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Russland: Schwung der Fußball-WM 2018 ausnutzen

Der „Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft“ veröffentlicht im Zwei-Wochen-Rhythmus eine Kolumne auf Ostexperte.de. Heute geht es um die Fußball-WM 2018.


Fußball als Imagebooster

Natürlich trifft man augenblicklich jede Menge sogenannte Experten, die immer schon wussten, dass die russische Fußballnationalmannschaft besser ist als ihr Ruf. Wo waren die vor dem 14. Juni? Als selbst der russische Präsident, der ja bekanntlich alles weiß, der Sbornaja alles Gute und ein ehrenvolles Abschneiden wünschte, aber schon die Tatsache in Zweifel zog, dass Fußball überhaupt eine originär russische Sportart sei.

Allein bei Zenit würde die Mannschaft aus acht Ausländern bestehen, die für die nötige Qualität sorgten. Wie auch immer, die russische Mannschaft, die Spieler und der Trainer sorgten für eine der größten Überraschungen bei dieser Fußballweltmeisterschaft und für gute Stimmung in den Stadien und auf den Fanmeilen. Russland zeigte und zeigt sich von seiner besten Seite. Als hervorragender Gastgeber und bestens organisiert. Diese Weltmeisterschaft kann das Image Russlands in der Welt nachhaltig verbessern.

Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig

Da ist es fast schon egal, dass die vier Wochen Spaß und Spiele fleißig zur Umsetzung unpopulärer Maßnahmen genutzt werden. Die für die russische Bevölkerung schmerzhafteste ist sicher die Erhöhung des Rentenalters. Pünktlich zum Eröffnungsspiel verkündete die Regierung – nicht der Präsident! -, dass ab 2019 das Rentenalter sukzessive auf 60 bzw. 65 Jahre erhöht werden soll.

Ein Glück, dass die russische Mannschaft Saudi-Arabien mit 5:0 besiegte, und damit ein positives Thema die Agenda bestimmte. Denn bisher galt das Renteneintrittsalter als sakrosankt. Und das, obwohl einen Russen in aller Regel eine Rente erwartet, die zum Sterben zu viel und zum Leben zu wenig ist. Etwa 190 Euro gibt‘s nach Jahrzehnten harter Arbeit, schon deshalb versuchen die meisten Rentner sich ein wenig dazu zu verdienen.

Arbeitskräftemangel und Demographie

Zwar hat die Ankündigung der unpopulären Maßnahme die Umfragewerte des Präsidenten kurzzeitig negativ beeinflusst, volkswirtschaftlich nötig ist sie auf jeden Fall, und nach dem Sieg gegen Ägypten war sie auch schon wieder vergessen. Jede Firma, egal ob russische oder internationale sucht händeringend nach qualifizierten Mitarbeitern und möchte die erfahrenen im Unternehmen halten. In den nächsten Jahren hätten Millionen Arbeitnehmer das Recht auf Ruhestand.

Gleichzeitig sinkt die Zahl der arbeitsfähigen Bevölkerung, verstärkt noch durch die extrem geburtenschwachen Jahrgänge aus den 90er Jahren, die am Arbeitsmarkt fehlen. Bei ganz scharfer Analyse müsste Russland die Einwanderung fördern. Allerdings nicht die bisherige, teilweise illegale Migration aus den zentralasiatischen Republiken, die zum überwiegenden Teil aus Heerscharen ungelernter Arbeitskräfte besteht, die die Drecksarbeit am Bau, im Einzelhandel, der Gastronomie machen oder als Reinigungskräfte arbeiten.

Es müssen hoch und gut qualifizierte junge Menschen interessiert werden. Soll der Plan der russischen Regierung aufgehen, in nächster Zukunft auch real zu den entwickelten Industrieländern zu gehören, sind Fachkräfte die Basis dafür. Dafür braucht es die Überzeugung der Bevölkerung und ein Einwanderungsgesetz – wie sich die Bilder doch gleichen.

Schwung der WM nutzen

Der Zeitpunkt ist günstig, endlich ein positives Narrativ über Russland zu erzählen. Denn ähnlich wie bei der Nationalmannschaft ist das Potential in der russischen Wirtschaft und Gesellschaft besser als die Geschichten, die jeder zu kennen glaubt. Die Reallöhne steigen seit letztem Jahr wieder und die Inflation ist niedrig. 2018 wird, dank steigender Ölpreise, wieder mit einem Haushaltsüberschuss gerechnet. Das erste Mal seit sieben Jahren. Und auch der Wirtschaft geht es besser.

Nahezu alle Branchen verzeichnen Wachstum. Besonders kräftig wächst der Automobilmarkt. Aber auch die chemische Industrie, die Bereiche Elektronik und Elektrotechnik, die Land- und Ernährungswirtschaft sowie die Industrieproduktion insgesamt verzeichnen positive Zahlen. Der russische Maschinen- und Anlagenbau ist noch ein Sorgenkind. Dafür steigen die Einfuhren aus Deutschland und anderen Ländern in diesem Segment stark an. 2017 verkaufte die Branche für 5,3 Milliarden Maschinen und Anlagen nach Russland, was einer Steigerung um 22,5 Prozent entspricht.

Und selbst die ausländischen Direkt- und die Bruttoanlageinvestitionen wachsen.

Deutsche Unternehmen mit positiver Einschätzung

Diesen generellen Aufschwung bestätigen auch deutsche Unternehmen in Russland. Fast schon ein wenig schüchtern bestätigt eine große Zahl der Firmen zweistelliges Wachstum im letzten und in den ersten beiden Quartalen dieses Jahres. Der Staat investiert wieder und damit auch die staatlichen Konglomerate, aber auch die Impulse aus dem Privatsektor sind nachhaltig positiv. Allein die Sanktionen sind ein massives und anhaltendes Hindernis.

Mit dem Rückenwind der Weltmeisterschaft und der Euphorie der russischen Bevölkerung und der ausländischen Gäste ließe sich doch sicher ein Schritt in Richtung Entspannung gehen. Im Poker um die geopolitischen und weltwirtschaftlichen Einflusssphären würde sich ein um oder mit Russland vereintes Europa sicher leichter mit den teilweise unverhohlen egozentrischen Angeboten aus den USA oder China tun. Sicher wird man einen Weg finden müssen, um diesen Richtungswechsel gesichtswahrend zu begründen.

Brot und Spiele

Aber vermeintlich unpopuläre Maßnahmen wurden immer schon im Schatten großer Ereignisse verkündet. In der Antike gab’s dafür Brot und Spiele, Panem et Circenses. Ein Ausdruck des Römischen Dichters Juvenal, der in seiner Satire das Desinteresse der Römer an politischen Vorgängen kritisiert. Unter den Kaisern Augustus und Tiberius waren die Wahlen dem Volk komplett entzogen worden, ohne dass es zu größeren Protesten gekommen war, hauptsache die Mächtigen sorgten für Zerstreuung und Verpflegung. Das Volk wolle seiner Ansicht nach deshalb nur Brot und Spiele.

Zur Zeit der römischen Kaiser – wovon sich auch das russische Wort Zar ableitet – wurde auch das Colosseum gebaut, das größte je errichtete Amphitheater der Welt. In ihm traten nicht mehr Dichter und Sänger auf wie in der griechischen Antike, Gladiatoren waren die Helden des Publikums. Wenn man so will, ist das Colosseum damit die Mutter aller modernen Fußballstadien und Gladiatoren die Vorbilder heutiger Messis, Ronaldos, Mbappes oder Akinfejews. Die längsten Römischen Spiele dauerten übrigens 123 Tage. Hier ist in unseren Tagen also noch deutlich Luft nach oben. Falls Sie noch andere Parallelen zu unseren Zeiten feststellen sollten, ist das natürlich rein zufällig.


Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand für Russland beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Foto: zVg

Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand
im Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft

Die Kontaktstelle Mittelstand ist eine Initiative zur Förderung kleinerer und mittlerer Unternehmen im Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft. Sie nahm im Mai 2013 ihre Arbeit auf. Ziel der Kontaktstelle ist die Unterstützung deutscher mittelständischer Unternehmen, die einen Markteintritt oder den Ausbau ihrer Geschäftsaktivitäten in den durch den Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft vertretenen Ländern, insbesondere jedoch in Russland planen.

Anfragen richten Sie bitte an: j.boehlmann@bdi.eu

 

Titelbild

Quelle: fifg / Shutterstock.com

Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.