Klaus DormannVon

Pessimistisches Szenario: Minus 10 Prozent bei zweiter Corona-Welle

Russlands Wirtschaft leidet an den Pandemie-Folgen, aber wie groß ist der Schaden? Die Prognosen gehen auseinander. Unser Analyst Klaus Dormann hat die Zahlen zusammengetragen.

Der Einbruch der russischen Wirtschaft in der „Corona-Krise“ wird in fast allen Prognosen immer höher veranschlagt. Die OECD zeigte sich in der letzten Woche besonders pessimistisch. Selbst wenn es keine zweite Infektionswelle in diesem Jahr gibt, rechnet sie damit, dass die gesamtwirtschaftliche Produktion 8 Prozent niedriger sein wird. Am Freitag wird die russische Zentralbank anlässlich ihrer Leitzinsentscheidung neue Prognosen veröffentlichen. Bisher erwartet sie einen Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 4 bis 6 Prozent.

Hält die 5,5 Prozent-Marke des IWF?

Mitte April, als der erste „arbeitsfreie“ Monat in Russland begonnen hatte, sorgte der  der Internationale Währungsfonds mit seinem „World Economic Outlook“ für eine wichtige erste Orientierung zu den Folgen der Corona-Pandemie für die Weltwirtschaft. Für Russland schätzte der IWF den Einbruch des BIP im Jahr 2020 auf 5,5 Prozent.

So „pessimistisch“ waren damals nur wenige. Die deutschen Konjunkturforschungsinstitute hatten in ihrer „Gemeinschaftsdiagnose“ noch eine Woche zuvor gemeint, die gesamtwirtschaftliche Produktion werde in Russland 2020 um lediglich 1,1 Prozent sinken. Umfragen bei Analysten ließen damals einen Rückgang um 1,4 Prozent erwarten.

Am 24. April folgte die russische Zentralbank weitgehend der IWF-Prognose. In ihren mittelfristigen Prognosen setzte sie für den Rückgang des BIP eine Spanne von 4 bis 6 Prozent.. Von Finanzminister Siluanow wurde in der Presse berichtet, dass auch die Regierung bei ihren Haushaltsplanungen von – 5 Prozent ausgehe. Am 21. Mai teilte schließlich das Wirtschaftsministerium mit, dass es in seinen Prognosen zur mittelfristigen Wirtschaftsentwicklung mit einem Rückgang des BIP um 5 Prozent für 2020 rechnet. Veröffentlicht wurden die Prognosen bisher noch nicht.

Bis Mitte Juli wird der IWF eine Aktualisierung seines Wirtschaftsausblicks vorlegen. IWF-Direktorin Kristalina Georgieva hatte dazu bereits im Mai angekündigt, es sei „sehr wahrscheinlich“, dass der Fonds seine Prognose für den diesjährigen Rückgang der weltweiten Wirtschaftsleistung (- 3 Prozent) weiter senken werde. Zudem werde es 2021 wohl nur eine teilweise Erholung von diesem Rückgang geben.

Wenn der IWF seine Prognose für die Weltwirtschaft senkt, wird er wahrscheinlich auch in Russland einen noch stärkeren Rückgang des BIP als bisher erwarten.

OECD rechnet jetzt mit einem Produktionsrückgang um mindestens 8 Prozent

Die OECD hat bereits letzte Woche ihre Prognose für Russlands BIP drastisch gesenkt. Wegen der anhaltend großen Unsicherheit über den weiteren Verlauf der Pandemie legte sie im „World Economic Outlook“ zwei Szenarien vor.

Im günstigeren Szenario geht die OECD davon aus, dass es keine zweite „Infektionswelle“ geben wird. Sie hält es aber für ebenso wahrscheinlich, dass es zu einer zweiten Welle von Infektionen kommen wird. Davon geht sie im zweiten Szenario aus.

Den Rückgang der Produktion der Weltwirtschaft veranschlagt die OECD beim Ausbleiben einer zweiten Welle mit 6 Prozent doppelt so hoch wie bisher der IWF. Sollte es eine zweite Welle geben, werde das weltweite BIP um 7,6 Prozent sinken.

In Russland rechnet die OECD jetzt selbst ohne zweite Welle für 2020 mit einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts um 8 Prozent. Sollte es zu einer zweiten Infektionswelle kommen, erwartet sie sogar eine um 10 Prozent niedrigere Produktion. Das Moskauer „Zentrum für makroökonomische Analyse und kurzfristige Prognosen“ (CMASF) geht bei einer zweiten Infektionswelle in einem „pessimistischen“ Szenario von einem ähnlich starken Einbruch aus (- 11 Prozent).

Fast alle Prognosen weiter im Abwärtstrend

Auch die Weltbank senkte ihre Prognose für die russische Wirtschaft in der letzten Woche. Sie erwartet jetzt einen Rückgang des BIP um 6,0 Prozent.

Das Konjunkturforschungszentrum der Moskauer „Higher School of Economics“ nahm Anfang Juni seine Prognose auf -5,2 Prozent zurück. Die vom Research Unternehmen FocusEconomics erfassten Prognosen von Analysten weisen inzwischen im Durchschnitt einen Rückgang um 4,7 Prozent aus (Anfang Mai: – 4,1 Prozent).

Wachstumsprognosen 2020 bis 2022
Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent

   202020212022
Helaba, Frankfurt06/12/2020-33
Commerzbank, Frankfurt06/12/2020-21.1
OECD; Szenario “zweite Welle”06/10/2020-104.9
OECD; Szenario “keine zweite Welle”06/10/2020-86
FocusEconomics
Consensus Forecast
06/09/2020-4.73.2
DekaBank, Frankfurt06/09/2020-5.63.2
Weltbank06/08/2020-62.7
Berenberg Bank, Hamburg06/08/2020-53.52.5
HSE, Moskau06/03/2020-5.23
CMASF, Moskau; Basisszenario06/02/2020- 8,0 bis – 8,23,7 bis 4,02,1 bis 2,5
Reuters-Umfrage05/29/2020-3.83
Alfa Bank, Moskau05/27/2020-3
Nordea, Stockholm05/27/2020-4.53.6
Macro Advisory, Moskau05/26/2020-3.52.52.5
Fitch Ratings05/26/2020-53
Bank of America05/26/2020-5.64.5
Citibank05/22/2020-4.33.9
Russisches Wirtschaftsministerium,
Basisszenario laut TASS
05/21/2020-5
Urals 31,1 $/b
2.8
Urals 35,4 $/b
3
Urals 42,2$/b
Russian Academy of Sciences05/20/2020-5.32.92.1
Economist Intelligence Unit, London05/19/2020-5.21.31.7
HSE Umfrage05/18/2020-4.332.3
ING Bank, Amsterdam05/15/2020-2.52
EBRD, London05/13/2020-4.54
OPEC, Wien05/13/2020-4.5
UN, New York05/13/2020-4.32.9
JP Morgan05/11/2020-44.5
Interfax-Umfrage05/07/2020-3.52.5
EU Kommission; Brüssel05/06/2020-51.6
WIIW, Wien05/06/2020-71.5
Sberbank, Moskau04/30/2020-4.23.12
Moody’s Rating04/28/2020-5.52.2
Russische Zentralbank,
Basisszenario
04/24/2020- 4 bis - 6
Urals 27 $/b
2,8 bis 4,8
Urals 35 $/b
1,5 bis 3,5
Urals 45 $/b
Internationaler Währungsfonds04/14/2020-5.53.5

Gref hält dagegen: „Die Lage ist besser als wir erwarteten“

Gegen die immer skeptischeren Einschätzungen stellte sich kürzlich Herman Gref, Vorstandsvorsitzender der Sberbank. Er merkte in einem Gespräch mit Präsident Putin an, die Wirtschaftslage sehe jetzt etwas besser als erwartet aus. Die Sberbank habe mit einerm Rückgang des BIP um 6 bis 7 Prozent in diesem Jahr gerechnet. Heute seien ihre Prognosen jedoch etwas günstiger als die der Zentralbank und der Regierung. Die Sberbank schätze den Rückgang des BIP auf etwa 4,2 bis 4,5 Prozent. Voraussetzung dafür sei natürlich, dass es keine zweite Infektionswelle gebe.

„In general, the situation now looks slightly better than we expected. We expected a preliminary slowdown in GDP of about 6–7 percentage points this year; however, today our expectations are slightly higher than the Central Bank and the Government’s forecasts. Our estimate is a slowdown of about 4.2–4.5.“… I mean, it is much better than originally expected, of course, provided there is no second wave.“

Kommersant berichtet dazu, die Sberbank habe bereits Ende April für 2020 einen Rückgang des BIP um 4,2 Prozent prognostiziert.

Eine rasche Erholung der russischen Wirtschaft erwartet aber auch die Sberbank nicht. Das berichtet die Moscow Times. Laut dem Direktor der volkswirtschaftlichen Abteilung der Sberbank, Oleg Zamulin, werde es zwar wahrscheinlich nach der Aufhebung der Quarantänemaßnahmen anfänglich eine Belebung der Wirtschaftsaktivität geben. Die Wirtschaft werde aber „mehrere Jahre“ brauchen, um zu einem „normalen Niveau“ zurückzukehren.

Ivan Tkachev, Journalist der Wirtschaftszeitung RBK, erwartet in einem Beitrag für RT.com von der Konjunkturentwicklung keine „sozio-ökonomische Katastrophe,“

„There won’t be a quick recovery, but I don’t expect any socio-economic catastrophe. If GDP is down five percent for this year as the government expects, it will probably be fine. In case of a deeper slump (Between six and eight percent, as expected by others including the World Bank and OECD), it would be more problematic.“

Kräftige Leitzinssenkung und höhere Staatsausgaben zu erwarten

Russlands Zentralbank und die Regierung reagieren auf den Produktionseinbruch mit einer weiteren Senkung der Leitzinsen und staatlichen „Hilfspaketen.

Von der Zentralbank erwarten viele Analysten bei der nächsten Leitzinsentscheidung am Freitag eine weitere Senkung des Zinssatzes von aktuell 5,5 Prozent um 0,75 Prozentpunkte oder sogar um einen ganzen Prozentpunkt.

Möglichkeiten zu Zinssenkungen bietet die Wechselkursentwicklung, so Jake Cordell in der „Moscow Times“. Der Rubel hat seit dem Jahresbeginn nur um rund 10 Prozent abgewertet, obwohl die Ölpreise um gut ein Drittel gesunken sind. Der Druck auf die Zentralbank, die Abwertung durch eine Anhebung der Zinsen zu bekämpfen, ist schwächer als in der Krise 2014.Dr. Thomas Meißner, Abteilungsleiter „Strategy Research“ der LBBW, ging am 04. Juni in einer Präsentation bei einer Sitzung des Arbeitskreises Russland des OAOEV auch auf die Wechselkursentwicklung und die Leitzinspolitik ein (siehe auch Bericht des OAOEV). Seit Februar sei der Rubel in Turbulenzen geraten. Sie flauten jetzt aber ab. Der Rubel habe sich gefangen. Der Preisdruck bleibe verhalten. Die Zentralbank nutze den Spielraum für Leitzinssenkungen.

Dr. Thomas Meißner; LBBW: Russland: Schon vor Corona keine „Wachstumsstory“; Präsentation beim OAOEV-Länderkreis Russland; 04.06.2020

Am 5. Juni teilte Rosstat mit, dass sich der Anstieg der Verbraucherpreise im Mai auf 3,0 Prozent abgeschwächt hat (April: 3,1 Prozent).

Lob für „konservative“ Finanz- und Geldpolitik

Stabilisierend auf den Rubelkurs wirkt, dass Russland hohe Währungsreserven aufgebaut hat. Bei steigenden Goldpreisen sind sie auf 565 Milliarden US-Dollar gewachsen. Würden sie in der Krise rasch abgebaut, könnte dies ausländische Investoren verschrecken, einen Abfluss von Kapital auslösen und den Rubel wieder übermäßig abhängig von der Ölpreisentwicklung machen, gibt die „Moscow Times“ zu bedenken.

Elina Ribakova, Stellvertretende Chef-Volkswirtin des Washingtoner „Institute of International Finance“, lobt in der „Moscow Times“ Russlands Finanz- und Geldpolitik. Das „konservative makroökonomische Team“ von Finanzministerium und Zentralbank habe „spektakulär gut“ gearbeitet.

Kritik an Konzentration staatlicher Hilfen auf Großunternehmen

Die „Moscow Times“ zitiert aber auch Bill Tompson, Leiter der Eurasien-Abteilung der OECD. Er macht darauf aufmerksam, dass vom Einbruch der Wirtschaft neue und kleine Unternehmen am meisten betroffen sind. Für die russische Wirtschaft, die ohnehin von großen, oft staatlich kontrollierten Firmen dominiert sei, könne dies „verheerende“ Folgen haben.

Die Bedenken wachsen, dass die Marktposition kleiner Unternehmen durch die Corona-Krise weiter geschwächt wird. Die „Moscow Times“ meint, im Fokus der Hilfsmaßnahmen der russischen Regierung zur Bekämpfung der Krise stünden die größten Unternehmen des Landes. Kleinere Unternehmen müßten weitgehend selbst für sich sorgen (siehe auch hier).

Auch Elina Ribakova erwartet, dass sich die Marktposition der Großunternehmen bei der Erholung von der Krise weiter verstärken wird. Sie hätten zum einen mehr Reserven, um die Krise bewältigen zu können. Zusätzlich erhielten sie noch staatliche Hilfen.

Die russische Regierung hat bisher bereits drei Hilfsprogramme beschlossen. Anfang Juli will sie mit der Umsetzung eines „Nationalen Aktionsplans für den Wiederaufbau von Wirtschaft, Beschäftigung und Einkommen sowie langfristige strukturelle Änderungen“ beginnen. Hans-Jürgen Wittmann, GTAI, greift in seiner Analyse des Plans ebenfalls die Kritik an einer Bevorzugung von Konzernen auf:

„Mit den geplanten 65 Milliarden Euro hat die Regierung das bis dato größte Paket zur Bekämpfung der Folgen der Coronapandemie geschnürt. Kritiker bemängeln jedoch, dass ein Großteil der Gelder umverteilte Mittel aus den bereits genehmigten drei Hilfsprogrammen und vorgezogene Ausgaben für die nationalen Projekte umfasse. Zudem setze die Regierung nicht auf die Stärkung der Kaufkraft der Bevölkerung, sondern auf Investitionen in Großprojekte, was nur ausgewählten Branchen und Konzernen zu Gute komme.“

Bemängelt wird auch, dass mit den staatlichen Programmen privaten Haushalten zu wenig geholfen werde. So schreibt Ivan Tkachev in einem Beitrag für RT.com, das Jahreseinkommen eines typischen Haushalts mit zwei Kindern werde durch die staatlichen Hilfen um 4,5 bis 6,5 Prozent erhöht. Das sei angesichts der Schwere der Krise kein hoher Betrag. Unabhängige Ökonomen prognostizierten, die real verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte würden in diesem Jahr um mindestens 8 Prozent sinken. Theoretisch, so Tkachev, könne die Regierung viel mehr für soziale Hilfen in dieser Krise ausgeben. Sie betrachte dies aber als Verschwendung („throwing money down the drain“).

Titelbild

Titelbild: Alexander Yakimov / Shutterstock.com

Quellen und Lesetipps:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

Coronavirus in RF: Liveticker, Presseschau, Russland-Analysen, Russia Analytical Digest

Corona-Informationen von GTAI, OAOEV, WKO, AEB, AHK, IWF

Corona-Themenseiten des Wirtschaftsministeriums und der Zentralbank

Nationaler Aktionsplan zur Erholung der Wirtschaft

Wirtschaftsministerium: Prognose der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung bis 2023

Monatsberichte von Zentralbank, Wirtschaftsministerium, Rosstat

Periodisch erscheinende Konjunkturberichte (monatlich, vierteljährlich, halbjährlich)

Zentralbank: „What the trends say“; Bericht der volkswirtschaftlichen Abteilung

Verbraucherpreise im Mai

Geldpolitik: Vorberichte zum Leitzinsentscheid am 19.06.2020

Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland

Wirtschaftspolitik in der Corona-Krise weltweit

Öl- und Gaspreise und Konjunktur in Russland und weltweit

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.