Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Jens BöhlmannVon

Ost-Ausschuss-Kolumne: „Brücken bauen in schwierigen Zeiten“

Der „Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft“ veröffentlicht im Zwei-Wochen-Rhythmus eine Kolumne auf Ostexperte.de. Heute geht es um Roboterballett, Industrie 4.0 und den Ruf nach Versöhnung zwischen Ost und West.

Die Zukunft hat schon begonnen

Es ist ein faszinierendes und gleichzeitig bizarres Ballett, das hier aufgeführt wird. Wie von Geisterhand bewegt tanzen Roboterarme durch die Luft, greifen Bauteile, montieren sie, schwingen wieder zurück, um in perfekter Harmonie ihren Tanz von vorn zu beginnen. Menschen sieht man hier nicht. Rund 3.000 solcher Produktionsroboter – Kosten pro Stück 50.000 Euro – arbeiten im Stammwerk in Wolfsburg, und machen Volkswagen zum größten Autohersteller der Welt. 34.000 Autos werden in den über 120 Werken rund um den Globus jeden Tag ausgeliefert. Zweieinhalb Tage dauert es, bis aus rund 80.000 Einzelteilen ein fertiges Auto entsteht. Ohne den Einsatz von Hochtechnologie, Automatisierung und Digitalisierung ist das unmöglich.

Im Inneren von Industrie 4.0

Der Teil der Produktion, in dem der Tanz der Roboter aufgeführt wird, ist bereits zu 98 Prozent automatisiert. Die elektronischen Helfer kommen zum größten Teil aus Augsburg von der Firma Kuka, aber auch von der schwedischen ABB und dem japanischen Hersteller Fanuc. Doch damit nicht genug: jedes Bauteil wird digital erfasst, um gleichbleibende Qualität zu garantieren. Beschichtung, Lackierung und Endkontrolle erfolgen zum großen Teil schon digitalisiert. In immer mehr Produktionsschritten werden selbstlernende Systeme eingesetzt, sogenannte Bots. In erster Linie finden die Technologien dort Anwendung, wo früher Menschen schwere körperliche Arbeit verrichten mussten. Perspektivisch wird es jedoch darum gehen, das, was hierzulande als Industrie 4.0 bezeichnet wird, Realität werden zu lassen. Dass Maschinen mit Maschinen kommunizieren, Smart Manufacturing die Produktion bestimmt.

Integration wird zur größten Herausforderung

Wenn man dem CIO von Volkswagen Abdallah Shanti zuhört, dann entstehen Bilder. Bilder davon, was sich hinter so sperrigen Begriffen wie Systemintegration, Kundenkontaktpunkten, Big-Data-Management oder Interoperabilität verbirgt. Shanti ist der Überzeugung, dass das Problem der Digitalisierung nicht die IT ist. Eine Lösung für eine technische Anforderung oder einen Kundenwunsch wird es früher oder später immer geben. Die größte Herausforderung liegt in der Änderung des Mindsets der Mitarbeiter. Trennungen zwischen den Abteilungen, Hierarchien, Herrschaftswissen müssen überwunden werden. Wissen wird in Zukunft dort abgerufen werden, wo es die besten Voraussetzungen hat zu entstehen, ist sich Shanti sicher, und dafür muss man auch die Konzernstrukturen öffnen. Und ganz nebenbei müssen die mehr als 1.000 derzeit im Konzern verwendeten Programme in ein Gesamtsystem integriert werden. Jede Menge Potential für Start-ups, für Querdenker, für Know-how aus allen Teilen der Welt, egal ob es aus Mexiko, China oder Russland kommt.

Es geht nur gemeinsam

In diesem Punkt sind sich auch alle Zuhörer im Raum einig. Der Volkswagenkonzern hat als Teil der Deutsch-Russischen Initiative für Digitalisierung der Wirtschaft (GRID) russische Unternehmer und Verbandsfunktionäre eingeladen, um über gemeinsame Projekte zu diskutieren. Denn, um wettbewerbsfähig zu bleiben oder zu werden, ist die „Entwicklung von Modellen und Mechanismen für eine effektive internationale und intersektorale Zusammenarbeit bei der Umsetzung des Konzepts der Industrie 4.0“ notwendig, wie es im Programm der Initiative, die neben deutschen und russischen Unternehmen auch vom Ost-Ausschuss – Osteuropaverein (OAOEV) und der AHK unterstützt wird, heißt. Die größte zu leistende Arbeit wird deshalb darin bestehen, Vertrauen zu entwickeln. Zwischen Industriebereichen, zwischen Unternehmen, die sich bisher als Wettbewerber verstanden haben und letztlich auch zwischen Ländern, die im Augenblick mehr trennt als verbindet.

Brücken bauen

Dieser Überzeugung ist 600 Kilometer weiter südlich auch der ehemalige russische Botschafter in der Bundesrepublik Deutschland Wladimir Grinin. Er ist der Kopf einer großen russischen Delegation, die zu einer Veranstaltung nach München gekommen ist. Diese wurde gemeinsam von der Gesellschaft Russland-Deutschland, dem Ost West Wirtschaftsforum Bayern und dem OAOEV initiiert und trägt den sprechenden Titel „Russland-Forum: Brücken bauen in schwierigen Zeiten“. In einer ungewöhnlich emotionalen Rede wendet der Botschafter sich an die Zuhörer im Saal, und meint doch auch alle, die nicht vor Ort, aber entweder interessiert am oder verantwortlich für das zwischenstaatliche Verhältnis sind: „Wir können nur gemeinsam erfolgreich sein. Es gibt zur deutsch-russischen Zusammenarbeit keine Alternative.“ Dieser Aussage folgt donnernder Applaus.

Der Wunsch nach Verbesserung ist gewaltig

Den Wunsch, es möge sich das Verhältnis zwischen Deutschland und Russland, zwischen dem „Westen“ und dem „Osten“ wieder verbessern, habe ich noch bei keiner Veranstaltung so oft und so intensiv vernommen. Das gilt für Deutsche wie für Russen gleichermaßen. Vielleicht lag es an der Zusammensetzung des Publikums, welches ein Querschnitt durch die Gesellschaft war und vom Unternehmer über den Politiker bis zum interessierten Laien alle vereinte. Wenn es nach den Anwesenden in München gegangen wäre, dann würden wir noch am Abend angefangen haben, mehr und neue Brücken zu bauen. Es war ein starker Ruf nach Versöhnung, Verständnis und Zusammenarbeit. Vielleicht haben ihn auch die politischen Entscheidungsträger in Ost und West vernommen.

Fotoquelle

Titelbild: Andrey Armyagov / Shutterstock.com

Jens Böhlmann
Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.