Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Thomas FasbenderVon

Die Politiker bellen, die Medien sowieso, die Karawane zieht weiter. Gazprom und die großen europäischen Importeure lassen nicht von Nord Stream 2. Die Rohre sind im Bau, die Verlegeschiffe sind gebucht. Ab dem kommenden Jahr wird verlegt.

Am Montag wurde bekannt, dass die fünf europäischen Gazprom-Partner – Uniper (ex-Eon), Engie, OMV, Shell und Wintershall – fast eine halbe Milliarde Euro in das Projekt investieren, die Hälfte der Gesamtkosten. Gleichzeitig verzichten die Unternehmen auf eine gemeinsame Betreibergesellschaft – Gazprom wird Alleinaktionär. Eine andere Lösung wäre wohl am EU-Kartellrecht, das von den Gegnern des Projekts wie eine Waffe geführt wird, gescheitert.

Seit Jahren steht Nord Stream 2, also die Verdoppelung der existierenden Ostsee-Pipeline auf 110 Milliarden Jahreskubikmeter, unter heftigem Beschuss. Polen und andere osteuropäische Staaten bangen um die Einnahmen aus dem Gastransit, den es dann nicht mehr geben wird. Die Verfechter der Westintegration der Ukraine spüren gleich zwei Sorgen. Nicht nur verliert Kiew, wenn Gazprom das Gas für Europa durch die Ostsee schickt, einen der größten Einnahmeposten. Kiew verliert auch Macht, wenn die Hand nicht mehr auf dem Absperrhahn liegt. Und den vielen, die jeder Form deutsch-russischer Annäherung ohnehin mit Argwohn begegnen, missfällt die ganze Idee.

Das Beharren der europäischen Importeure verdient Hochachtung. Sie kennen die Fakten: die Nordseeförderung geht ihrem Ende zu; die Klimaziele (sofern sie nicht durch Kernenergie erfüllt werden) führen absehbar zum Komplettausstieg aus der Kohle; maritim transportiertes Flüssiggas (LNG) steht mengenmäßig nicht ausreichend zur Verfügung.

Die Finanzierungsvereinbarung spiegelt auch, wie substantiell und belastbar die europäisch-russischen Beziehungen in Wirklichkeit sind. Während die Politik, die Medien sowieso, in einer Filterblase der Rechthaberei gefangen sind, werden Jahrhundertprojekte realisiert. Wer betreibt denn heute Ostpolitik, wenn nicht die Chefs von Wintershall & Co?

Thomas Fasbender
Über den Autor

ist freier Journalist und Publizist in Berlin. Von 1992 bis 2015 hat er in Moskau gelebt. 2014 erschien sein Buch „Freiheit statt Demokratie. Russlands Weg und die Illusionen des Westens“ im Manuscriptum Verlag.