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Ost-Ausschuss-Kolumne: „Der Mittelstand ist eigentlich das Gesundeste in einem Staatskörper“

Der „Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft“ veröffentlicht im Zwei-Wochen-Rhythmus eine Kolumne auf Ostexperte.de. Heute geht es um die Wichtigkeit des Mittelstandes.


Wer hat’s gesagt?

Das Zitat „Traue keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast“ wird gemeinhin Winston Churchill zugeschrieben. Einen Beweis, dass er wirklich der Urheber ist, gibt es indes nicht. Übrigens ebenso wenig wie für die Aussage „No sports“. Aber es passt so perfekt zu Habitus und Charakter des Protagonisten, dass wir einfach gern möchten, dass genau diese Person genau das gesagt hat. Im Falle der Statistik schwingt noch die gruselig-provokante Vorstellung mit, dass jede Zahl, mit der eine Aussage gestützt wird, reine Erfindung sein könnte oder wenigstens so manipuliert ist, dass sie der eigenen Argumentation nützt. Und in der Tat gibt es nicht wenige Beispiele dafür, dass man nur selbstbewusst genug mit einer Zahl operieren muss, damit sie irgendwann für wahr gehalten wird. Hätte Kolumbus über richtiges Zahlenmaterial verfügt, wäre er wahrscheinlich nicht auf die Idee verfallen, den Seeweg nach Indien suchen zu wollen.

Hauptsache viel, Hauptsache mehr, Hauptsache einprägsam

Jüngstes Beispiel einer gezielten Manipulation von Zahlen ist die Behauptung des amerikanischen Präsidenten, die Kriminalität in Deutschland sei „um zehn Prozent plus“ angestiegen. Die polizeiliche Kriminalstatistik stützt diese Behauptung in keiner Weise. Für 2017 sind die Zahlen deutlich rückläufig. Für solche Art Behauptungen, die sich im Nachhinein als nachweislich falsch herausstellen, hat die ehemalige Pressesprecherin des Präsidenten die Wortschöpfung gleich mitgeliefert: alternative Fakten. Interessant ist der Zusammenhang, in dem dieser Euphemismus das Licht der Welt erblickte: Es ging um die Zahl der Zuschauer bei der Amtseinführung Donald Trumps. Selbstredend mussten es die meisten jemals gewesen sein. Übertreibungen und Überhöhungen spielen bei vorgelegten Zahlen denn auch erstaunlich oft eine herausragende Rolle. Hauptsache viel, Hauptsache mehr, Hauptsache einprägsam.

25 Millionen Beschäftigte im Mittelstand bis 2024

Die russische Regierung hat angeordnet, und der russische Präsident hat es unterschrieben, dass sich die Zahl der Erwerbstätigen in kleinen und mittelständischen Betrieben bis 2024 auf 25 Millionen erhöhen soll. Aber nicht nur das, die „Verbesserung der Bedingungen der Unternehmenstätigkeit“ im Bereich des Mittelstandes ist zu einem nationalen Projekt avanciert.

Nun ist das mit den Zahlen so eine Sache. Sie sind schnell erdacht, zu Papier gebracht und verkündet. Aber irgendwann treffen sie auf die Wirklichkeit. Der nationale Steuerdienst der Russischen Föderation, eine jeglicher Manipulation unverdächtige Institution, vergleichbar den deutschen Finanzämtern, führt eine Statistik zur Entwicklung des russischen Mittelstandes.

2,6 Beschäftigte pro Unternehmen

Tatsächlich findet sich auf dem Internetportal der Behörde www.nalog.ru eine höchst aufschlussreiche und ausführliche Darstellung. Übrigens kann man auf dieser Seite – was sich als sehr nützlich für die Überprüfung von Geschäftspartnern erweist – auch Personen, Institutionen und Firmen auf ihre reale Existenz hin überprüfen. Denn wer hier geführt wird, der zahlt Steuern, und welches weiteren Beweises bedürfte es noch, dass man wirklich existiert. Aber zurück zum eigentlichen Thema: Nach Angaben der Behörde bringen russische Mittelständler rund 16 Millionen Menschen in Lohn und Brot. Das erscheint nicht viel angesichts der beeindruckenden Zahl von 6,1 Millionen klein- und mittelständischer Unternehmen. Rein rechnerisch kämen so rund zweieinhalb Beschäftigte auf jedes Unternehmen. Auch der Anteil an der Gesamterwerbsquote, die bei rund 76 Millionen liegt, ist mit etwas über 20 Prozent eher gering. Zum Vergleich: In Deutschland gibt es zwar insgesamt „nur“ 3,6 Millionen Unternehmen, von denen allerdings über 99 Prozent den mittelständischen und Familien geführten Unternehmen zugerechnet werden. Sie sorgen laut BMWi für die Hälfte der Wertschöpfung, 60 Prozent aller Arbeitsplätze und 82 aller betrieblichen Ausbildungsplätze.

Fast 96 Prozent Mikrounternehmen

Wie also muss man die Zahlen interpretieren? Die Steuerbehörde liefert die Erklärung gleich mit. Unvorstellbare 5,94 Millionen sind so genannte Mikrounternehmen, also Ein- oder Zweimannfirmen. Dem kleinen Unternehmertum werden rund 263.000 Unternehmen zugerechnet und auf mittlere Firmen mit im Schnitt 100 Beschäftigten entfallen noch ganze 20.000. Hinzu kommt, dass fast drei Viertel dem Dienstleistungssektor, dem Handel und dem Hotel- und Gaststättengewerbe zuzurechnen sind. Diese ernüchternden Zahlen machen deutlich, warum es so schwer ist, qualifizierte industrielle Zulieferer auf dem russischen Markt zu finden. Es gibt einfach nicht genug von ihnen.

Die russische Konjunktur lahmt

Diesen Zustand will die Regierung ändern. Mit Steuervergünstigungen, einfacheren Regeln zur Abrechnung, einer elektronischen Plattform, auf der Einkäufer und Lieferanten sich finden sollen, und der „Vervollkommnung des Systems staatlicher Einkäufe“. Und als ob das nicht schon Aufgabe genug wäre, sollen diejenigen Mittelständler gezielt gefördert werden, die über Exportpotential jenseits von Öl und Gas verfügen. Bis zu zehn Prozent Exportsteigerung verspricht sich der Staat davon. Sicher sind das alles richtige und wichtige Weichenstellungen, das größte Problem allerdings lösen sie alle nicht. Jedes mittelständische russische Unternehmen ist fast ausschließlich von der konjunkturellen Entwicklung des heimischen Marktes abhängig. Boomt der Binnenmarkt, ist auch die Nachfrage garantiert. Aber die russische Konjunktur lahmt, und das schon seit fünf Jahren. Und die Prognosen für die nächsten Jahre sind bestenfalls eher durchschnittlich.

Konkurrenzfähig nur mit Technik aus dem Ausland

Gerade solche Firmen, die auf Aufträge aus den heimischen Großkonzernen oder den ausländischen lokalisierten Firmen angewiesen sind, bekommen den Nachfragemangel deutlich zu spüren. Um aber perspektivisch konkurrenzfähig zu sein oder zu werden, müssten die russischen Mittelständler in moderne Ausrüstungen investieren, in Know-how, Expertise und nicht zuletzt auch in gut ausgebildete Mitarbeiter. Nur so ließen sich Produktivität und Flexibilität steigern. Denn kaum ein Auftraggeber ordert heute noch Großserien in Millionen Stück. Gefragt sind kleine Einheiten von Lieferanten, die schnell reagieren und qualitativ hochwertig produzieren können. Diesen Anforderungen kann man eigentlich nur noch mit automatischen oder halbautomatischen Werkzeugmaschinen, Maschinen und Anlagen gerecht werden, die es aus russischer Produktion aber leider kaum gibt.

Ein schwacher Rubel ist gut fürs Budget

Die einzige Lösung ist der Kauf im Ausland, der beim derzeitigen Rubelkurs fast ausgeschlossen erscheint. Dass Staat, Zentralbank und Finanzministerium daran in absehbarer Zeit etwas ändern, ist eher ausgeschlossen. Ein schwacher Rubel ist gut für das Budget, für den Export und zur Erfüllung der sozialen Versprechen. Die Einnahmen des Staates und der Großkonzerne werden zu großen Teilen im Export erzielt, also in Dollar oder Euro. Und so treffen zwei volkswirtschaftliche Leitlinien aufeinander, die sich eigentlich ausschließen: Förderung des Mittelstandes bei gleichzeitig künstlich niedrig gehaltenem Rubelkurs.

Die schöpferische Kraft des Mittelstandes

Wie könnte eine Lösung dieses Dilemmas aussehen? Eine einfache Antwort auf diese Frage gibt es nicht, aber zumindest einen Denkansatz. Am Beginn dieser Kolumne stand ein fälschlich zugeschriebenes Zitat. Lassen Sie mich deshalb mit einem enden, das so auch nie gesagt wurde, und wenn, dann fast immer nur unvollständig zitiert wird, seine ganze Strahlkraft aber erst aus seiner Gesamtheit bezieht. Konrad Adenauer soll angeblich gesagt haben: „Was kümmert mich mein Geschwätz von gestern“, um dann in breitestem Kölsch zu ergänzen: „Et soll mich keiner daran hindern, im Laufe eines Jahres wat klüjer jeworden zu sein.“ Und Adenauer wusste auch um die schöpferische Kraft des Mittelstandes: „Der Mittelstand ist eigentlich das Gesündeste in einem Staatskörper. Aus ihm müssen die Leute hervorgehen die den Staat um einer Idee willen stützen und tragen.“ Der Mann war ganz eindeutig ein Politiker, der mit Altersweisheit gesegnet war.


Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand für Russland beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Foto: zVg

Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand
im Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft

Die Kontaktstelle Mittelstand ist eine Initiative zur Förderung kleinerer und mittlerer Unternehmen im Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft. Sie nahm im Mai 2013 ihre Arbeit auf. Ziel der Kontaktstelle ist die Unterstützung deutscher mittelständischer Unternehmen, die einen Markteintritt oder den Ausbau ihrer Geschäftsaktivitäten in den durch den Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft vertretenen Ländern, insbesondere jedoch in Russland planen.

Anfragen richten Sie bitte an: j.boehlmann@bdi.eu

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Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.