Philipp RoweVon

Mein Lada Niva – Teil 1: Wer suchet, der findet

Vor dem Hintergrund der drastischen Rubelabwertung zur Jahreswende 2014/15 habe ich mich gefragt, welche russischen Waren man denn bei diesem tiefen Rubelkurs einmalig günstig kaufen könnte. Es gibt nicht sehr viele Güter aus russischer Produktion, die international bekannt und konkurrenzfähig sind – jedenfalls nicht aus dem zivilen Bereich. Mir ist nur eines eingefallen, nämlich der legendäre Geländewagen Lada Niva.

Der Lada Niva wird seit den 70er Jahren vom russischen Autogiganten AvtoVas in Togliatti an der Wolga produziert. Er ist wegen seiner hervorragenden Geländegängigkeit, seiner einfachen und robusten Bauweise und nicht zuletzt wegen seines relativ günstigen Preises vor allem in Gegenden mit extremen Klima, anspruchsvollem Gelände und geringer Kaufkraft gefragt und beliebt.

Den Lada Niva hatte ich schon lange als gutes Gelände- und Rallye-Sportauto wahrgenommen und auch schon öfter mit dem Gedanken gespielt, mir einen zu kaufen. Was mich bisher davon abhielt, war seine geringe Größe. Der russische Dreitürer mit wenig bis gar keinem Platz auf der Rückbank und einem so kleinen kleinem Kofferraum, dass schon das Abholen der Tante mit Koffern vom Flughafen zum Problem werden konnte, kam für mich nicht in Frage.

Lada Niva 2131 – Die lange Version

Lada Niva in der Werkstatt in Moskau

Ein Lada Niva 2131.

Doch dann stürzte der Rubel ab, ich sah mich auf der Webseite von Lada Russland genauer um und fand die Lösung: den Lada Niva 2131, die Langversion, einen großzügig konzipierten Fünftürer mit viel Platz auf der Rückbank. Und bei umgelegter Rückbank und vorgeklapptem Beifahrersitz passt – gefühlt, ich habe es noch nicht nachgemessen – auch ein acht Fuß langes Surfbrett hinein. Das perfekte Auto für Familie und Hobby also.

Jetzt wollte ich das Auto mit eigenen Augen betrachten, mit den eigenen Händen begreifen, mit den eigenen Füßen die Pedale treten und eine Probefahrt machen. Denn zuvor hatte ich noch nie einen Lada Niva von innen gesehen. Ich begann meine Suche in Moskau. Wo es so viele Lada-Händler gibt, da muss eine Probefahrt einfach zu vereinbaren sein. Noch dazu wenn es der russischen Automobilindustrie wieder einmal so schlecht geht. Man dürfte als meinen, dass sich die Händler um jeden Interessenten große Mühe geben würden. So dachte ich. Doch es kam anders.

Auf der Suche nach dem Lada Niva 2131

In den ersten Lada-Autohäusern, in denen ich unangemeldet vorbeischaute, waren leider keine Ladas ausgestellt. Deshalb begann ich, weitere Ladahändler im Internet zu recherchieren und nacheinander anzurufen. Nach dem x-ten Anruf fand ich zwar einen Lada-Händler, der einen Lada Niva zur Vorführung im Laden hatte, mit der Probefahrt sei es aber schwierig, denn der Wagen sei noch nicht für die Straße versichert. Auf meine Frage, wie man denn Autos verkaufe, ohne Probefahrten anzubieten, sagte mir der Händler allen Ernstes, es sei schwieriger, einen Geländewagen für Probefahrten auf der Straße zu versichern und – ernsthaft –, dass die Leute, die einen Lada Niva kauften, sowieso schon wüssten, wie diese führen und dass Probefahrten mit diesen Fahrzeugen selten gewünscht würden.

Erfahrungen mit russischen Lada-Händlern

Lada-Modelle

Die verschiedenen Lada Niva-Modelle (von der Lada-Website).

Gut. Ich schaute trotzdem beim Händler vorbei, nahm ein bereits an einen anderen Kunden verkauftes und größtenteils in Plastikfolie eingewickeltes Fahrzeug so gut es ging unter die Lupe und fragte den Händler ohne jede Scheu oder Scham, als Anfänger auf diesem Gebiete dazustehen, allerhand Fragen. Durch diese Recherchen lernte ich allerhand damals für mich neue Dinge über dieses Auto.

Beim Lada Niva gibt es vier Modelle – den normalen 4×4 Dreitürer, den längeren 4×4 Fünftürer und den 4×4 Urban als Drei- und Fünftürer. Beim 4×4 Urban handelt es sich um eine komfortabler ausgestattete und aufgewertete Variante. Außerdem unterscheiden sich die für den russischen Markt produzierten von den für den Export produzierten Typen. Die für den Export bestimmten Typen hätten standardmäßig eine bessere Qualität und höhere Schadstoffklasse.

Ich wollte meinen Lada Niva in Russland kaufen. Nur so würde ich vom günstigen Rubelkurs profitieren und nur so würde ich den echten Russen bekommen. Den mit geringerer Qualität und Schadstoffklasse. In Deutschland bekäme man solch ein Auto sicherlich nicht zugelassen, aber in Montenegro, wo ich damit ja letztendlich hinwollte, schon. Das Weniger an Komfort und Qualität war ich bereit, in Kauf zu nehmen. Ja, es ging mir ja bei dem Kauf des Russen gerade um Robustheit, Einfachheit, Understatement und Autofahrer-Askese. Masochismus will ich es nicht nennen. Ich fasse es eher in den Wahlspruch: „Aktives Fahren. Nur laufen ist schöner.“

Der Moskauer Händler beantwortete mir also alle meine Fragen. Er erzählte und versprach mir auch allerhand weitere Dinge. Ich merkte bald, dass er mir alles versprach, was ich von ihm erfragte, ohne jedoch konkret werden zu wollen. Zum Schluß versprach er mir noch bei Kauf gratis eine Alarmanlage einbauen zu lassen. Darauf konnte ich nun wirklich verzichten. Eine nachträglich und meist schlecht und falsch eingebaute Alarmanlage, die zu jeder Unzeit losheult, gilt meiner Erfahrung nach vor allem bei den Lada-Shigulufahrern als eine Art Ersatzstatussymbol. Je schäbiger das Auto, desto lauter und nervender meist die Alarmanlage. Möglicherweise meinte der Händler es gut mit mir. Ich jedoch entschied mich, nicht bei ihm zu kaufen. Er hatte den Wagen ja sowieso nicht vorrätig.

St. Petersburg – das Fenster nach Europa

Also suchte ich weiter. Und meine Suche führte mich nach St. Petersburg.

Der erste Petersburger Händler, den ich anrief, bestätigte mir, dass das Auto in der gewünschten Farbe vorrätig war. Auf meine Frage nach der Probefahrt gab es zuerst ein kurzes russisches „Äh…“, dann wieder die Ansage, wie ich sie auch schon in Moskau gehört hatte, dass es ein Geländewagen sei, für diesen in Russland besondere Versicherungsbestimmungen gebe und die zum Verkauf stehenden Wagen noch nicht für die Straße versichert seien. Wenn aber unbedingt eine Probefahrt gewünscht sei, könne man gerne ein paar Runden auf dem Parkplatz drehen.

Damit war ich fürs Erste zufrieden. Ich ließ mir ein Foto des Fahrzeugs sowie einen Scan des Fahrzeugscheins vorab per E-Mail senden, fuhr hin, schaute mir das Auto an, machte die Probefahrt, unterschrieb den Kaufvertrag, tätigte die Überweisung und der Lada Niva war meiner.

Erstes Fazit

Die richtige Fahrerfahrung und meine Karriere als Lada Niva-Fahrer standen mir zu diesem Zeitpunkt noch bevor. Aus den bis dahin gewonnenen Erfahrungen konnte ich jedoch bereits schon diese drei Erfahrungen machen:

  1. Die Marketing- und Verkaufsprozesse von AvtoVas/ Lada haben noch einiges Verbesserungspotential: Viele der Händler hatten den Lada Niva nicht vorrätig. Keiner der Händler konnte mir eine Probefahrt organisieren. Die Fahrt auf dem Parkplatz, bei der man wegen der Enge des Parkplatzes über den zweiten Gang nicht herauskam, kann dabei nicht als Probefahrt gezählt werden. Schon gar nicht, wenn es um einen Geländewagen geht.
  2. Die Zielgruppe der Abenteurer und bewussten Autoasketen, die ein einfaches Produkt mit einem guten Gefühl und Service wünschen und die der Lada Niva nicht in erster Linie aus Kostengründen, sondern eher wegen der Exotik anspricht, wurde von AvtoVas/ Lada noch gar nicht bemerkt.
  3. Service, Zugänglichkeit und Kundenfreundlichkeit der AvtoVas/ Lada Verkäufer habe ich in St. Petersburg als wesentlich besser wahrgenommen als in Moskau. Die Reise nach St. Petersburg hat sich gelohnt. Ich würde meinen nächsten Lada Niva wieder dort in St. Petersburg kaufen.

Nun saß ich endlich in meinem ersten Lada Niva und mir stand die ca. 850 km Fahrt von St. Petersburg nach Moskau bevor.


Hier geht es weiter zum zweite Teil: Erste Fahrerlebnisse – Die Reise mit dem Lada von St. Petersburg nach Moskau.

Quelle

Artikel: Dieser Artikel ist zuerst bei www.philipprowe.de erschienen.

Titelbild: By Andshel (Own work) [CC BY-SA 4.0 ], via Wikimedia Commons

Bild Lada 4×4: By Rudolf Stricker (Own work (own photo)) [GFDL  or CC-BY-SA-3.0 ], via Wikimedia Commons

Philipp Rowe
Über den Autor

Philipp Rowe ist Herausgeber und Gründer von Ostexperte.de. Seit 2007 lebt und arbeitet er als Unternehmensberater in Moskau und seit 2017 besucht er regelmäßig Shanghai und China. Zu seinen Hobbies und Interessen zählen Reisen, Lesen, Fremdsprachen, Surfen, Filmen und Business.

Seine Kunden sind in erster Linie deutsche und internationale Unternehmen, welche in Russland und China Geschäfte machen.

http://artax-rufil.com/