Klaus DormannVon

Perspektiven der russischen Wirtschaft: IHK-Konferenz und ifo-Studie

„Die Coronakrise hat auch das Russlandgeschäft deutscher Unternehmen fest im Griff: Grenzschließungen, Reisebeschränkungen und Lockdowns wirken sich auf Exporte, Lieferzeiten, Produktion, Absatz und Geschäftsabschlüsse aus. Darüber hinaus gesellen sich zur Abwertung des Rubels strukturelle Schwächen der russischen Wirtschaft…“

So unumwunden beschreibt die IHK Düsseldorf die derzeit schwierigen Bedingungen für die Arbeit deutscher Unternehmen in Russland in der Ankündigung ihrer Russlandkonferenz am 14. Januar. Titel der Online-Konferenz: „Neue Zeiten im Russlandgeschäft“ (Link zur kostenfreien Teilnahme).

Die IHK sieht für das Russlandgeschäft aber keineswegs nur Probleme, sondern auch interessante Wachstumsmöglichkeiten. In drei Diskussions- und Vortragsrunden will sie den IT-Sektor, die Gesundheitswirtschaft und Projekte „rund um Wasserstoff und Erneuerbare Energien“ in den Blickpunkt rücken.

Auch in diesem Jahr wird einleitend die Entwicklung der politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Russland analysiert. Nach einer Keynote von Matthias Platzeck (Vorsitzender Deutsch-Russisches Forum) gibt es dazu eine Gesprächsrunde mit dem russischen Botschafter in Deutschland Sergei Netschajew, NRW-Wirtschaftsminister Prof. Dr. Andreas Pinkwart und dem neuen Düsseldorfer Oberbürgermeiser Dr. Stephan Keller.

Der Frage „Russland: Politik und Wirtschaft – gemeinsam stark?“ widmen sich anschließend der deutsche Botschafter in Russland Dr. Géza Andreas von Geyr und Matthias Schepp, Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau.

Zum Abschluss wird Frau Professor Dr. Lisandra Flach referieren, zum Thema „Russlandgeschäft – Blick auf 2021 und darüber hinaus…“. Sie ist Leiterin des Zentrums für Außenwirtschaft des Münchner ifo-Instituts (Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der Universität München e. V.) (vollständiges Programm).

Ifo-Studie zu volkswirtschaftlichen Kosten der Sanktionen

Sicher wird auf der Konferenz auch über die anhaltenden Belastungen der deutsch-russischen Wirtschaftsbeziehungen durch die wechselseitig verhängten Sanktionen diskutiert werden. Frau Professor Flach dürfte zu einer Studie berichten, die das ifo Institut unter ihrer Leitung im Auftrag der IHK Düsseldorf, des Düsseldorfer Kompetenzzentrums Russland, der AHK Moskau und einiger weiterer Industrie- und Handelskammern erstellte: „Die volkswirtschaftlichen Kosten der Sanktionen in Bezug auf Russland“. Sie ermittelte darin laut Presseberichten deutlich höhere Kosten als eine für das Bundewirtschaftsministerium erstellte Studie des „German Economic Team“ (Näheres siehe Schluss dieses Artikels).

Silke Schwabe (Managerin Kompetenzfeld „Unternehmen begleiten“ der IHK Cottbus) fasste die Ergebnisse der umfangreichen ifo Studie am 10. Dezember in einer informativen Präsentation zusammen. Sie erläuterte die Ergebnisse auch in einem Video.

In der dritten Folge des Podcasts „Zaren. Daten. Fakten“ der AHK Moskau stellte auch Aaron Röschke, Leiter des Russland Kompetenzzentrums Düsseldorf, in einem ausführlichen Gespräch mit Thomas Baier die Ergebnisse der ifo Studie vor (27 Min.; zu hören bei: Soundcloud oder Google Podcasts; Apple Podcasts; Spotify).

Zusammenfassung der ifo-Studie durch die IHK Cottbus

In einer Pressemitteilung der IHK Cottbus fasste Silke Schwabe die Ergebnisse der ifo-Studie so zusammen:

  1. Die Sanktionen von 2014 haben sowohl die Importe aus als auch die Exporte nach Russland stark reduziert. Der Handel zwischen Deutschland und Russland ging in den Sektoren Landwirtschaft und Bergbau am stärksten zurück.
  2. Russland spielt als Handelspartner für Deutschland (ca. 2 % der Exporte gehen nach Russland) bzw. die EU (ebenfalls nur 2 % der EU-Exporte gehen nach Russland) keine gewichtige Rolle. Im Gegensatz dazu ist die EU (noch) der wichtigste Handelspartner für Russland. Deutschland wiederum gehört für Russland zu den Haupthandelspartnern und würde daher innerhalb der EU28 von einer Abschaffung der EU-, US- und Russland-Sanktionen am meisten profitieren.
  3. Seit Inkrafttreten der Sanktionen im Jahr 2014 verringern sich die Handelsanteile der EU in Russland. Für Deutschland ist kaum eine Veränderung sichtbar. Diese Entwicklung führte zu einer Verlagerung des russischen Exportgeschäftes nach China (Anstieg um fünf Prozentpunkte). Bei den russischen Importen zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Auch hier wird China für Russland als Handelspartner immer wichtiger.
  4. Die Abschaffung der EU-Russland-Sanktionen würde sowohl für die EU als auch für Russland zu einem merklichen Zugewinn führen. Das russische reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) würde um 1,2 Prozent steigen. Es betrug im Jahr 2019 circa 1.510 Milliarden Euro. Der Verlust liegt allein für dieses eine Jahr bei mehr als 18 Milliarden Euro.  

5. Im EU-Staaten-Vergleich würde Deutschland am meisten von der Abschaffung der Sanktionen profitieren. Der Zugewinn betrüge 0,16 Prozent vom BIP. Auf das Jahr 2019 bezogen wären dies ca. 5,4 Milliarden Euro. Das reale BIP der EU-Mitgliedsstaaten stiege um 0,12 Prozent.

6. Innerhalb Deutschlands würden vor allem die ostdeutschen Länder von der Abschaffung der Sanktionen profitieren, da dies zu einer wesentlichen Stärkung der Wirtschaftskraft führen würde. Das hätte Effekte für die Einkommen, die in Ostdeutschland zwischen 0,6 bis 1 Prozent und in Brandenburg zwischen 0,8 bis 1 Prozent steigen könnten. Das Abschaffen der Sanktionen könnte einen Beitrag zur Angleichung der Lebensverhältnisse zwischen Ost und West leisten.

Umfrageergebnisse: Was halten deutsche Unternehmen von Sanktionen?

Im Rahmen der ifo Studie gab es auch eine Befragung deutscher Unternehmen zu den Sanktionswirkungen. Silke Schwabe berichtet in der Pressemitteilung dazu:

  • Die größte Zahl der Unternehmen (55 Prozent großer und 42 Prozent kleiner und mittlerer Unternehmen) gibt an, von der Aufhebung der EU-Sanktionen direkt zu profitieren, z. B. durch höhere Exporte nach Russland. Dabei würden Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes am meisten gewinnen.
  • Im verarbeitenden Gewerbe sind es vor allem Unternehmen der Bereiche Maschinenbau, Kraftfahrzeuge, Chemie und Elektrotechnik; im Dienstleistungsbereich ist es vor allem der Logistiksektor.
  • Die EU-Sanktionen beeinträchtigen den Handel deutscher Unternehmen am stärksten, gefolgt von den US-Sanktionen. Die russischen Gegensanktionen haben dagegen kaum einen Einfluss.
  • Die größte Hürde für die Unternehmen stellen die mit den Sanktionen verbundenen bürokratischen Aufwendungen dar. Dies trifft sowohl den Export als auch den Import in Form von zusätzlichen Formularanforderungen, Zertifikaten oder nachweisen. Hinzu kommen weitere Belastungen in Form von Kontrollen, Verboten und Finanzierungsproblemen.

Online-Konferenz der IHK Düsseldorf am 09.12.2020: „Russland-Sanktionen auf dem Prüfstand“

Anlässlich der Veröffentlichung der ifo-Studie hat die IHK Düsseldorf bereits am 09. Dezember 2020 eine Online-Diskussion zum Thema „Russland-Sanktionen auf dem Prüfstand“ veranstaltet (Einladung). Die Ergebnisse der ifo Studie wurden in der Diskussion nur kurz angesprochen. Im Mittelpunkt standen die Sanktionspolitik des Westens nach der Vergiftung von Alexej Nawalny und die Perspektiven für eine Fertigstellung der Erdgaspipeline Nord Stream 2.

Die Moderation übernahm Dr. Antje Höning, Leiterin der Wirtschaftsredaktion der Rheinischen Post. Hinweise zum Ablauf der Diskussion (Video):

Begrüßung (Minute 8):

Gregor Berghausen, Hauptgeschäftsführer, IHK Düsseldorf: Wichtigste Ergebnisse der ifo-Studie; besondere Bedeutung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit Russland für Düsseldorf.

Vorstellung der Teilnehmer und erste Statements (ab Minute 14):

Diskutierte Fragen (ab Minute 39):

  • Wie soll auf die Vergiftung von Alexej Nawalny reagiert werden? Soll als Sanktion der Bau von Nord Stream 2 gestoppt werden? Machen Gaslieferungen aus Russland Deutschland abhängig? (von Fritsch; Min. 40)
  • Brauchen wir eine gemeinsame Reaktion der EU auf die Vergiftung Nawalnys? Soll die EU mit weiteren Sanktionen reagieren? (Kampmann; Min.42)
  • Wie wird sich die US-Politik unter Präsident Biden im Hinblick auf Nord Stream 2 und gegenüber Russland ändern? (von Fritsch; Min.48)
  • Welche Bedeutung hat Nord Stream 2 für Russland und Deutschland? Welche Möglichkeiten bietet Nord Stream 2 zur Lieferung oder Erzeugung von Wasserstoff? Wie wird in Russland der Machtwechsel in den USA beurteilt? Wie wichtig ist Verlässlichkeit und Berechenbarkeit für die Unternehmen? (Heidemann ab Min. 50; Wienkamp ab Min. 55)
  • Akzeptiert die Wirtschaft den Vorrang der Politik bei Entscheidungen über  Sanktionen? Wie haben die Sanktionen den Handel mit Russland erschwert? (Heidemann; Min 57)
  • Setzen Vertreter der Landwirtschaft die Politik unter Druck? Gibt es eine Akzeptanz der Sanktionen in der Wirtschaft? (Kampmann; Min 59)
  • Wie wird die Wirtschaft durch die Sanktionen belastet? Wie werden Sanktionen auf EU-Ebene beschlossen? Wie hat sich der deutsch-russische Handel nach Verhängung der Sanktionen entwickelt? Warum sind laut AHK-Umfrage deutsche Unternehmen in Russland trotz Sanktionen überwiegend zufrieden? Zahlen sich Sanktionen aus? (von Fritsch; Min. 61)
  • Wann werden die Sanktionen beendet? Welche Voraussetzungen sind dafür erforderlich (Heidemann; Min. 67)

Börsen-Zeitung: Bundeswirtschaftsministerium widerspricht der ifo-Studie

In deutlichem Widerspruch zu den Ergebnissen der Studie des ifo Instituts steht ein Bericht des Bundeswirtschafsministeriums an den Wirtschaftsausschuss des Bundestages. Die Börsen-Zeitung berichtete am 13.12.2020 dazu auf der Basis einer dpa/AFX-Meldung (ebenso wie das Handelsblatt):

„Die gerade erst verlängerten Wirtschaftssanktionen der EU gegen Russland haben der deutschen Wirtschaft nach Ansicht der Bundesregierung bisher nicht gravierend geschadet. Die 2014 wegen des Ukraine-Konflikts verhängten Strafmaßnahmen seien „nicht ursächlich für den Rückgang des Handels mit Russland“ gewesen, heißt es in einem Bericht des Wirtschaftsministeriums an den Wirtschaftsausschuss des Bundestags, der der Deutschen Presse-Agentur vorliegt. „Die Auswirkungen der wirtschaftlichen Entwicklung in Russland und des damit verbundenen Exportrückgangs auf die deutsche Volkswirtschaft bleiben insgesamt begrenzt.“ “…

Laut Börsen-Zeitung verweist das Wirtschaftsministerium darauf, dass eine im Auftrag des Ministeriums erstellte Studie des „German Economic Teams“ den durch die Sanktionen verursachten BIP-Rückgang für 2016 auf 1,2 bis 2,2 Milliarden Euro veranschlagte (während das ifo Institut für 2019 einen Verlust von 5,4 Milliarden Euro errechnete).

Die Entwicklung des bilateralen Handels, der Zahl deutscher Unternehmen in Russland und der deutschen Direktinvestitionen kommentiert das Wirtschaftsministerium laut Börsen-Zeitung wie folgt:

„Das Wirtschaftsministerium weist in seinem Bericht darauf hin, dass das Handelsvolumen zwischen Russland und Deutschland schon vor dem ersten Sanktionsbeschluss der EU im Jahr 2013 abgenommen habe. Das gelte auch für die Zahl der Unternehmen mit deutscher Kapitalbeteiligung in Russland. Bei den Direktinvestitionen deutscher Unternehmen habe es 2014 zwar einen deutlichen Rückgang, danach aber eine Erholung gegeben.“

Die Schlussfolgerung des Wirtschaftsministeriums:

„Die EU-Sanktionen tragen somit zur Fortsetzung eines bereits bestehenden Trends bei, sind aber selbst kein ausschlaggebender Faktor für den Rückgang der Handelsbeziehungen.“

Bringt eine Abschaffung der Sanktionen verlorene Märkte in Russland zurück?

Zu den Auswirkungen der Sanktionen auf die Exporte ostdeutscher Unternehmen nach Russland äußerte sich der stellvertretende Leiter des ifo Instituts Dresden, Prof. Dr. Joachim Ragnitz, gegenüber dem MDR (Bericht vom 26.11.2020).

Anfänglich hätten die Handelsbeschränkungen zwar zu einem starken Rückgang der Exporte geführt. Inzwischen sei der Außenhandel mit Russland aber „eher unbedeutend“. So liege beispielsweise in Sachsen der Anteil der Ausfuhren nach Russland an den Gesamtexporten nur noch bei 1,4 Prozent, nach 4,2 Prozent im Jahr 2013. Die Unternehmen hätten es geschafft, sich auf neue Märkte einzustellen. Der Einfluss der Sanktionen und der russischen Gegenmaßnahmen auf die Wirtschaft in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sei mittlerweile gering.

Ragnitz meint zudem, dass ein Ende der Sanktionen nicht unbedingt dazu führen werde, dass deutsche Unternehmen wieder mehr dorthin exportieren könnten. Die Sanktionen hätten Russland dazu veranlasst, eigene Produktionskapazitäten in den von den Sanktionen betroffenen Bereichen aufzubauen.

Der MDR-Bericht zitiert zu den Ursachen für den Rückgang der deutschen Exporte nach Russland auch den Vorsitzenden des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, Oliver Hermes. Für ihn seien die Sanktionen nur ein Grund für den Rückgang der Exporte. Hermes verweise auf weitere Ursachen:

„Hinzukommen aber auch längerfristige Entwicklungen in Russland, wie der niedrige Ölpreis, der schwache Rubel-Kurs, die allgemein geringe konjunkturelle Dynamik und die russische Lokalisierungspolitik, mit der Importe auch aus Deutschland durch einheimische Produktion ersetzt werden sollen.“

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Titelbild: unsplash.com

Quellen und Lesetipps:

Ostexperte.de-Artikel zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland von Klaus Dormann:

Links zur Russland-Konferenz der IHK Düsseldorf

Links zur ifo Studie zu den volkswirtschaftlichen Kosten der Russland-Sanktionen

Deutsch-russische Beziehungen

Russlands Wirtschaft am Jahreswechsel 2020/2021 – Rückblick und Ausblick

Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal 2020 nach Verwendungsbereichen

Einkaufsmanager-Indizes im Dezember: Der Anstieg im Verarbeitenden Gewerbe zieht den kombinierten Index leicht nach oben; Der Dienstleistungsindex ist etwas gesunken

Konjunkturberichte für November 2020

BOFIT; Bank of Finland: BOFIT Weekly:

Russland und China im wöchentlichen Wechsel; donnerstags finnische; freitags englische Ausgabe

Periodische Berichte zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik;

Länderberichte von Außenwirtschaftsorganisationen, Wirtschaftsverbänden, Instituten

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.