Leo EnselVon

Paritätsstreben als Motor der Aufrüstung

Parität in der Rüstung anzustreben klingt gut. Jedenfalls zunächst. In Wirklichkeit erwies sich das Streben nach Gleichgewicht allzu oft als Motor einer wechselseitigen Aufrüstungsspirale. Was statt dessen nottut, ist eine Renaissance des „Neuen Denkens“.

Stellen Sie sich bitte mal folgendes vor: Ihr Nachbar im Haus nebenan ist ein, sagen wir, nicht besonders freundlicher Zeitgenosse. Manchmal fühlen Sie sich sogar regelrecht bedroht von ihm. Da Ihnen vor Jahren zu Ohren kam, er hätte in seiner Garage zehn Fässer Benzin gebunkert, mit denen er im Falle eines Streits mit Ihnen, nein: nicht – Gott bewahre!! – Ihr Haus abfackeln, aber doch mit einer solchen Tat, sollte er sich dazu (natürlich durch Sie) gezwungen fühlen, drohen könnte, haben Sie als Gegenmaßnahme seinerzeit in Ihrer Garage ebenfalls zehn Fässer Benzin gehortet.

Seitdem konnten Sie jahrelang ruhig schlafen, schließlich hatten Sie in – unfreiwilliger, aber doch symmetrischer – Koordination mit Ihrem Nachbarn ein „Gleichgewicht des Schreckens“ hergestellt: Mit der glaubhaften Gegendrohung, im Falle eines Angriffs sein Haus ebenfalls niederzubrennen, hatten Sie mit Ihrem Nachbarn zwar keinen Frieden geschlossen, ihn aber doch immerhin soweit zivilisiert, dass aus dem latenten Konflikt kein manifester Krieg werden konnte. Kurz: Sie hatten ihn vor einem Angriff abgeschreckt.

Die „Benzinfässerlücke“

Wie gesagt, jahrelang ging das gut so. Nun wurde Ihnen aber kürzlich von einem guten Bekannten (zufälligerweise Tankstellenbesitzer) zugetragen, Ihr Nachbar habe in den letzten Monaten in aller Heimlichkeit aufgerüstet. Statt zehn seien nun sage und schreibe fünfundzwanzig Benzinfässer in seiner Garage gelagert, mit denen er Ihr Haus nicht einmal, sondern gleich zweieinhalbmal in Schutt und Asche legen könne – mit einem Wort: Ihr guter Bekannter hatte eine höchstbedrohliche „Benzinfässerlücke“ (ein „Petrol Barral-Gap“) ausfindig gemacht, auf die Sie umgehend zu reagieren hätten, wollten Sie nicht Ihren teuer erkauften Frieden fahrlässig aufs Spiel setzen!

Natürlich ließ Ihnen diese Drohung keine Ruhe und kurze Zeit später entschlossen Sie sich – wenn auch schweren Herzens, schließlich war die Anschaffung nicht ganz billig – nachzurüsten. Sie legten sich noch weitere fünfzehn Fässer zu – und tatsächlich: Sie konnten seitdem wieder erheblich besser schlafen! Schließlich war die Parität, war das Gleichgewicht ja wieder hergestellt, Ihnen konnte also nichts mehr passieren.

Um der Wahrheit die Ehre zu geben, aber das bleibt ja unter uns: Sie hatten noch fünf Fässer mehr eingelagert. Denn in Wirklichkeit sind es nicht fünfundzwanzig, sondern dreißig Fässer, die Sie nun stolz Ihr eigen nennen dürfen. Und mit denen könnten Sie im ‚Ernstfall‘ – der hoffentlich nie eintritt – das Haus ihres bedrohlichen Nachbarn gleich dreimal abfackeln, während er das mit Ihrem Haus nur zweieinhalbmal kann. Sicher ist sicher. Aber das alles haben Sie natürlich nur getan, damit es niemals soweit kommt! Eine rein friedenserhaltende Maßnahme, versteht sich. Weshalb Sie Ihre dreißig Fässer auch manchmal augenzwinkernd „Peacekeeper“ nennen.

Aber, wie es halt so ist im Leben: Nach kurzer Zeit kam die Sache raus – ich hoffe, Ihr guter Bekannter, der Tankstellenbesitzer, hatte damit nichts zu tun! – und Ihr Nachbar musste nun seinerseits eine bedrohliche Benzinfässerlücke diagnostizieren. Jedenfalls drohte er Ihnen mit einer nie gekannten massiven Aufrüstungswelle, mit der er Sie totrüsten werde. Er wisse schließlich sehr genau, wie begrenzt Ihr finanzielles Budget allen anders lautenden Bekundungen zum Trotz tatsächlich sei!

Gemeinsame Obergrenzen

Damit hat Ihr Nachbar in der Tat bei Ihnen nicht einen, sondern den wunden Punkt getroffen und Sie gezwungen Ihre Strategie zu überdenken. Obwohl Sie nach wie vor alles abstreiten, bieten Sie ihm nun Rüstungskontrollverhandlungen mit dem Ziel gemeinsamer Obergrenzen an. Und siehe da: Ihr Nachbar lässt sich wider Erwarten darauf ein!

Nach einem halben Jahr härtester Verhandlungen ist es endlich geschafft: Sie einigen sich nicht nur beide auf eine gemeinsame Obergrenze von je fünfzig Fässern, Sie installieren sogar ein ausgeklügeltes Kontrollregime. Und nicht nur das: Zusammen mit Ihrem unsympathischen Nachbarn verkünden Sie auf einer Pressekonferenz dem ganzen Stadtviertel, dass Sie beide bereit wären, nach Erreichen des gemeinsamen Ziels – einer Parität auf der Basis von insgesamt hundert Benzinfässern – in Verhandlungen über koordinierte Abrüstungsschritte einzutreten! (Bis es soweit ist, muss allerdings erst mal das Gleichgewicht auf dem vereinbarten Niveau hergestellt werden.)

Das ganze Stadtviertel, das seit Jahren unter dem Damoklesschwert leben musste, im Ernstfalle in Geiselhaft genommen, sprich: mitvernichtet zu werden, atmet erleichtert auf: Das Gleichgewicht wird bald wieder hergestellt sein, der Frieden ist also gesichert!

Wirklich?

Natürlich nicht!

Tatsächlich hat sich die Anzahl der Fässer von ursprünglich zwanzig auf insgesamt hundert verfünffacht. Jeder kann das Haus des Anderen nun nicht nur einmal, sondern gleich fünfmal niederbrennen, und bei der gigantischen Menge angehäuften Benzins genügt jetzt ein Funke, sämtliche „Peacekeeper“ zur Detonation zu bringen und damit das gesamte Stadtviertel in einen Trümmerhaufen zu verwandeln. Und die angrenzenden Gebiete gleich mit. Die angekündigten Abrüstungsverhandlungen dagegen lassen, wie Godot, noch ein Weilchen auf sich warten …

Gefreut hat sich einzig und allein – der Tankstellenbesitzer! Der schlauerweise beide Seiten beliefert hatte.

Mit einem Wort: Das vielzitierte „Gleichgewicht“ hat sich als Mythos, als Fetisch erwiesen, der die Aufrüstungsspirale nicht verhindert, sondern auch noch provoziert hatte! Es ist hier eben genau umgekehrt wie bei den Flugzeugen: Hoch kommt man immer – ob man aber wieder runterkommt, das ist die große Frage!

PS:

Dass es in der Tat auch anders gehen kann, wenn der unbedingte Wille dazu vorhanden ist, hat Mitte der Achtziger Jahre ein Mann demonstriert, der in einem halben Jahr 90 Jahre alt wird. Er rüstete asymmetrisch ab: Nicht 846 landgestützte Kurz- und Mittelstreckenraketen wie die Gegenseite, sondern 1.846. (Was ihm von seinen Landsleuten bis heute bitter übel genommen wird.) Und erreichte so tatsächlich Parität. Auf Null-Niveau!

Das nannte man damals – lang, lang ist‘s her – „Neues Denken“.

Titelbild

Titelbild: Simon Schütt für Ostexperte.de

Dieser Essay erschien zuerst bei RT Deutsch.

Leo Ensel
Über den Autor

Dr. Leo Ensel („Look at the other side!“) ist Konfliktforscher und interkultureller Trainer mit Schwerpunkt „Postsowjetischer Raum und Mittel-/Ost-Europa“. Veröffentlichungen zu den Themen „Angst und atomare Aufrüstung“, zur Sozialpsychologie der Wiedervereinigung sowie Studien über die wechselseitige Wahrnehmung von Russen und Deutschen. Im Neuen Ost-West-Konflikt gilt sein Hauptanliegen der Überwindung falscher Narrative, der Deeskalation und der Rekonstruktion des Vertrauens.