieb mit einst 25.000 Mitarbeitern ist ein hoch effizientes Unternehmen geworden, das sich mit den internationalen Wettbewerbern messen kann. Schon von außen sieht man, dass hier eine hochmoderne Produktion entstanden ist, die nach Produktivitäts- und nicht nach Staatsplankennzahlen gemanagt wird. Allerdings hatte diese Metamorphose in zweifacher Hinsicht einen hohen Preis. In den letzten sechs Jahren haben die Inhaber fast fünf Milliarden Rubel in die Modernisierung und Automatisierung der Produktion und die Erneuerung der Infrastruktur gesteckt. Und das Werk kommt heute mit knapp 4.000 Mitarbeitern aus. Die allerdings sind dem Unternehmen extrem treu, hoch motoviert und werden – wie in der Landwirtschaft – weit über dem Durchschnitt bezahlt.

„Wir haben Aufträge für die nächsten fünf Jahre“

Die Erfolgsstory hat allerdings noch einen ganz anderen Grund. Das Werk wächst organisch. Dort, wo es die Produktionsprozesse, die Qualität und die Effizienz verlangen, wurde großflächig in moderne automatische oder halbautomatische Maschinen und Anlagen investiert. Ein Blick auf die Schweiß- und Fräsroboter, die Mehrspindeldrehautomaten, die Elektrik und Elektronik, die eingesetzten Schmiermittel und Emulsionen macht deutlich, warum der deutsche Mittelstand in der Welt seinesgleichen sucht. Selbst die Rolltore kommen von einem deutschen Anbieter. Hier ist das Who’s who der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer versammelt.

Dort jedoch, wo es weniger wichtig ist, setzt man weiter auf mechanische Bearbeitung. Diese, für deutsche Augen, gewöhnungsbedürftige Mischung, macht es möglich, dass sich das Unternehmen Stück für Stück den weltweiten Standards angenähert hat und mittlerweile konkurrenzfähig ist. Und trotz aller besseren Bezahlung sind die Lohnkosten natürlich weit geringer als in Deutschland. So ist es möglich, dass nicht nur der russische Markt beliefert wird, sondern zunehmend auch für den Export produziert wird.

„Unsere Auftragsbücher sind für die nächsten fünf Jahre gut gefüllt“, zeigt sich der Produktionsdirektor erfreut, um hinzuzufügen: „Wir exportieren einen zunehmend größeren Teil unserer Produktion.“ Sicher spielt dabei auch der niedrige Rubelpreis eine Rolle, aber im Brjansker Maschinenwerk hat sich nicht nur die Art der Produktion geändert, vor allem auch die Einstellung der Belegschaft, die erst verstehen lernen musste, dass ein konkurrenzfähiges Produkt nicht nur dem Inhaber hilft sondern dem gesamten Unternehmen.

Kaufen, was für die eigene Produktion das Beste ist

Im Übrigen, könnten die Verfasser der russischen Lokalisierungs- und Importsubstitutionsgesetzgebung hier am konkreten Beispiel lernen, warum man mit rein theoretisch festgesetzten Prozentzahlen für lokale Produktion in erster Linie der Entwicklung der eigenen Industrie im Wege steht. Äquivalente Technik und äquivalentes Know-how gibt es in Russland schlicht nicht, so der Produktionsdirektor: „Wir kaufen das, was für unsere Entwicklung notwendig und das Beste ist.“ Dazu zählen auch weiterhin Lieferungen aus der Ukraine.

Am Ende einer überaus spannenden Reise in eine eher wenig betrachtete russische Region steht als Fazit, dass Russlands Wirtschaft sehr viel mehr zu bieten hat als Öl, Gas und andere Rohstoffe, dass Privatunternehmen gut aufgestellt und organisiert sind, sehr gern mit deutschen Partnern arbeiten und diese Zusammenarbeit auch gern erweitern möchten.


Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand für Russland beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Foto: zVg

Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand
im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft

Die Kontaktstelle Mittelstand ist eine Initiative zur Förderung kleinerer und mittlerer Unternehmen im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Sie nahm im Mai 2013 ihre Arbeit auf. Ziel der Kontaktstelle ist die Unterstützung deutscher mittelständischer Unternehmen, die einen Markteintritt oder den Ausbau ihrer Geschäftsaktivitäten in den durch den Ost-Ausschuss vertretenen Ländern, insbesondere jedoch in Russland planen.

Anfragen richten Sie bitte an: j.boehlmann@bdi.eu

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Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.