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Ost-Ausschuss-Kolumne: „Bedingt konkurrenzfähig“

Im Zwei-Wochen-Rhythmus veröffentlicht der „Ost-Ausschuss – Osteuropaverein der Deutschen Wirtschaft“ eine Kolumne auf der Nachrichtenseite Ostexperte.de.


Jeder hat zu allem schon alles gesagt

Ich bin auf eine Veranstaltung eingeladen, die sich der „schwierigen Partnerschaft“ zwischen Russland und Deutschland widmet. Schon wieder denke ich. Ein bisschen macht sich in mir das Gefühl breit, dass zu allen relevanten Fragen schon jeder, der sich für einen Russlandkenner oder wahlweise auch Russlandversteher hält, alles gesagt hat. Meist stehen sich am Ende solcher Events die Kombattanten genauso unversöhnlich gegenüber wie zuvor. Eingemauert in ihre mit viel „Beweismaterial“ sorgfältig gezimmerten Festungen, aus denen sie mit Totschlagsargumenten aufeinander schießen.

Verschwörungstheoretiker müssen sich wie im Paradies fühlen. Besonders gefällt mir die Begründung, dass es sich um eine Verschwörung handeln muss, weil man nichts Offizielles über das Phänomen hört. Da will eine finstere Macht, vorzugsweise der Staat, etwas Unaussprechliches verheimlichen. Wissenschaftlich subsumiert man solches Verhalten auch unter „Verschwörungsideologien, die ihre stereotypen und monokausalen Vorstellungen über Verschwörungen gegen kritische Revision immunisieren.“ Neudeutsch: beratungsresistent.

Politisch interessiert, wirtschaftlich ambitionslos

Dieses Mal ist das anders. Das Publikum ist in hohem Maße politisch interessiert, hat keinerlei wirtschaftliche Bezüge zu Russland oder Deutschland und ist erstaunlich offen. Vielleicht liegt es auch schlicht an der Zusammensetzung des Auditoriums: Deutsche und Russlanddeutsche, Akademiker, Handwerker, Wissenschaftler und Bürokräfte, Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten.

Sie interessieren sich deshalb auch nur sehr eingeschränkt für Rubelkurs und Ölpreis, Weltbankdaten und Investorenschutz. Sie wollen viel mehr wissen, ob Russland den Anschluss an die Industrienationen schaffen kann, wie die jungen Russen ihr Land erleben und ob der Brain Drain seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion dem Land geschadet hat. Die Motivation für diese Frage ist interessanterweise ein schlechtes Gewissen, denn etliche der Teilnehmer haben ihre Heimat in Deutschland gefunden, stammen aber ursprünglich aus der Sowjetunion.

2024 auf Platz fünf

Kann Russland zu den Industrienationen aufschließen? Präsident Putin ist sich sicher, dass Russland bis zum Ende seiner Amtszeit 2024 zu den fünf größten Volkswirtschaften der Welt gehören wird. Derzeit liegt es auf Platz zwölf. Um Deutschland von Platz vier zu verdrängen, müsste sich das Bruttoinlandsprodukt nahezu verdreifachen. Die russische Regierung will, dass ab 2020 das durchschnittliche BIP-Wachstum über dem der Welt liegen soll. Bis dahin ist es ein weiter Weg.

2017 wuchs die Weltwirtschaft um 3,6 Prozent, Russland mit 1,5 Prozent. Innerhalb der CIS weist nur Aserbaidschan ein noch geringeres Wachstum auf. Beide Länder sind gleichermaßen vom Ölpreis abhängig. Es stellt sich also die Frage, wie und in welchen Branchen soll die russische Wirtschaft wachsen? Öl und Gas sollen jedenfalls sollen nicht die Wachstumstreiber sein, denn Russland will sich unabhängig von volatilen Weltmarktpreisen machen.

Der Vergleich mit dem Rest der Welt wird besonders gern in solchen Bereichen gewählt, wo Russland eine Top-Position einnimmt: Raumfahrt, Softwareentwicklung, Rüstungsindustrie, Landwirtschaft und trotz alledem bei der Förderung und dem Verkauf von Bodenschätzen. Aber reicht das, um im globalen Wettbewerb deutlich aufzuholen?

Autoverkäufe in einem Jahr wie in den USA in einem Monat

Um den Abstand zu verringern müsste die Verarbeitende Industrie einen sehr großen Schritt nach vorn machen. Wie weit die russische Wirtschaft jedoch von einer wirklichen Konjunktur entfernt ist, zeigt der Automobilmarkt. Eine Branche, in der viele große ausländische Hersteller schon lokal produzieren, mehr und mehr Zulieferer durch die Politik der Lokalisierung gezwungen sind sich anzupassen und Modernisierung und Automatisierung schon Realität sind. Gute Voraussetzungen also?

Besonders gern vergleicht man sich in Russland mit den USA und China. Im Reich der Mitte wurden im letzten Jahr 24 Millionen Neuwagen verkauft, in den USA 17 Millionen. In Russland waren es im Gesamtjahr 1,6 Millionen – so viel wie in den Vereinigten Staaten im Dezember. Volkswagen Russland könnte in diesem Jahr etwa 100.000 Neuwagen verkaufen. 65.000 weniger als im Rekordjahr 2012, damals fanden fast drei Millionen Neuwagen ihren Käufer. Von den 300.000 Einheiten, die gleichermaßen die Grundlage der Investitionen in Kaluga und der staatlichen gewährten Subventionen bildeten, ist man weit entfernt.

Weniger Kinder, mehr Arbeitsemigration

Schadet der Brain Drain Russland? Auswanderungswellen sind in Russland ein bekanntes Phänomen. Allein im letzten Jahrhundert waren es fünf: nach der Oktoberrevolution, während der Stalinzeit, während des „Tauwetters“, direkt nach dem Zerfall der Sowjetunion und die permanente Abwanderung, die bis heute anhält. Neu an der jüngsten Welle ist, dass es vor allem junge, gut ausgebildete Russen sind, die dem Land den Rücken kehren, die wenigsten aus politischen Gründen, die Mehrzahl aus ökonomischen. Damit gehen diejenigen, die das Land unbedingt bräuchte, um die ehrgeizigen wirtschaftlichen Ziele zu erreichen.

Diese Abwanderung wiegt umso schwerer, als die Demographie sich wieder verschlechtert. 2017 starben mehr Russen als geboren worden. Damit ist der Bevölkerungszuwachs, der seit einigen Jahren anhielt gestoppt. Die Hauptursache ist auch hier die ökonomische Situation, dieses Mal allerdings innerhalb Russlands. Pläne russische Spezialisten aus dem Ausland zurück in die Heimat zu holen, scheitern regelmäßig an der Arbeitsumgebung, der industriellen Landschaft, dem Mangel an attraktiven Arbeitgebern und weiter eingeschränkten Freiheitsrechten. Von der Forschungslandschaft ganz zu schweigen.

Ein Drittel würde gehen

Und dann war noch die Frage nach der Sicht der jungen Russen auf ihr Land? Das Meinungsforschungsinstitut VZIOM hat Jugendliche zwischen 18 und 24 Jahren befragt, ob sie, wenn sie könnten, Russland verlassen würden. Fast ein Drittel hat die Frage mit ja beantwortet. Die Gründe für diesen Wunsch sind mannigfaltig, bei den meisten stehen wirtschaftliche Argumente im Vordergrund, aber auch Unsicherheit, schlechte medizinische Betreuung und ein Mangel an Perspektive.

Diese Zahlen spiegeln allerdings nur einen Teil der Realität. Es gibt, langsam aber stetig, einen Wechsel der Eliten in Wirtschaft, Politik und Wissenschaft. Viele der neu zu besetzenden Positionen in Ministerien, Universitäten, ja selbst in den staatlichen Holdings werden mit jungen, sehr gut ausgebildeten und mehrsprachigen Kandidaten besetzt. Die sind oftmals deutlich weniger politisch, wohl aber durchaus patriotisch orientiert.

Sie könnten in einem Russland, das sich wirklich reformiert der Schlüssel zum Erfolg sein. Die Grundvoraussetzung ist allerdings das Verlassen der Echokammer, in der man sich immer wieder versichert Weltspitze zu sein. Noch ist Russland nur bedingt konkurrenzfähig.


Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand für Russland beim Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Foto: zVg

Jens Böhlmann, Leiter Kontaktstelle Mittelstand
im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft

Die Kontaktstelle Mittelstand ist eine Initiative zur Förderung kleinerer und mittlerer Unternehmen im Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft. Sie nahm im Mai 2013 ihre Arbeit auf. Ziel der Kontaktstelle ist die Unterstützung deutscher mittelständischer Unternehmen, die einen Markteintritt oder den Ausbau ihrer Geschäftsaktivitäten in den durch den Ost-Ausschuss vertretenen Ländern, insbesondere jedoch in Russland planen.

Anfragen richten Sie bitte an: j.boehlmann@bdi.eu

 

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Über den Autor

ist seit September 2016 Leiter der Kontaktstelle Mittelstand beim Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft.

Davor war er zehn Jahre bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau tätig, zuletzt als Leiter der Abteilung Public Relations und Governmental Relations.