Nachrichten zur Wirtschaft in Russland

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Rufil Russia Consulting

Klaus DormannVon

Kontroverse Diskussion über russisches Wirtschaftswachstum

In der letzten Woche veröffentlichten führende Russland-Experten aus Frankreich und Polen Vorträge und Studien zur längerfristigen Entwicklung des Wachstums der russischen Wirtschaft. Am 12. Februar wird das Thema „Wirtschaftswachstum“ bei den „Moskauer Gesprächen“ im Mittelpunkt stehen. Besondere Aktualität gewinnt es durch die kontroversen Meinungen zur überraschend hohen Rosstat-Schätzung des Wachstums im letzten Jahr.

Ende Januar hob der russische Wirtschaftsminister Oreschkin in Davos seine Schätzung für das Wachstum der russischen Wirtschaft im Jahr 2018 überraschend von 1,8 Prozent auf 2 Prozent an (Ostexperte.de berichtete). Anfang Februar veröffentlichte die Statistikbehörde Rosstat mit 2,3 Prozent dann eine noch höhere Schätzung. Analysten hatten in Umfragen im Januar das Wachstum im letzten Jahr  hingegen nur auf 1,7 Prozent veranschlagt, also fast ein Viertel niedriger.

Kein Wunder, dass die Schätzungen der Regierung bei vielen Experten auf ungläubiges Staunen stießen, auch in Russland.

Likka Korhonen, Leiter des „Institute for Economies in Transition“ der finnischen Zentralbank, meinte jedoch laut Bloomberg:

„Ich glaube nicht, dass es eine Manipulation der Daten gab.“

Die verschiedenen Revisionen seien „nicht sehr gut“ kommuniziert worden. Dies wecke Misstrauen.

„Skeptiker“ und „Gläubige“

Stephanie Petrella hat für den „Bear Market Brief“ des Foreign Policy Research Institute in Philadelphia viele auf Twitter veröffentlichte Diskussionsbeiträge von „Skeptikern“ und „Gläubigen“ zur ersten Rosstat-Schätzung gesammelt:

„Skeptiker“:

„Gläubige“:

Auch andere Staaten revidieren Wachstumszahlen kräftig

Petrella verweist auch auf eine Twitter-Meldung von Elina Ribakova (Bruegel, Brüssel). Sie bietet eine Abbildung aus einer OECD-Studie aus dem Jahr 2015, die zeigt, dass auch in OECD-Staaten beträchtliche Revisionen erster Schätzungen von Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts vorgenommen werden.

Quelle: Elina Ribakova: Twitter-Meldung vom 04.02.2019; Chart

Skeptiker Ondrej Schneider (Institute of International Finance, Washington): „Verdächtige Statistik“ mit „unrealistischer“ Wachstumsrate

Ondrej Schneider vom internationalen Verband der Finanzwirtschaft gibt in einer Twitter-Meldung an, dass die russische Wirtschaft seit 2017 um durchschnittlich 1,5 Prozent gewachsen ist, wenn man die vierteljährlichen Wachstumsraten des saisonbereinigten Bruttoinlandsprodukts gegenüber dem Vorquartal auf die Jahresrate hochrechnet. Die Wachstumsrate im 4. Quartal 2018 sei von Rosstat noch nicht veröffentlicht worden. Wenn die Wirtschaft im Jahr 2018 aber tatsächlich um 2,3 Prozent gewachsen sei, hätte sich die annualisierte Wachstumsrate im 4. Quartal auf „unrealistische 9 Prozent“ beschleunigen müssen (rote Linie im Chart).

Real #GDP increased 2.3% in #Russia, according to the statistical office. It is much more than the consensus and a nod above my old, still #IIF forecast. GKS did not provide quarterly data yet, but the annual number implies an unrealistic 9% saar growth in Q4 (chart).

Annualized quarterly growth rates averaged 1.5% in #Russia since 2017 and there was nothing indicating such dramatic improvement in Q4. I expect a revision of all quarterly data later, but the whole GDP statistics become really suspicious.

Quelle: Ondrej Schneider (IIF): Twitter-Meldung vom 04.02.2019; Chart

TASS-Meldung zu angeblicher Kritik von Klepatsch wurde zurückgezogen

Vielfach wurde berichtet, selbst Andrej Klepatsch, Stellvertretender Vorstandsvorsitzender der staatlichen Entwicklungsbank VEB und früher im Wirtschaftsministerium für Konjunkturanalysen zuständig, habe Zweifel an den Wachstumszahlen angemeldet (so zum Beispiel vom Spiegel und von Bloomberg).

Dazu wurde auf eine TASS-Meldung verwiesen, Klepatsch gehe nur von 1,5 Prozent Wachstum im letzten Jahr aus. „Bei allem anderen neige ich nicht dazu, dem zu glauben“, soll Klepatsch gesagt haben.

TASS veröffentlichte aber dazu einen Widerruf. Die Meldung sei irrtümlich veröffentlicht worden.

Veranstaltungshinweis: „Moskauer Gespräch“ zum Wirtschaftswachstum

Der Streit über die Verlässlichkeit und Aussagefähigkeit von Wachstumsdaten und -prognosen dürfte auch bei den „Moskauer Gesprächen“ am Dienstag, 12. Februar 2019, im Deutsch-Russischen Haus diskutiert werden (Einladung). Dort geht es um das Thema

„Wirtschaftswachstum –
Der Tropf, an dem auch Deutschland und Russland hängen:
Alte Rezepte & Neue Konzepte“

Es diskutieren unter der Leitung von Eva Schmidt, ZDF Mainz, Moderatorin des Wirtschaftsmagazins „makro“ auf 3SAT (Makro-Archiv: Russland-Sendungen):

Studien und Präsentationen führender Russlandexperten aus Polen und Frankreich zum Wachstum der russischen Wirtschaft

Zahlreiche Informationen mit instruktiven Abbildungen zur langfristigen Entwicklung der russischen Wirtschaft bieten zwei in der letzten Woche erschienene Publikationen.

Der Bruegel Think-Tank in Brüssel veröffentlichte eine Studie von Professor Marek Dabrowski (CASE-Institut, Warschau) und Antoine Mathieu Collin.

Professor Jacques Sapir, Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales in Paris, präsentierte in einem Seminar französischer und russischer Wirtschaftswissenschaftler seine Sicht der Entwicklung der russischen Wirtschaft in den letzten 20 Jahren.

Quellen und Lesetipps zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik

Periodisch erscheinende Konjunkturberichte und Konjunkturprognosen:

Medienberichte, Kommentare, Interviews, Analysen/Studien:

Russische Regierung zu Konjunktur und Wirtschaftspolitik:

Monatliche Berichte des Wirtschaftsministeiums:

Sonstige Berichte des Wirtschaftsministeriums

Russische Zentralbank zu Konjunktur und Geldpolitik;
mit Presseberichten zur Geldpolitik:

Leitzinsentscheid am 08.02.2019: Weiterhin 7,75 Prozent

Medien zu Geldpolitik und Konjunktur

Artikel von Klaus Dormann beim Deutsch-Russischen Wirtschaftsclub Düsseldorf:

Konjunktur und Wirtschaftspolitik in Russland; 39 Seiten, aktualisierte Zusammenfassung von in Ostexperte.de erschienenen Artikeln; Datenstand 02.01.2019

Ostexperte.de-Artikel von Klaus Dormann:

Fotoquelle

Titelbild: Baturina Yuliya/Shutterstock.com

Klaus Dormann
Über den Autor

war von 1980 bis 2015 Mitarbeiter der volkswirtschaftlichen Abteilung der Ruhrgas AG und der E.ON SE.