Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Klaus DormannVon

Neue Prognosen und Kommentare von Weltbank, Helaba, EIU und AHK

Die neuesten Prognosen der Weltbank, Helaba, EIU und AHK zeigen übereinstimmend auf, dass sich das Wachstum in Russland 2019 abschwächen wird.  Ebenso ist für 2020 auch kein signifikantes Wachstum zu erwarten.

Anfang Dezember veröffentlichte die Weltbank ihren halbjährlichen „Russia Economic Report“. So ausführlich analysiert kaum eine andere internationale Wirtschaftsorganisation die Entwicklung der Wirtschaft in Russland. Die Weltbank beschränkt sich auf den 60 Seiten des Berichts nicht auf Prognosen zur Konjunkturentwicklung in den nächsten zwei oder drei Jahren. Sie wagt auch längerfristige Ausblicke. Wie immer verfolgt sie mit besonderem Interesse, wie sich die Armutsquote in Russland entwickelt.

Für die nächsten 2 Jahre geht die Weltbank wie fast alle Beobachter davon aus, dass sich das Wachstum der Wirtschaft in Russland 2019 etwas abschwächt (1,5 Prozent) und auch 2020 kein kräftiger Aufschwung einsetzt (1,8 Prozent). In einer Tabelle am Anfang dieses Berichts haben wir diese Erwartungen mit anderen aktuellen Prognosen von Analysten, internationalen Wirtschaftsorganisationen und der russischen Regierung verglichen.

Danach ist zusammengefasst, was die Weltbank zur Entwicklung der Konjunktur in Russland sagt (Wachstum, Inflation, Außenwirtschaft) und wie sie auf längere Sicht die Chancen einschätzt, dass die Regierung ihre wirtschaftspolitischen Ziele erreicht. Die Weltbank kommt unter anderem zum Ergebnis, dass Präsident Putins „Mai-Dekret“, bis 2024 ein im weltweiten Vergleich überdurchschnittliches Wachstum zu erreichen, wohl verfehlt wird.

Abschließend geben wir Hinweise, wie die Entwicklung der russischen Wirtschaft von Ulrich Rathfelder (Hessische Landesbank), der Forschungs-Abteilung des britischen Wirtschaftsmagazins „The Economist“ und von Matthias Schepp, Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer gesehen wird. Helaba und „Economist Intelligence Unit (EIU)“ halten beide die von Präsident Putin in den „Mai-Dekreten“ gesetzten Ziele für sehr ehrgeizig. An eine Realisierung der Wachstumsziele glauben auch sie nicht. Dafür fehle der Regierung der erforderliche Wille zu umfassenden Reformen. Matthias Schepp meinte in einem Interview zwar auch, Russland werde auf absehbare Zeit wachstumsschwach bleiben. Aber man müsse festhalten, dass es den „Doppelschock“ aus zeitweise sehr niedrigen Preisen für Öl und Gas und den westlichen Sanktionen gut verkraftet habe.

Analysten rechnen bis 2020 meist nur mit 1,4 bis 1,7 Prozent Wachstum

Ende November veröffentlichte Analysten-Umfragen lassen weiterhin bis 2020 nur ein moderates Wachstum der russischen Wirtschaft von 1,4 bis 1,7 Prozent erwarten. So ermittelte „Focus Economics Consensus Forecast“ nach einem Wachstum um 1,7 Prozent im Jahr 2018 für das nächste Jahr einen Rückgang auf 1,5 Prozent. 2020 soll der Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion dann wieder 1,7 Prozent erreichen. Eine Umfrage der Moskauer Higher School of Economics zeigt ebenfalls nach einer Abschwächung des Wachstums im nächsten Jahr nur ein leichtes Anziehen auf 1,7 Prozent im Jahr 2000. Die jüngste Prognose der Weltbank geht von einem ähnlichen Wachstumsverlauf bis 2020 aus.

Wachstumsprognosen 2018 bis 2020

Veränderung des realen Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorjahr in Prozent (Stand: 10. Dezember 2018)
  Bruttoinlandsprodukt, real ggü. Vj. %
InstitutDatum201820192020
Russische Zentralbank;
Basisszenario
14.12.181,5 bis 2,0
Urals 70 $/b
1,2 bis 1,7
Urals 55 $/b
1,8 bis 2,3
Urals 55 $/b
Commerzbank, Frankfurt14.12.181,51,11,2
Ifo Institut, München13.12.181,61,41,6
Institut für Wirtschaftsforschung Halle13.12.181,51,61,7
Institut für Weltwirtschaft, Kiel12.12.181,61,71,6
DIW Berlin12.12.181,51,82,0
Economist Intelligence Unit12.12.181,71,81,6
OPEC, Wien12.12.181,61,7
DekaBank, Frankfurt10.12.181,81,41,6
Berenberg Bank, Hamburg10.12.181,91,81,7
Fitch Ratings05.12.181,81,51,9
Weltbank04.12.181,61,51,8
ING Bank, Amsterdam03.12.181,61,01,5
FocusEconomics Consensus Forecast 27.11.181,71,51,7
GTAI27.11.181,71,8
Helaba, Frankfurt26.11.181,81,71,7
HSE-Development Center, Moskau22.11.181,81,31,6
HSE-Umfrage
“Consensus Forecast”

22.11.181,71,41,7
RIA Rating22.11.181,5
OECD, Paris21.11.181,61,51,8
Chris Weafer, Macro AdvisoryNov. 181,61,4
Standard & Poor‘s12.11.181,81,71,7
Morgan Stanley09.11.181,71,5
EU Kommission 08.11.181,71,61,8
Sachverständigenrat08.11.182,01,8
WIIW, Wien07.11.181,71,61,8
EBRD, London01.11.181,51,5
Citibank26.10.181,61,415
ACRA, Analytical Credit Rating Agency25.10.181,61,41,5
Euler Hermes/Allianz24.10.181,61,5
Moody's23.10.181,71,7
BNP Paribas, Paris18.10.181,71,7
Weltbank; Country Snapshot 11.10.181,61,31,7
Internationaler Währungsfonds09.10.181,71,81,8
Russisches Wirtschaftsministerium;
Haushaltsvorlage, Basisszenario
01.10.181,8
Urals 69,6 $/b
1,3
Urals 63,4 $/b
2,0
Urals 59,7 $/b

Die Wachstumserwartungen der Analysten und internationalen Wirtschaftsorganisationen bis 2020 liegen inzwischen fast alle innerhalb der Wachstumsspannen, die die russische Zentralbank nennt (sie hat ihre Wachstumsprognosen am letzten Freitag bei der Vorlage ihres neuen „Monetary Policy Reports“ mit kleinen Anpassungen der Ölpreisprognosen erneut bestätigt).

Das gilt auch für das Basisszenario des Wirtschaftsministeriums, das der Haushaltsplanung zugrunde gelegt wurde. Danach rechnet die Regierung im laufenden Jahr mit einem Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Produktion um 1,8 Prozent. Das Anfang Dezember veröffentlichte Bulletin der Zentralbank „What the trends say“ schätzt, dass 2018 ein Wachstum von 1,6 bis 1,7 Prozent erreicht wird.

Wachstumsschätzung für die ersten 10 Monaten 2018: 1,7 Prozent

Das russische Wirtschaftsministerium legte in seinem am 20. November veröffentlichten monatlichen Bericht „Bild der Produktion“ eine Schätzung für den realen Anstieg des Bruttoinlandsprodukts im Oktober vor (+ 2,5 Prozent gegenüber Oktober 2017). Den Anstieg in den ersten 10 Monaten im Vergleich zum Vorjahr schätzte das Ministerium auf 1,7 Prozent.

In der folgenden Abbildung stellte das Ministerium seine Schätzungen der monatlichen Wachstumsraten dar (hellblaue Linie).

Quelle: Russisches Wirtschaftsministerium: Bild der Produktion; 20.11.2018

Außerdem zeigt die Abbildung, wie stark das Bruttoinlandsprodukt nach Angaben von Rosstat im Vergleich zum Vorjahresquartal gestiegen ist (dunkle Punkte). Im dritten Quartal fiel die Wachstumsrate allerdings nach revidierten Schätzungen von Rosstat nicht wie in der Abbildung verzeichnet auf 1,3 Prozent zurück, sondern nur auf 1,5 Prozent. Im zweiten Quartal hatte das Wachstum noch 1,9 Prozent erreicht.

Weltbank: Wachstumsziel der „Mai-Dekrete“ wird nicht erreicht

Auf kurze Sicht – in den nächsten beiden Jahren – geht die Weltbank wie fast alle Beobachter davon aus, dass sich das Wachstum der russischen Wirtschaft 2019 etwas abschwächen wird (1,5 Prozent) und auch 2020 nur wenig höher ist (1,8 Prozent).

Wichtige volkswirtschaftliche Indikatoren
Moderate Wachstumsraten zu erwarten

Quelle: World Bank: Russia Economic Report, S. 47; 04.12.2018

2019 werde sich das Wachstum des privaten Verbrauchs auf nur noch 0,9 Prozent halbieren (Mehrwertsteuererhöhung). Die Brutto-Anlageinvestitionen würden weiterhin nur um rund 2 Prozent wachsen.

Inflationsrate steigt 2019 knapp über 5 Prozent

Die preistreibenden Wirkungen der Mehrwertsteuererhöhung werden laut Weltbank den Anstieg der Verbraucherpreise im Jahresdurchschnitt auf 5,1 Prozent beschleunigen (November 2018 : + 3,8 Prozent). 2018 dürfte er im Jahresdurchschnitt hingegen nur 2,9 Prozent erreichen und damit deutlich unter dem Inflationsziel der Zentralbank (4 Prozent) bleiben.

Stark gestiegener Leistungsbilanzüberschuss

Der Überschuss in Russlands Leistungsbilanz ist kräftig gestiegen. Er hat in den ersten drei Quartalen laut Weltbank voraussichtlich 6,3 Prozent des Bruttoinlands-produkts erreicht. Im Januar bis September 2017 waren es nur 1,7 Prozent. Im gesamten Jahr 2018 erwartet die Weltbank einen Überschuss von 6,0 Prozent, der sich bis 2020 nur wenig auf 5,0 Prozent verringern dürfte

Mit umfassenden Reformen kann Russland die Wachstumsrate in 10 Jahren auf 3 Prozent verdoppeln und das weltweite Wachstum erreichen

Das von Präsident Putin gesetzte Ziel, schon bis 2024 ein im weltweiten Vergleich überdurchschnittliches Wachstum zu erreichen, wird Russland nach Einschätzung der Weltbank verfehlen.

Erst 2028 werde Russlands Wachstumspotenzial voraussichtlich die globale Wachstumsrate (3,0 Prozent) erreichen. Dafür erforderlich seien allerdings umfassende Reformen:

  • Die Produktivität müsse erhöht werden.
  • Die Investitionsquote müsste von 23 Prozent (2017) auf 34 Prozent bis 2028 steigen.
  • Der Zustrom von Migranten müsste sich verstärken

Zusammen mit den Wachstumsimpulsen der beschlossenen „Rentenreform“ könne so die potenzielle Wachstumsrate von 1,5 Prozent auf 3 Prozent verdoppelt werden. Die folgende Abbildung zeigt, dass die Weltbank dabei von höheren Investitionen den größten Beitrag zur Steigerung der Wachstumsrate erwartet (0,6 Prozentpunkte).

Quelle: World Bank: Russia Economic Report; 04.12.2018

Viele Risikofaktoren – aber gute Vorbereitung auf „externe Schocks“

Zu den „Risikofaktoren“ für die Entwicklung der russischen Wirtschaft zählt die Weltbank die Verhängung von Sanktionen, eine Beschleunigung der Inflation, eine hohe Verschuldung von privaten Haushalten und Unternehmen sowie eine zunehmende Konzentration von Unternehmen, die den Wettbewerb und Innovationen schwächt.

Gegen „externe Schocks“ sieht die Weltbank Russland aber gut gewappnet. Sie verweist auf:

  • die relativ geringe Verschuldung im Ausland (29% des BIP)
  • die hohen Währungsreserven (461 Mrd. Dollar), die dem Wert der Importe von rund 16 Monaten entsprechen.

Helaba-Analyst Ulrich Rathfelder: „Solider Datenkranz“ garantiert Stabilität, Regierung hat aber zu wenig Mut zu Reformen

Ulrich Rathfelder, Analyst der Hessischen Landesbank, verweist im Russland-Kapitel des Ende November erschienenen halbjährlichen Kapitalmarktausblicks der Helaba wie die Weltbank auf den „soliden Datenkranz“ der russischen Wirtschaft. Die Entwicklung von Staatshaushalt, Inflation, Leistungsbilanz und Währungsreserven sowie die Nettogläubigerposition gegenüber dem Ausland gewährleisteten eine „hohe gesamtwirtschaftliche Stabilität“.

Rathfelder erinnert aber gleichzeitig an wirtschaftspolitische Defizite:

„Strukturelle Nachteile behindern … das Wirtschaftswachstum. Investoren beklagen sich über mangelnde Rechtssicherheit und schwache Institutionen. Auch mischt sich der Staat stark in wirtschaftliche Entscheidungen ein. Zudem ist der Mittelstand als Zulieferer von Vorleistungen unterrepräsentiert.“

Die Regierung zögere bei wirtschaftlichen Reformen, da diese mit innenpolitischen Veränderungen einhergehen würden.

Die Investitionsquote sei mit 21% des BIP daher unterdurchschnittlich. Als Folge davon wachse die Produktivität zu langsam. Auch wegen der stagnierenden Bevölkerungszahl liege das Wachstumspotenzial bei für ein Schwellenland bescheidenen 1,5%. Er geht davon aus, dass das Wachstumsmodell „hohe Ölpreise“ nicht wiederkommen werde. Die Prognose der Helaba bis 2020:

Von der Fiskal- und Geldpolitik erwartet Rathfelder keine expansiven Impulse:

Der private Konsum – die Hauptstütze des Wirtschaftswachstums – wird sich infolge der Anhebung des Mehrwertsteuersatzes von 18% auf 20% Anfang 2019 vorübergehend abschwächen.

Die Regierung wird die in der Rezession 2015 und 2016 verwendeten Reserven über Einzahlungen in den Wohlfahrtsfonds 2019 wieder auffüllen.

Die relativ unabhängige Zentralbank verfolgt darüber hinaus die Einhaltung des Inflationsziels von 4%. Bei steigendem Preisdruck nach der Mehrwertsteuererhöhung sowie bei Rubelabwertungen wird sie mit höheren Leitzinsen reagieren.“

Die von Präsident Wladimir Putin der neuen Regierung im März gesetzten Ziele sind nach Einschätzung von Rathfelder  „sehr hoch gehängt“. Angestrebt werden: Ein besseres Bildungs- und Gesundheitssystem, die Verminderung der Armut, höhere Infrastrukturinvestitionen, steigende Gehälter im öffentlichen Dienst sowie real steigende Renten.

Economist Intelligence Unit: „The Outlook for investors is not encouraging“

Die Research-Einheit des britischen Wirtschaftsmagazins „The Economist“ fasste die Perspektiven für die Entwicklung von Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland in einer Analyse („Potential bright spots give reason to be optimistic“) Ende November ähnlich wie die Helaba zusammen.

Ehrgeizige Ziele, aber kein Reformwille

Die russische Führung hat sich ehrgeizige Ziele gesetzt. Sie zeigt jedoch wenig Interesse an „radikalen“ Reformen.

Es besteht aber ein breiter Konsens, dass das Wachstum der Wirtschaft ohne größere Reformen in den nächsten 10 Jahren nicht über 2 Prozent steigen wird. In den letzten 10 Jahren hat es im Durchschnitt nur rund 1 Prozent erreicht.

Die Durchsetzung von strukturellen Reformen in russischen Institutionen wie dem Rechtswesen sind „extrem schwierig“. Signifikante Fortschritte in diesem Bereich sind nicht zu erwarten.

Die Unsicherheit über einen möglichen künftigen Wechsel an der Spitze des Staates könnte das Vertrauen der Unternehmen zusätzlich belasten.

Trotz wirtschaftlicher Stärken und stabilitätsorientierter Politik wird es keinen Durchbruch zu mehr Wachstum geben

Die russische Wirtschaft verfügt zwar über einige Stärken. Dazu gehört der Reichtum an natürlichen Ressourcen. Das in Russland vorhandene Humankapital zeichnet sich durch eine hohe Qualität aus. Die Wirtschaftspolitik der Regierung fühlt sich der Erhaltung der makroökonomischen Stabilität sehr verpflichtet.

Die Staatsverschuldung ist im internationalen Vergleich niedrig, der Haushalt wird auf der Basis konservativer Ölpreisannahmen kalkuliert (40 Dollar/Barrel in Preisen von 2017). Die Zentralbank hat die Inflation durch Freigabe des Wechselkurses in den Jahren 2014/2015 jetzt unter ihr Inflationsziel (4 Prozent) gedrückt. Regierung und Zentralbank dürften bei ihrer stabilitätsorientierten Geld- und Finanzpolitik bleiben.

Strukturelle Schwächen, das niedrige Niveau der Investitionen und die ungünstige demografische Entwicklung werden das Wirtschaftswachstum jedoch „auf mittlere Sicht“ merklich unter 2 Prozent halten. 2018 ist ein Wachstum von 1,7 Prozent zu erwarten, das hauptsächlich vom privaten Verbrauch getragen wird.

Westliche Sanktionen haben die „ökonomische Souveränität“ zu einem zentralen Ziel der russischen Wirtschaftspolitik gemacht

Da die Aufnahme von Schulden im Ausland potenzielle Abhängigkeiten und Risiken schafft, wird die russische Regierung wahrscheinlich weiterhin an ausgeglichenen Haushalten festhalten und auch künftig bemüht sein, Währungsreserven aufzubauen, um gegen Schwankungen der Rohstoffpreise gewappnet zu sein.

Die Jahre der Wirtschaftskrise 2014 bis 2016 haben bewiesen, dass die Regierung im Interesse der fiskalischen Stabilität zu tiefen Einschnitten bereit ist, auch in so sensiblen Bereichen wie der Altersversorgung und der Verteidigung.

Kurz- und mittelfristig haben die westlichen Sanktionen der russischen Wirtschaft durch höhere Finanzierungskosten und niedrigere Investitionen Lasten auferlegt. Auf längere Sicht könnten sie jedoch die Entwicklung eines stärkeren inländischen Kapitalmarktes fördern. Das wäre eine wichtige Basis für langfristig stabile Investitionen und wirtschaftliches Wachstum.

Deutsch-Russische Auslandshandelskammer: Russland hat „Doppelschock“ von Ölpreiseinbruch und Sanktionen gut verkraftet

Auch Matthias Schepp (Vorstandsvorsitzender der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer in Moskau) macht in einem Interview mit der Neuen Osnabrücker Zeitung darauf aufmerksam, dass die westlichen Sanktionen in Russland zu verstärkten Anstrengungen geführt haben, unabhängiger vom Ausland zu werden:

„Der notgedrungene Versuch der russischen Regierung, ausländische Produkte zu ersetzen, belebt in einigen Bereichen die eigene Wirtschaftskraft. Im Agrarsektor und einigen anderen Segmenten sind Märkte für westliche Anbieter inzwischen dauerhaft verloren. In diesen Bereichen leiden demnach eher unsere deutschen exportorientierten Firmen.“

Die Ursachen, die Russland hindern, mit mehr als 1, 5 Prozent pro Jahr zu wachsen, sieht der AHK-Vorstandsvorsitzende aber nicht vorrangig in den Sanktionen. Er stellt heraus:

„Russland leidet weiter an postsowjetischen Krankheiten wie Vetternwirtschaft, Korruption, Überbürokratisierung und einer insgesamt schwach ausgeprägten Privatwirtschaft.“

Im Vergleich zu anderen Schwellenländern wie Brasilien und Türkei habe sich Russland trotz eines Abwertungsdrucks auf den Rubel als relativ krisenresistent erwiesen. Das Land werde zwar auf absehbare Zeit wachstumsschwach bleiben. Aber man müsse festhalten, dass es den „Doppelschock“ aus zeitweise sehr niedrigen Preisen für Öl und Gas und den westlichen Sanktionen gut verkraftet habe.

Schepp nennt dazu folgende Daten:

  • Im fünften Jahr der Sanktionen ist es gelungen, die Preissteigerung auf den niedrigsten Stand seit dem Zerfall der Sowjetunion zu senken.
  • Zugleich verfügt Russland inzwischen über die fünftgrößten Währungsreserven der Welt.
  • Der Außenhandelsüberschuss stieg in den ersten drei Quartalen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum von 20 auf 76 Milliarden Dollar.
  • Gleichzeitig hat das Land die weltweit sechstniedrigste Staatsschuldenquote gemessen am Bruttoinlandsprodukt. Sie liegt bei 13 Prozent.

Zudem sei es gelungen, die Abhängigkeit von Öl und Gas deutlich zu senken:

„2013, vor dem Ukrainekonflikt, hing der Staatshaushalt zu 52 Prozent von Steuern auf Öl und Gas ab, im vergangenen Jahr zu 40 Prozent. Um ein ausgeglichenes Budget zu haben, brauchte Russland 2013 einen Ölpreis von 113 Dollar, in 2017 nur noch von 70 Dollar.“

Quellen und Lesetipps zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik

Konjunkturberichte zu Russland: Presseberichte, Studien, Prognosen

Wirtschafts- und Finanzpolitik in Russland: Studien, Kommentare und Presseberichte

Russische Regierung zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik:

Sonstige Berichte des Wirtschaftsministeriums und der Regierung 

Russische Zentralbank zu Konjunktur und Geldpolitik sowie Presseberichte zur Geldpolitik:

Leitzinserhöhung auf 7,75 Prozent am 14.12.2018

Russischer Rechnungshof zu Konjunktur, Finanz- und Wirtschaftspolitik, Presseartikel:

Russisches Statistikamt Rosstat zur Konjunktur:

Monatlich veröffentlichte Konjunkturberichte mit Abbildungen:

Investment-Forum „Russia Calling“

Forum der International Financial University: „How to get into the first five?“

Artikel von Klaus Dormann auf Ostexperte.de:

Fotoquelle

Titelbild: OrangeGroup / shutterstock.com

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.