Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Dominik KalusVon

Zugreise: Russland-Bayern in 5 Stationen

Unser Autor ist von Moskau nach München im Zug gereist. Von sowjetischen Geistern, heiklen Grenzkontrollen und Käse-Beschlagnahmungen.

„Die Grenze flog mit“, beschrieb Boris Chasanow seine Ausreise im Aeroflot-Flugzeug aus der Sowjetunion nach Europa. Erst am Wiener Flughafen wurde dem Schriftsteller klar, dass er seinem Heimatland den Rücken gekehrt hat. Fliegen ist wie Beamen, auf so einer kurzen Reise hat man keine Zeit, die Sinne auf den anderen Kulturkreis einzustellen. Auch wenn die Unterschiede zwischen Moskau und Westeuropa nicht mehr so gigantisch sind wie damals: Sie sind da, und wer den Wechsel spüren möchte, der sollte zwischen den alten Blöcken mit dem Zug reisen.

Von Moskau nach Minsk: Birken und Betten

Zwischen Moskau und Berlin fährt zwei Mal die Woche der Direktzug „Strizh“ (Стриж, zu deutsch „Mauersegler“). Er braucht für die knapp 1 900 Kilometer gute 22 Stunden und hält unter anderem in Smolensk, Minsk, Warschau, Posen und Frankfurt an der Oder. Weil ich mir die Hauptstadt von Belarus ansehen möchte, nehme ich einen Tag vor der Abfahrt des Strizh den Nachtzug nach Minsk.

Ich steige also statt in den modernen Schnellzug in einen dieser alten russischen Schlafwägen, die ich so liebgewonnen habe: Ein enger Gang, abgenutzte bräunlich-weiße Verkleidung, alte gemusterte Vorhänge und ein Boiler mit Teewasser im Abteil. Mein Bett im Vierer-Coupé ist das untere, geräumigere. „Hoffentlich hat keine Babuschka das Bett über dir gebucht“, sagt meine Bekannte, die mich vor der Abfahrt noch schnell ins Abteil begleitet. „Sie wird dich bitten, ihr deinen Platz zu überlassen“.

Es kommt keine Babuschka, sondern ein schmächtiger junger Barttäger mit ins Abteil, als der Zug sich in Bewegung setzt. Er stellt sich als Nikolaj vor und teilt seine Kekse und Käsebrote mit mir. Nikolaj ist auf dem Weg nach Polen, wo er eine Fortbildung macht. Ich verstehe nicht ganz, in welchem Beruf, bin aber ohnehin damit beschäftigt, die letzten leuchtenden Randbezirke Moskaus anzustarren, bevor wir nur noch durch Dunkelheit fahren. Weil ich anstatt der bereitgestellten Matratze die Sitzbank beziehen möchte, erklärt mir Nikolaj belustigt, wie das Bettbeziehsystem gedacht ist. Für ein paar Rubel bringt mir der Schaffner Tee. Später bricht der Mond hervor, matt-weiß schimmernde Birkenwälder sind mein letzter Anblick, bevor ich einschlafe.

Goodbye Lenin: Morgenidylle in Minsk

„Du hast noch 30 Minuten, beeil dich besser“, weckt mich der Schaffner am nächsten Morgen. Auch das mag ich an russischen Zügen: die Schaffner eines Abteils sind viel mehr als nur Ticket-Kontrolleure, sie kümmern sich um die Tee-Versorgung, verkaufen Snacks und beaufsichtigen, dass niemand seine Haltestelle vergisst!

Minsk empfängt mich im Morgennebel. Ich bin überrascht, wie ruhig die Stadt, immerhin eine Hauptstadt, sein kann. Es fahren kaum Autos, am Fluss nähe des Bahnhofs sitzen tiefenentspannte Angler und außer ein paar verlorenen Spätheimkehrern begegne ich erst einmal niemandem. Wie wohltuend nach sechs Monaten Moskau, wo das Metropolen-Gewusel auch an einem Sonntagmorgen Kraft und Nerven raubt!

Ich verbringe den Tag spazierend im überschaubaren Zentrum der Stadt. Hier bekomme ich noch einmal die geballte Ladung Sowjet-Architektur: Klobige Bauten, drohende Betonpaläste, Theater mit klassizistischen Säulen und Plätze mit Lenin-Statuen. Was für eine symbolhafte Zwischenstation! Und irgendwie gefällt mir die Stadt mit ihrer Mischung aus kompakter Idylle und schwerem sozialistischem Erbe. Und der dichte, grün leuchtende Wald am Stadtrand lädt zur Wiederkehr ein.

Eine doppelte Grenze

Erneut steige ich am frühen Abend in einen Zug, diesmal in den modernen Strizh. Auf den Bildschirmen im Abteil läuft in Dauerschleife die UdSSR-Kindersendung „Tscheburaschka“. Dieses Ding hat ja mal wohl die süßeste Stimme der Welt! Zuvor hat die Schaffnerin übrigens mein Transitvisum überprüft. Mein Gedanke dabei: „Hat sich der Gang zum Weißrussischen Konsulat also doch gelohnt.“ Bei der Einreise mit dem Nachtzug hatte sich nämlich niemand für mich interessiert. Die Grenze zwischen Belarus und Russland ist kein offizieller Grenzübergang, ohne Transitvisum kann es Ärger geben.

Ärger gibt es für mich allerdings trotzdem. Kurz vor der polnischen Grenzkontrolle steigen nämlich nochmal russische Beamte in den Zug. Und sie wollen ihre Migrationskarten zurück, diese Minidokumente, die man bei Einreise in die Russische Föderation bekommt, praktisch nie braucht, aber offiziell immer dabei haben muss! Ich muss demütigend im Abteil meinen Koffer durchwühlen, bis ich das Dokument präsentieren kann – wie durch ein Wunder, denn das zielstrebige Suchen war ein Bluff. Keine Ahnung, was ansonsten mit mir passiert wäre. Eine Geldstrafe, Festgehaltenwerden an der Grenze oder eine Zwangsrückreise nach Russland – alles denkbar, genauso aber, dass sie es bei einer Standpauke und strafenden Blicken belassen hätten.

Insofern bin ich doch sehr erleichtert, als diese Situation geklärt ist. Als kurz darauf die polnischen Grenzbeamten den Zug betreten und mit ihrem weichen polnischen Akzent nach meinem Reisepass fragen, wähne ich mich innerlich bereits in Europa angekommen. Eine russische Frau im Abteil hat gegen irgendwelche Lebensmittelausfuhrbestimmungen verstoßen und muss ihre Käsebrote abgeben. Dann rollen wir ein, in das Gebilde namens Europäische Union.

Zwischenstopp in Warschau

In Warschau mahnt der stalingotische Kulturpalast den Durchreisenden an die Zeit Polens als sowjetischer Satellitenstaat. Eine Gemüsehändlerin lächelt mich hellstrahlend an und erzeugt damit einen herzerwärmenden Kontrast zu Moskau mit seinen ernsten Mienen. Doch der Eindruck währt nicht lange: Kurz darauf schimpft mich eine Bahnhofsklofrau zusammen, nur weil ich mit Euros bezahlen will.

„Stalins Geschenk“ an Warschau: Der Kulturpalast im Zuckerbäckerstil. Foto: Gatteau / Shutterstock.com

Polen ist ein hochspannendes Land zwischen Ostblock-Vergangenheit, EU-Moderne und dem eigenen nationalen Erbe. Wer es noch nicht hergeschafft hat, sollte unbedingt mal hinreisen. Hallo, die polnische Grenze ist keine 100 Kilometer von Berlin entfernt.

Wir fahren nach Berlin

Nach Berlin mache ich mich nun auch auf und steige in den Expresszug. Man merkt, dass es nach Deutschland geht, denn man hört plötzlich deutsche Stimmen. Sie reden über Geld, fragen im Bordrestaurant nach Sojamilch und mahnen Mitreisende, sich leiser zu verhalten.

Außerdem im Abteil: eine amerikanische Reisegruppe, die vermutlich „Europe in 10 Days“ macht. Als der Zug einen ungeplanten dreiviertelstündigen Stopp in Posen einlegt, spielt einer der Truppe „By the Rivers of Babylon“ auf seinem Handy ab und erheitert damit seine Reisekollegen. Das pampige „Musik ausmachen!“ aus der anderen Ecke des Abteils ignoriert er getrost.

Dass wir die deutsche Grenze passieren, merkt man an einer Sache: der Handyempfang ist nicht mehr gut genug für Internet. In Berlin hat dann – natürlich – die Ringbahn Probleme und ich verpasse meinen Anschlusszug nach München. Doch das stört mich nicht. Ich habe es ehrlich gesagt gar nicht eilig, anzukommen.

Epilog:

An diese drei Dinge musste ich mich zurück in Deutschland erst wieder gewöhnen:

  • Pfand: Wenn auch Deutsche nicht mehr stolz auf ihr Land sind, auf diese Errungenschaft sind sie es: Das deutsche Pfandsystem. Ich habe über die Zeit in Russland allerdings vergessen, dass es existiert und donnere meine Flasche zunächst in den Restmüll, worauf der Hauptbahnhof München in Schockstarre verfällt.
  • Bargeld: Seit ich wieder zurück bin, habe ich auch wieder Bargeld dabei. Denn das ist bekanntermaßen in Deutschland nötig. Allerdings: Ich behalte wieder mehr Überblick über meine Ausgaben. Und die NSA weniger.
  • Securitys: Was war ich nervös, als ich mich am Münchner Geschwister-Scholl-Platz der Ludwig-Maximilians-Universität näherte. Ich hatte noch keinen Studentenausweis, würden die Securitys mich überhaupt durchlassen? Doch dann fiel mir ein: Hier werden die öffentlichen Gebäude ja nicht in dem Ausmaß bewacht. Ein Freiheitsgefühl und ein kleiner aufrührerischer Geist umwehten meine Beine, als ich von niemandem beachtet die Pforten durchschritt.

Mehr über die Strecke zwischen Berlin und Moskau sowie allgemeine Infos zur Zugverbindung  findet ihr hier.

Titelbild

Titelbild:  Alexander Popov / Unsplash.com

Dominik Kalus
Über den Autor

hat in Passau und Breslau Internationale Politik und Journalismus studiert. Nach einem Praktikum bei der Süddeutschen Zeitung verschlug es ihn nach Moskau, wo er für die Nachrichtenplattform Ostexperte.de und die Moskauer Deutsche Zeitung schrieb. Seit Oktober 2019 ist er redaktioneller Leiter von Ostexperte.de.