Thomas FasbenderVon

Inzwischen dürfte es selbst den härtesten Hardlinern im Kreml dämmern, dass ihnen die gegen den Westen gerichtete Politik des Hackens und Spaltens kräftig auf die Füße gefallen ist. Dabei war das Motiv nachvollziehbar. Nach Jahren der Regime-Change-Politik und NGO-Wühlarbeit à la Soros und NED wollten sie dem Westen einfach zeigen: Das können wir auch. Dabei hätten sie wissen müssen, was Einmischung von außen bewirkt. Es gibt nichts Besseres, eine Gruppe zusammenzuschweißen, als ein gemeinsamer Gegner. Das gilt rund um den Planeten, von der Dorfgemeinschaft bis zum Imperium.

Die Hardliner auf der Gegenseite haben natürlich mitbekommen, was ihnen da in den Schoß gefallen ist. Eine Traumvorlage. Ein Kreml, der seine Sichtweise und seine Interessen vertritt – in Sachen Krim, Ukraine, Syrien – ist das eine. Ein Kreml, der versucht, mich und die meinen zu manipulieren, der mich und die meinen für dumm verkauft … das hört sich schon ganz anders an. Russlandversteher haben es noch schwerer dieser Tage. Süffisant grinsend sitzen ihre Widersacher in den Talkshows und hören den matten Verteidigungsreden zu: keine Beweise und könnte und hätte und wollte.

Mag alles richtig sein, doch die medial aufgepumpte Indizienlage ist tödlich für das Restvertrauen, das sich über die Krim- und Ukrainekrisen noch gehalten hat. Gehalten hatte.

Wenn die Russen pragmatisch sind, ziehen sie die Reißleine. Hier und jetzt. Kein Hacken und kein Spalten mehr. RT und Sputnik können weitermachen, sollten aber ihren Stil überdenken. Die Westeuropäer lieben den eleganten Spin; man muss nur ihre Hoffnungen erfüllen. Sie hängen am Guten und Schönen. Wenn man ihnen nach dem Mund redet, sind sie für alles zu haben. Von Holzhammer-Propaganda wenden sie sich schaudernd ab.

Ein Empfang wie von Präsident Putin durch Präsident Macron in Versailles ist das Beste, was Russland in Europa derzeit erwarten kann. Formale Ehren und klare Worte. Beide Seiten gehen gesellschaftlich und weltanschaulich ganz bewusst unterschiedliche Wege – das wird man sich sagen dürfen und sagen müssen. Irgendwann wird es verstanden, und dann ist auch gut.

Schon ist zu spüren, dass der Begriff „Universalismus“ aus der Mode kommt. Ein gutes Zeichen – die aggressive Dominanz, mit der manche westlichen Hardliner die Geltung ihrer Werte über 24 Zeitzonen hinweg in Anspruch nehmen, setzt Frieden und Stabilität einer allzu harten Bewährungsprobe aus.

Entscheidend ist der Dialog. Nicht um zu missionieren, zu belehren oder maßzuregeln. Sondern einfach, weil Nachbarn, die sich nicht ausstehen, sich gegenseitig aber auch nicht kündigen können, trotz allem besser miteinander reden als einander bekämpfen. Ob auf dem Schlachtfeld oder den diversen Maidans, ob mit NGO’s oder mit Hacken und Spalten. Tugenden wie Respekt und Anstand wären in der gegenwärtigen Lage durchaus nicht fehl am Platz. Das gilt für alle Beteiligten.

Thomas Fasbender
Über den Autor

ist freier Journalist und Publizist in Berlin. Von 1992 bis 2015 hat er in Moskau gelebt. 2014 erschien sein Buch „Freiheit statt Demokratie. Russlands Weg und die Illusionen des Westens“ im Manuscriptum Verlag.