Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

Anzeige
Rufil Russia Consulting

Simon SchüttVon

Was Sie über Moskaus 4. Flughafen wissen müssen

Moskau hat einen vierten internationalen Flughafen. Zu den bestehenden Flughäfen Domodedowo, Wnukowo und Scheremetjewo gesellt sich seit dem 30. Mai 2016 der Airport Schukowskij. Zuvor war der Eröffnungstermin vom ursprünglich geplanten 15. März auf unbestimmte Zeit verschoben worden. Auch der Name des Flughafens war ursprünglich mit „Ramenskoje“ angekündigt worden. Ein kleines BER ist nun nicht daraus geworden, ein großer Flughafen aber auch noch nicht. 

Nun ist er endlich eröffnet, Moskaus vierter Flughafen mit dem Namen Schukowskij (mit stimmhaftem „sch“ oder „zh“). Nur ob er wirklich gebraucht wird, ist immer noch nicht klar.

Der neue Flughafen liegt zwischen den Städten Schukowskij und Ramenskoje, rund 40 Kilometer südöstlich vom Zentrum Moskaus und 25 Kilometer von der letzten Metro-Station entfernt. Er könnte Ihnen vielleicht durch der Luftfahrt-Ausstellung „MAKS“ bekannt sein, die dort stattfindet. Der neue Flughafen basiert auf dem ehemaligen Militärflughafen an gleicher Stelle.

Wrong coordinates

Das voraussichtliche Eröffnungsdatum für den Passagierverkehr gab der Flughafendirektor Thomas Vaischvilla (von der Betreiberfirmer Ramport) am 9. Februar gegenüber der russischen Online-Zeitung Gazeta.ru bekannt: am Dienstag, den 15. März 2016 sollte es soweit sein. In einigen Tagen erwarte er, die Genehmigung der russischen Regierung für nationale und internationale Flüge zu erhalten, sagte er damals. Doch es kam anders.

Am 11. März melden dann mehrere russische Medien, dass der Termin zunächst verschoben wurde. Gazeta.ru berief sich dabei auf eine nicht näher genannte Fluggesellschaft, die sich für eine Zusammenarbeit mit dem Flughafen interessierte. RNS (Rambler News Service) bezog sich auf einen Vertreter der Verwaltungsgesellschaft des Flughafens. Ein neuer Termin sei noch nicht bekannt, hieß es vorerst. Auch die Gründe für die kurzfristige Absage waren noch unklar. Ein Flughafenvertreter gab gegenüber RNS an, dass man noch auf eine offizielle Zulassung warte.

Doch kein kleines BER

Lange Zeit hörte man dann nichts mehr vom vierten Flughafen, die Moskauer Deutsche Zeitung veröffentlichte eine Reportage vom leeren Flughafen. Sie beschreibt den Flughafen Anfang April darin so:

„Statt Fluglärm und dem Rattern der Rollkoffer trifft man auf Stacheldraht, Mauern aus Beton und Grabesstille. An der Einfahrt langweilen sich ein paar Straßenhunde, weit hinter dem Zaun kriecht ein Traktor den Horizont entlang.“

Fazit: Das Terminal wurde nicht nur zum falschen Zeitpunkt gebaut, sondern auch am falschen Ort. Weit ab vom Schuss, ohne Bahnanbindung und eben mitten in der Krise.

Dann meldete die Nachrichtenagentur Interfax jedoch, dass der Flughafen am 30. Mai 2016 von Premierminister Dmitrij Medwedew eröffnet worden sei. Eröffnet heißt aber nicht unbedingt „offen“. Als das russische Online-Medium Meduza nämlich einen Tag später dort auftauchte, sagte ein Wachmann dem Reporter, dass der Flughafen geschlossen sei. Schon einen Tag nach der Eröffnung.

Dann erklärte der Mann jedoch, dass dies an einer Veranstaltung liege. Prinzipiell sei er aber eröffnet (Die Reportage von Meduza auf Russisch ist sehr lesenswert, dort finden sich auch einige aktuelle Bilder des Flughafens).

Nach Angaben der Sprecherin von „Ramport Avia“, Natalia Smirnova, bedeute die offizielle Eröffnung des Flughafens nicht, dass er sofort normal zu arbeiten beginne. „Nicht jeder Flughafen arbeitet rund um die Uhr“, erklärte sie Meduza.

Der erste Flug von Schukowskij, den die Fluggesellschaft Air Kyrgyzstan unternehmen wird, geht laut Interfax auch erst am 20. Juni.

Bei der Eröffnungszeremonie unterzeichnete Thomas Vaischvilla, der Ramport-Chef, neben dem Abkommen mit Air Kyrgyzstan auch Vereinbarungen mit der kasachischen Airline SCAT airlines sowie Sky Gates Airlines (mit drei Flugzeugen; Frachtluftfahrt) und Aviastar-TU aus Russland (noch nicht zertifiziert).

Mit Fluggesellschaften wird erst noch verhandelt

Lange war aber nicht klar, welche Airlines hier überhaupt fliegen sollten. Und die Verhandlungen mit weiteren Fluggesellschaften laufen immer noch.

Vor allem von Charter-Flügen, die künftig von dort abfliegen und ankommen sollten, war am Anfang die Rede.  Zwischenzeitlich hieß es, den ersten Flug werde wohl die russische Airline „I fly“ durchführen. Nun sollen es aber die Fluggesellschaften aus Kasachstan und Kirgisistan sein. Die Transaero-Billigtochter „Pobeda“, die ebenfalls im Gespräch ist, weigert sich, von Schukowskij zu fliegen, bis es eine normale Bahnverbindung gibt.

Sehen Sie hier eine Simulation des Flughafenbetreibers Ramport vom Sommer 2014:

2016 sollen fast 2 Millionen Menschen über Schukowskij fliegen

Im ersten Monat sollten dem Ramport-Chef zufolge 50.000 bis 60.000 Passagiere abgefertigt werden. Bis Ende des Jahres 2016 rechnet der Betreiber mit 1,9 Millionen Fluggästen. Wenn alle Arbeiten abgeschlossen sind, erwartet er bis zu 12 Millionen Reisende jährlich, lauteten im Februar die Pläne.

Experten hielten das aber schon da für illusorisch. Statt rund zwei Millionen würden es bestenfalls 200.000, schätzte Jurij Ponomarjow, Spezialist für Luftfahrt bei der Lokalzeitung „Schukowskije Westi“. Berechnungen von Ökonomen zufolge, die er in der MDZ zitiert, führe ein Prozent Wirtschaftswachstum zu einer Zunahme der Flugbuchungen von 0,6 Prozent. „Man muss also warten, bis die Wirtschaft wieder wächst“, so sein Rat. Den Prognosen zufolge ist das erst 2017 wieder der Fall.

Auch eine weitere mögliche Einschränkung macht dabei den Betreibern wohl einen Strich durch die Rechnung. Die Luftfahrtbehörde OrWD plant, wegen der Überschneidung des Luftraums mit Domodedowo die Zahl der Flüge von Schukowskij auf maximal 20 pro Tag zu beschränken. Damit käme man nicht über eine Million Passagiere.

Keine gute Zeit für Flughäfen in Russland

Momentan ist tendenziell keine gute Zeit für Flughäfen und Fluggesellschaften in Russland (Stichwort: Transaero). Die Fluggastzahlen nehmen ab. Die Russen fliegen in der Krise und wegen des schwachen Rubels weniger ins Ausland. Mit dem Fokus auf den Billigflug-Sektor steht der Flughafen hier in der Krise zumindest besser da. Aber nach wie vor gibt es mit den Flugverboten in die Türkei und nach Ägypten Schwierigkeiten, die nicht gerade für eine Erholung des Luftfahrt-Business sorgen.

Zudem wird eine Abgabe für die Moskauer Flughäfen diskutiert. Gegen den Domodedovo-Besitzer läuft sogar ein Strafverfahren, wegen dem er unter Hausarrest gestellt wurde.

Vor dem Rubelverfall, der Wirtschaftskrise und dem Absturz der zwei beliebtesten Reiseziele der Russen war die Idee zum Flughafen entstanden: Die drei Moskauer Flughäfen Scheremetjewo, Domodedowo und Wnukowo schienen damals in absehbarer Zeit an ihre Kapazitätsgrenzen zu stoßen. Nun wird der vierte Moskauer Flughafen vielfach als wenig sinnvoll angesehen (siehe zum Beispiel diesen Kommentar unseres Lesers).

Die Passagierzahlen der bisherigen Moskauer Flughäfen im Jahr 2014:

  • Domodedovo: 33 Millionen Passagiere
  • Scheremetjewo: 31,5 Millionen Passagiere
  • Wnukowo: 12,75 Millionen Passagiere

Längste Landebahn Europas

Bis der Betrieb in Schukowskij voll läuft, wird es noch dauern. Ursprünglich war der Beginn der Flüge für das vierte Quartal 2015 geplant. Nun ist es das zweite Quartal 2016 geworden. Dennoch vorbildlich für andere Flughäfen in europäischen Metropolen – ich schaue dich an, Berlin! Doch fairerweise muss gesagt werden, dass das Projekt wesentlich kleiner ist.

Ramenskoye Aeroport

Simulation des vierten Moskauer Flughafens Ramenskoje.

Der Flughafen brüstet sich zwar damit, mit 5,4 Kilometer die „längste Landebahn in Europa“ zu haben – das hängt auch mit den militärischen Experimentalflügen zusammen, die dort früher durchgeführt wurden. Doch viel mehr als die Bahn und einige Hangars gab es nicht und die Infrastruktur fehlte komplett.

Die Investitionen für das Projekt betragen über 10 Milliarden Rubel (Angabe aus dem Video von 2014 oben). Beteiligt sind unter anderem das teilstaatliche Unternehmen Rostech und vor allem die litauische Avia Solutions Group. Experten rechnen jedoch damit, dass sich die Summe von umgerechnet rund 120 Millionen Euro als zu niedrig erweisen wird, weil die Infrastruktur fast vollständig fehlt und alle Terminals neu errichtet werden müssen.

Eines wurde bereits gebaut, das auf vier Millionen Fluggäste ausgerichtet sein soll. 2017 soll laut Plan ein weiteres Passagier-Terminal mit mehr als 30.000 Quadratmetern folgen, das auf mehr als 6 Millionen weitere Passagiere im Jahr ausgerichtet ist. Auch einen Cargo-Hub soll es geben.

Weiter Experimentalflüge trotz des Passagierbetriebs?

Flughafen Ramenskoje

Militärflugzeuge auf der MAKS-Ausstellung 2005 am Flughafen Ramenskoje.

Ein Knackpunkt neben den möglicherweise ausbleibenden Passagieren könnte sein, dass auf dem ehemaligen Militärgelände weiterhin militärische Experimentalflüge durchgeführt werden sollen. Zumindest war das der Stand von Sommer 2014. Ob das weiter geplant wird, ist nicht klar. Werden sie tatsächlich fortgesetzt, dürfte es schwierig sein, die Fluggesellschaften davon zu überzeugen, daneben ihre Passagiermaschinen starten und landen zu lassen.

Fjodor Borisow, Flugexperte am Institut für Transport an der Moskauer Higher School of Economics, sagte der Moscow Times im Sommer 2014, dass dabei eine Regulierung schwierig sei, weil Militärflüge meist den Vortritt erhielten.

Ein anonymer Flugzeugmechaniker befürchtet gegenüber der MDZ, dass der Flugbetrieb nicht mehr viel Raum für Forschungsflüge lasse. Außerdem bezweifelt er, dass der Flughafen überhaupt zugelassen werden kann, weil in nur drei Kilometern Entfernung vor kurzem 17-geschossige Wohnhäuser errichtet wurden.

Anreise: von Kotelniki (lila Linie der Metro) mit dem Bus

Auch alle, die gehofft hatten, nun schneller zu einem der Moskauer Airports zu gelangen, müssen hier leider enttäuscht werden. Man wird auch zum Flughafen Ramenskoje lange brauchen. Mindestens 90 Minuten vom Zentrum. Der Transport zum Flughafen solle auf mehreren Wegen möglich sein, betont Thomas Vaischvilla. Die russische Bahn (RSchD) habe bestätigt, eine direkte Verbindung zum neuen Flughafen einzurichten, sagte er im Februar.

Außerdem, fügte er damals hinzu, sei eine Vereinbarung mit der Region Moskau unterzeichnet worden, die einen Bustransfers von der letzten Station der lila Linie der Moskauer Metro, „Kotelniki“, zum Flughafen vorsieht. Alle 30 Minuten sollen die Busse fahren. Die Strecke per Bus beträgt rund 25 Kilometer. Google Maps zeigt eine Dauer von rund 35 Minuten ohne Stau an; Yandex 28 Minuten.

Experten schätzen, dass der Busverkehr nur für zwei Millionen Passagiere im Jahr ausreicht. Danach muss also die neue Bahnverbindung stehen.

Aber komfortabel sieht wohl anders aus. Stellen Sie sich einen Bus voll Flugreisender mit Koffern vor. Und dann haben Sie sicherlich von den berüchtigten Moskauer Staus gehört. Nun, auch die Busse fahren auf diesen Straßen. Die Zeitangaben oben sind wie erwähnt ohne Stau gerechnet.

Zum Vergleich: Die bisherigen Moskauer Flughäfen sind mit den deutliche angenehmeren Aeroexpress-Zügen angebunden, die pünktlich abfahren und ankommen und nicht mit Staus zu kämpfen haben.

Gegenüber Meduza sagte eine Ramport-Mitarbeiterin, sie brauche täglich zwei Stunden von Moskau.

Flughafen ist ein Putin-Vorschlag

Flughafen Ramenskoye

Besucher bei der MAKS Messe auf dem Gelände des Flughafens.

Der Ausbau des Flughafens zu einem Passagierflughafen geht übrigens auf einen Vorschlag von Russlands Präsident Wladimir Putin vom 29. März 2011 zurück (damals war Putin Ministerpräsident). Er sagte, dass die übrigen Flughäfen „zu teuer“ seien und schlug vor, dort Charterflüge und Billigfluggesellschaften anzusiedeln.

Flugplatz mit Geschichte, Name „Ramenskoje“ ist Geschichte

Doch die Geschichte des Flughafens reicht weiter zurück als 2011. 1957 startete das damals schnellste Passagierflugzeug der Welt, die Tupolew Tu-114, zu ihrem Erstflug auf diesem Flugplatz. Lange Zeit wurde er ausschließlich militärisch genutzt. In Sowjetzeiten war der Flugplatz und auch der Ort Ramenskoje eine Sperrzone. Seit 2006 ist auch eine zivile Nutzung möglich.

Bleibt noch zu klären, wieso der Flughafen nun bei seiner Eröffnung „Schukowskij“ heißt und zuvor von „Ramenskoje“ die Rede war. Aus Sowjet­zeiten stammt die Tradition, Flughäfen nach der nächstgelegenen Bahnstation zu benennen. Und die war eben „Ramenskoje“. Die Stadt Schukowskij ging dabei leer aus, obwohl sie wie kaum eine andere mit der Luftfahrt verbunden ist – „in den Himmel verliebt“ sei sie, wie man in Russland sagt. Erstens ist sie nach Nikolaj Jegorowitsch Schukowskij (1847 – 1921), dem „Vater der russischen Luftfahrt“ (der sich übrigens auch mit dem deutschen Luftfahrtpionier Otto Lilienthal in Berlin traf) benannt, zweitens tragen die meisten Straßen im Ort mit etwas über 100.000 Einwohnern die Namen von Piloten, drittens wäre da die oben erwähnte Testflug-Tradition und dann kommt noch die alle zwei Jahre hier stattfindende weltberühmte Luftfahrtausstellung MAKS hinzu.

Gründe für die Umbenennung gab es also genug.

Eine Landebahn wird bei der MAKS-Messe als Ausstellungsfläche genutzt. 2015 hatte die Messe, die Ende August stattfindet, nach Angaben der Veranstalter über 400.000 Besucher.

Geteiltes Echo zu Schukowskij in Schukowskij

In Schukowskij selbst stößt der Flugplatz der MDZ-Reportage zufolge auf ein geteiltes Echo. Es gibt eine Bürgerinitiative, die dem Betreiber vorwirft, dass die Baugenehmigung für den Flughafen nicht sachgemäß zustande gekommen sei und Umweltbedenken hat.

Andere glauben, dass Schukowskij ein kleiner Flughafen mit wenigen Flügen am Tag bleibt, also „höchstens so etwas wie der Flughafen in Kaluga oder der Gasprom-Flughafen in Ostafjewo“. Die schlechte Verkehrsanbindung wird kritisiert: „Es lief doch so: Man nahm einen Knopf und fing dann an, drum herum den Anzug zu nähen.“ Erst mit besserer Anbindung kämen mehr Passagiere und der Flughafen werde für die Airlines interessanter.

Andererseits freuen sich die Anwohner, dass es so nun einfacher werde, in Urlaub zu fahren. Zudem seien den Bürgern nun neue Einkaufszentren versprochen worden.

Der Bürgermeister von Schukowskij, Andrej Wojtjuk, unterstützt das Projekt und hält es für einen „Schritt nach vorne“.


Was halten Sie davon, dass Moskau einen neuen Flughafen bekommt? Wir freuen uns auf Ihre Kommentare.


Hinweis: Ursprünglich ist dieser Artikel am 9. Februar 2016 erschienen. Seitdem wurde er bei der Verschiebung des Termins am 11. März und nach der tatsächlichen Eröffnung des Flughafens am 30. Mai aktualisiert.

Fotoquelle

 Quellen:

Bild: Militärmaschinen auf der MAKS-Messe. Von Dmitry Pichugin – , GFDL 1.2,

Bild: Besucher auf MAKS. Flickr-User Arkasha Moyzheshevsky (CC BY-NC 2.0)

Simulationen: Flughafenbetreiber Ramport Aero.

Artikel aus der Moscow Times:

Simon Schütt
Über den Autor

war von September 2015 bis September 2016 Chefredakteur bei Ostexperte.de.

Derzeit arbeitet er bei der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer. Bevor er zu Ostexperte.de kam, war er Redakteur der Moskauer Deutschen Zeitung. Dort schrieb er vor allem für das Wirtschafts-, das Digital- und das Moskau-Ressort.

Der Berliner hat in Wien Publizistik- und Kommunikationswissenschaft studiert und dort bei der Österreich-Ausgabe des Werbe-, Marketing- und Medien-Fachmagazins Horizont gearbeitet.