Thomas FasbenderVon

Die Angst der Westeuropäer, der Deutschen zumal, Russland habe es mit seinen Hackereien und Trollereien auf die Grundfesten der demokratischen Ordnung abgesehen, beherrscht seit Wochen die Schlagzeilen – es sei denn, Donald Trump fährt mit 140-Zeichen-Tweets dazwischen. Die Nerven liegen blank. Ein junger Russe, Mitarbeiter einer dem Westen distanziert gegenüberstehenden akademischen Institution, wurde kürzlich vom Herausgeber einer maßgeblichen Berliner Tageszeitung mit den Worten begrüßt: „Eins können Sie sich merken. Sie werden unsere Demokratie nicht zerstören, Sie nicht!“

Die Russen, die das Ausmaß der Ängste hierzulande zum ersten Mal wahrnehmen, schütteln den Kopf. Da hatte die sowjetische Großelterngeneration noch andere Deutsche kennengelernt: kriegslüstern, expansiv, militaristisch. Tempi passati. Die Nachkommen ernähren sich vegan, denken pazifistisch und haben Angst. Schon bei derben Worten, politisch nicht ganz korrekt, setzt bei ihnen die Beißhemmung ein. Allenfalls Bananen, die kriegen ihre Zähne noch klein.

Wobei die heutigen Russen die gleichen Ängste hegen: vor ausländischer Infiltration, vor ausländischer Einmischung. Der Schutzwall gegen die gefürchteten CIA- und Soros-NGO ist so schon hoch, jetzt werden weitere Gesetze in Stellung gebracht. Konstantin Kosatschow, Chef des außenpolitischen Kommitees im Föderationsrat, der zweiten Parlamentskammer, warnt vor den „systematischen Versuchen“ der USA und ihrer NATO-Verbündeten, Einfluss auf die russische Polik zu nehmen.

„Es gibt keinen Zweifel, dass es im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen im kommenden März engagierte und nachhaltige Versuche geben wird, den Ausgang der Wahl zu beeinflussen“, so Kosatschow zu Wochenbeginn. Er fordert eine staatliche Institution zum Monitoring derartiger Versuche. Am heutigen Mittwoch diskutiert der Föderationsrat neue Gesetzesvorschläge dazu.

Angstgegner Rechtspopulisten hüben, Angstgegner Nawalny drüben – und seitens der Mächtigen die Litanei, dass die Schuld am Erfolg der so ungeliebten wie unwillkommenen Opposition bei niemand anderem liegt als dem mächtigen ausländischen Feind. Dem Feind mit dem einzigen Ziel, „das System“ abzuschaffen.

Im Kalten Krieg des 20. Jahrhunderts standen sich immerhin noch Gegner gegenüber, Kapitalismus und Kommunismus mit Weltherrschaftsanspruch. Die Neuauflage wirkt wie eine Konfrontation von Opfern, von Geschlagenen, denen angesichts von RT, Sputniknews und ein paar NGO’s die Knie weich werden. Derweil setzt China zum Durchmarsch an.

Thomas Fasbender
Über den Autor

ist freier Journalist und Publizist in Berlin. Von 1992 bis 2015 hat er in Moskau gelebt. 2014 erschien sein Buch „Freiheit statt Demokratie. Russlands Weg und die Illusionen des Westens“ im Manuscriptum Verlag.