Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

Die Ölförderung in Russland wuchs trotz der Rezession stetig

Der Rezession der russischen Wirtschaft und dem Ölpreiseinbruch zum Trotz wächst die Ölförderung in Russland weiter. Lesen Sie, wie die Ölindustrie durch die Krise gekommen ist und wie sich Ölpreisverfall, Rubelabwertung und Sanktionen auf Öl-Förderung und -Export ausgewirkt haben.

Russland steckt gesamtwirtschaftlich noch in einer Rezession. Der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts verlangsamte sich nach Schätzungen des Wirtschaftsministeriums in den ersten fünf Monaten 2016 zwar auf rund ein Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, hielt aber an. Der Konsens der Analysten geht laut Focus-Economics-Umfrage derzeit davon aus, dass die russische Wirtschaft nach dem Einbruch im letzten Jahr (-3,7 Prozent) in diesem Jahr um weitere 0,9 Prozent schrumpft. Im nächsten Jahr könne dieser weitere Rückgang voraussichtlich nicht viel mehr als ausgeglichen werden (+1,3 Prozent).

Aber wie ist eigentlich die für die russische Wirtschaft besonders wichtige Ölindustrie durch die Krise gekommen? Wie haben sich nach Ansicht von Experten Ölpreisverfall, Rubel-Abwertung und Sanktionen insbesondere auf Förderung und Export von Öl ausgewirkt?

Prognosen für die russische Gesamtwirtschaft und die Erdölwirtschaft

 20142015Juni 2016Jan.-Juni 2016Prognosen 2016
Gesamtwirtschaft
BIP (in % ggü. Vj.)0.7-3.7-0.8 (Mai 2016)-1.0 (Jan-Mai 2016)-0.9
Erdöl
Förderung (in Mio. t)526.7534.144.4269.9540-542
Förderung (in % ggü. Vj.)0.71.41.12.11.3
Export (in Mio. t)223.4244.520.6127.9252
Export (in % ggü. Vj.)-5.69.44.75.93.1
Quellen für Prognosen

BIP: Focus Economics; 05.07.2016

Ölförderung und Ölexport: Energieminister Novak laut:

E. Mazneva: Russia’s Novak Sees No Need Now to Cooperate With Saudis on Oil; Bloomberg, 16.06.

TASS: Russian Energy Ministry forecasts crude production to rise to 540-542 mln tones…; 03.06.2016

Trotz Preiseinbruch und Sanktionen: Stetiges Wachstum der Ölförderung

Die russische Rohölförderung wuchs seit 2014 trotz Rezession stetig weiter. 2015 wurde sie um 1,4 Prozent erhöht. Im ersten Halbjahr 2016 stieg sie nach den Anfang Juli veröffentlichten Angaben der Dispatching-Zentrale des Brennstoff- und Energiekomplexes (GP „CDU TEK“) um 2,1 Prozent.

Beim Ölexport gab es starke Schwankungen. Da der Urals-Ölpreis bereits 2014 um rund 10 Prozent fiel und sich danach 2015 fast halbierte, hätte man vermuten können, dass der Rohölexport wegen des Preisverfalls eingeschränkt wurde. Tatsächlich wurde er aber nur 2014 deutlich zurückgenommen (-5,6 Prozent gegenüber 2013). 2015 stieg er aber trotz des beschleunigten Preiseinbruchs so stark (+9,4 Prozent), dass dieser Rückgang mehr als ausgeglichen wurde.

Abb.1: Russian output and exports of crude oil and main oil products. Grafik von: BOFIT Weekly, 2016/27, 8 Jul 2016. Quellen: Rosstat, Russisches Energieministerium, Russischer Zoll

Die Abbildung im Text aus einem Bericht des Forschungsinstituts der finnischen Zentralbank zeigt, wie der gleitende 12-Monatsdurchschnitt der Rohölausfuhr bis Ende 2014 sank (Bank of Finland, BOFIT: Russian oil production growth slows; 08.07.2016). Bei steigender Rohölförderung wurde stattdessen mehr Öl in Russland weiterverarbeitet: Die Erzeugung und der Export von Mineralölprodukten stiegen 2013 und 2014 noch deutlich stärker als die Rohölförderung.

Seit Anfang 2015 kehrten sich diese Trends aber um. Jetzt zieht der Rohölexport kräftig an (2015/2014: +9,4 Prozent; 1. Halbjahr 2016/1. Halbjahr 2015: +5,9 Prozent).

Kirsten Westphal (SWP): Gefördert wird „auf Teufel komm raus“

Kirsten Westphal, Russland- und Energieexpertin der Berliner Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), meint im Gespräch mit dem Deutschlandfunk zur Entwicklung von Förderung und Export von Rohöl:

„In Russland ist das tatsächlich so, dass im Moment gefördert wird auf Teufel komm raus, vor allem beim Öl. Also, wir erwarten für 2016 sogar, dass das Rekordjahr von 1987, zu Sowjetzeiten, dass da die Rekordzahlen getoppt werden, oder zumindest erreicht werden. Und das ist alles nur deswegen, weil eben in hohem Maße Rohöl exportiert wird, um eben schnell an Einnahmen westlicher Währungen zu kommen.“

Laut BP Statistical Review of World Energy hat Russland 2015 Saudi-Arabien als weltweit größten Rohöllieferanten überholt. Seinen Platz an der Spitze der Erdgasexporteure behauptete es.

Rund drei Viertel der russischen Erdölförderung wurden 2015 als Rohöl oder weiterverarbeitet als Mineralölprodukt ins Ausland ausgeführt (von der Erdgasförderung wurde nur rund ein Drittel exportiert). Entsprechend gering ist die Abhängigkeit der Ölförderung von konjunkturell bedingten inländischen Nachfrageschwankungen.

Rezession zeigt sich bei Verarbeitung und inländischem Verbrauch

Die Menge der in Russland erzeugten Mineralölprodukte ist im gleitenden 12-Monats-Durchschnitt bis Mitte 2016, das zeigt die BOFIT-Abbildung, hingegen sogar unter das Niveau vom Jahresbeginn 2013 gesunken.

Hier schlägt sich zum einen die gesamtwirtschaftliche Rezession nieder. Außerdem wirken sich Änderungen der Besteuerung von Mineralölunternehmen aus. Darauf macht BOFIT in einem anderen Beitrag aufmerksam (Bank of Finland, BOFIT: Debate on oil taxation continues in Russia; 08.07.2016).

Ende 2014 wurde nämlich begonnen, die Besteuerung von Rohölexporten allmählich zu verringern und stattdessen die Ölförderung stärker zu besteuern. Die sinkende Exportbesteuerung dürfte zur Erholung der Rohölexporte beigetragen haben. Andererseits wurden die Zölle auf den Export von Mineralölprodukten erhöht.

BOFIT sieht darin einen Grund für ihren scharfen Rückgang in diesem Jahr, nachdem sie im Jahresdurchschnitt 2015 noch weiter gestiegen waren (+4,1 Prozent laut Gaidar-Institut; Russian Economy in 2015, 07.06.2016).

Offensichtlich werden die Auswirkungen der Rezession insbesondere im Rückgang des inländischen Energieverbrauchs in Russland. Laut BP Statistical Review of World Energy sank der Energieverbrauch in Russland 2015 insgesamt um 3,3 Prozent. Der Ölverbrauch war 5,2 Prozent niedriger, der Gasverbrauch verringerte sich um 5,0 Prozent.

Aleksashenko zur Stabilität der russischen Rohstoffwirtschaft

Sergey Aleksashenko, früherer Stellvertretender Präsident der russischen Zentralbank und heute vielbeschäftigter Experte amerikanischer Think-Tanks, nennt im Rahmen einer sehr lesenswerten Analyse der russischen Wirtschaftsentwicklung folgende Gründe für die bemerkenswerte Stabilität der Produktion des russischen Rohstoffsektors (Sergey Aleksashenko: Is Russia’s Economy Doomed to Collapse? The National Interest, 02.07.2016):

  1. Erstens habe sich das Wachstum bei den wichtigsten Verbrauchern russischer Rohstoffe (Europa, China, Mittlerer Osten) fortgesetzt, wenn auch mit Schwankungen. Einen Nachfragerückgang wie in der Krise 2008/2009 habe es nicht gegeben.
  2. Zweitens sei die Besteuerung der russischen Öl- und Gaswirtschaft so ausgerichtet, dass sich ein Rückgang der Ölpreise auf die finanzielle Lage der Unternehmen viel schwächer auswirke als auf die Einnahmen des föderalen Haushalts (Laut BOFIT machten die Einnahmen aus dem Öl- und Gassektor in den ersten fünf Monaten 2016 nur noch 36 Prozent der gesamten Einnahmen des Föderationshaushalts aus. 2014 waren es noch über die Hälfte). Umgekehrt sei es bei einem Anstieg der Ölpreise. Davon profitiere der öffentliche Haushalt stärker. Dazu verweist Bloomberg auf Angaben von Alexander Dyukov (Vorstandsvorsitzender Gazprom Neft), von jedem Anstieg des Ölpreises um einen Dollar gingen 90 Cents an die Regierung.
  3. Drittens, so Aleksashenko, wäre der Rohstoffsektor wie alle exportorientierten russischen Wirtschaftszweige von der Abwertung des Rubel begünstigt worden. Während die Einnahmen der Exportunternehmen in Devisen anfielen, könnten die Kosten in Russland mit abgewerteten Rubeln bezahlt werden. Außerdem habe das Einfrieren der Löhne im öffentlichen Sektor durch die Regierung generell den Lohndruck vermindert.

All dies habe dazu beigetragen, die Produktion im Rohstoffsektor aufrechtzuerhalten und für die notwendige Investitionskraft gesorgt.

Das stetige Wachstum der russischen Ölförderung seit 2014 ist für Aleksashenko der beste Beweis, dass die westlichen Sanktionen im Bereich der Ölindustrie nicht wirken. Bald nach ihrer Verhängung sei ohnehin klar geworden, dass sie nur arktische Tiefwasservorkommen und die Schieferölexploration beträfen. Keines dieser Projekte werde innerhalb der nächsten fünf Jahre das Entwicklungsstadium erreichen.

Hohe Investitionszuwächse bei der Förderung von Energie; weniger bei Weiterverarbeitung

Das “Analytical Center” der russischen Regierung weist in seinem Mitte Juni veröffentlichten Bericht zur Entwicklung der russischen Energiewirtschaft im Jahr 2015 aus, dass die Investitionen in die Förderung von Brennstoffen und Energie 2015 real um 10,7 Prozent erhöht wurden. 2014 waren sie bereits um real 8,8 Prozent gesteigert worden.

In die Weiterverarbeitung von Rohöl wurde 2015 allerdings real deutlich weniger investiert als 2014 (-13,2 Prozent). 2014 waren die Investitionen der Raffinerien noch um 1,8 Prozent gewachsen.

Gaidar-Institut betont hingegen Defizite der Ölindustrie

Mitarbeiter des Gaidar-Instituts stellen in einer neuen Veröffentlichung hingegen Defizite der russischen Ölindustrie heraus. Sie meinen zur aktuellen Lage unter anderem:

  • Die russische Ölindustrie hat die Spitze ihrer Produktionskapazität erreicht. In einem erheblichen Teil der erschlossenen Felder sinkt die Produktion. Die Mehrheit der neuen Lagerstätten bietet schlechtere geologische Bedingungen. Die Erschließung dieser Lagerstätten erfordert höhere Kapital-, Betriebs- und Transportkosten.
  • Um die erreichte Ölfördermenge halten zu können, ist es erforderlich, in den erschlossenen Regionen Reserven zu reaktivieren, die derzeit nicht zur Förderung beitragen. Produzierende Vorkommen müssen besser ausgeschöpft werden. Felder in neuen Produktionsregionen müssen erschlossen werden.
  • Die Mitarbeiter des Gaidar-Instituts sehen im internationalen Vergleich auch noch viel Potenzial bei der Steigerung der Verarbeitungstiefe der Raffinerien.

Zur Verbesserung der Lage der russischen Ölindustrie plädieren sie für steuerliche Anreize (Yuri Bobylev, Oleg Rasenko: Oil Sector: Potential for tax incentives; in: Gaidar Institute: Online monitoring of Russia’s economic outlook; 28.06.2016).

Ausblick: 2016 wohl Spitze der Förderung erreicht

Keine Einigung bei Treffen der Ölproduzenten in KatarEnergieminister Novak rechnet auch für das Gesamtjahr 2016 mit einer Steigerung von Ölförderung und Ölexport. Anfang Juni meinte Novak laut TASS, wenn sich die bisherige Entwicklung fortsetze, werde die Ölförderung in diesem Jahr 540 bis 542 Millionen Tonnen erreichen (+ 1,3 Prozent). Der Ölexport werde 2016 voraussichtlich um rund 3 Prozent auf 252 Millionen Tonnen steigen, sagte er Mitte Juni auf dem Wirtschaftsforum in St. Petersburg in einem Bloomberg-Interview. 2017 erwartet Novak laut Bloomberg die Ölförderung im Bereich zwischen 525 und 545 Millionen Tonnen.

Auch der Juli-Ölmarktbericht der OPEC geht davon aus, dass die russische Ölförderung 2016 um rund 1,3 Prozent steigt. 2017 werde sie geringfügig um 0,4 Prozent von 10,98 Millionen Barrel täglich auf 10,94 Millionen Barrel sinken. Trotz des bemerkenswerten Wachstums der russischen Ölförderung in den Jahren 2015 und 2016 und trotz der höheren Investitionen und Bohraktivitäten werde der Rückgang der Förderung aus bisherigen Quellen um 2,5 Prozent den Zuwachs der Förderung aus neuen Quellen übersteigen, heißt es im OPEC-Bericht.

In der Energiestrategie 2035 setzt sich Russland das Ziel, die Ölproduktion auf dem erreichten Niveau zu stabilisieren.

Die westlichen Sanktionen haben bisher einen weiteren Anstieg der russischen Ölförderung also nicht verhindern können. Welt-Korrespondent Eduard Steiner betont aber: „Die bisherigen Lagerstätten gehen zur Neige, während neue immer schwerer zugänglich sind und daher teurer werden. Der Umstand, dass der Westen mit seinen Sanktionen den Export moderner Technik zur Förderung aus Offshore-Lagerstätten verbietet, erschwert die Situation zusätzlich.“

Quellen

Titelbild: Flickr-Nutzer Geof Wilson (CC BY-NC-ND 2.0)


OPEC: Monthly Oil Market Report; 12.07.2016

Bank of Finland, BOFIT: Russian oil production growth slows; 08.07.2016

Bank of Finland, BOFIT: Debate on oil taxation continues in Russia; 08.07.2016

Nadia Kazakova (Saxo Bank): Russian oil output edges up in June as price firms, 05.07.2016

Galina Starinskaya: Russlands Ölexport auf Rekordkurs; Vedomosti, 05.07.2016

S. Bierman: Russian Oil Exports Set for Record as Europe Competition Grows; Bloomberg, 03.07.16

TASS: Russia’s crude production up 2.1% in Jan-June to 269.9 mln tones; 03.07.2016

Sergey Aleksashenko: Is Russia’s Economy Doomed to Collapse? The National Interest, 02.07.2016

A. Rehmsmeier: Höhenflug zum Tiefstpreis: Russlands Rohstoff-Prestige-Projekte …; DLF, 29.06.16

Yuri Bobylev, Oleg Rasenko: Oil Sector: Potential for tax incentives; in: Gaidar Institute: Online monitoring of Russia’s economic outlook; 28.06.2016

S. Bierman: Russian Oil Producers Care More About Rubles Than Barrels; Bloomberg, 16.06.2016

Victoria Gimadi (Analytical Center gov.ru): Sanctions have almost no impact on production indicators in the oil and gas industry; RBC, 15.06.16; PM+Buch: “Fuel and Energy Sector of Russia in 2015”

deutsch.rt.com: Vor Saudi-Arabien – Russland ist weltgrößter Exporteur für Erdöl und Erdgas; 10.06.

BP: Statistical Review of World Energy 2016; Country and regional insights: Russia; 08.06.2016

Gaidar Institute (IEP): Russian Economy in 2015, 07.06.2016; 440 S.; Russische Ausgabe; 25.04.16

RF-Energieministerium: Energieminister Novak: Jahresbericht 2015 und mittelfristige Ziele; 08.04.16

K. Westphal et al.: Ölpreisbaisse – Folgen für Weltwirtschaft, Klimapolitik, politische Stabilität; 18.03.

Eduard Steiner: Russland gesteht den Rohstoff-Kollaps ein; Die Welt, 22.09.2015

Eduard Steiner: So profitieren Russlands Ölkonzerne von der Krise; Die Welt, 15.08.2015

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.