Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Klaus DormannVon

Weltbank-Ökonom zu Wachstum und Armut in Russland

Jüngstes Thema der Gesprächsreihe bei „ECONS“, dem Mitte Juni gestarteten Wissenschaftsportal der russischen Zentralbank: wie kann das Wachstum der russischen Wirtschaft beschleunigt und die Armut in Russland verringert werden? Apurva Sanghi, Chefökonom für Russland der Weltbank, wurde von Evsey Gurvich, Leiter der Forschungsinstituts „Economic Expert Group“, befragt.

Sanghi nannte zunächst einige Stärken und Schwächen der russischen Wirtschaft. Dann erklärte er, wie ihr Wachstum erhöht werden könnte. Sanghi stellte dazu insbesondere die Weltbank-Studie „Potential Growth – Outlook and Options for the Russian Federation“ vom Dezember 2018 vor. Sie ergab, dass die potenzielle Wachstumsrate Russlands erst 2028 auf 3 Prozent gesteigert werden kann. Das Ziel  der Regierung, schon 2021 eine Wachstumsrate von 3,1 Prozent zu erreichen, wäre demnach unrealistisch.

Abschließend meinte der Weltbank-Ökonom, dass die Armutsquote in Russland trotz der Wachstumsschwäche schon bis 2024 halbiert werden könne. Dieses Ziel sei mit geringem Aufwand durch Umverteilungsmaßnahmen erreichbar.

Zur aktuellen konjunkturellen Entwicklung in Russland dürfte die Economic Expert Group in dieser Woche ihren monatlichen Bericht veröffentlichen. Der nächste Monatsbericht der Weltbank zur Konjunktur in Russland dürfte im September/Oktober erscheinen.

Was Sanghi zu Stärken und Schwächen der russischen Wirtschaft sagt

  • Die Inflationsrate ist zwar niedrig. Sie konnte innerhalb von wenigen Jahren um rund zwei Drittel gesenkt werden. Die Inflationserwartungen sind aber weiterhin hoch.
  • Die Auslandsverschuldung ist im Verhältnis zum BIP die drittniedrigste unter den Schwellenländern.
  • Die Währungsreserven sind mit weit über einer halben Billion Dollar die vierthöchsten der Welt.
  • Im Bankensektor gibt es wenig Wettbewerb. Er ist weitgehend in der Hand weniger staatlicher Banken. Auf sie entfallen über 60% der Vermögenswerte des Sektors. Die fünf größten Banken erzielten 57% aller Gewinne. Die Sanierung des Bankensektors hat bisher rund 50 Milliarden US-Dollar gekostet (Das entspricht ungefähr den Kosten für fast vier Olympische Spiele).
  • Die „echten“ ausländischen Direktinvestitionen in Russland sind sehr niedrig. Sie betrugen in den letzten drei Jahren schätzungsweise nur 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bei ausländischen Direktinvestitionen in Russland handelt es sich vielfach um Investitionen von im Ausland ansässigen Russen oder es sind Re-Investitionen von Gewinnen.
  • In den öffentlichen Haushalten kann Russland auf allen drei Regierungsebenen (Gesamtstaat, Föderation, Regionen) Überschüsse vorweisen.

Sanghi fordert: Die „Fiskal-Regel“ muss eingehalten werden

Der Weltbank-Ökonom nutzte das ECONS-Gespräch, um zur aktuell umstrittenen Frage Stellung zu nehmen, ob im „Nationalen Wohlfahrtsfonds“ gesparte staatliche Einnahmen zur Belebung der russischen Konjunktur ausgegeben werden sollen. Sanghi lehnt das ab.

Sanghi meint: Russland verfügt über eine „Fiskal-Regel“, die vorsieht, staatliche Einnahmen durch gestiegene Ölpreise zu sparen. Um ihre Glaubwürdigkeit zu festigen, muss die russische Finanzpolitik der Versuchung widerstehen, diese Mehreinnahmen im Inland auszugeben. Sonst würde nicht nur das für künftige Generationen gesparte Vermögen angegriffen. Die Wirtschaft würde dann auch wieder abhängiger von der Ölpreisentwicklung. Zudem würde sich der Druck auf die Regierung verringern, umfassende Strukturreformen zur Stärkung des Wachstums durchzuführen

Weltbank: Die potenzielle Wachstumsrate ist auf 1,5 Prozent gesunken

Zu den Ergebnissen seiner Studie zum Wachstumspotenzial Russlands sagte Sanghi, die potenzielle jährliche Wachstumsrate in Russland sei von 3,8 Prozent im Durchschnitt der Boom-Jahre 2000 bis 2009 auf nur noch 1,5 Prozent im Jahr 2017 gesunken (blaue Linie in der folgenden rechten Abbildung):

Quelle: Yoki Okawa, Apurva Sanghi: Potential Growth: Outlook and Options for the Russian Federation; World Bank, 03.12.2018

Sanghi stellte heraus: 2017 lag die potenzielle Wachstumsrate Russlands damit erstmals in den letzten 20 Jahren unter der durchschnittlichen potenziellen Wachstumsrate der Industrieländer („Advanced Economies“). Ohne Reformen oder bei einer unzureichenden Umsetzung von Reformen würde Russlands potenzielles Wachstum in den kommenden Jahren weiter abnehmen.

Bis 2024 kann die potenzielle Wachstumsrate auf 2,5 Prozent steigen

Die Weltbank-Studie zur Steigerung des Wachstumspotenzials in Russland kommt zu dem Ergebnis, dass mit umfassenden Reformen das potenzielle Wachstum in Russland auf den weltweiten Durchschnitt von rund 3 Prozent angehoben werden kann.

Sanghi quantifiziert im ECONS-Gespräch die Auswirkungen von einzelnen Maßnahmen bis zum Jahr 2028 wie folgt:

  • Erhöhungen des Renteneintrittsalters verstärken das potenzielle Wachstum um rund 0,4 Prozentpunkte.
  • Eine Verdreifachung der Zuwanderung bringt weitere 0,2 Prozentpunkte.
  • Mit höheren Investitionen kann die Wachstumsrate um weitere 0,6 Prozentpunkte angehoben werden.
  • Eine Produktivitätssteigerung, eine Steigerung der gesamten Faktor-Produktivität, sorgt für weitere 0,3 Prozentpunkte.

Quelle: Yoki Okawa, Apurva Sanghi: Potential Growth: Outlook and Options for the Russian Federation; World Bank, 03.12.2018

Insgesamt kann also das potenzielle Wachstum in Russland bis zum Jahr 2028 nach Schätzungen der Weltbank durch die genannten Maßnahmen von 1,5 Prozent auf etwa 3% verdoppelt werden. Die Wirkung dieser Maßnahmen ist auch schon früher spürbar. Bis zum Jahr 2024 ist eine Steigerung der Wachstumsrate auf 2,5% möglich.

Was muss zur Steigerung des Wachstums getan werden?

Die Steigerung der Produktivität erfordert, so Sanghi im ECONS-Gespräch, Maßnahmen in den Bereichen Wettbewerb, Innovation und Qualifikation:

Die Wettbewerbsintensität wird in Russland durch den hohen Staatsanteil an der Wertschöpfung geschwächt. Der Staatsanteil beträgt nach Schätzung des IWF rund ein Drittel und er wächst weiter, insbesondere im Energie- und Bankensektor.

Den Handlungsbedarf bei der Förderung von Innovationen zeigt die Tatsache, dass Russlands Ausgaben für Forschung und Entwicklung weniger als halb so hoch sind wie im OECD-Durchschnitt. Zudem entfallen rund 70% der Forschungsausgaben auf öffentliche Ausgaben. Nur jedes zehnte russische Unternehmen berichtet über eigene technologische Innovationstätigkeiten. In den OECD-Ländern sind es drei bis vier von zehn Unternehmen. Die russische Forschungsinfrastruktur wurde in den 1990er Jahren durch den Rückgang der Forschungsausgaben und die Abwanderung von Fachkräften schwer beschädigt. Es gibt zwar viele sehr talentierte Arbeitskräfte und Erfolge bei der Förderung innovativer Unternehmen wie Yandex. Bisher sind das aber „Inseln der Exzellenz“.

In Bezug auf die Fähigkeiten der Arbeitskräfte schneidet Russland in verschiedenen Weltranglisten zwar eher gut ab. Auch im Humankapital-Index der Weltbank liegt Russland unter den Top 35. In Bezug auf „weichere Bereiche“, wie zum Beispiel die Fähigkeit zur Zusammenarbeit bei der Lösung von Problemen, schneiden russische Studenten im OECD-Vergleich jedoch unterdurchschnittlich ab.

Sanghi: Die Armut in Russland kann halbiert werden

Obwohl das Wirtschaftswachstum in Russland nach Einschätzung der Weltbank nicht so schnell wie von der Regierung geplant erhöht werden kann, könnte eine andere Zielsetzung der Regierung aber erreicht werden: Die Armutsquote könnte halbiert werden.

Dazu sagte Sanghi im ECONS-Gespräch:

Die real verfügbaren Einkommen sind in Russland in den letzten Jahren zurückgegangen. Laut nationaler Definition gelten rund 19 Millionen Menschen als „arm“. Die Armutsquote liegt derzeit bei rund 13 Prozent der Bevölkerung.

Trotz „bescheidener“ Wachstumsaussichten kann aber denoch die Armut in Russland in den nächsten 6 Jahren halbiert werden. Die Weltbank geht davon aus, dass dies durch zusätzliche Umverteilungsmaßnahmen, beispielsweise im Bereich der Sozialhilfe, möglich ist. Die Weltbank schätzt, dass die Kosten dafür weniger als 0,4% des BIP pro Jahr betragen würden.

Näheres dazu hat die Weltbank in der Studie „Halving Poverty in Russia by 2024: What Will It Take?“ im Oktober 2018 veröffentlicht. Im Mai 2019 fasste Sanghi die Ergebnisse als Ko-Autor eines Blog-Beitrags für Brookings prägnant zusammen. Ben Aris hat darüber auch in der Moscow Times berichtet („Can Russia Halve its Poverty Level?“).

Quellen und Lesetipps:

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.