Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Jens BöhlmannVon

Ost-Ausschuss-Kolumne: „Hier prüft der Präsident persönlich!“

Der „Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft“ veröffentlicht im Zwei-Wochen-Rhythmus eine Kolumne auf Ostexperte.de. Heute geht es um die tatsächliche wirtschaftliche Situation in Russland.


Erfrischungsgetränke und andere Prüfobjekte

Ein riesiger Schriftzug erleuchtet die Nacht. Er läuft ein bisschen zu schnell, ich kann fast nicht lesen, was da geschrieben steht. Beim zweiten Mal verstehe ich dann doch, sinngemäß steht da: „Hier prüft der Präsident persönlich die Qualität.“ Es wird nicht ganz klar, welcher Präsident gemeint ist, aber da es sich um die Werbung eines Getränkeherstellers handelt, liegt die Vermutung nahe, dass es wohl der Chef der Firma sein muss. Sicher bin ich mir nicht. Denn der andere Präsident prüft ja sonst auch so ziemlich alles: Renten, Bauprojekte, Schulen, Haushalte, ob Bolzplätze und Kindergärten gebaut, Wohnungen saniert oder ältere Menschen respektvoll behandelt werden und natürlich alle Fragen rund um die Politik im In- und im Ausland. Warum also nicht auch ein Erfrischungsgetränk.

Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt

Ob sich der Präsident wohl auch um die wundersame Vermehrung des Wirtschaftswachstums gekümmert hat? Jedenfalls hat das Russische Statistische Bundesamt im Januar plötzlich noch ein paar Prozentpunkte gefunden. Jetzt soll die russische Wirtschaft im letzten Jahr um erstaunliche 2,3 Prozent gewachsen sein. Selbst die allerkühnsten Optimisten erwarteten höchstens 1,8 Prozent. Die neuen Impulse sollen von der Gaspipeline in Sibirien oder einem LNG-Terminal stammen. Allerdings war auch schon im Laufe des Jahres klar, dass beides gebaut wird. Was also treibt die Statistiker, ihren Plan zu erfüllen und „überzuerfüllen“, wie das einst bei der sozialistischen Propaganda hieß? Стахановка lässt grüßen. Mit der Realität hatte das so wenig zu tun, wie das jetzige Spontanwachstum. Es entspringt eher dem Wunsch, dass es so sein möge. Pipi Langstrumpf sang einst: „Ich mache mir die Welt, widde widde wie sie mir gefällt.“

Mittelstand wächst

Dabei gäbe es gute Gründe auch ohne jede Übertreibung Positives zu berichten. Letztlich ist es unten den obwaltenden Umständen schon eine erstaunliche Leistung, dass die russische Wirtschaft überhaupt wächst – und das trotz aller statistischen Tricks. Viele russische Unternehmen haben sich in Zeiten der Rezession als robust genug erwiesen, um am Markt weiter zu bestehen. Das gilt vor allem auch für den Mittelstand. Immer öfter gelingt es neuerdings deutschen OEMs Zulieferer zu finden, die einerseits in ausreichender Qualität produzieren und andererseits das Audit deutscher Prüfer bestehen. Rosstat liefert auch dazu eine Zahl: 2017 haben Mittelständler erstmals mehr als 20 Prozent zum Bruttosozialprodukt beigetragen.

Es geht den Russen insgesamt besser

Selbst die Zahlen zum russischen Bruttoinlandsprodukt haben das Potential für eine Erfolgsstory. Man muss sie nur richtig erzählen. Wir fragen uns im Westen immer wieder, warum der russische Präsident bei der Bevölkerung so hohes Ansehen genießt. Sicher hat das auch mit nacktem Oberkörper auf Pferd, Fisch an der Angel, gefundenen Amphoren, Judo und Eishockey und dem generellen Eindruck „wir sind wieder wer“ zu tun, aber eben auch mit Zahlen. Seit seiner Amtsübernahme ist das BIP, abgesehen vom globalen Einschnitt 2008/09,13 Jahre in Folge stark gewachsen, nachdem es 1999 nach drei großen Krisen auf ein historisches Tief gefallen war. Im Klartext: Den Menschen ging und geht es besser. Denn auch in den letzten drei Jahren steigt es in US-Dollar wieder. Und schon Bertolt Brecht wusste: „Erst kommt das Fressen und dann die Moral.“

Professionelle und unabhängige Politik

Und dann kommt gleich das Geld. Als die Zentralbank 2015/16 auf ihrer Webseite erstmals das Ziel von vier Prozent Inflation bis 2018 ausgab, war das ein echter Schenkelklopfer. Der damalige Wert lag bei fast 17 Prozent, der Leitzins ähnlich hoch. An eine einstellige Inflationsrate war absolut nicht zu denken. Aber die Russische Zentralbank macht seit Jahr und Tag eine vorausschauende, unabhängige und professionelle Politik. Als Premier Medwedjew Mitte letzten Jahres eine Absenkung des Leitzinses forderte, hat die Zentralbank ihn angehoben. Ein deutliches Zeichen an den Markt, und der dankt es mit Vertrauen. Die Volatilität des Rubels gegen Ende 2018 erzeugte keinerlei Panikreaktion an der Börse. Die Zinsschritte der FED neigen sich dem Ende zu und damit kommen auch die Emerging Markets wieder in ruhigeres Fahrwasser.

Ölpreisverfall gemanagt

Und auch den Extremverfall des Ölpreises hat Russland relativ souverän abgefedert, im Unterschied zu andern Ländern, die in erheblichem Maße von dessen Export abhängig sind. Die Saudis wollten die amerikanischen Fracker aus dem Markt drängen und haben sich verzockt. Venezuela, das Land mit den größten förderbaren Reserven überhaupt, ist pleite, wirtschaftlich ruiniert und politisch instabil. Und selbst den Norwegern, immer als Musterbeispiel bei der Verhinderung der holländischen Krankheit gepriesen, ist es bisher nicht gelungen, sich aus der extremen Abhängigkeit von Öl und Gas zu befreien. Insofern darf man den Russen auch in diesem Feld ein durchaus erfolgreiches Agieren attestieren. Warum also muss es immer noch ein Superlativ mehr sein? Weil der eigene Anspruch ist, überall ganz oben mitzuspielen, egal wie realistisch es auch sein mag und sich vornehmlich mit Amerika zu vergleichen.

Übertreibung aus Prinzip

Langsam entgleitet der Schriftzug meinem Blick, nicht jedoch ohne vorher noch eine fundamentale Botschaft zu verschicken: Der Präsident, also der Erfrischungsgetränkechef, ist der Meinung, dass sein Produkt der einzige wahre sei. Das Taxi driftet weiter durch die Nacht und es dudelt Avtoradio, ein Sender wie tausend andere auf der Welt. Mainstream Musik, uninspirierte, geistlose Zuschauerspiele und Moderatoren, die man fragen möchte, was sie morgens nehmen, um so penetrant gut drauf zu sein. Der Zufall will, dass ich auch noch Ohrenzeuge der neuesten Nachrichten werde. Die ersten drei Meldungen drehen sich um Armee und Militär. Als ob es in der Welt, vor allem aber in Russland nichts Wichtigeres gäbe. Einer der Berichte nimmt Bezug auf das größte Manöver seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion „Wostok“, im August letzten Jahres. Angeblich haben daran 300.000 Soldaten, 36.000 Panzer und Militärfahrzeuge, mehr als 1.000 Flugzeuge, Hubschrauber und Drohnen und 80 Marineschiffe teilgenommen. In der Radio-Meldung ist jetzt schon von fast einhunderttausend Panzern die Rede. Die würden hintereinander gestellt etwa eine Strecke von 1.000 Kilometern ergeben. Es geht offensichtlich nicht anders: Bigger, better, faster, more – wie die Amerikaner sagen würden.

Fotoquelle

Titelbild: plaveski/Shutterstock.com

Jens Böhlmann
Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.